Protokoll: zwischentag in Bonn

Am Ende war es wieder ein ganz toller Tag, der uns ein Leben lang im Gedächtnis bleiben wird, weil wir zuvor einige Hürden überspringen mußten, um letztendlich in Bonn eine Büchermesse durchzuführen. Für eine Gesamtbewertung des zwischentages 2014 ist es noch zu früh. Also protokolliere ich kurz, was im Vorfeld der Messe und am Sonnabend in Bonn geschah.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

September/Oktober 2013. Bereits vor dem zwei­ten zwi­schen­tag spü­ren wir den hef­ti­gen Gegen­wind, dem sich die Mes­se bis heu­te stel­len muß. Weni­ge Wochen vor der Ver­an­stal­tung kommt es in Ber­lin zu einer Kün­di­gung der Räum­lich­kei­ten, die jedoch zum Glück wie­der zurück­ge­zo­gen wird. Weni­ge Tage nach der sehr erfolg­rei­chen Mes­se am 5. Okto­ber 2013 ver­üben radi­ka­le Lin­ke dann einen Farb­beu­tel­an­schlag auf den Veranstaltungsort.

Ende April 2014. Ich stel­le das neue Kon­zept vor. Mir ist zu die­sem Zeit­punkt bereits klar, daß es der­zeit nahe­zu unmög­lich ist, einen zen­tral gele­ge­nen Ver­an­stal­tungs­ort für eine Mes­se mit bis zu 1.000 Besu­chern zu fin­den. Des­halb soll der zwi­schen­tag durch Deutsch­land wan­dern. Mini­mal­ziel: 200 Besu­cher, 12 Aus­stel­ler und drei, vier Vor­trä­ge am Nachmittag.

Anfang Juni 2014. Ein geeig­ne­tes Hotel in Düs­sel­dorf ist gefun­den. Soll­te es hier zu einer Kün­di­gung kom­men, müß­te es doch wohl genü­gend Aus­weich­va­ri­an­ten geben, oder?

Ende Juni 2014. Es läuft zu die­sem Zeit­punkt zu gut: Bereits 20 Aus­stel­ler aus vier euro­päi­schen Län­dern haben sich für die Mes­se ange­mel­det. Nam­haf­te Refe­ren­ten wie Prof. Dr. David Engels haben Vor­trä­ge zuge­sagt. Ein­zi­ge Ent­täu­schung: Eini­ge Unter­neh­men aus dem liber­tä­ren und bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ven Spek­trum leh­nen eine Teil­nah­me am zwi­schen­tag grund­sätz­lich ab. Sie sind nicht ein­mal bereit, sich einem Streit­ge­spräch auf der Mes­se zu stel­len, obwohl sie jah­re­zehn­te­lang für Mei­nungs­frei­heit gestrit­ten haben. Ich tref­fe die – im Nach­hin­ein betrach­tet – fal­sche Ent­schei­dung, den zwi­schen­tag auf­grund der Nach­fra­ge doch etwas grö­ßer auf­zu­zie­hen. Wir buchen im Düs­sel­dor­fer Hotel zusätz­li­che Räu­me und könn­ten so locker 400 bis 600 Mes­se­gäs­te zulassen.

Ende Juli 2014. Das Hotel in Düs­sel­dorf kün­digt den Ver­trag mit uns. Alle Stadt­rats­frak­tio­nen der eta­blier­ten Par­tei­en, Regio­nal­pres­se und Anti­fa war­nen vor unse­rer Mes­se. Die Ver­hand­lun­gen mit ande­ren Hotels in den kom­men­den Tagen zei­gen, daß der öffent­li­che Druck Wir­kung zeigt. Kaum noch jemand ist bereit, unse­re Mes­se auf­zu­neh­men. Wir fin­den trotz­dem etwas, suchen aber wei­ter nach Alter­na­ti­ven, da neu­er­li­che Kün­di­gun­gen nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen. Weni­ge Tage nach der Kün­di­gung durch das Hotel zieht zudem Prof. Engels sei­ne Zusa­ge für sei­nen Vor­trag wie­der zurück.

