Sezession
18. August 2014

Wolf Schneider: Der Soldat – eine Rezension

Gastbeitrag / 16 Kommentare

wolfschneiderdersoldat

von Martin Böcker

Wolf Schneider, der 89jährige Journalist und Sprachstillehrer, hat einen Nachruf auf den Soldaten geschrieben. Denn mit diesem gehe es zu Ende: Er werde ersetzt – und sei zum Teil schon ersetzt worden – durch Drohnen, Atombomben, Spezialeinheiten und den Programmierern eines cyberwar. Den Soldaten definiert er als jemanden, »der den regulären Streitkräften eines Staates angehört« – und schon hier beginnt die lautstarke These seines 544 Seiten starken Buches (Der Soldat - hier bestellen) zu bröckeln.

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Denn auch Drohnenbediener, Bomberpiloten und Kommandosoldaten sind solche Angehörigen regulärer Streitkräfte. Selbst wenn man seine Definition des Soldaten enger faßt, sich also nur auf die normalen Männer mit ihren staubigen Gesichtern in den Gräben und Feldlagern, in Gefechten oder auf Patrouillen bezieht, wirkt Schneider wenig überzeugend. Spezialeinheiten brauchen für ihre Aktionen die äußere Sicherung, das Feldlager, den Nachschub und die Etappe: Das alles wird von normalen Soldaten gestellt. Ein kurzer Blick auf die Einsätze der Bundeswehr reicht aus, um Schneider zu widersprechen: Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie auch in Zukunft für »Stabilisierungsoperationen« eingesetzt werden, und diese sind ohne Fußtruppen nicht möglich.

Kurios trotz der Dürftigkeit der Hauptthese: Das Buch ist lesenswert! Schneider berichtet, wie der Krieg aus Menschenjagd und Zweikampf hervorging, wie sich dabei die Waffentechnik entwickelt hat und aus welchen Gründen Männer sich für ein Leben als Soldat entschieden. Schneider hat selbst gedient und es in der Wehrmacht bis zum Unteroffizier gebracht. Wahrscheinlich sind seine Überlegungen darüber, wofür Soldaten starben, und die Beschreibungen, wie sie »verreckten«, gerade deshalb besonders eindrucksvoll.

Mit dem Gewicht dieser Erfahrung will Scheider seine Überzeugung legitimieren, das soldatische Opfer sei für sich genommen sinnlos und die Bereitschaft dazu nur das Ergebnis von falschen, albernen oder sinnlosen Vorstellungen – was für die Idealisten unter den Soldaten bedrückend klingen muß. Die logische Konsequenz zieht er im abschließenden Kapitel, »Wie man vielleicht überleben kann«, indem er großes Verständnis für den Deserteur zeigt: Dieser handle »von den Motiven her … so verwerflich wie ein Vogel, der dem Käfig entflattert«.

Schneider erinnert gleichzeitig daran, daß der Frieden nicht der Naturzustand des Menschen, daß der Mensch kein primär friedliebendes Wesen sei, ja, daß der Frieden auf Erden – mit Carl Friedrich von Weizsäcker gesprochen – »eine der düstersten Epochen der Menschheitsgeschichte« werden könne: »So fiele denn auf die grausige dreitausendjährige Geschichte des Soldaten zuletzt doch noch ein kleiner Sonnenstrahl«, beendet er seinen Nachruf auf den Soldaten mit einem vermeintlich positiven Fazit.

Töten und Sterben also nur als abstrakt sinnvolles Opfer? Damit es keinen tyrannischen Frieden auf Erden gibt? Wenn er damit recht hätte, dann wären die Soldaten, die aus idealistischen Gründen zur Armee gehen, tatsächlich die armen Narren, die nicht für ihr Volk und dessen Ideen antreten, sondern sich unfreiwillig für die Verhinderung einer tyrannischen One World opfern, indem sie Kriege am Laufen halten. Diese Draufsicht Wolf Schneiders ist außerordentlich interessant, viel interessanter als die schwache Hauptthese des »Nachrufs«. Er gibt dem Soldaten, eigentlich jedem Kämpfer dieser Erde, eine höhere Weihe: Das ist eine gedankliche Spur, die man weiter verfolgen kann – und sollte.

(Wolf Schneider: Der Soldat – Ein Nachruf: Eine Weltgeschichte von Helden, Opfern und Bestien, Reinbek: Rowohlt 2014. 544 S., 24.95 € – hier bestellen.)


