Sezession
24. September 2014

Moderne oder Postmoderne?

Götz Kubitschek / 20 Kommentare

natoll

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Der Geschichtsphilosoph Hauke Ritz, Jahrgang 1975, hat für die „Wissenschaftlichen Beiträge des Ostinstituts Wismar“ eine interessante Frage beantwortet: „Besitzt der gegenwärtige Konflikt mit Rußland eine kulturelle Dimension?“ lautet der Titel seines Aufsatzes. Ritz verweist zunächst auf die historische und geographische Nähe Rußlands zur Entwicklung des Westens bis ins 19. Jahrhundert und „die kulturelle Einheit des europäischen Kontinents, die Rußland mit einschloß“. Er markiert als Bruch das Jahr 1917 und entwickelt daraus die These, daß eine erneute Annäherung seit 1990 an der Unvereinbarkeit von Moderne (Rußland) und Postmoderne (Westen) scheitere.

Im Kern gehe es dabei um die Weigerung Rußlands, die in der Moderne „trotz der Freisetzung des Individuums“ dennoch bewahrten „Formen kollektiver Identität“ aufzugeben. Die Säkularisierung des Christentums habe – entgegen der landläufigen Meinung – die Religion seit 1789 nicht aufgelöst, sondern ihre zentralen Begriffe und Lehren transformiert: aus der Heilserwartung seien die politischen Utopien, aus dem Glaube an die Offenbarung jener an die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts abgeleitet worden: „Unter modernen Voraussetzungen ist die Gesellschaft deshalb noch nicht vollständig fragmentiert, sie besitzt noch einen Zusammenhalt.“

Dieser Zusammenhalt sei erst durch die postmoderne „Dekonstruktion“ verlorengegangen, die im Westen ab 1980 eingesetzt habe. Sie „sehe jede Form von kollektiver Identität als Ausdruck von Herrschaft, Hierarchie und Diskriminierung an“. Die Dekonstruktion umfasse neben dem Identitäts- auch den Wahrheitsbegriff und die Geschichtserzählung, mithin die Gültigkeit einer kollektiven Erinnerung. In das „Orientierungsvakuum“, das die Dekonstruktion hinterlasse, drängten nun „Lifestylekonzepte“ ebenso vor, wie der Anspruch einer umfassenden Konstruierbarkeit der Welt und des individuellen Lebensentwurfs – ablesbar daran, daß die „Befreiung“ (sexuell definierter) Minderheiten ebenso zu einem zentralen Anliegen der Politik würde wie die „Herrschaft des Profanen ... in der Kirche selbst, möglichst sogar während des Gottesdienstes.“

Zweifellos verliefen die Auseinandersetzungen um den blasphemischen Auftritt der Punk-Band „Pussy Riot“ und um die Rechte von Homosexuellen im Vorfeld der Olympischen Spiele in Sotschi entlang der von Ritz skizzierten, kulturellen Bruchlinie. Interessant ist nun, daß Ritz seine These nach dieser Bestandsaufnahme noch ein entscheidendes Stück weiterverfolgt. Er spricht zum einen der Postmoderne jene universelle Durchschlagskraft ab, die den Konzepten der Moderne noch eignete; sie sei vielmehr „ein Ausdruck der westlichen Kultur“.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (20)

Arkanthus
24. September 2014 11:35

Es ist aber auch denkbar, daß Rußland die Moderne selbst nur oberflächlich und porös aufgenommen hat.

Religion ist das prägendste geistige Element von Kulturen oder Zivilisationen, sie bestimmt unsere Weltanschauungen auch heute noch. Die Moderne ist der weltliche Wurmfortsatz des westlichen, insbesondere protestantischen Christentums (Preußen-Deutschland, GB, USA als protestantisch geprägte Mächte waren nicht zufällig die politisch, wirtschaftlich und kulturell tonangebenden Länder des 19. und 20. Jh.).

Das orthodoxe Rußland hatte eine nach Westen orientierte Elite, aber keine Basis, nie. Die wohl einzige Kultur, die die Moderne anscheinend voll aufesogen hat, ist die japanische. Und darüber kann man wohl auch streiten.