Anfang August 2014. Als wir vor dem zwei­ten zwi­schen­tag eben­falls nach Alter­na­tiv­räum­lich­kei­ten suchen muß­ten, bot ein Leser sei­ne Hil­fe an. Der Ver­ein, in dem er als Geschäfts­füh­rer arbei­te, hät­te pas­sen­de Räu­me für uns, die abso­lut sicher sei­en. Ein­zi­ges Pro­blem: Sie lie­gen nicht in Ber­lin, son­dern im Wes­ten. Auf­grund unse­rer Pro­ble­me in Düs­sel­dorf kon­tak­tie­re ich den Leser wie­der, der nun noch ein­mal betont, daß wir bis zu drei Tagen vor Mes­se­be­ginn in sei­ne Ver­eins­räu­me umzie­hen könn­ten und er dabei über­haupt kei­ne Pro­ble­me sehe. Obwohl ich ihn war­ne, ist er sich wei­ter sicher, daß er auch die Lokal­pres­se im Griff hät­te. Die wür­den schließ­lich auch in Zukunft bei sei­nen Ver­eins­ver­an­stal­tun­gen Fotos schie­ßen wollen.

Wir sind uns münd­lich einig, den ursprüng­lich für Düs­sel­dorf geplan­ten zwi­schen­tag in die­se Ver­eins­räu­me zu ver­le­gen. Nach einem Vor-Ort-Ter­min kippt bei dem Leser jedoch die Stim­mung. Er hat gro­ße Sor­ge, daß es in der Woche nach der Mes­se zu Anti­fa-Anschlä­gen kom­men könn­te. Auch die­se Opti­on ent­fällt also.

Mitte/Ende August. In Düs­sel­dorf kün­digt unse­re letz­te Opti­on. Ich schi­cke einen Mit­ar­bei­ter mit einem Miet­wa­gen durch ganz NRW, um nach Alter­na­ti­ven zu suchen und mit allen Ver­mie­tern vor­her offen über alle mög­li­chen Pro­ble­me zu spre­chen. In Solin­gen, recht nah bei Düs­sel­dorf, fin­den wir etwas, in Duis­burg und in Dort­mund. Das Gespräch in Dort­mund läuft am bes­ten. Mein Mit­ar­bei­ter gewinnt den Ein­druck, daß die Ver­mie­te­rin zuver­läs­sig ist und sich im Vor­feld gründ­lich über unse­re Mes­se infor­miert haben muß, da sie von sich aus nach den uns lei­der bes­tens bekann­ten Stö­ren­frie­den fragt.

Anfang Sep­tem­ber. Alle Mes­se­gäs­te erhal­ten den Ver­an­stal­tungs­ort in Dort­mund zuge­schickt, doch es bleibt erstaun­lich ruhig. Die Aus­stel­ler wuß­ten ihn bereits eine Woche länger.

5. Sep­tem­ber, 12 Uhr. Die Anti­fa berich­tet über den Ver­an­stal­tungs­ort und bedankt sich bei einem aus­kunfts­freu­di­gen Aus­stel­ler für die Infor­ma­ti­on. Danach klin­gelt das Tele­fon in Dort­mund ohne Unter­bre­chung. Über Anti­fa-Sei­ten erfah­ren wir, daß sich die Ver­mie­te­rin zunächst mit der Poli­zei abspre­chen möch­te. Wir ste­hen selbst natür­lich auch mit der Dort­mun­der Poli­zei in tele­fo­ni­schem Kon­takt, die dar­auf hin­weist, daß es schwie­rig sei, unse­re Ver­an­stal­tung zu schüt­zen. In der Ver­gan­gen­heit muß­te sich die Poli­zei in Dort­mund mehr­mals den Vor­wurf gefal­len las­sen, sie grei­fe nicht hart genug gegen rechts durch. Damit scheint nun Schluß zu sein. Der zwi­schen­tag hat kei­ne Chan­ce in Dortmund.