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Kommentare (16)

Gold Eagle
18. August 2014 16:11

Mir leuchtet die These, dass Krieg geführt werden muß, um einen ewigen Frieden zu vermeiden oder einen "tyrannischen Frieden" nicht ein. Sehr einleuchtend finde ich die These, dass Soldaten vielleicht nicht völlig überflüssig werden, aber doch sehr weitgehend ersetzt werden. Ferngesteuerte und unbemannte Flugzeuge, Panzer, Artillerie sind doch nur noch eine Frage der Zeit. Natürlich braucht man noch Personal, die die Geräte werten und steuern und vielleicht auch Infanterieeinheiten, die diese bewachen oder sie begleiten, aber die große Zeit des Infanteristen wäre damit endgültig vorbei.

Nils Wegner
18. August 2014 18:03

Na, dann besetzen Sie mal schön Gelände mit Ihren Drohnen und ferngesteuerter Artillerie.

DAS ist Krieg an und für sich, nicht irgendwelche taktischen Luftschläge. Mal ganz abgesehen davon, daß der von Ihnen erhoffte technische Fortschritt Unsummen kosten wird (und bereits kostet), was die Einsätze ohne Beute (an Land, Rohstoffen usf.) noch unwirtschaftlicher und damit seltener macht, als sie ohnehin schon sind.

Der technische Fortschritt hat in Sachen Revolutionierung des Kriegswesens mit der Entwicklung von Fissions- und Fusionsbomben seinen Zenit erreicht, alles weitere (selbst Laser- und Mikrowellenwaffen) sind nur noch ABM für die lächerlich hoch bezahlten spin doctors. Krieg kommt, solange er nicht auf unterschiedslose totale Vernichtung hinausläuft, nicht ohne kämpfende und ggf. sterbende Menschen aus – und wird es auch nicht in der Zukunft.

Windwärgut
18. August 2014 19:32

Soldaten, die sich idealistisch dem Dienst unter Befehl wenig idealistischer Anführer (und das war in der Realität wohl die Regel) unterwarfen, waren tatsächlich die ganz armen Narren der Geschichte, noch ärmer und närrischer als die, die unfreiwillig geopfert wurden.
Für die Gegenwart und Zukunft (?) sehe ich dabei keine Besserung und wann bitte wären Soldaten angetreten für "ihr Volk UND DESSEN IDEEN?

Windwärgut
18. August 2014 20:25

@ N.Wegener
Na, dann lösen Sie sich mal von der etwas altbackenen Idee des Krieges zwecks Eroberung von Gelände. Einsätze ohne Beute haben Sie ja schon verstanden und seltener werden die momentan nicht gerade.
Eben weil das völlig unheroische Opfern den unfreiwilligen Opfern nicht mehr so richtig vermittelbar ist, spielen selbst die anscheinend irrwitzigen materiellen Kosten der Fernschläge für entwickelte Staaten nicht mehr die entscheidende Rolle. Sicher werden weiter Menschen sterben, allerdings vergleichsweise und voraussichtlich stetig weniger, zumindest auf einer Seite.

Nils Wegner
19. August 2014 00:02

@ Windwärgut: Nee, danke. Ein auf die westliche Welt (was auch immer das sein soll) beschränkter Blick auf die gewaltsamen Konflikte dieser Welt ist mir dann doch etwas zu langweilig. Und daß die Ihnen offenbar zukunftsträchtigen "Einsätze ohne Beute" nicht den Soldaten, sondern den Söldner erfordern, erschließt sich nach einem Moment der Reflektion dann auch ganz schnell.

"Etwas altbackene Ideen" werden schnell genug wieder akut, sobald die USA sich auch unter Auswringen aller Bündnisreserven globale Polizeieinsätze nicht mehr leisten können, da bin ich ganz und gar beruhigt. Selbst, wenn die aktuellen Paradebeispiele Ukraine und Irak nicht wären – ohne natürlich Ihnen den tagesthemen-Eindruck nehmen zu wollen, daß das mit Krieg rein gar nichts zu tun habe.

Ein Fremder aus Elea
19. August 2014 09:08

Naja, Soldaten wurden noch nie dazu gebraucht, um eine Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Das ist Aufgabe der Medien, der Schulen, der Statthalter in der Administration, der Stützen der Gesellschaft, welche selber abhängig wurden.

Ausnahmen wie im mongolischen Reich bestätigen die Regel, wobei es dort zu den zu erwartenden Konflikten kam. Einige Mongolen wollten Soldaten bleiben, andere sahen sich zunehmend in der Rolle von Wirtschaftsentwicklern, letztlich ging die ganze Geschichte relativ schnell vorüber, wenn auch eine gewisse Virulenz (Babur) blieb.