F.H.
24. September 2014 12:06

...Rußland – so scheint es – hat genau dafür einen Blick...

Ja, das macht Russland so sympathisch.
Das Problem ist, dass, wenn die Beliebigkeit einmal da ist, es sehr schwer ist zurückzufinden. Die Unschuld ist dahin. Aber es gibt weiterhin gute Argumente (z.B. für die Ablösung der Religion als Sinnstifter durch die politische Utopie - was ja eigentlich auch heißt: durch die pragmatische Utopie i.S.v. Wegweisung, nicht „Vergewaltigung“). Und man muss auch zeigen, woher das alles kommt, für wen es sich gelohnt hat und für wen nicht. Da reicht nicht der Verweis auf den Kalten Krieg (und 1980 war vielleicht das Datum für die sichtbare Postmoderne in Ausdrucksformen von Architektur und Mode, die geistige Postmoderne beginnt – spätestens – mit 45).
Wir müssen jetzt von einem sehr hohen Standpunkt aus auf die Sache blicken, die nächste „Metaebene“ erklimmen, um dann noch mal neu zu starten und Dinge „zusammenzuführen“.
Auf geistiger Ebene erkennen wir die Bedingtheiten unseres Wissens und Seins, unserer Theorien, aber auf emotionaler Ebene sind wir nach wie vor unbedingte Menschen.

Ein Fremder aus Elea
24. September 2014 12:24

Zum Thema Utopien schrieb ich vor kurzem diesen wütenden Kommentar zu Martin Rhonheimer:

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2014/09/martin-rhonheimer-toten-im-namen-allahs.html

Da stimme ich also mit Herrn Ritz in vielem überein.

Aber ich würde davon Abstand nehmen, die Geschichte in Prämoderne, Moderne und Postmoderne einzuteilen. Die dieser Aufteilung zu Grunde liegenden Begriffe, Unveränderlichkeit des Wahren, beständiges Lernen und subjektive Letztbegründung aller Wahrheit schließen sich nicht aus, sondern bestehen alle Zeit neben einander.

Ein Korollar dieser Koexistenz ist die Unveränderlichkeit der subjektiven Wahrnehmung des Menschen und damit ein Ausgangspunkt zur Annahme von Ideen im platonischen Sinne, etwa den drei Teilen, aus welchen die menschliche Seele besteht: Sorge, Achtung und Lust.

Aber gut... zur gegenwärtigen Situation. Ich denke, der eigentliche Knackpunkt ist, daß die Sowjetunion ihre Jugendkultur moderiert hat.

Was im Westen in den 70ern stattfand, fand hier in Estland in den 80ern statt, unter zeitgeistlich-modischen Aspekten betrachtet.

Die 80er in der BRD waren ja zum großen Teil schlicht ein Kater, welcher durch Flußbegradigungen, Plattenbauten und übertriebene Neumodischkeit im universitären Bereich ausgelöst worden war.

Weil man nicht so genau wußte, was schief lief, hat man sich an alles mögliche, insbesondere Vorstellungen anderer Kulturen, gehalten.

Was schief lief war übrigens in erster Linie ein Übergewicht des jugendlichen Enthusiasmusses aufgrund der Verdammung und Ausschaltung der älteren Generation.

Also erst die eigenen Eltern morden und dann versuchen,, sich von Stammesältesten adoptieren zu lassen.

Das hat in der Form in der Sowjetunion zu dem Zeitpunkt nicht stattgefunden.

Und heute wird Westeuropa in dem Maße, in welchem es die Axt an den eigenen Stamm gelegt hat, von den Amerikanern vor sich hergetrieben im Rahmen des Projekts der Amerikanisierung der ganzen Welt.

Und was dieses Projekt angeht, so denke ich nicht, daß es die geringste Strahlkraft hat, dafür aber mächtige Vorantreiber.