5. Sep­tem­ber, 15 Uhr. Wir sind bereits unter­wegs nach Dort­mund, als die Ver­mie­te­rin absagt. An einem Rast­hof infor­mie­ren wir alle Aus­stel­ler und Mes­se­gäs­te über den Umzug nach Bonn auf das Haus der Alten Bres­lau­er Bur­schen­schaft der Rac­zeks, die über einen gro­ßen Gar­ten ver­fü­gen. Danach haben wir fünf Stun­den im Auto Zeit, um mit einer wack­li­gen Inter­net­ver­bin­dung und Tele­fon die Mes­se vor­zu­be­rei­ten. Zum Glück unter­stüt­zen uns die Mit­glie­der der Rac­zeks groß­ar­tig. Schon am Abend ste­hen 20 zusätz­lich ange­mie­te­te Bier­bän­ke zur Ver­fü­gung, die mit einem Trans­por­ter auf die Schnel­le besorgt wer­den konnten.

6. Sep­tem­ber, 9 Uhr. Es ist wie immer auf dem zwi­schen­tag. Natür­lich sind noch nicht alle Aus­stel­ler pünkt­lich zum Auf­bau da. Das wird noch zum Pro­blem, weil kurz nach neun die ers­ten Anti­fa-Akti­vis­ten ein­tref­fen, die den Ein­gang beset­zen. Die kurz dar­auf ein­tref­fen­de Poli­zei wirkt zunächst etwas hilf­los und unent­schlos­sen. Trotz­dem ver­si­chert der Ein­satz­lei­ter, daß er in Kür­ze die Spon­tan­de­mo der Lin­ken räu­men las­sen wer­de. Die­sen Wor­ten fol­gen weni­ge Taten. Unse­re Aus­stel­ler und Mes­se­gäs­te haben es sehr schwer, den Haus­ein­gang zu errei­chen. Eini­ge suchen auch erst ein­mal ein Café auf und kom­men etwas später.

11:30 Uhr. Mit einer hal­ben Stun­de Ver­spä­tung beginnt die Mes­se. Der Vor­trags­raum für ca. 80 Zuhö­rer ist sofort voll. Trotz der wid­ri­gen Umstän­de gelingt es, von 11:30 Uhr bis 17 Uhr ein durch­gän­gi­ges Begleit­pro­gramm durch­zu­füh­ren. Das Wet­ter spielt zum Glück auch mit (abge­se­hen von der letz­ten hal­ben Stun­de). Nur eine Gewerk­schaft namens GDL (Lok­füh­rer) ver­mas­selt eini­gen Inter­es­sen­ten, die mit der Bahn anrei­sen woll­ten, den Tag.

01

16:30 Uhr. Mein abschlie­ßen­der Vor­trag über den Nazi­vor­wurf beginnt. Es gibt aus mei­ner Sicht vier mög­li­che Reak­tio­nen, die alle­samt gefähr­lich sind: Anpas­sung an den Main­stream in vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam, Distan­zie­rung von absur­den Vor­wür­fen, Jam­mern und die Ver­nach­läs­si­gung von den eigent­lich wich­ti­gen Sach­the­men. Was wir in der Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Nazi­vor­wurf und sei­nen Begleit­erschei­nun­gen zu tun haben, ist aus­zu­lo­ten, was in Deutsch­land noch mög­lich ist und was nicht. Kon­kret heißt das, daß der Umgang mit unse­rem Kreis zeigt, wel­che eigent­lich selbst­ver­ständ­li­chen Frei­hei­ten wirk­lich allen Bür­gern gewährt wer­den und wel­che zu Exklu­siv­rech­ten für die­je­ni­gen mit der „rich­ti­gen“ oder einer belang­lo­sen Gesin­nung ver­kom­men sind.

Das Fern­se­hen und die Pres­se in Nord­rhein-West­fa­len haben bis­her nur über die Pro­tes­te gegen den zwi­schen­tag, nicht aber über die Mes­se selbst und die dort ver­tre­te­nen Auf­fas­sun­gen berich­tet. Auf zwischentag.de und Face­book fin­den sich eini­ge Fotos von der Mes­se, PI hat bereits einen Bericht gelie­fert und auch der Poli­zei­be­richt ist sehr aufschlußreich.