Der Soldat dient dem Staat zur gewaltsamen Bekämpfung organisierter Gegner, genauer gesagt dient er dazu zu klären, wer Anspruch auf das Gewaltmonopol in einer Region hat. Das Gewaltmonopol in einer Region zu besitzen ist aber die Voraussetzung jeder Souveränität, und somit dienen Soldaten der Existenz von Souveränität als solcher, denn Souveränität als solche besteht nur, wo ein Staat hinreichend homogen ist. Andernfalls kommt es zum Kampf der verschiedenen Fraktionen unter einander, welcher nicht hinreichend offen genug ausgetragen wird, um ihn mit Gewalt zu entscheiden, es sei denn, eine Fraktion nähme schließlich die Zerstörung des ganzen Staates in Kauf (analog zu Ruanda).

Freilich, es gibt seit alter Zeit Ansätze, Heterogenität zu versöhnen, aber sie sind nicht allmächtig.

Ich bin recht stolz auf diese, sagen wir, "Meditationsanleitung" :

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2014/08/das-buch-des-wandels.html

Ich denke, das Mandala ist genau für diesen Zweck vorgesehen gewesen, von Anfang an, die Zahlen jedenfalls verteilen sich da nicht zufällig.

Gold Eagle
19. August 2014 13:30

Das ist natürlich ein lang dauernder Prozess. Die Prototypen sind immer teuer, bis man sie in Serie produzieren kann. Früher gab es die Kavallerie, dann wurde sie durch Panzer ersetzt und der nächste Schritt sind ferngesteuerte Panzer. Flugzeuge fernzusteuern, das ist schon heute möglich. Bei Wachdiensten und Häuserkampf wird man noch lange auf Soldaten angewiesen sein, weil die humanuiden Roboter noch nicht so weit sind.
Bis es so abläuft, wird es noch eine ganze Weile dauern, aber die USA arbeiten daran:

https://www.youtube.com/watch?v=ssEEw2Tz6bs

rautenklause
19. August 2014 17:05

Ich hatte Schneiders Soldatenbuch von 2014 noch nicht in Händen - aber den Vorgänger aus dem Jahr 1964: "Soldaten - Weltgeschichte und Psychologie einer umstrittenen Gestalt". Und das war - auch was die literarischen Zitate betraf - sehr anregend: lange Passagen Gerd Gaiser, Ernst Jünger, aber auch sehr kluge Bemerkungen zur Militärsoziologie Rolf Biglers (die leider kaum mehr jemand liest). Hat jemand schon ein Vergleichslesen absolviert?

Martin Böcker
19. August 2014 20:05

@rautenklause
Biglers und Gaiser werden jeweils nur einmal kurz zitiert, Jünger öfter und ausführlicher. Ich habe das alte und das neue Buch nicht verglichen, Schneider hat aber selbst geschrieben, dass er sein altes als "Steinbruch" für dieses benutzt hat.

Windwärgut
19. August 2014 20:49

@ Wegener
Sind wir im Proseminar der Spiegelfechter?
" Ein auf die westliche Welt (was auch immer das sein soll) beschränkter Blick auf die gewaltsamen Konflikte dieser Welt ist mir dann doch etwas zu langweilig."
Wo habe ich denn etwas von "westlicher Welt" geschrieben, dass Sie glauben mir das monieren (oder eher unterjubeln) zu dürfen?
Ich halte es allerdings für nachvollziehbar, dass es entwickelte Staaten, die es nicht nur in der westlichen Welt gibt, es sich zunehmen ersparen (und leisten) können, Soldaten zu verheizen, wenn und soweit es Maschinen auch tun.
Und überlassen Sie doch bitte die Prophetie des "bin ich mir gaanz scher dass das kommt" dem dafür geeigneten Personal, auf dem Niveau lohnt kein Gespräch, genauso wenig wie mit Wortspielchen um Krieg und rein-gar-nicht-Krieg bzw. Soldat und Söldner. Da müssten Sie sich erst einmal zu entsprechenden Definitionen verstehen, sonst landen Sie wie Herr Böcker "Spezialeinheiten brauchen für ihre Aktionen die äußere Sicherung, das Feldlager, den Nachschub und die Etappe: Das alles wird von normalen Soldaten gestellt." Wer sagt, dass "Das alles" heute und künftig selbst im Krieg von Soldaten gestellt wird und nicht von Söldnern, Hiwis, Paramilitärs oder wem auch immer?

Meier, Hans
19. August 2014 23:52

Bei der häufigen Phrase von den "sinnlosen Opfern der Soldaten"
fällt mir immer auf, dass damit vor allem unsere Soldaten bezeichnet werden. Unsere Soldaten sollen also sinnlos gefallen sein, während die der Gegenseite "sinnvoll" sich aufgeopfert hätten, um ...
Der propagandistische Charakter dieser Schwarz-Weiß-Zeichnung ist doch eigentlich offensichtlich, möchte man meinen - doch man sollte die Rechnung nicht ohne die Lemminge in den Medien machen, die immer nur plappern, ohne zu denken.

