Sloterdijks Kinder der Neuzeit – Leserrezension 1

sezession.de schrieb vor einigen Wochen einen Rezensionswettbewerb aus, Peter Sloterdijks jüngstes Werk (hier einsehen) steht zur Debatte. Von den bisher eingegangenen sieben Beiträgen veröffentlichen wir zunächst zwei, heute den der Leserin Gabriele Folz-Friedl.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Slo­ter­di­jks jüngs­tes Werk scheint mehr noch als alle sei­ne vor­auf­ge­hen­den einen Nerv getrof­fen zu haben, was nicht nur Ver­kaufs­zah­len son­dern all­seits über­bor­den­de Rezep­tio­nen bewei­sen. Ein Nerv ist stets zuver­läs­sig dann getrof­fen, wenn es weh tut, und ein gewal­ti­ges Weh muß es schon sein, was uns Kin­der der Neu­zeit zu in sol­chem Aus­maß schreck­li­chen defor­miert hat, wie der Autor auf rund 500 Sei­ten ein­dring­lich und sprach­ge­wal­tig dar­legt. Was aller­dings letz­te­res, näm­lich die Sprach­ge­walt angeht, so spie­len die Vir­tuo­si­tät und kapri­ziö­se Selbst­ver­liebt­heit, mit der er das The­ma abhan­delt, dem Autor man­chen Streich, indem häu­fig unnö­tig ins Bom­bas­ti­sche, Über­la­de­ne abglei­tet, was sich auch und viel­leicht sogar über­zeu­gen­der, ein­fa­cher for­mu­lie­ren lie­ße, sodaß der Ver­dacht nar­ziß­ti­scher Eitel­keit nicht immer von der Hand zu wei­sen ist und dem letzt­lich doch in sei­nem wesent­lichs­ten Anlie­gen zutiefst über­zeu­gen­den Text zuwei­len schadet.

Hat man sich aber ein­mal ein­ge­las­sen auf die­sen rasan­ten, von Fremd­wör­tern und Neo­lo­gis­men strot­zen­den Meta­phern­wir­bel, so ver­mag die artis­ti­sche Elo­quenz Slo­ter­di­jks, sein Apho­ris­men- und Anek­do­ten­reich­tum in sei­ner Bril­lanz durch­aus mit­zu­rei­ßen. Ob der anläß­lich eines gesell­schaft­li­chen Ereig­nis­ses lau­nig hin­ge­wor­fe­ne Aus­spruch einer Madame Pom­pa­dour tat­säch­lich mit so viel Bedeu­tung auf­ge­la­den wer­den kann, wie es hier geschieht, daß er sogar zu einer Art gehei­mem Mot­to die­ses Buches hin­auf­sti­li­siert, ob in die­se kapri­ziö­se Salon­da­me nicht über­haupt etwas zuviel hin­ein­ge­heim­nist wird (schließ­lich war ihre Stel­lung als „mai­tres­se en tit­re“ im anci­en regime nicht außer­ge­wöhn­lich, allen­falls viel­leicht die außer­ge­wöhn­li­che Macht­fül­le, die sie sich in die­ser Eigen­schaft erwarb) sei dahingestellt.

Ent­schei­dend ist, der Autor ver­leiht ihr eben die­se schick­sal­haf­te Posi­ti­on und weiß dies im Rah­men sei­nes – vor allem durch jenen viel­sei­tig ein­setz­ba­ren Aus­spruch „Nach uns die Sint­flut“ – Gesamt­kon­zepts ein­leuch­tend zu argu­men­tie­ren, und ent­schei­dend eben auch, daß sie die letz­te ihrer Art war, auf dem Grat einer Zei­ten­wen­de balan­cie­rend, von dem sie ahnungs­voll in eine kata­stro­pha­le Zukunft Aus­blick zu hal­ten schien. Die­se Eigen­schaft hat sie mit allen im Text erwähn­ten his­to­ri­schen Per­so­nen gemein, die eben nicht mehr als Reprä­sen­tan­ten einer Tra­di­ti­on fun­gier­ten, son­dern Ver­kör­pe­run­gen eines Bruchs mit allem Her­ge­brach­ten, Über­lie­fer­ten waren (hier Filia­ti­on genannt), auch wenn sie , wie Jesus, ursprüng­lich als Voll­ender die­ser Tra­di­ti­on antra­ten, oder, wie das Kind der Revo­lu­ti­on, Napo­le­on, eine neue Tra­di­ti­on zu begrün­den such­ten und damit scheiterten.