Das habe ich schon vor Jahren lamentiert, daß die Amerikaner nicht einfach lokale Kontaktpersonen tolerieren, welche den Laden auf ihre eigene Weise im Interesse der Amerikaner schmeißen, sondern darauf erpicht sind, ihre innerstaatliche Architektur überall in ihrer Einflußsphäre zu reproduzieren.

Aber so isses. Hat also weniger mit Kulturepochen zu tun als mit ideologischer Widerstandsfähigkeit gegen eine hochmütige imperiale Doktrin.

Johannes Konstantin Poensgen
24. September 2014 13:15

Ich habe den Aufsatz Ritz' gelesen. Ich muss sagen, ich halte seine Darstellung von Moderne und Postmoderne insgesammt für fraglich.

Beginnen wir mit der Sekularisierung: Die Lust an der Kirchenschändung kennzeichnete bereits die Französische Revolution und zieht sich als roter Faden durch alle radikal fortschrittlichen Bewegeungen der Moderne. Dass in der Moderne die Kirche in ihrem Bereich unangefochtene Souveränität besessen habe, ist unhaltbar.

Viel problematischer ist allerdings, dass Ritz vollkommen den geistesgeschichtlichen Hintergrund der Postmoderne ausblendet. Die "Beliebigkeit", die Ablehnung letzter Wahrheiten, geht in ihrer konsequenten Form auf Nietzsche zurück. Sie richtete sich gerade gegen das sekularisierte Christentum, den Fortschrittsglauben. Insbesondere auf Nietzsche berief sich auch Michel Foucault, der wohl wichtigste Philosoph der Postmoderne. Unter diesen Gesichtspunkten sollte man auch Armin Mohlers Hinwendung zur Postmoderne verstehen.

Vor diesem Hintergrund kann man auch das Chaos analysieren, welches die Postmoderne ausgelöst hat. Die nietzscheanische Philosophie war immer eine Philosophie der Wenigen. Von diesen Wenigen wird in erster Linie nicht Intelligenz oder gar akademische Bildung verlangt. Beides ist wünschenswert, aber das herrausragende Merkmal der Wenigen ist eine ungeheure geistige und seelische
Stärke.

Man muss sich klarmachen, was hier verlangt wird. Die Unbegründbarkeit, Nichtexistenz jeder letzten Wahrheit erkennen und annehmen und diesem Nichts ein Trotzdem, entgegensetzen, wie viele können das? Die Schaffung eines eigenen Wertes, dessen Erschaffenheit man sich bewusst bleibt, ist ein im ursprünglichen Sinne heroischer Akt. Mit dieser Forderung aber tritt die Postmoderne an die Masse.

Ob das von Anfang an unvermeidlich war kann ich nicht beantworrten. In letzter Konsequenz fordert die nietzschanische Philosophie nämlich eine radikale gesellschaftliche Zweiteilung, wie sie vieleicht nicht nur heute sondern grundsätzlich unmöglich ist. Eine Zweiteilung in zwei diametral entgegengesetzte Weltauffassungen. Oben die Wenigen, die die Postmoderne bewältigen können. Unten die Masse, die in einen prämodernen Zustand zurückkehrt. Diese Rückkehr könnte nur durch eine neue Religiösität bewerkstelligt werden, eine neue Religiösität, die genau das tut, was die Aufklärer der alten nur vorwarfen: Die Menschen wissentlich dumm halten. Mit anderen Worten, die Idealform des Cäsarismus.

Rainer Gebhardt
24. September 2014 13:58

Wie immer: sehr interessant.
Das „anything goes“ als Handlungsmaxime folgt aus der kaum noch widerlegbaren Annahme unbedingter Machbarkeit. De facto ist sie die Behauptung alles besser zu wissen und besser zu können. Der sophistische Trick der Dekonstruktion besteht darin, die kulturellen Vorleistung (Tradition, Bestand, Ethiken, Übereinkünfte, Regeln, Ordnungen) wie ein „Kaninchen“ verschwinden zu lassen. Ein ziemlich billiges Kunststück, denn nichts ist leichter, als dem in Generationen aufgeschichtetem Kulturbau seine Schwachstellen nachzuweisen. Sloterdijk (bleiben wir ruhig noch ein Weilchen bei ihm) hat es schön gesagt: „Jede Dekonstruktion ist ein Türmchenspiel mit den Klassikern.“
Man stapelt die überlieferten Kulturelemente übereinander, um sie dann umzustürzen. Der Gewinn besteht in der Erfahrung, den selbstgemachten Konstrukten überlegen zu sein. Diese „neoakrobatische Form sophistischer Wissenkunst“ hat inzwischen nicht nur sämtliche Diskurse geflutet, sie öffnet auch den Scharlatanen aller Fakultäten Tür und Tor. Die Adepten der Gender-„Wissenschaft“ sind vielleicht nur die unverschämtesten.

