18. Mai 2009

Von harten und weichen Mauern

Gastbeitrag / 10 Kommentare

vielleicht kautschukvon Heino Bosselmann

Im tiefen Osten Mitteldeutschlands, Peene, Tollense und Uecker auf ungepflasterten Wegen entlang radelnd, glichen ein Westkollege und ich gegenseitig unsere Biographien ab. Wende, Grenzöffnung und Vereinigung lagen noch nicht so lange zurück, daß man alles selbstverständlich und geschichtlich herleitbar finden konnte.

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  • Sezession
Von diesem Gespräch ist mir nur noch ein markanter Satz meines Kollegen, eines jungen Altphilologen aus Bayern, erinnerlich. Nach der Darstellung meiner DDR-Vergangenheit meinte er nämlich: „Besser mit der falschen Ideologie großgeworden als mit gar keiner."

Ich dachte oft daran und überlegte, ob dieser Satz als Aufsatzthema in der Oberstufe anzubieten wäre, aber es werden leider keine klassischen Themenaufsätze mehr geschrieben, da sich das Fach Deutsch auf Textanalysen und Interpretationen zurückgezogen hat und mindestens in Mecklenburg leider auf das Positionieren, Argumentieren und wertebewußte Urteilen verzichtet.

Die DDR ist anlässlich des Wendejubiläums viel im Gespräch, vorzugsweise in ihrer Gestalt als Unrechtsstaat. Gegenüber dieser engen Bezeichnung ist schwerlich eine historische Ehrenrettung möglich; allerdings sieht der Begriff eben vollständig vom geschichtlichen Kontext ab, beispielsweise von der schrillen Begleitmusik des Kalten Krieges und überhaupt vom „Weltbürgerkrieg" der Ideologien, der bis zur Spaltung Deutschlands schon einige Etappen durchlaufen hatte. Wenn dadurch freilich nichts zu rechtfertigen oder zu relativieren ist, wäre damit immerhin manches erklärt statt vereinfacht. Das von den „Aufarbeitern" generierte Wort von der „zweiten Diktatur" ist so modern wie pauschal.

Vielleicht steht vielen der in die DDR Hineingeborenen reflexartig der Sinn nach Revision von politischen Klischees, weil sie das verschwundene geschichtliche Terrain als ihre schwierige Heimat verstehen mussten und die Dominanz eines anderen Systems, das - ebenfalls geschichtlich deutbar - siegte, naturgemäß als eine Kränkung empfanden, wie man eben Identitätsverlust als tendenziell traumatisch erlebt. Der Vergleich mit den von Norden her im Sezessionkrieg befreiten Südstaaten hinkt mindestens kulturgeschichtlich nicht in jeder Weise.

Ohne Zweifel war die DDR eine poststalinistische Diktatur, in mancher Hinsicht sogar deren eigene Karikatur. Gerade deswegen jedoch zwang sie permanent zur Auseinandersetzung und Positionierung, obwohl damals dazu schon gar keine Aufsätze geschrieben werden konnten. Aber jeder musste sich notgedrungen als politisches Wesen verstehen, indem er zu entscheiden hatte: Trete ich in die Partei ein oder nicht, lasse ich mich in die Stasi hineinziehen oder nicht, sage ich, was ich zu sagen habe, geradeheraus und jetzt oder behalte ich diese Wahrheit für mich. Folge ich den Ideologismen als Bekenner oder Opportunist oder nehme ich - von wo? - die Kraft zur Courage. Die Leute standen an Theaterkassen Schlange und jagten Büchern hinterher, um in den Genuß einer zweiten Lesart gegenüber der offiziell verordneten zu kommen.

Lieber mit der falschen Ideologie aufwachsen als mit gar keiner? Was zwingt meine Schüler heute dazu, sich in einem ptolemäischen Weltbild von Konsumismus und Beliebigkeit zu positionieren? Sie treibt vor allem die Angst, in der Karriere zu versagen und so nicht mehr teilnehmen zu können am Glück von „Media-Markt" und Eventkultur, dieser Surrogate für die Sehnsucht nach Sinn, die den Menschen am Leben hält. Gegen die Stasi-Methoden von „Lidl" und „Telekom" kann man rechtlich vorgehen, gegen den Totalitarismus eines Glücks des Verbrauchens und dessen Propaganda, der Werbung, hilft nur die Urteilskraft aus der Idee vom eigenen Selbst.


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Kommentare (10)

Citizen Kane
18. Mai 2009 10:37

Die Mitteldeutschen beklagen ja so oft, dass nichts aus der DDR in die neue Bundesrepublik übernommen worden ist, außer dem Rechtsabbiegerpfeil.

