Ikone und Ethos in der grichischen Orthodoxie

pdf der Druckfassung aus Sezession 18/Juni 2007

sez_nr_181

von Dimitrios Kisoudis

In Europa würde man erwartet haben, daß Samuel Huntington mit seiner Forderung nach einer Abtrennung Griechenlands vom westlichen Großraum auf Widerstand in diesem klassischen Land des Okzidents stieße. Der antiwestliche Denker Christos Giannaras sprach mit seiner Zustimmung jedoch für all jene Griechen, die nicht dazu bereit waren, den Doppeladler für einen Stern im europäischen Blau zu entlassen. Und vielleicht ist das Festhalten an der orthodoxen Tradition auch in politischer Hinsicht weitsichtig, denn im Gegensatz zum religiös zersplitterten „Westen" wird Huntingtons orthodoxer Kulturraum von einer einzigen, lebendigen Institution gedeckt.

 Gastbeitrag

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Zwei Kenn­zei­chen, die in Euro­pa immer wie­der als cha­rak­te­ris­tisch für die Ost­kir­che emp­fun­den wur­den, sind die Iko­nen­ver­eh­rung und der „Natio­na­lis­mus” in den autoke­pha­len, also selbst­ver­wal­te­ten Teil­kir­chen mit eige­nem Ober­haupt. Dabei mar­kie­ren bei­de Erschei­nun­gen nicht etwa theo­lo­gi­sche Unter­schie­de zu den west­li­chen Kir­chen, son­dern wer­den in der ortho­do­xen Theo­lo­gie für gewöhn­lich der Oiko­no­mia, also dem gött­li­chen Heils­plan, zuge­rech­net. Las­sen sich an Eikon und Eth­nos auch kei­ne dog­ma­ti­schen Eigen­hei­ten fest­ma­chen, so kön­nen bei­de Begrif­fe doch zur her­me­neu­ti­schen Annä­he­rung an die poli­ti­sche Stel­lung der Ortho­do­xie im heu­ti­gen Grie­chen­land dienen.
Die Kunst­form der Iko­ne ist im drit­ten und vier­ten Jahr­hun­dert nach Chris­tus ent­stan­den und bin­det ver­schie­de­ne Dar­stel­lungs­tra­di­tio­nen an die vor­her­ge­hen­de Geschich­te des Begriffs Eikon, in der sich die pla­to­ni­sche Sicht­bar­keit des Denk­ba­ren mit der jüdi­schen, dann mit der christ­li­chen Gott­eben­bild­lich­keit ver­ei­nigt. Nach­dem das Trul­la­num, das 691 / 92 von Kai­ser Jus­ti­ni­an II. in Kon­stan­ti­no­pel zur kano­ni­schen Recht­set­zung ein­be­ru­fe­ne Kon­zil, durch sei­nen Kanon 82 die sym­bo­li­sche Dar­stel­lung Chris­ti als Lamm durch die wirk­lich­keits­na­he Dar­stel­lung sei­ner Ernied­ri­gung am Kreuz ersetzt hat­te, wur­de die Iko­ne im Bil­der­streit zum Poli­ti­kum. In der ers­ten Pha­se des Bil­der­streits im ach­ten Jahr­hun­dert reagiert Johan­nes von Damas­kus auf bil­der­feind­li­che Hand­lun­gen des Kai­sers Leon III. mit drei Reden. Dar­in hält er dem Nomos – gemeint ist das mosai­sche wie das dadurch gestütz­te kai­ser­li­che Gesetz – die Iko­ne ent­ge­gen. Nach dem Zitat von Hebrä­er 8, 5 fragt Johan­nes die Bil­der­fein­de: „Wenn nun das Gesetz Bil­der ver­bie­tet, selbst aber nur der Umriß eines Bil­des ist, was sol­len wir da sagen?”
In der zwei­ten Pha­se des Bil­der­streits, im neun­ten Jahr­hun­dert, pocht Theo­dor Stu­di­tes, der Abt des Stu­di­on-Klos­ters, gegen das bil­der­feind­li­che Argu­ment, Jesus Chris­tus sei nicht dar­stell­bar, weil er nicht die Gestalt eines ein­zel­nen, son­dern des „Men­schen im all­ge­mei­nen” ange­nom­men habe, auf den kon­kre­ten Voll­zug der Mensch­wer­dung in der Per­son mit Namen Jesus. Gegen­über Häre­si­en, für die sich die Mensch­wer­dung nicht in vol­lem Maße (Mono­phy­si­tis­mus) oder nicht in Wirk­lich­keit (Doke­tis­mus) voll­zog, bezeugt die Iko­ne deren kon­kre­te Fül­le. Anhand die­ses greif­ba­ren Zusam­men­hangs von Men­schen­bild und Mensch­wer­dung läßt sich ver­ste­hen, was der Erz­bi­schof von Athen und ganz Grie­chen­land Chris­to­dou­los mein­te, als er im Mai 2000 in sei­ner Rede über „Kir­che und Men­schen­rech­te” anpran­ger­te, der „gott­lo­se Huma­nis­mus” habe zu einem „Mit-Füßen-Tre­ten der mensch­li­chen Iko­ne” und zum „Sturz des mensch­li­chen Bil­des in die Abgrün­de der Ver­leug­nung jeder mensch­li­chen Wür­de” geführt, weil er den Men­schen von Gott und mit­hin von der Mensch­wer­dung abge­löst habe. Und wie das Kreuz in Bay­ern ist die Iko­ne auch heu­te wie­der Gegen­stand poli­ti­scher Strei­tig­kei­ten mit dog­ma­ti­schem Hin­ter­grund: Im Namen der libe­ra­len Reli­gi­ons­frei­heit soll sie aus grie­chi­schen Schu­len und Gerichts­sä­len verschwinden.