Interessant, daß Sie Mohlers Nominalistische Wende mit dem Dekonstruktivismus in Verbindung bringen. Ich stehe da nicht so gut im Stoff. Eine Anmerkung nur: Ich halte Mohlers scharfe Entgegensetzung von Universalismus und Nominalismus für einen unglücklichen Ansatz, für einen Denkfehler. Sein Nominalismus, der beständig auf das Einzelne, das Besondere zielt, ist selbst eine Abstraktion, kommt weder im Politischen noch Ästhetischen ohne „Allgemeinheiten“ aus. Für Mohler scheinen die Universalien Phantasmagorien zu sein, die die Wirklichkeit vernebeln. Nur ist die Welt so unvermittelt und so direkt nicht zu haben, wie Mohler sich das vorstellt. Auch dann nicht, oder: erst recht nicht, wenn eine Abkürzung über das Handeln nimmt.
Es ist müßig, die Wirklichkeit, das Besondere, das Konkrete gegen das Allgemeine auszuspielen. Da lohnt sich dann wieder ein Blick ein Blick in Jüngers Essay „TYPUS NAME GESTALT “. Und auch nicht schaden kann es, sich einen Satz von Marx ganz langsam „auf der Zunge“ zergehen zu lassen: Erst die begriffene Welt ist die wirkliche Welt.

Waldschrat
24. September 2014 15:05

Das ist allzu vereinfachend, was Ritz schreibt:

In den 1980er Jahren wurden plötzlich ganz neue Theorien an den
philosophischen Instituten westlicher Länder diskutiert. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die bisherigen
Grundsätze der Moderne für überholt erklären und in Frage stellen. Hierfür werden sogar ganz neue
Begriffe geprägt. Einer von ihnen ist der Begriff der „Dekonstruktion“.

Der Begriff "Destruktion" kommt von Heidegger und ist bereits früher überliefert. Das allein beweist geschichtliche Unkenntnis. Diese Begriffe wurden zunächst übersetzt und dann umgeprägt, sie wurden im Schmelztiegel Amerika umgemünzt. Die Postmoderne war dort vor allem eine Marketing-Strategie für eigene Kulturexporte.

Ritz vergisst die "russische Postmoderne":
Die Perestroika in den 80-ern war der Vorspann zum Einsturz des politischen Systems. Glasnost war nichts weiter als etwas wie die "sozialistische Postmoderne", die "Dekonstruktion" des real-existierenden Sozialismus. Mit dem Unterschied, dass aufgrund der unterschiedlichen Entwicklungsstadien Russland sich entschieden hat, besser aus der eigenen Geschichte statt der westlichen zu lernen. Sonst hätte es nämlich seine nationale Souveränität eingebüßt wie Europa (insbesondere Mitteleuropa) zuvor.

F.H. schrieb:

Wir müssen jetzt von einem sehr hohen Standpunkt aus auf die Sache blicken, die nächste „Metaebene“ erklimmen, um dann noch mal neu zu starten und Dinge „zusammenzuführen“.

Der Weltgeist wird sich nicht mehr in diese Komfortzone zurückziehen können. So ein Lehnsessel mit bequemen Sitzpolstern, wie ihn auch die Life-Style-Fanatiker und Dauerkonsumenten sich gerne wünschen, einen Sessel-Lift zum Gipfel der Erkenntnis.

