Sezession
9. September 2014

Sloterdijks schreckliche Kinder der Neuzeit – Leserrezension 2

Gastbeitrag / 12 Kommentare

PeterSloterdijk_KinderderNeuzeitsezession.de schrieb vor einigen Wochen einen Rezensionswettbewerb aus, Peter Sloterdijks jüngstes Werk (hier einsehen) steht zur Debatte. Von den bisher eingegangenen sieben Beiträgen veröffentlichen wir nachfolgend den zweiten, heute den des Lesers Peter Niemann.

Der Alltag in westlichen Gesellschaften ist angefüllt mit Paradoxien. So scheint z.B. die Vereinsamung der Menschen stetig anzuwachsen obwohl sie in urbane und damit dicht von Menschen besiedelte Zentren wohnen und obwohl sie zunehmend in einer Vielzahl an reellen und virtuellen Netzwerken integriert sind, Politiker fordern Nachhaltigkeit und fällen Entscheidungen die genau dieser Forderung zuwiderlaufen und Menschen wandern einer Gesellschaft zu um gerade in ihr Ressentiments gegen diese aufzubauen obwohl sie von ihr in höchstem Maße abhängig sind und erst diese ihnen eine sorgenarme Existenz ermöglicht.

Homosexuelle verbünden sich bei bestimmten politischen Themen mit Menschengruppen, die diesen in der Werteorientierung auf vielen Ebenen diametral entgegenstehen und während viele Menschen mit einem gewissen Exhibitionismus ihre zum Teil absurden Tätowierungen, Piercings und damit ihre Körper obszön zur Schau stellen, laufen nur wenige Schritte von ihnen entfernt Menschen, die zum Teil bis auf wenige Quadratzentimer ihre gesamte Haut mit religiös bedingten Tüchern verhüllt haben.

Der Ursprung des gegenwärtigen Gesellschaftsmodells und eben dieser aus ihm stammenden Paradoxien scheint jedoch bisher unerklärt geblieben zu sein, trotz jahrzehntelanger Forschung, Studien und Erklärungsmodellen. Unaufhaltsam schreitet die Entwicklung der sogenannten Moderne voran mit immer neuen, zum Teil absurd wirkenden Auswüchsen, doch spätestens seit der Finanzkrise von 2007/2008 aus der beinahe eine Systemkrise geworden wäre, ist auch in den Chefetagen der Wirtschaft und Politik ein flaues Magengefühl entstanden – man will die Moderne erklärt wissen. Hieran wagt sich der Philosoph Peter Sloterdijk und die Hoffnungen sind hoch gesteckt wenn er versucht Teilaspekte des Phänomens Moderne in seiner Monographie „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit” zu erklären.

Wenngleich ihm dieses Unterfangen letztendlich nicht ganz gelingt, so schmälert das nur in geringem Maße sein jüngstes Werk: Das Buch ist lesenswert, absolut lesenswert. In dem für ihn typischen assoziativen, gelegentlich grenzwertig tangentiellen, und manchmal ans Plaudern angelehnte Erzählton bietet er seinem Leser nicht nur eine einzelne, sondern eine Sturzflut an Wirkungsursachen an. Die von ihm angegebenen Erklärungsmuster und Beispiele prasseln nur so nieder auf den Leser und selbst viele der Fußnoten enthalten Denkanstösse, die bei anderen Autorden mitten im Text, aber bei einem derart breit gebildeten Autor wie Peter Sloterdijk gerade wegen seines extrem hohen Textinhaltes eben in den Fußnotenbereich ausgelagert wurde.

Das Hintergrundwissen des Autors ist, wie man es von ihm kennt, abgrundtief – wenngleich er vor allem auf französisch-, deutsch- und englischsprachige Werke zurückgreift und damit wesentliche Impulse des russischen und asiatischen Raumes nur gering oder gar nicht beleuchtet – und das Buch fordert selbst den gebildetesten Leser angsichts des überreichen Wissen- und Wortschatzfundus heraus. Jede Seite ist eine Belohnung, jedes Kapitel ein intellektuelles Erlebnis.