Wie es wei­ter­geht, wer­den wir nun gründ­lich ana­ly­sie­ren. Klar ist: Wir haben ein gro­ßes Publi­kum, das sich für die Mes­se inter­es­siert, wir ver­fü­gen über aus­rei­chend inter­es­san­te Aus­stel­ler, und wir wer­den in ande­ren Regio­nen Deutsch­lands (mit weni­ger Auf­wand als dies­mal) Räu­me finden.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (6)

Ein gebürtiger Hesse

8. September 2014 19:47

Ausgezeichnet, daß Sie alle durchgehalten und den Vereitelungsversuchen getrotzt haben. Das Zustandekommen dieses Zwischentages ist ein echter Sieg, zu dem ich Sie beglückwünsche!

Thomas

8. September 2014 21:34

Eine erschütternde Chronologie darüber, wie weit es in Deutschland inzwischen gekommen ist ..

Reichsvogt

8. September 2014 21:51

Erinnert mich an die 1. JF Sommerakademie in Ravensburg 1993. Guter Beginn in der Jugendherberge. Linkes Volk taucht auf. Diskussion der örtlichen Politik. CDU kippt um. Zunehmende Belagerung, Irritation und Ängstlichkeit anderer Herbergengäste. Herbergsvater Hosen voll, Angst um Sicherheit der anderen Gäste. Abbruch und Umzug mit dem Zug auf das Haus der Burschenschaft Rheno-Alemannia Konstanz und erfolgreiche Fortführung. Eigentlich hat sich in 21 Jahren wenig geändert. Außer, daß wir in Berlin 2 große Zwischentage fast unbehelligt abhalten konnten. Das hatte ich nicht erwartet.

Leo

9. September 2014 04:32

Ja, dass es in Berlin so ruhig sein würde beim 2. ZT hatte ich auch nicht erwartet, aber es war sehr angenehm so (Kind schlief zwischendurch!).
Der diesjährige ZT kam für mich nicht in Frage, da ich dienstlich vom 1. bis 5. unterwegs war (und privat was für den 6./7. vorhatte). Tendenziell halte ich einen Veranstaltungsort in Mitteldeutschland für besser - aus diversen Gründen - der Grund, Berliner zu sein, ist nur einer...
Ansonsten, allen Unkenrufen der letzten Zeit zum Trotz, glaube ich, dass sich - nach 25 Jahren, wieder mal aus Sachsen kommend - der Wind dreht. Man muss die AfD nicht mögen. Ein Fenster für frischeren Wind ist dennoch geöffnert worden. Punkt!

eulenfurz

9. September 2014 22:06

Vielen Dank für das Protokoll. Es ist richtig und wichtig, derartiges zu dokumentieren, und erschütternd, wie weit es schon gekommen ist.

WahrerSozialDemokrat

11. September 2014 20:44

Ich möchte mich zuerst bei den Veranstaltern und allen Mitwirkenden ganz herzlich für die Müh bedanken! Mit der Bitte „Never Surrender“, sprich weitermachen.

Zur Veranstaltung selbst kann ich wenig sagen, da ich erst am späten Nachmittag dazu stoßen konnte. Dennoch fand ich das Ambiente eher angenehm als unangenehm. Extra Dank dafür an die Gastgeber der Burschenschaft Raczeks.

Der Zwischentag ist nicht nur wegen der Vorträge wichtig (wie gesagt ich war zu spät), sondern auch um verschiedene Vertreter des noch „nonkonformen Mainstreams“ auch mal persönlich kennenzulernen. Da hört man von dem, da liest man was von jenem und dann trifft man sie auch mal. Ich mag da komisch sein, aber ich muss Menschen, deren Meinung(en) ich schätze auch mal hautnah erleben, um mir wirklich ein Urteil über sie oder über ihr Gesagtes und Geschriebenes zu bilden, da reicht mir Bewegung, Mimik, der zwischenmenschliche Umgang.

Ich war insgesamt positiv begeistert!

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