Wäh­rend die Iko­nen­ver­eh­rung, die ja in gerin­ge­rem Aus­maß auch in der katho­li­schen Kir­che anzu­tref­fen ist, in Euro­pa noch mit Wohl­wol­len als Volks­fröm­mig­keit wahr­ge­nom­men wird, gilt dem zweit­ge­nann­ten Cha­rak­te­ris­ti­kum der ortho­do­xen Kirche(n) nur Ver­ach­tung: Aus­ge­rech­net der preu­ßi­sche Hof­theo­lo­ge Adolf von Har­nack hat den Natio­na­lis­mus ein­mal als „Holz­wurm” der ortho­do­xen Kir­che bezeich­net. Hier ist zunächst begriff­li­che Vor­sicht gebo­ten: Eth­nos ist nicht im Sin­ne der deutsch-roman­ti­schen Sprach­na­ti­on und auch nicht als eine Art fran­zö­si­scher Staats­na­ti­on zu ver­ste­hen. In Aris­to­te­les’ Poli­ti­ka bezeich­net der Begriff – im Gegen­satz zur Polis – einen Ver­band gleich­ar­ti­ger Men­schen. Nach der Ver­wen­dung von Eth­nos als nega­ti­vem Gegen­be­griff zu Laos im Alten (hei­li­ges Volk der Juden) und im Neu­en Tes­ta­ment (hei­li­ges Volk der Chris­ten), dau­er­te der Gebrauch des Wor­tes zur Fremd­zu­schrei­bung an. Erst im Osma­ni­schen Reich, wo das Patri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel welt­li­che Pflich­ten über­nahm, um den herrscher­lo­sen ortho­do­xen Eth­nos sicher durch die­se heils­plan­mä­ßi­ge Auf­er­le­gung zu füh­ren, erleb­te Eth­nos eine posi­ti­ve Umdeu­tung: Der Patri­arch über­nahm auch den zwei­ten, kai­ser­li­chen Kopf des Dop­pel­ad­lers und wur­de zum „Ethnar­chen”.
Der grie­chi­sche Anteil am ortho­do­xen Eth­nos, der sich zur Revo­lu­ti­on hin zuneh­mend als eige­ner (Hypo-)Ethnos absetz­te, ging 1822 in die ers­te grie­chi­sche Ver­fas­sung von Epi­dav­ros ein: Das Ver­fas­sungs­volk besteht dem­nach aus „allen ein­hei­mi­schen Bewoh­nern des Ter­ri­to­ri­ums Grie­chen­land, die an Chris­tus glau­ben.” Gemäß der Ver­fas­sungs­leh­re von Carl Schmitt kann man also sagen, daß die Sub­stanz der demo­kra­ti­schen Gleich­heit in Grie­chen­land von Beginn an eine reli­giö­se ist – wenn in Anbin­dung an die Reli­gi­on sicher auch Her­kunft und Spra­che von Bedeu­tung sind. In der heu­ti­gen grie­chi­schen Ver­fas­sung schlägt sich die­se Sub­stanz immer noch in eini­gen Arti­keln nie­der, vor allem in Arti­kel 3 Absatz 1, der die Reli­gi­on der öst­lich-ortho­do­xen Kir­che als „vor­herr­schend” bezeich­net. „Vor­herr­schend” meint nicht, wie von Ver­fas­sungs­recht­lern oft behaup­tet, ein sta­tis­ti­sches Fak­tum, son­dern die kul­tu­rel­le Sub­stanz des grie­chi­schen Staates.