Zunächst ist es wenig überraschend wenn sich Sloterdijk bei seinen Gedankenkonstrukten oft auf Friedrich Nietzsche und zu einem etwas geringeren Teil auf Martin Heidegger stützt und der Französischen Revolution von 1789 eine maßgebliche Rolle in der Entstehung der Moderne zuerkennt. Doch spätestens hiernach enhält Sloterdijks Buch Seite um Seite Überraschungen: Für ihn ist beispielsweise der Gang der Geschichte nach der Französischen Revolution weniger eine gelenkte Entwicklung als ein stetes „Vorwärtsstürzen” bei der Improvisationsgenies wie Napoleon oder Lenin ihre prominenten Rollen nicht eben wegen eines überlegenen Konzeptes oder Intellektes spielen, sondern weil sie genialisch die chaotisch ablaufenden Entwicklungen durch kurzzeitige Anpassungen ihrer Pläne zu ihren Gunsten nutzen. Ein Vorwärtswurschteln, mit immer weniger Rückschau auf Vergangenes, kennzeichnet laut Sloterdijk die Moderne und ihre Entstehung.


 Gastbeitrag

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Kommentare (12)

eulenfurz
9. September 2014 22:46

Eine wunderbare Idee, Gastleser Rezensionen schreiben zu lassen und damit etwas buntes Treiben in diesen Blog zu bringen.

Ein Fremder aus Elea
10. September 2014 08:39

Vielen Dank für die Rezension, Herr Niemann.

Mir scheint der tangentiale Ansatz hingegen nicht auf eine Anwort, sondern auf eine Frage abzuzielen, nämlich was im Zentrum der so beschriebenen Sphäre liegt.

eulenfurz
10. September 2014 12:05

Der zweite - kritische - Teil meines obigen Kommentars, welcher nun wie ein hilfloser Jubelperserzuruf aussieht, bezog sich auf die mangelhafte Orthographie. Falls der angeführte Vergleich nicht angebracht war, so möchte ich diesen Kritikpunkt dennoch loswerden und anfügen.

Peter Niemann
10. September 2014 20:19

Dasz meine Rezension gelesen wurde, freut mich - noch mehr freue ich mich ueber Anmerkungen und Kritik, gerade auch negative wie die des Eulenfurzes. Orthographieunregelmaeszigkeiten? Gut, zur Kenntnis genommen, Danke! An den Fremden aus Elea: Ich bitte um Erlaeuterung, d.h. inwieweit der tangentiale Ansatz auf eine Frage abzielt und auf welche.
Nachsatz zu obiger Rezension: Ich verstehe das Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" als einen Hilferuf Peter Sloterdijks - er versucht krampfhaft die Moderne und das dahinter stehende Phaenomen zu ergruenden. Das ist doch schluszendlich was die meisten von uns hier im Forum und in der Sezession versuchen - woher kommt das scheinbar Chaotische, das Vergangene negierende der Moderne? Das Buch ist eine gelungene Aneinanderreihung an Beobachtungen und Erklaerungsmuster.

Bernhard
11. September 2014 20:20

Wo das Buch aufhört, wird es erst interessant. Wenn die richtigen Erkenntnisse bei Sloterdijk sich in dem Tempo weiter entwickeln, ist Europa eher islamisch, als daß er uns eine Lösung präsentiert.

Wir brauchen keine Analysen mehr, wir brauchen Lösungen. Die Uhr läuft ab.

Knut
12. September 2014 15:38

@Bernhard

Und du wünscht dir also das Jemand ein Buch schreibt wo diese Lösung drinsteht? Ich empfehle den Garten umzugraben. Also, ravaillons sans raisonner, c'est le seul moyen de rendre la vie supportable!

Peter Niemann
12. September 2014 17:39

Gerichtet an Bernhard: P. Sloterdijk weist mit seinem rhetorischen Finger auf eine Loesung des von ihm analysierten Modernedilemmas. Er drueckt sie deswegen so vorsichtig in seinem Buch aus, weil sie keine neue, sondern eine altbekannte und -bewaehrte Loesung ist - das Bewahren der generationalen Kontinuitaet, die Weitergabe der Vergangenheit an die Zukunft. Die Loesung ist einfach und banal: Kinder kriegen und aktiv groszziehen.

Bernhard
14. September 2014 16:20

@ Knut und Peter Niemann

Nichts gegen die Analyse. Damit kann man schon festmachen, was schief gelaufen ist und wie es besser sein sollte. Doch das reicht mir nicht.

Das "Zeitfenster" schließt sich.

Je länger wir die Lösung herausschieben, um so härter müssen die Maßnahmen sein.

Das Hauptproblem ist: Es gibt keinerlei Anzeichen für die erforderliche radikale Wende.

Was folgt daraus?

