Kulturkritik II: Bodenhaftung

Kulturkritik ist ein großes Wort, das jedoch nicht im luftleeren Raum steht, sondern seine Wurzeln im Alltag hat. Jeder kritisiert ständig irgendetwas, indem er etwas beurteilt, Dinge gegeneinander abwägt oder versucht, Ordnung in die Vielzahl von Alternativen zu bringen. Wir fühlen uns zu dieser alltäglichen Kritik befähigt, weil dem Bewertungsmaßstab unsere eigene Erfahrungen zu Grunde liegen und wir keine absoluten Kriterien benötigen.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Um fest­zu­stel­len, daß uns eine Mar­me­la­de nicht schmeckt, müs­sen wir weder wis­sen, wie die per­fek­te Mar­me­la­de schmeckt, noch müs­sen wir selbst eine bes­se­re kochen kön­nen. Es genügt die Vor­stel­lung oder die Erfah­rung, daß es Mar­me­la­den gibt, die uns bes­ser schme­cken, d.h., wir machen einen Ver­gleich und fäl­len ein rela­ti­ves Urteil. Es kann aber auch sein, daß der Wider­wil­le gegen den Geschmack so groß ist, daß wir etwas für unge­nieß­bar hal­ten und des­halb ein abso­lu­tes Urteil fällen.

Schwie­ri­ger fällt die Kri­tik bei geis­ti­gen Erzeug­nis­sen, wie z.B. in der Kunst. Auch hier muß der Kri­ti­ker kei­ne bes­se­ren Bil­der malen oder Roma­ne schrei­ben kön­nen als der kri­ti­sier­te Maler oder Autor. Daß sich hin­ter jedem Kunst­kri­ti­ker ein geschei­ter­ter Künst­ler ver­birgt, ist zwar ein nahe­lie­gen­der Ver­dacht, der aber nur in den wenigs­ten Fäl­len zutref­fen dürf­te. Der gute Kri­ti­ker ver­fügt über einen Maß­stab, an dem er das Werk mißt und von daher sein Urteil fällt. Er muß dem Werk ange­mes­sen sein.

Eine Kri­tik, die einen Band Lyrik ins­ge­heim an einem Kri­mi­nal­ro­man mißt und ihm von daher man­geln­de Span­nung vor­wirft, ist maß­los. Aller­dings ist Lang­wei­lig­keit für kein Werk ein Güte­be­weis (es sei denn man will genau die­se schil­dern). In der Regel wird der Kri­ti­ker über einen ange­mes­se­nen Kata­log an Kri­te­ri­en ver­fü­gen, an der er ein Werk mißt. Die­ser reicht von den for­ma­len, ohne die kei­ne Kunst aus­kommt, bis hin zu den inhalt­li­chen, über die sich bekannt­lich strei­ten läßt. Ein for­mal gutes Werk kann inhalt­lich schei­tern, z.B. wenn es epi­go­nal ist.

Die Kul­tur ist die Sum­me aus den geis­ti­gen Erzeug­nis­sen, die nicht nur die Kunst betref­fen, son­dern den gan­zen Bereich des mensch­li­chen Lebens, der von den Klei­nig­kei­ten des All­tags bis hin zu welt­an­schau­li­chen Fra­gen und Ent­schei­dun­gen reicht. Sie einer Kri­tik zu unter­zie­hen, kann vom Ver­fall der Tisch­sit­ten bis hin zum Nie­der­gang der Gemein­schafts­mo­ral rei­chen. Aller­dings impli­ziert Kul­tur­kri­tik, daß es eben um das Gan­ze geht und nicht um die Einzelheiten.

Daß wir heu­te bes­se­re tech­ni­sche Erzeug­nis­se als in frü­he­ren Zei­ten haben, kann daher nicht das allei­ni­ge Kri­te­ri­um sein. Eben­so wird man die Fol­gen des tech­ni­schen Fort­schritts beach­ten müs­sen (und dabei eben eini­ge der Ver­spre­chen, wie Zeit­er­spar­nis, als uner­füllt bezeich­nen müs­sen). Fried­rich Georg Jün­ger hat das in sei­nem Buch Die Per­fek­ti­on der Tech­nik in einer grund­le­gen­den Art und Wei­se getan, so daß die­se Erkennt­nis­se auch auf tech­ni­sche Erzeug­nis­se ange­wen­det wer­den kön­nen, an die zu sei­ner Zeit noch gar nicht zu den­ken war: Daß der Mensch zum Knecht der Tech­nik gewor­den ist und daß er durch Tech­nik gewon­ne­ne Zeit nicht zu nut­zen ver­mag, sind nur zwei Bei­spie­le, die sich täg­lich beob­ach­ten las­sen. Eine Kon­se­quenz dar­aus ist nicht zuletzt, daß ihm im All­täg­li­chen die Befä­hi­gung zur Kri­tik abhan­den kommt; was eine Kul­tur­kri­tik unmög­lich macht.

Die 15. Som­mer­aka­de­mie des IfS wid­met sich der “Kul­tur­kri­tik”, nähe­re Infor­ma­tio­nen gibt es hier.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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