Und: Wie kommt jemand dazu, einem anderen den Sinn seines Todes oder Lebens in Abrede zu stellen. Wie will er das, Jahrzehnte später und in völlig anderen Umständen, beurteilen können?
Ein recht dreister Angriff auf das Andenken eines Toten. Da gibt es doch ein entsprechendes Gesetz, nicht wahr?

Nils Wegner
20. August 2014 00:27

Na na, nun mal nicht ablenken. Sind wir nun bei der fortschreitenden Automatisierung des Gefechts, oder dann doch beim Tausch von Devisen gegen Kampfkraft?

Davon mal ganz abgesehen dürfte Martin Böcker als geschulter Offizier wohl mehr Ahnung von Realisierbarkeiten und Prognosen haben, als diese Kommentarspalte zusammen (mich selbstredend eingeschlossen).

Und zu guter Letzt ignorieren Sie zugunsten einer lässigen "Was kostet die Welt?"-Einstellung standhaft, daß es in Buch und Rezension doch vor allem um ein Stück Ethos geht. Es sei Ihnen unbenommen; so kann man natürlich auch um sich blicken.

Gold Eagle
20. August 2014 11:46

"Davon mal ganz abgesehen dürfte Martin Böcker als geschulter Offizier wohl mehr Ahnung von Realisierbarkeiten und Prognosen haben, als diese Kommentarspalte zusammen."

Was meinen Sie, was ihnen ein Kavellerieoffizier im Jahr 1914 über die Zukunft der Luftwaffe gesagt hätte, oder ein Samurei im Jahr 1620 über die Zukunft der Kanonen auf dem Schlachtfeld.

Die Araber verkraften es bis heute nicht, dass sie nicht mehr so kämpfen können wie zu Mohammeds Zeiten, sondern der böse Westen mit seiner Luftwaffe ihnen von oben einfach den gar ausmacht. Und die Polen sind bekanntlicher Weise noch zu Pferde gegen deutsche Panzer angetreten. Es gibt Formen der Kriegsführung, die sind einfach ab einem bestimmten Punkt nicht mehr effektiv. Das kann man im übrigen alles schon bei Ernst Jünger in "Gläserne Bienen" nachlesen. Jünger hat auch einmal geschrieben, der Krieg werde eines Tages auf den Austausch mathematischer Gleichungen reduziert.

Martin Böcker
20. August 2014 13:21

@Windwärgut liegt richtig mit seiner Auffassung, dass mit einer Auslagerung sämtlicher Schlüsselfähigkeiten an zivile Dienstleister (außer halt die A-Waffe, Spezialkräfte etc.) die Ära des Soldaten vorbei wäre.

Und mit Einführung humanoider Roboter könnte der Fußsoldat überflüssig werden, damit haben Sie völlig Recht, @Gold Eagle.

Irrlicht
20. August 2014 21:45

Selbst wenn der eigentliche Kampf in den hochtechnologisierten Armeen der Zukunft vollständig vom Soldaten auf die Maschine übergehen sollte, ist die Annahme, damit könnten auf Seiten der maschinisierten Konfliktpartei Tote vermieden werden, illusorisch. Die technisch unterlegene Partei wird wie heute schon ansatzweise zu sehen zu einer Strategie der asymmetrischen Kriegsführung greifen und vorrangig "weiche" Ziele des Gegners angreifen. 9/11 ist dafür ein Paradebeispiel.

Sascha
24. August 2014 09:03

Ich denke man muss zwischen verschiedenen Arten von Armeen unterscheiden: Wehrpflichtigenarmee, Söldnerarmee, und Freiwilligenarmee.

Weder der Wehrpflichtige noch der Söldner hat irgendeinen Grund, sich zu opfern. Der eine ist zum Dienst gezwungen, also Sklave, den höchstens Propaganda dazu bringen kann, wie ein Freiwilliger zu kämpfen, der andere kämpft zwar freiwillig, für Geld - aber Geld kriegt er ja nicht, wenn er sich opfert.

Und so bleibt der klassische soldatische Held, bereit sich zu opfern, der Freiwilligenarmee vorbehalten. Und dessen Opfer ist nicht sinnlos - es ist zumindest eine größere Gruppe von Menschen - die gesamte Freiwilligenarmee - bereit, ihr Leben zu riskieren für die fragliche Sache. Und wer sind wir, für sie zu entscheiden, dass diese Entscheidung falsch ist?

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