Noch hunderte weiterer kryptischer oder vorsichtig formulierter Analysen?
Dann kann man gleich schon ein Buch mit dem Titel "Warum es zu keiner Wende kam" schreiben.

Wir müssen nicht nur Kinder produzieren (ich habe drei) und sie dem System zur Verfügung stellen, damit sie dort umerzogen und verdorben werden:

We must secure the existence of our people and a future for white children.

Nur wie? Das ist es, was mich interessiert und worauf ich keine Antwort habe. Ganz alleine damit sollten wir uns beschäftigen, solange wir es noch können.

Kann man von einem systemintegrierten Philosophen nicht mehr verlangen, als eine weitschweifige, vorsichtig formuliere Analyse, deren Inhalt seit Jahrzehnten nun wirklich nichts, aber auch wirklich gar nichts Neues enthält?

Wir müssen uns vorwärts bewegen und nicht auf der Stelle treten.

Klaus F.
16. September 2014 05:42

Bernhard
Donnerstag, 11. September 2014, 20:20 (URL) | Kurz-URL

Wo das Buch aufhört, wird es erst interessant. Wenn die richtigen Erkenntnisse bei Sloterdijk sich in dem Tempo weiter entwickeln, ist Europa eher islamisch, als daß er uns eine Lösung präsentiert.
Wir brauchen keine Analysen mehr, wir brauchen Lösungen. Die Uhr läuft ab.

Dazu braucht es keinen Sloterdijk, um uns die zu präsentieren. Im Innern wissen wir alle, daß es von der Erkenntnis dieses Problems bis zu seiner Beseitigung nur eine kurze, gerade Linie ist. Die Aussicht darauf ist allerdings so häßlich, daß wir davor mehr Angst haben als vor dem Feind. Also lieber gar nicht erst darüber nachdenken...

Hartwig
17. September 2014 14:24

Gab es in der Vergangenheit je eine Epoche von solch gigantischem Substanzverzehr wie in der Heutigen? Wohl gemerkt bei relativer Betrachtung?
Im Sezessionsheft "Heimatboden" wurde das rigorose Anzapfen der gespeicherten Sonnenenergie (Kohle, Öl) der vergangenen Jahrmillionen thematisiert; ein Umstand, ohne den Massendemokratie nicht möglich wäre.
Nicht anders das umstandslose Fallenlassen religiöser Verankerungen, auf denen die gesellschaftliche Ordnung, später dann das Rechtssystem begründet wurden.
Ein Schlaraffenland aus Discount-Brathähnchen und der medial vertriebenen Langeweile ist zum Domizil derer geworden, die in die westliche Welt hinein geboren werden. Selbst Katastrophen und Skandale, auch Politik, dienen nur noch dem Entertainment.
Oft ist von Crash oder Krise die Rede, wobei das Kommende eigentlich nur noch einer Apokalypse ähneln kann.
"Nach mir die Sintflut" als Breitenmentalität trifft es genau. Und deshalb scheint mir der Ruf nach "Lösungen" sinnlos zu sein.

Berend Rangstorff
19. September 2014 17:56

Götz Kubitschek schrieb zur Veröffentlichung seiner Rezension hier im Netz die Vorbemerkung:

Ich las Sloterdijks Buch in Abschnitten unter dem Druck, ein ertragreiches Buch auf einer knappen Seite darzustellen. Nun lese ich noch einmal und in die Verästelungen hinein. Außerdem stelle ich allen Lesern folgende Aufgabe: Bis Ende August sind unter redaktion(at) sezession.de Rezensionen dieses Buchs einzureichen, die beiden besten werden hier veröffentlicht (wenn gewünscht auch unter Pseudonym) und honoriert, jede weitere gelungene wird mit einem der neuen Antaios-Notizbücher bedacht. Ich halte Sloterdijks Buch für sehr wichtig.

Zwei Leserrezensionen - die "beiden besten" - sind nun zu lesen, ebenso eine Reihe von Kommentaren zu allen drei. Bleibt die Frage an G.K., ob er damit die Diskussion des Buches für abgeschlossen hält, oder ob er jetzt, ohne Zeitdruck und Raumbegrenzung, noch eine ausführlichere Besprechung plant.

nw2013
25. Januar 2015 09:05

Sehr schön: "Sturzflut an Wirkungsursachen"! Ich fand das Buch ebenfalls lesenswert und durchaus unterhaltsam.
https://notizhefte.wordpress.com/2015/01/18/peter-sloterdijk-die-schrecklichen-kinder-der-neuzeit/

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