Durch ein­dring­li­che Kurz­por­träts geschicht­lich bedeu­ten­der Per­so­nen gewinnt der Text an Anschau­lich­keit, gemein­sam ist die­sen allen auch, was das zwei­te Mot­to des Tex­tes zu sein scheint, näm­lich die Ver­sinn­bild­li­chung geschicht­li­cher und gesell­schaft­li­cher Brü­che durch die etwas eigen­wil­li­ge Erfin­dung des Begrif­fes „Bas­tar­di­sie­rung“, näm­lich der unge­wis­sen, ille­gi­ti­men Her­kunft und der Ver­ach­tung allen Her­kom­mens und aller gewach­se­nen Bindung.
Die Ursün­de und gleich­zei­tig Geburts­stun­de der tra­di­ti­ons­ver­ach­ten­den Moder­ne aber sieht der Autor im Jahr der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on 1789 als gege­ben an, wohl weni­ger, weil hier erst­mals einem Mon­ar­chen der Kopf vor die Füße gelegt wur­de (da waren die Eng­län­der mit der Ent­haup­tung Karls I rund ein Jahr­hun­dert frü­her bereits „fort­schritt­li­cher“ unter­wegs), son­dern wohl vor allem wegen der umfas­sen­den gesell­schaft­li­chen und welt­an­schau­li­chen Kon­se­quen­zen, die die­se zur Fol­ge hatte.

Wel­che Welt­an­schau­ung der Autor ver­tritt, ist weder in die­sen Pas­sa­gen, in denen auch aus­führ­lich auf den ultra­kon­ser­va­ti­ven De Maist­re Bezug genom­men wird, noch in andern Text­stel­len aus­zu­ma­chen. Er ver­tritt als Dia­gnos­ti­ker nur eine Posi­ti­on, und die ist jene sei­ner The­sen und der mög­lichst unan­fecht­ba­ren Unter­maue­rung der­sel­ben. Und die­se The­sen sind jeden­falls span­nend genug, daß man man­ches Gewalt­sa­me und Über­re­den­de sei­ner Argu­men­ta­ti­on und einer in Tei­len gewis­sen Will­kür­lich­keit des her­an­ge­zo­ge­nen poli­ti­schen oder sonst­wie bedeu­ten­den his­to­ri­schen Per­so­nals, mit dem er reich­lich beglau­bi­gend zu Fel­de zieht, ger­ne hint­an stellt.

Die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on erhält ihre sin­gu­lä­re Stel­lung als Geburts­stun­de der Moder­ne – einer Art explo­die­ren­der Super­no­va, deren Strah­lung bis weit in unse­re Zeit hin­ein­reicht – wohl auch des­we­gen, weil hier erst­mals bewußt und radi­kal auf den her­kömm­li­chen christ­li­chen Got­tes­be­zug ver­zich­tet und statt des­sen als obers­te Instanz eine Form ver­gött­lich­ter Frei­heit eta­bliert wur­de, deren ratio­na­lis­ti­scher rigi­der Cha­rak­ter in der Kon­se­quenz sei­ner ange­streb­ten Ver­wirk­li­chung in puren Ter­ror mün­de­te, in einem Welt – und Men­schen­bild, das in der Defi­ni­ti­on des neu­en Men­schen nicht weni­ger into­le­rant und eng­her­zig war als jedes belie­bi­ge tota­li­tä­re theo­lo­gi­sche Sys­tem. Es scheint, daß nicht nur der „Schlaf der Ver­nunft Unge­heu­er gebiert“, son­dern eben­so die abso­lut gesetz­te Ratio in ihrer bor­nier­ten Selbst­über­he­bung Mons­tren erzeugt.

Es scheint, daß die Reli­gio­si­tät (auch sie eine Form der Bin­dung, eine Form des Her­ge­brach­ten), die man zur Vor­der­tür hin­aus­schickt, zur Hin­ter­tür mit ungleich schreck­li­che­ren Eigen­schaf­ten und Ergeb­nis­sen wie­der her­ein­kommt. Die pseu­do­re­li­giö­sen tota­li­tä­ren Welt­an­schau­un­gen und dik­ta­to­ri­schen poli­ti­schen Sys­te­me der Neu­zeit kün­den davon. Beson­ders aus­führ­lich nimmt sich der Autor der Gene­se und des Ver­laufs des Mar­xis­mus sowje­ti­scher Prä­gung an, illus­triert mit eben­so bril­lan­ten wie kom­pak­ten Por­traits eini­ger sei­ner Haupt­prot­ago­nis­ten, die es in ihrer Heils­ge­wiß­heit und ihrem unduld­sa­men Sen­dungs­be­wußt­sein mit jedem Reli­gi­ons­grün­der auf­neh­men konn­ten, ohne den Men­schen wenigs­tens noch die Hoff­nung auf ein trös­ten­des Ent­kom­men aus ihrer zeit­li­chen Höl­le, ein aus­glei­chen­des Jen­seits zu las­sen (sie­he auch Höl­der­lin „Hype­ri­on“: „Immer­hin hat das den Staat zur Höl­le gemacht, daß der Mensch ihn zu sei­nem Him­mel machen wollte“).