Man muss umgekehrt einen sehr einfachen Standpunkt einnehmen und wieder sehr ungeistig anfangen. Bodenständig in der Nähe der Tatsachen und des Alltags. Zu Fuß gehen oder Rad fahren statt einem Auto. Postmoderne ist ein Missverständnis für eine technische Entwicklung. Es ist beharrliche Kleinarbeit notwendig, eine lange Vorbereitung des Bodens, aus dem eine andere Kultur wachsen könnte. Bis dahin nützen keine Erklärungen.

Der Konflikt zwischen Russland und dem Westen hat auch religiöse Dimensionen, die sich bis nach Byzanz lassen. Postmoderne ist eben auch ein Medienphänomen, eine Art von Bilderstreit. Und in dieser Hinsicht kann Russland nicht einmal "modern" genannt werden.

Martin
24. September 2014 16:24

Ich persönlich sehe keinen so großen Gegensatz zwischen USA/EU und Russland, wie er immer wieder beschrieben und von manchen ja fast herbei gesehnt wird. Russland ist in einigen Punkten noch viel mehr ein Land des "anything goes" als es von vielen, die sich Russland als Antipode imaginieren, wahrgenommen wird. Wunschdenken, vielfach befördert von einer geschickten Propagandaabteilung Putins, der sich als letzten echten Europäer und Mann darstellen lässt. Schaut man einmal näher hin und reflektiert nur einmal all die persönlichen Kontakte und Geschäftsbeziehungen etc., die sicher auch viele hier schon gemacht haben, dann kann man AUCH zu dem Schluss kommen, dass Russland nach 70 Jahren Sozialismus und anschließendem Oligarchentum dekonstruierter und vor allem auch gottloser ist, als die meisten ach so verlotterten Westländer. Russland ist das Land mit einer der höchsten Abtreibungsraten, Russland ist einer der Hauptabnehmer westlicher Luxusprodukte etc.. Wo gehen denn viele der Luxusgeländewagen hin? Eine mir gut bekannte Steinverarbeitungsfirma verkauft ihre polierten Steinplatten aus Marmor etc. für Prunkbäder etc. fast ausschließlich nach Russland. Wo unsere Puffs mit Plastik, Gips und Farbe arbeiten ist in Russland echter Marmor, polierter Granit etc. zu finden (und zwar in normalen Häusern, nicht nur in Bordellen). In diesem Land wird geprasst, dass sich hierzulande selbst die meisten Wohlhabenden schämen würden. Russland hat eine Verschwendung, die den Westen streckenweise schon fast zur Karikatur werden lässt. Und wer schon einmal Geschäfte mit Russen gemacht hat, der kann sicher auch nichts dem Westen "Überlegeneres" feststellen, man will Kohle machen, hier wie dort.

Mein Fazit: Liebe Russlandfans, ich mag auch Dostojewski und vieles an der russischen Kultur, aber bleibt realistisch und phantasiert nichts herbei, was nicht ist. In Punkto Dekadenz steht Russland dem Westen in absolut Nichts nach. Wo im Westen bspw. Macht und Reichtum hinter Fassaden der Heuchelei versteckt werden, tritt dies in Russland nur deutlicher hervor. Ich meine, wir Deutsche müssen uns auf uns selbst besinnen und sollten nicht von einem Hegemon zum anderen hopsen, es wird dadurch auch nichts besser.

F.H.
24. September 2014 16:43

An Poensgen:
Die Beliebigkeit geht nicht in dem Sinne auf Nietzsche zurück, er wollte sie doch vor allem überwinden. Beliebigkeit ist – zumindest für den Ungläubigen – einfach eine Tatsache, entscheidend ist aber, dass sie instrumentalisiert wurde im Gewand der Freiheitsverheißung. Und das beginnt nicht bei Nietzsche.

