Horst Lange: Die Leuchtkugeln

Eine Rezension von Christian Marschall

 Gastbeitrag

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Horst Lan­ge: Die Leucht­ku­geln. Erzäh­lung, mit Illus­tra­tio­nen von Ralph Oer­tel, Schnell­ro­da: Antai­os 2014. 200 S., 17

Horst Lan­ge wur­de 1904 im nie­der­schle­si­schen Lie­gnitz gebo­ren, er starb 1971 in Mün­chen. Er wird zu den Schrift­stel­lern der Inne­ren Emi­gra­ti­on gerech­net und gehört jener epi­schen Genera­ti­on an, die sich von der expe­ri­men­tel­len Avant­gar­de abwand­te und zurück­fand zu klas­si­schen Formen:

Ber­gen­gru­en, Brit­ting, Schnei­der, Lang­gäs­ser und ande­re. Die Wen­dung ins Inne­re kenn­zeich­net nicht nur Lan­ges poli­ti­sche, son­dern auch sei­ne poe­ti­sche Hal­tung, sein Ver­ständ­nis vom Schrei­ben, und er sah kei­ne Not­wen­dig­keit, die­se Hal­tung nach 1945 zu ändern.

Lan­ge – 1937 durch sei­nen groß­ar­ti­gen Roman Schwar­ze Wei­de berühmt gewor­den – mied auch dann den Kon­takt zu den jetzt ton­an­ge­ben­den Krei­sen. Ab 1941 war er als Pio­nier an der Ost­front ein­ge­setzt. Er, neben­bei ein begna­de­ter Maler, büß­te ein Auge ein. Die hier durch Ralph Oer­tels Zeich­nun­gen (man darf sagen: kon­ge­ni­al) illus­trier­te Erzäh­lung Die Leucht­ku­geln sowie die bei­gefüg­te Pro­sa­skiz­ze »Auf den Hügeln von Mos­kau« ent­stan­den 1943 im Laza­rett. Carl Zuck­may­er, selbst zwi­schen den Stüh­len sit­zend, nann­te sie »die bes­te deut­sche Pro­s­a­dich­tung aus dem letz­ten Krieg«. Der nach­ge­bo­re­ne, kriegs­fer­ne Leser pflich­tet gern bei. Der Krieg, vom dem hier weni­ge Wochen geschil­dert wer­den, die spre­chend sym­bo­li­sche Zeit näm­lich vom gol­de­nen Herbst bis zum tiefs­ten rus­si­schen Frost, ist auch hier »inne­res Erleb­nis«, aber deut­lich vom ana­ly­ti­schen Jün­ger­schen Ton unterschieden.

Der Ich-Erzäh­ler Lan­ges ist habi­tu­ell miß­mu­tig und hoff­nungs­arm, aber tap­fer. Kein Held, das nicht. Er haßt nicht die ande­ren, er brennt nicht für sei­ne Sache. Er tut, was getan wer­den muß. Stumpf ist er dabei nicht, im Gegen­teil. Krieg ist eine Jah­res­zeit. Man kann sie beschrei­ben, mit Wor­ten malen, Kriegs­spie­le, Kriegs­frau­en, Kriegs­män­ner, Kriegs­kir­chen. Da stößt einer zum klei­nen Trupp, der sich Her­mes nennt, wie die olym­pi­sche Gott­heit. Her­mes hat sein christ­li­ches Pen­dant in Chris­to­pho­rus, doch anders als die­ser ist der anti­ke Her­mes nur jenen nütz­lich, die sei­ne Bot­schaft (»Her­me­neu­tik«) ver­ste­hen. Her­mes ist Orga­nist im Brot­be­ruf. Musik las­se kei­ne Lügen zu, hat­te er geglaubt. Aber nun miß­brauch­te einer – leicht zu erra­ten, wer – die­ses emp­find­lichs­te Mit­tel, »um etwas zu glo­ri­fi­zie­ren, das der Ewig­keit wider­strebt«. Dar­um hat Her­mes »den Weg hier­her gesucht, dort­hin, wo die Kunst nichts gilt und wo jedes Schick­sal umge­formt wird, wenn es durch das gewal­ti­ge Feu­er geht.« Her­mes ist ein rät­sel­haf­ter Kerl. Er gleicht dem Erzäh­ler. Er wird bereit sein. Er kann ja nur gewinnen!