Dabei haben sie doch etwas wirklich Bemerkenswertes, was sie hätten einbringen können, was ich mir gewünscht hätte.
Die deutschen Werte der Solidarität, der Pflichterfüllung gegenüber der Gemeinschaft,
der Zusammenhalt der Menschen, unsere guten deutschen Tugenden, die in der DDR Gesellschaft konserviert waren und die in Westdeutschland diskreditiert und verächtlicht gemacht wurden.
Könnten wir konservativen Wessis nicht unsere darauf begründete Wertschätzung
vermitteln um endlich zur Gemeinsamkeit zu finden?
Von Angela Merkel hatte ich mir in diesem Zusammenhang mehr erhofft.
Ich glaubte sie würde so sein wie viele westdeutsche Politiker nach dem Krieg, authentisch, geprägt von den Traumata unerbittlicher Umstände– Fehlanzeige, da gibt es nur noch Helmut Schmidt! ;-)

Nico
18. Mai 2009 10:39

Ich glaube, daß nicht nur Beliebigkeit und Konsumismus eine politische Positionierung verhindern, sondern auch und vielleicht sogar besonders die Tatsache, daß eine gesunde Positionierung in der heutigen linken, kranken Leitkultur schnell mit irgendeiner -ismus-Keule belohnt wird. Fast jede Meinung die sich dezidiert pro deutsch gibt, gegen Gesellschaftstransformation und Weltbürgertum wird verdächtig gemacht.
Der Mensch spürt die vorherrschende (jedenfalls als solche empfundene) Meinung ("soziale Haut") und zieht sich in vielen fällen lieber vom Politischen zurück, als mit seiner Meinung anzuecken.
Ich bin mit ziemlich sicher, daß wenn man in Deutschland das Gefühl hätte, die Politik habe den Willen Deutschland und nicht die Eurokratie, Leistung und nicht Verweigerung, Selbstvertrauen anstatt Selbsthaß zu fördern, dann wären auch mehr Menschen an dieser gesunden Form der Politik interessiert.
Dem Satz ihres Freundes, ob besser irgendeine Ideologie oder gar keine, würde ich die Frage anbeistellen, ob es überhaupt einen Zustand der völligen Ideologieabwesenheit gibt? Wenn ja, würde ich mich wohl eher für diesen Zustand entscheiden, als für den heutigen Mix aus Kulturrelativismus, Multikulti und Schuldstolz.

Guardiola
18. Mai 2009 12:14

Ist doch immer wieder frappierend, wie von linker wie rechter Seite, und besonders von Intellektuellen, mit dem Thema DDR umgegangen wird: Danke, liebe Diktatur, dass ich mich politisch positionieren durfte?
Die Rechte hat doch angeblich den Vorteil des negativen (realistischen) Menschenbildes, und das tritt in einem liberalen System doch eher ungeschminkt zutage.
Es gilt die Härten des Systems (Werte- und Bildungsverlust, Konsumismus etc.) auszuhalten, das sind die Härten der "Freiheit". Da aber scheinbar eine gewisse Faul- und Weichheit vorherrscht, wird halt rumgejammert. - Wahrscheinlich wird die betreffende Klientel (junge rechte Männer) in einigen Jahrzehnten vermehrt dem Islam anheimfallen: da werden ein klares Weltbild und fixe Werte geboten. Das Abendland geht mit/an seinen Verteidigern unter. Sela.

Andreas Brecht
18. Mai 2009 14:45

Der Mehrwet einer Idelogie ist für die Anhänger derselben zweifach.
1. Kann mman die Benutzung des Gehirns auf Automatik schalten, und dadurch wertvolle Kalorien sparen, die sonst durch eigene unabhängige Denkprozesse vergeudet würden.
2. Hat man (sofern die Ideologie durch Zwang und/oder Verdummung der Mitmenschen) zur herrschenden aufgestiegen sein sollte, ein Begründungssystem zur Hand, mit dem man seine persönlichen Ambitionen als dem höheren Ganzen dienend plausibel machen kann. Beonders der 2. Punkt kann sich als nützlich erweisen, wenn man dieser Ideologie nicht etwa aus intelektueller Bequemlichkeit sondern dern wegen intelektueller Unzulänglichkeit anhängt.

Toni Roidl
18. Mai 2009 15:40

Welcher Wessi hätte wohl 1989, sagen wir, bei einem Tagesbesuch in Ostberlin, nach dem Zwangsumtausch von 20 DM, dem erstbesten Ossi gratuliert: »Mann, habt ihr’s gut, wenigstens mit der falschen Ideologie zu leben?«
Dabei gibt es in der BRD heute doch auch eine falsche Ideologie: »Toleranz und Vielfalt«, die mit viel Intoleranz und Einfalt durchgepaukt wird.
Dagegen Position zu beziehen, bietet schon etwas »Sinn, der den Menschen am Leben hält.« Auch wenn Rechte keine Freunde von Utopien sind: Noch mehr Sinn würde es m.E. stiften, ein »konservatives Maximum« anzubieten, das über den kleinsten gemeinsamen Nenner hinausgeht.
Wäre es für Interessierte nicht attraktiver und niedrigschwelliger, einen greifbaren Alternativentwurf des Idealstaates zu präsentieren, statt sich – wenn auch geistreich – immer an Negativem abzuarbeiten?
Als Institut für Staatspolitik ist man doch die richtige Adresse dafür...
(Ja ja, ich weiß, der Herr Kubitschek verdreht die Augen)

