Sezession
4. September 2014

Sloterdijks Kinder der Neuzeit – Leserrezension 1

Gastbeitrag / 4 Kommentare

PeterSloterdijk_KinderderNeuzeitsezession.de schrieb vor einigen Wochen einen Rezensionswettbewerb aus, Peter Sloterdijks jüngstes Werk (hier einsehen) steht zur Debatte. Von den bisher eingegangenen sieben Beiträgen veröffentlichen wir zunächst zwei, heute den der Leserin Gabriele Folz-Friedl.

Sloterdijks jüngstes Werk scheint mehr noch als alle seine voraufgehenden einen Nerv getroffen zu haben, was nicht nur Verkaufszahlen sondern allseits überbordende Rezeptionen beweisen. Ein Nerv ist stets zuverlässig dann getroffen, wenn es weh tut, und ein gewaltiges Weh muß es schon sein, was uns Kinder der Neuzeit zu in solchem Ausmaß schrecklichen deformiert hat, wie der Autor auf rund 500 Seiten eindringlich und sprachgewaltig darlegt. Was allerdings letzteres, nämlich die Sprachgewalt angeht, so spielen die Virtuosität und kapriziöse Selbstverliebtheit, mit der er das Thema abhandelt, dem Autor manchen Streich, indem häufig unnötig ins Bombastische, Überladene abgleitet, was sich auch und vielleicht sogar überzeugender, einfacher formulieren ließe, sodaß der Verdacht narzißtischer Eitelkeit nicht immer von der Hand zu weisen ist und dem letztlich doch in seinem wesentlichsten Anliegen zutiefst überzeugenden Text zuweilen schadet.

Hat man sich aber einmal eingelassen auf diesen rasanten, von Fremdwörtern und Neologismen strotzenden Metaphernwirbel, so vermag die artistische Eloquenz Sloterdijks, sein Aphorismen- und Anekdotenreichtum in seiner Brillanz durchaus mitzureißen. Ob der anläßlich eines gesellschaftlichen Ereignisses launig hingeworfene Ausspruch einer Madame Pompadour tatsächlich mit so viel Bedeutung aufgeladen werden kann, wie es hier geschieht, daß er sogar zu einer Art geheimem Motto dieses Buches hinaufstilisiert, ob in diese kapriziöse Salondame nicht überhaupt etwas zuviel hineingeheimnist wird (schließlich war ihre Stellung als „maitresse en titre“ im ancien regime nicht außergewöhnlich, allenfalls vielleicht die außergewöhnliche Machtfülle, die sie sich in dieser Eigenschaft erwarb) sei dahingestellt.

Entscheidend ist, der Autor verleiht ihr eben diese schicksalhafte Position und weiß dies im Rahmen seines - vor allem durch jenen vielseitig einsetzbaren Ausspruch „Nach uns die Sintflut“ - Gesamtkonzepts einleuchtend zu argumentieren, und entscheidend eben auch, daß sie die letzte ihrer Art war, auf dem Grat einer Zeitenwende balancierend, von dem sie ahnungsvoll in eine katastrophale Zukunft Ausblick zu halten schien. Diese Eigenschaft hat sie mit allen im Text erwähnten historischen Personen gemein, die eben nicht mehr als Repräsentanten einer Tradition fungierten, sondern Verkörperungen eines Bruchs mit allem Hergebrachten, Überlieferten waren (hier Filiation genannt), auch wenn sie , wie Jesus, ursprünglich als Vollender dieser Tradition antraten, oder, wie das Kind der Revolution, Napoleon, eine neue Tradition zu begründen suchten und damit scheiterten.

Durch eindringliche Kurzporträts geschichtlich bedeutender Personen gewinnt der Text an Anschaulichkeit, gemeinsam ist diesen allen auch, was das zweite Motto des Textes zu sein scheint, nämlich die Versinnbildlichung geschichtlicher und gesellschaftlicher Brüche durch die etwas eigenwillige Erfindung des Begriffes „Bastardisierung“, nämlich der ungewissen, illegitimen Herkunft und der Verachtung allen Herkommens und aller gewachsenen Bindung.
Die Ursünde und gleichzeitig Geburtsstunde der traditionsverachtenden Moderne aber sieht der Autor im Jahr der Französischen Revolution 1789 als gegeben an, wohl weniger, weil hier erstmals einem Monarchen der Kopf vor die Füße gelegt wurde (da waren die Engländer mit der Enthauptung Karls I rund ein Jahrhundert früher bereits „fortschrittlicher“ unterwegs), sondern wohl vor allem wegen der umfassenden gesellschaftlichen und weltanschaulichen Konsequenzen, die diese zur Folge hatte.


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Kommentare (4)

W. Wagner
4. September 2014 10:55

Glänzende Rezension, daraufhin werde ich mir das Buch nun doch anschaffen. Danke, auch für die Idee mehrere Besprechungen zu veröffentlichen!

Thomas Wawerka
4. September 2014 15:13

Japp, ich werds nun auch tun, obwohl ich schon für "Du musst dein Leben ändern!" zu lange gebraucht hatte. Ich schätze mehr die kürzeren Texte, die Essays, aber wenn der Urwald nun mal da ist ...

Knut
4. September 2014 16:19

Mich erinnert das alles sehr an die "Dialektik der Aufklärung".

Kritiker2
4. September 2014 20:01

In der Zeitgeschichte hat er wohl Schwächen, wenn er im Ersten Weltkrieg Italien auf die Seite der Mittelmächte schlägt und der "Überfall auf die Sowjetunion" darf auch nicht unerwähnt bleiben.

Ein maßlos überschätztes Buch.

Seine Argumentation wird mit dubiosesten "Beweisen" untermauert.

Randfiguren werden ins Zentrum gerückt. Da steht auch der alberne und dubiose Hugo Ball neben dem ernsthaften Heidegger. Dada neben Philosophie!

Eklektizistisch und synkretistisch. Ein wüster Durchmarsch durch die Geschichte im Zickzackkurs. Ein aufgeblasener Ballon.

Das Buch läßt sich in einem Satz zusammenfassen. Wozu die weiten Abschweifungen und geistigen Verrenkungen?

Ich habe letztlich nichts davon profitiert. Einfach banal.

Was soll uns das Buch sagen? Ich bitte um Nachhilfe.

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