Eine unheil­voll kon­se­quen­te Ent­wick­lung also, deren frü­hes­te Aus­for­mun­gen der Autor bereits im aus­ge­hen­den Mit­tel­al­ter bezie­hungs­wei­se in der Renais­sance ver­or­tet, eine genu­in euro­päi­sche Ange­le­gen­heit zwar, deren Strahl­kraft in der Fol­ge aller­dings glo­ba­le Wir­kun­gen zei­tig­te und dies immer noch tut. Die abso­lut gesetz­te Frei­heit bedingt auch eine Abso­lut­set­zung des Ich, des­sen miß­ver­stan­de­ne Frei­heit aber in einen Cir­cu­lus Vitio­sus mün­det und in eine Per­ver­si­on des­sen, was ein­mal tat­säch­lich Ori­gi­na­li­tät genannt wer­den konn­te. Weil die­ses Ich jedoch unter ande­rem auf­grund sei­ner Geschichts­lo­sig­keit sub­stanz­los ist, hechelt es ver­zwei­felt einer vor­geb­li­chen Ori­gi­na­li­tät nach, die es sich stän­dig um ihrer selbst wil­len ver­geb­lich zu bewei­sen ver­sucht, lächer­lich stolz auf sei­ne fort­ge­setz­ten Regel­ver­let­zun­gen ohne noch zu ver­let­zen­de Regeln vor­zu­fin­den. Aber auch unfä­hig, selbst Regeln auf­zu­stel­len, Tra­di­tio­nen zu begrün­den, einen ver­bind­li­chen Kanon zu eta­blie­ren, ange­sichts des­sen es dann end­lich wie­der Sinn machen wür­de, sich dar­an lust­voll abzu­ar­bei­ten und ech­te oppo­si­tio­nel­le Kräf­te und Inhal­te zu bilden.
Natür­lich ist Slo­ter­di­jks Blick­win­kel von gran­dio­ser Ein­sei­tig­keit bestimmt.

Reak­tio­när ist er des­we­gen, wie mache Rezen­sen­ten kon­sta­tie­ren, aller­dings nicht. Er ist ledig­lich Dia­gnos­ti­ker und weist als sol­cher mit gleich­sam distan­zier­ter Lei­den­schaft und mit unüber­biet­ba­rer Prä­zi­si­on auf einen Krank­heits­zu­stand hin. Was das zeit­ge­nös­si­sche Ich mit sei­ner Anbe­tung der Indi­vi­dua­li­tät betrifft, so ent­larvt er die­se Hal­tung als letzt­li­chen Man­gel an wah­rer Iden­ti­tät, als blo­ßen Kon­sum­in­di­vi­dua­lis­mus, des­sen qua­si spi­ri­tu­el­le Kon­sum­ab­hän­gig­keit, des­sen Drang nach ego­is­ti­scher mate­ri­el­ler Selbst­ver­wirk­li­chung nichts als Ersatz­be­frie­di­gung ist für ech­te Struk­tu­ren kul­tu­rel­len Selbst­be­wußt­seins und mensch­li­cher wie tran­szen­den­ter Bindungen.

(Peter Slo­ter­di­jk: Die schreck­li­chen Kin­der der Neu­zeit, Ber­lin: Suhr­kamp 2014. 489 S., 26.95 € – hier bestel­len.)

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Kommentare (4)

W. Wagner

4. September 2014 10:55

Glänzende Rezension, daraufhin werde ich mir das Buch nun doch anschaffen. Danke, auch für die Idee mehrere Besprechungen zu veröffentlichen!

Thomas Wawerka

4. September 2014 15:13

Japp, ich werds nun auch tun, obwohl ich schon für "Du musst dein Leben ändern!" zu lange gebraucht hatte. Ich schätze mehr die kürzeren Texte, die Essays, aber wenn der Urwald nun mal da ist ...

Knut

4. September 2014 16:19

Mich erinnert das alles sehr an die "Dialektik der Aufklärung".

Kritiker2

4. September 2014 20:01

In der Zeitgeschichte hat er wohl Schwächen, wenn er im Ersten Weltkrieg Italien auf die Seite der Mittelmächte schlägt und der "Überfall auf die Sowjetunion" darf auch nicht unerwähnt bleiben.

Ein maßlos überschätztes Buch.

Seine Argumentation wird mit dubiosesten "Beweisen" untermauert.

Randfiguren werden ins Zentrum gerückt. Da steht auch der alberne und dubiose Hugo Ball neben dem ernsthaften Heidegger. Dada neben Philosophie!

Eklektizistisch und synkretistisch. Ein wüster Durchmarsch durch die Geschichte im Zickzackkurs. Ein aufgeblasener Ballon.

Das Buch läßt sich in einem Satz zusammenfassen. Wozu die weiten Abschweifungen und geistigen Verrenkungen?

Ich habe letztlich nichts davon profitiert. Einfach banal.

Was soll uns das Buch sagen? Ich bitte um Nachhilfe.

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