Sezession
1. Juni 2006

Generation Nichtsnutz – Best Agers

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 14/Juni 2006

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

sez_nr_14Meinen Eltern gewidmet und ihren Freunden ins Stammbuch geschrieben, deren Dauerhohn über die „Dummheit, die goldenen Lebensjahre an die Enkel zu vergeuden" erstere beharrlich ignorieren

Was die semantischen Verwerfungen und die damit verbundenen Empfindsamkeiten angeht, ist es mit unseren Alten heute ganz ähnlich wie es einst mit den Negern war: Was als simpler, wertfreier Unterscheidungsbegriff eben noch eingängig war, verfiel auf einmal den komplizierten Regularien des politisierten Neusprechs: „Neger" galt plötzlich als diskriminierend und ähnlich wie „Schwarzer" nur als kämpferisch-trotzige Selbstbezeichnung akzeptabel, die Zuweisungen „Afro-Amerikaner" und „Afrikaner" ließen einen ohne genaue Herkunftskenntnis der gemeinten Person im dunkeln tappen, und ein weithin kursierendes reimloses Poem („Wenn ihr Weißen euch ärgert, werdet ihr rot", etc.) verwies auch die Bezeichnung „Farbiger" in den Bereich des Unerwünschten.

Vergleichbar sensibel gestaltet sich auch die Nomenklatur um jene Alten, die so - auch in Abgrenzung zu den älteren Alten, den Greisen - nicht genannt werden wollen. Da sie - es geht konkret um die Jahrgänge nach der Flakhelfergeneration, um die Geburtskohorten 1936-1950 - längst als zahlungskräftige Konsumentenzielgruppe entdeckt wurden, hat der Markt eine Vielzahl klangvoller Namen für sie entworfen: Generation 55+, Junge Alte, Best Agers, Golden Oldies, Silver Surfer, wobei letzteres wiederum die Frauen ausschließen dürfte: Damen ohne grauabdeckende Koloration sind eine aussterbende Spezies.
Den Begriff „Senior", so raten Marketingexperten, gelte es tunlichst zu vermeiden, er lasse Abwertung vermuten, klinge nach Altersheim und Rommérunde. Tabu auch: Rentner / Ruheständler (denn jetzt beginnt der Spaß doch erst!) sowie, möglichst auch privat nicht, Oma und Opa (Assoziation: Strickstrumpf, Pantoffel, beigebraune Klamotte, Erwartungshaltung der Kinder bezüglich Enkelbetreuung). Das er seine Power, Potenz und Progressivität betont und gleichzeitig als rohes Ei behandelt zu werden wünscht, gehört zu den herausragenden Kennzeichen des Best Agers. Empfehlung der Verkaufsstrategen: „Die Bedürfnisse älterer Menschen müssen berücksichtigt, dürfen aber nicht direkt angesprochen werden." Wer solches beherzigt, kann kräftig mitverdienen: Was früher für die Enkel gespart wurde, gönnen sich die Best Agers heute zunehmend selbst für einen Lebensabend, der nun zur entspannten Lebensmitte geworden ist. Die dreißig Millionen Deutschen über fünfzig bestimmen heute über mehr als vierzig Prozent des frei verfügbaren Kapitals, das sind sechshundert Milliarden Euro jährlich.
Höchst akribisch, in verschiedene Rubriken unterteilt, sammelt das Kölner „Büro gegen Altersdiskriminierung" jeden Witz, jede Werbebotschaft, jede toilettenfreie S-Bahn („eine Zumutung für Ältere!") und jede Zeitungsmeldung, die unter den Tatbestand des ageism fallen könnte, etwa:

Ein 65jähriger Mann möchte ein Segelschiff erwerben. Der Mann bezieht eine hohe monatliche Pension und er hat schuldenfreien Immobilienbesitz. Den Kaufpreis der Summe kann er komplett in bar aufbringen, möchte aber lieber ein Drittel der Summe, das sind 50.000 Euro, finanzieren. Er wendet sich deshalb an die Baufinanz-Bayern. Nach erfolgter Bonitätsprüfung erhält er folgenden Vordruck: „Aufgrund Ihres relativ hohen Alters können wir Ihren Antrag nur bearbeiten, wenn es in ihrem persönlichen Umfeld Personen gibt, die erheblich jünger als Sie sind und über ein gutes persönliches Einkommen verfügen. Diese Person(en) brauchten nicht Eigentümer ihrer Immobilie werden, sondern müssen nur als Mitantragsteller für das beantragte Darlehn auftreten."


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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