Ein selt­sa­mer Sog geht von die­sem Buche aus. Es ist Kriegs­li­te­ra­tur, die aber nicht vor allem vom Reiz des sol­da­ti­schen Milieus, son­dern von Lan­ges vor­züg­li­cher lite­ra­ri­scher Kunst lebt. Oer­tels Zeich­nun­gen erset­zen gut die Musik, wel­che sich unwill­kür­lich hin­zu­ge­sellt. Nichts wirk­lich Klas­si­sches, wie hieß die­ses Lied doch? »The snow fell«. Ken­ner ken­nen es.

Horst Lan­ges: Die Leucht­ku­geln kann man  hier bestel­len

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Kommentare (5)

Jens

15. August 2014 13:34

Für mich ist das Buch in erster Linie ein sehr typisches und schönes Zeugnis für Literatur der Inneren Emigration. Keinerlei ekelerregender Chauvinismus gegenüber dem Gegner (wenn ich mich recht entsinne spricht Lange von "Gegner", nicht "Feind"), was an Jüngers ritterliches Ethos bzw. generell eher den 1. WK erinnert. Erzähltechnisch wird zunächst doch sehr schön die Monotonie und Tristesse des Marschierens auf die feindlichen Linien beschrieben, dem unsichtbaren Gegner entgegen. Als es dann zum Zusammenstoß kommt, entwickelt sich das ganze zu einer fessenden Geschichte. Die Intermezzi mit der russischen Landbevölkerung fand ich sehr gelungen. Letztlich wirken alle wie in diese ganze Sache hineingeworfen und nun ausharrend. Friedrich ist dafür ein gutes Beispiel, er tut eben einfach, was getan werden muss, nicht einer (zweifelhaften) Idee, sondern patriotisch-soldatischem Ethos verpflichtet. Für mich in erster Linie eine Erzählung über Geradlinigkeit und Pflichtbewusstsein, losgelöst von den ideologischen Wirren der Zeit. Die Zeichnungen fand ich auch sehr gelungen. Finden diese sich auch in den anderen Nordost-Bänden? Bei di Tullio sollen ja Fotos dabei sein. Werde ich wohl als nächstes aus der Reihe lesen.

Strogoff

15. August 2014 22:23

Bilder in eure Prosa aufzunehmen ist eine fantastische Idee. Das wertet jedes Buch nochmal auf und zeugt von einem guten Gespür der Verleger.
Hatten wir etwa anderes erwartet?

Strikeback

16. August 2014 14:52

Das Buch von Lange ist das Lesen wert. Wer sich mit dem 2. WK etwas beschäftigt hat, wird neben der literarischen Qualität auch den authentisch-historischen Inhalt schätzen. Von Kriegsteilnehmern habe ich derartiges noch aus erster Hand zu hören bekommen.

Es ist allerdings nicht die Wahrnehmung, wie sie der typische, "einfache" Soldat erfahren hat. Lange hat schon ein etwas herausgehobenes Niveau der Reflexion.

Wie wäre es mal mit einem Buch zum 1. WK?
Vielleicht Hans Zöberlein: "Der Schrappnellbaum"?

rautenklause

19. August 2014 17:09

@Strikeback

Also Zöberlein sollte besser schon allein aus sprachlichen Gründen der Vergessenheit anheimfallen: inhaltlich stramm (wer's mag), aber literarisch eine Katastrophe ...

Strikeback

20. August 2014 21:19

@ rautenklause

Die literarische Qualität lassen wir mal dahingestellt. Das sehe ich nicht so, wie Sie.

Zöberlein hat jedenfalls mit seinen Büchern "Der Glaube an Deutschland" und "Befehl des Gewissens" enorme Auflagen erzielt. Damit sind seine Bücher zumindest wichtige Zeitdokumente, die heute verschwiegen werden.

Man sollte sich vor Augen halten, daß 1945 eine unglaubliche Zäsur durch die Sieger vorgenommen wurde. Schriftsteller mit Millionenauflage sind dadurch über Nacht verschwunden. Was unsere Vorfahren gelesen haben, ist jedoch nicht ein Haufen Müll gewesen.

"Im Westen nichts Neues" und andere dubiose Bücher anderer Autoren von der Gegenseite muß man ja auch lesen, um ein vollständiges Bild zu bekommen. Warum auch nicht?

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