Nico
18. Mai 2009 16:24

@Guardiola
In meinen Augen ist der Bildungsverlust nicht Bestandteil, sondern existentielle Gefahr der Freiheit (wie auch immer man sie im Einzelnen ausdefinieren möchte). Nur wer ein gewisses Maß an Bildung kann überhaupt frei sein. Das setzt natürlich gegenüber jungen Menschen einen gewissen Zwang zur Bildung voraus (jedenfalls bei den Meisten). So bedingt anfänglicher Zwang in der Folge überhaupt erst Freiheit. Umgekehrt schafft der Wille zur Vermeidung jeglichen Zwangs die Freiheit in der Folge ab.
Ud ob in erster Linie "junge rechte Männer" zum Islam konvertieren werden? Da kann ich mir eher einen gemeinsamen übertritt der jungen Grünen gemeinsam mit Clüdia Rüth als Leitwölfin vorstellen (wenn man die überhaupt haben will:-), oder andere Teile der Linken auf der Suche nach undeutscher Ersatzidentität.

Melanie
18. Mai 2009 21:21

Meiner Meinung nach ist gerade in Zeiten der Desorientierung eine gewisse Präsenz einer Ideologie vonnöten, um den Bürgern einen Halt zu geben. Anhand der perspektivlosen Jugendlichen, die sich jedes Wochenende oder sogar öfter betrinken und in benebeltem Zustand zu kriminellen Taten verleiten lassen lässt sich die fatale Degeneration der gesellschaftlichen Werte besonders gut beobachten. Mit Sicherheit könnte eine werteorientierte Basis, beispielsweise in Form einer Ideologie, ihnen Alternativen weisen.
Zudem ist eine Ideologie ein meist erfolgreiches Mittel zur Bildung von festen Gemeinschaften, die in ihren gemeinsamen Vorstellungen Halt und Sicherheit finden und bei ihren Kommunikationspartnern auf Verständnis treffen. Das Zusammenfinden zu Interessengruppen soll nicht als Aufforderung zur Separisierung verstanden werden, sondern vielmehr als eine Möglichkeit wahrgenommen werden, reflektierte Auffassungen wohl formuliert frei zu äußern. Somit wäre ein neuer Schritt zu politischen Gruppenbildung getan, der für den Prozess einer Demokratie unabdingbar ist. Denn ohne Meinungsdifferenzen und erquickliche Diskussionen hat eine Demokratie einen wesentlichen Bestandteil ihrer Grundprinzipien verloren.
Dennoch muss eine Ideologie meiner Auffassung nach freie Meinungsäußerungen tolerieren, um sich nicht den Status einer totalitären Vereinnahmungsideologie einzuholen.

rjaeck
19. Mai 2009 01:53

Bei allgemein sinkendem Bildungsniveau, wie es in Deutschland leider zunehmend zu beobachten ist, wird die Herausbildung von Ideologien im Sinne gesellschaftlicher Anschauungen immer schwieriger. Ein gewisses Maß an Bildung ist nicht nur Voraussetzung für Freiheit, wie Mitkommentator Nico schreibt, es ist auch Voraussetzung zur Erkenntnis unserer Wurzeln, unserer in Jahrhunderten gewachsenen Traditionen und Leistungen.
Schulische Bildung sollte das Gute und Edle wieder als erstrebenswert vermitteln und bewußt machen, damit Schüler überhaupt eine Basis haben, Ideologien zu bilden und reifen zu lassen. Was passiert stattdessen heute? Wer z. B. Homosexualität abnormal findet, bekommt es mit "Anti-Diskriminierungs-Beauftragten" zu tun, die ihm erklären, daß dies alles normal sei und doch jeder selbst über seine Neigungen... Beliebigkeit wird also zur Ideologie erhoben.
Um aber die Kurve zur DDR und ihrer Ideologie zu kriegen:
Der Satz mit der falschen Ideologie ist gar nicht so abwegig. Wenn man weiß - und das wußte man in der DDR auch als Schüler mit durchschnittlicher bis guter Bildung - a) welche Ideologie prägend ist und b) daß nur diese gelten darf, dann kann man sich und seine eigenen Anschauungen doch sehr gut gegenüber dieser Ideologie orten.
Das stelle ich mir für Heranwachsende heute schwieriger vor. Woran sollen sie sich orientieren? Wenn wenigstens das Christentum noch als Wertebasis unserer Kultur vermittelt würde!
Übrigens wurden im DDR-Bildungssystem die Leistungen deutscher Geistesgrößen und Naturwissenschaftler durchaus positiv hervorgehoben. Auch stand im Ausweis der "Jungen Pioniere"das Gebot, ihr (sozialistisches) Vaterland zu lieben.
Die ideologische Absicht der DDR braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Zum Nachdenken über Art und Methoden der Wertevermittlung können diese Beispiele jedoch anregen.

Thomas Hochrainer
19. Mai 2009 17:03

Wenn ich feststelle, dass ich nach Ende meiner Sklavenarbeit fett und faul geworden bin, sollte ich dann
a) jammern und die Sklavenarbeit vermissen oder
b) mich aufraffen, um mich aus eigenem Antrieb wieder in Form zu bringen?

Nico
20. Mai 2009 15:09

b)

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