Sezession
14. August 2014

Horst Lange: Die Leuchtkugeln

Gastbeitrag / 5 Kommentare

Eine Rezension von Christian Marschall

Horst Lange: Die Leuchtkugeln. Erzählung, mit Illustrationen von Ralph Oertel, Schnellroda: Antaios 2014. 200 S., 17

Horst Lange wurde 1904 im niederschlesischen Liegnitz geboren, er starb 1971 in München. Er wird zu den Schriftstellern der Inneren Emigration gerechnet und gehört jener epischen Generation an, die sich von der experimentellen Avantgarde abwandte und zurückfand zu klassischen Formen:

Bergengruen, Britting, Schneider, Langgässer und andere. Die Wendung ins Innere kennzeichnet nicht nur Langes politische, sondern auch seine poetische Haltung, sein Verständnis vom Schreiben, und er sah keine Notwendigkeit, diese Haltung nach 1945 zu ändern.

Lange – 1937 durch seinen großartigen Roman Schwarze Weide berühmt geworden – mied auch dann den Kontakt zu den jetzt tonangebenden Kreisen. Ab 1941 war er als Pionier an der Ostfront eingesetzt. Er, nebenbei ein begnadeter Maler, büßte ein Auge ein. Die hier durch Ralph Oertels Zeichnungen (man darf sagen: kongenial) illustrierte Erzählung Die Leuchtkugeln sowie die beigefügte Prosaskizze »Auf den Hügeln von Moskau« entstanden 1943 im Lazarett. Carl Zuckmayer, selbst zwischen den Stühlen sitzend, nannte sie »die beste deutsche Prosadichtung aus dem letzten Krieg«. Der nachgeborene, kriegsferne Leser pflichtet gern bei. Der Krieg, vom dem hier wenige Wochen geschildert werden, die sprechend symbolische Zeit nämlich vom goldenen Herbst bis zum tiefsten russischen Frost, ist auch hier »inneres Erlebnis«, aber deutlich vom analytischen Jüngerschen Ton unterschieden.

Der Ich-Erzähler Langes ist habituell mißmutig und hoffnungsarm, aber tapfer. Kein Held, das nicht. Er haßt nicht die anderen, er brennt nicht für seine Sache. Er tut, was getan werden muß. Stumpf ist er dabei nicht, im Gegenteil. Krieg ist eine Jahreszeit. Man kann sie beschreiben, mit Worten malen, Kriegsspiele, Kriegsfrauen, Kriegsmänner, Kriegskirchen. Da stößt einer zum kleinen Trupp, der sich Hermes nennt, wie die olympische Gottheit. Hermes hat sein christliches Pendant in Christophorus, doch anders als dieser ist der antike Hermes nur jenen nützlich, die seine Botschaft (»Hermeneutik«) verstehen. Hermes ist Organist im Brotberuf. Musik lasse keine Lügen zu, hatte er geglaubt. Aber nun mißbrauchte einer – leicht zu erraten, wer – dieses empfindlichste Mittel, »um etwas zu glorifizieren, das der Ewigkeit widerstrebt«. Darum hat Hermes »den Weg hierher gesucht, dorthin, wo die Kunst nichts gilt und wo jedes Schicksal umgeformt wird, wenn es durch das gewaltige Feuer geht.« Hermes ist ein rätselhafter Kerl. Er gleicht dem Erzähler. Er wird bereit sein. Er kann ja nur gewinnen!

Ein seltsamer Sog geht von diesem Buche aus. Es ist Kriegsliteratur, die aber nicht vor allem vom Reiz des soldatischen Milieus, sondern von Langes vorzüglicher literarischer Kunst lebt. Oertels Zeichnungen ersetzen gut die Musik, welche sich unwillkürlich hinzugesellt. Nichts wirklich Klassisches, wie hieß dieses Lied doch? »The snow fell«. Kenner kennen es.

Horst Langes: Die Leuchtkugeln kann man  hier bestellen


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Kommentare (5)

Jens
15. August 2014 13:34

Für mich ist das Buch in erster Linie ein sehr typisches und schönes Zeugnis für Literatur der Inneren Emigration. Keinerlei ekelerregender Chauvinismus gegenüber dem Gegner (wenn ich mich recht entsinne spricht Lange von "Gegner", nicht "Feind"), was an Jüngers ritterliches Ethos bzw. generell eher den 1. WK erinnert. Erzähltechnisch wird zunächst doch sehr schön die Monotonie und Tristesse des Marschierens auf die feindlichen Linien beschrieben, dem unsichtbaren Gegner entgegen. Als es dann zum Zusammenstoß kommt, entwickelt sich das ganze zu einer fessenden Geschichte. Die Intermezzi mit der russischen Landbevölkerung fand ich sehr gelungen. Letztlich wirken alle wie in diese ganze Sache hineingeworfen und nun ausharrend. Friedrich ist dafür ein gutes Beispiel, er tut eben einfach, was getan werden muss, nicht einer (zweifelhaften) Idee, sondern patriotisch-soldatischem Ethos verpflichtet. Für mich in erster Linie eine Erzählung über Geradlinigkeit und Pflichtbewusstsein, losgelöst von den ideologischen Wirren der Zeit. Die Zeichnungen fand ich auch sehr gelungen. Finden diese sich auch in den anderen Nordost-Bänden? Bei di Tullio sollen ja Fotos dabei sein. Werde ich wohl als nächstes aus der Reihe lesen.

Strogoff
15. August 2014 22:23

Bilder in eure Prosa aufzunehmen ist eine fantastische Idee. Das wertet jedes Buch nochmal auf und zeugt von einem guten Gespür der Verleger.
Hatten wir etwa anderes erwartet?

Strikeback
16. August 2014 14:52

Das Buch von Lange ist das Lesen wert. Wer sich mit dem 2. WK etwas beschäftigt hat, wird neben der literarischen Qualität auch den authentisch-historischen Inhalt schätzen. Von Kriegsteilnehmern habe ich derartiges noch aus erster Hand zu hören bekommen.

Es ist allerdings nicht die Wahrnehmung, wie sie der typische, "einfache" Soldat erfahren hat. Lange hat schon ein etwas herausgehobenes Niveau der Reflexion.

Wie wäre es mal mit einem Buch zum 1. WK?
Vielleicht Hans Zöberlein: "Der Schrappnellbaum"?

rautenklause
19. August 2014 17:09

@Strikeback

Also Zöberlein sollte besser schon allein aus sprachlichen Gründen der Vergessenheit anheimfallen: inhaltlich stramm (wer's mag), aber literarisch eine Katastrophe ...

Strikeback
20. August 2014 21:19

@ rautenklause

Die literarische Qualität lassen wir mal dahingestellt. Das sehe ich nicht so, wie Sie.

Zöberlein hat jedenfalls mit seinen Büchern "Der Glaube an Deutschland" und "Befehl des Gewissens" enorme Auflagen erzielt. Damit sind seine Bücher zumindest wichtige Zeitdokumente, die heute verschwiegen werden.

Man sollte sich vor Augen halten, daß 1945 eine unglaubliche Zäsur durch die Sieger vorgenommen wurde. Schriftsteller mit Millionenauflage sind dadurch über Nacht verschwunden. Was unsere Vorfahren gelesen haben, ist jedoch nicht ein Haufen Müll gewesen.

"Im Westen nichts Neues" und andere dubiose Bücher anderer Autoren von der Gegenseite muß man ja auch lesen, um ein vollständiges Bild zu bekommen. Warum auch nicht?

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