Jede Ver­fas­sungs­re­vi­si­on in Grie­chen­land – auch die dies­jäh­ri­ge – wird von For­de­run­gen danach beglei­tet, Arti­kel 3 abzu­schaf­fen oder mit einem neu­tra­li­sie­ren­den Zusatz zu ver­se­hen. Der anti­by­zan­ti­ni­sche Affekt des grie­chi­schen Ver­fas­sungs­rechts wur­de maß­geb­lich von einem Büch­lein beein­flußt, in dem der ehe­ma­li­ge Rek­tor der Uni­ver­si­tät von Athen, Micha­lis Sta­tho­pou­los, die voll­stän­di­ge Rei­ni­gung der Ver­fas­sung von ortho­do­xer Sub­stanz ver­lang­te. Als sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Jus­tiz­mi­nis­ter lei­te­te er 2000 auf den län­ger zurück­lie­gen­den Tadel im Beschluß B3-0061/93 des euro­päi­schen Par­la­ments hin die Strei­chung des Bekennt­nis­ses aus den Per­so­nal­aus­wei­sen in die Wege. Die über­wäl­ti­gen­de Unter­schrif­ten­samm­lung der Kir­che gegen die­se Löschung des grie­chi­schen Kir­chen­vol­kes aus dem Staats­volk blieb letzt­lich nur ein sym­bo­li­scher Akt.
Ein schein­bar mil­de­rer Vor­schlag zur reli­giö­sen Neu­tra­li­sie­rung der grie­chi­schen Ver­fas­sung wur­de vom ehe­ma­li­gen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kul­tus- und Jus­tiz­mi­nis­ter Evan­ge­los Veni­zelos unter­brei­tet: Der Ver­fas­sungs­recht­ler for­dert in Anleh­nung an die fran­zö­si­sche Char­te con­sti­tu­tio­nel­le von 1814 einen inter­pre­ta­to­ri­schen Zusatz, wonach unter vor­herr­schen­der Reli­gi­on „die Reli­gi­on der Mehr­heit” zu ver­ste­hen sei. Ver­mut­lich geht Veni­zelos von der Annah­me aus, daß die ortho­do­xen Grie­chen wei­ter­hin die unan­ge­foch­te­ne Mehr­heit des Ver­fas­sungs­vol­kes bil­den wer­den. Bedenkt man jedoch die nied­ri­gen Gebur­ten­ra­ten inner­halb die­ser Mehr­heit und den stei­gen­den Unwil­len zur kirch­li­chen Hoch­zeit, der sich – fällt der Druck der älte­ren Genera­ti­on weg – zu einem Unwil­len zur Tau­fe aus­wach­sen kann, und nimmt die um eini­ges höhe­re Gebur­ten­ra­te inner­halb der tür­ki­schen Min­der­heit mit grie­chi­scher Staats­bür­ger­schaft in Thra­ki­en und der zahl­rei­chen ein­bür­ge­rungs­wil­li­gen Alba­ner hin­zu, so scheint hier Demo­kra­tie wie­der ein­mal ohne Demo­gra­phie gedacht.
Aller­dings ver­fügt die Kir­che noch über genü­gen­de Macht­mit­tel, um sub­stan­ti­el­len Rodun­gen ent­ge­gen­zu­wir­ken. Da die For­de­run­gen nach einer Tren­nung von Ver­fas­sung und Chris­ten­tum auf euro­päi­scher Ebe­ne ihren Aus­gang neh­men, wird die grie­chi­sche Kir­che wei­ter poli­ti­schen Anschluß an Ruß­land suchen, wo die Kir­che nach Jahr­zehn­ten der Unter­drü­ckung wie­der ins Recht gesetzt ist. Wie es auf Dau­er um das Amt des Öku­me­ni­schen Patri­ar­chen bestellt sein wird, der als Beam­ter des tür­ki­schen Staa­tes aus dem schwin­den­den Teil des grie­chi­schen Eth­nos mit tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit rekru­tiert wer­den muß, ist unklar. Wich­ti­ger aber erscheint die Fra­ge, wie sich die Ein­heit der Ortho­do­xie, der­zeit noch in der dog­ma­ti­schen Bin­dung aller Teil­kir­chen an Kon­stan­ti­no­pel bestehend, wah­ren läßt.

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