An Waldschrat:
Der höhere Standpunkt sollte kein bequemer Sessel sein, sondern allein der Utopie-/Theoriefindung dienen. Im praktischen Leben gibt es ja keine Ebenen. Da bin ich am liebsten ein ordentlicher Straßennazi, denn nichts mag ich mehr als das Einfache.

enickmar
24. September 2014 18:17

Ich weiß nicht, ob man diese ganze Philosophie hier benötigt um zu verstehen, was in Rußland vor sich geht.
Wenn man die russische Mentalität etwas kennt, dann kann man sich gut vorstellen, daß wir es hier einfach mit einem Phänomen zu tun haben, das MKH sinngemäß (oder sogar wörtlich) als den “gesunden Menschenverstand des Stammtisches” bezeichnet hat.
Das erklärt auch warum neureiche Dekadenz und gesunder Menschenverstand hervorragend zusammen funktioniert.
Ich glaube, vielmehr muß man da gar nicht unbedingt hineininterpretieren.

Irrlicht
24. September 2014 19:32

Der Text sticht deshalb unter den Analysen zum Konflikt mit Russland hervor, weil er, im Gegensatz zum üblichen Wertediskurs, in seiner Grundthese die im Westen vorherrschende Lifestylekultur ("Amerikanismus" wäre der passendere Begriff) samit ihrer Werte, als fabriziert, als Ausfluss des Kalten Krieges und Produkt amerikanischer Kulturpoltik, die bestrebt war, z. B. über den von der CIA gegründeten "Kongress für Freiheit", eine nicht-kommunistische Linke in Europa zu etablieren, identifiziert. Dabei bediene sich diese Kultur nur selektiv des geistigen Bestandes der Aufklärung, ein Umstand, der, so Ritz, ihre mangelnde Universalität und Akzeptanz außerhalb Nordamerikas und Westeuropas begründe.

Ritz hebt sich insofern von den (häufig frankozentrischen) neurechten Analysen ab, als dass er einen umfassenderen Begriff der Moderne zugrunde legt, sich nicht auf die Französische Revolution als singuläres Ereignis beschränkt, daneben die (in jedem Fall in Deutschland) wirkungsmächtigen und "für die Moderne grundlegenden philosophischen Werke des deutschen Idealismus" benennt. Dabei schreibt er der Moderne einen dialektischen Charakter zu, der die vorangegangene Kultur nicht absolut negiert, sondern im Sinne Hegels aufhebt. Andere Aspekte der Moderne, die im neurechten Diskurs selten thematisiert werden, sind die Bedeutung der Reformation (mit ihren ausgeprägten antiklerikalen Impuls) und des Protestanismus, die Industrielle Revolution, oder auch die oft als Beginn der Neuzeit angesehene Kopernikanische Wende.

Für kritikwürdig an dem Text halte ich, ähnlich wie andere Kommentatoren, die Identifizierung der Lifestylekultur/Amerikanismus mit der Postmoderne, oder zumindest mit der Rolle der postmodernen Denker, denen ein umfassender Nihilismus eigen ist. Das Ende der großen Erzählungen fand gerade nicht statt, die Legitimation des Jargons, des Begriffnetzes, zu dem Termini wie "Demokratie", "Menschenrechte", "Rassismus", "Antisemitismus", "Homophobie" etc. gehören, basiert auf als Dogmen fungierenden großen historischen Narrativen. Anstatt Nihilismus erleben wir eine vormoderne Hypermoral, einen Manichäismus. An dieser Stelle hat die Postmoderne versagt und ist vom Amerikanismus aufgesogen und transformiert worden. Eine bessere Erklärung liefert deshalb eine Zuspitzung der These von Ritz: Die Lifestylekultur hat keine theoretische Basis, sie bedient sich in eklektizistischer Weise ideologischer Versatzstücke aus verschiedenen geistigen Strömungen, u.a. der Aufklärung und der postmodernen Philosophie. Ihre Basis ist die ihre Massenattraktivität ausmachende materielle Bedürfnisbefriedigung und pure Machtpolitik.

Nihil
25. September 2014 18:23

Ist die "Neue Rechte" nun konservativ im Sinne von Kurtagic geworden? Sind wir jetzt lieber doch noch ein bißchen modern als - noch schlimmer - postmodern? Lieber "irgendwas" als "gar nichts"? Lieber Universalist als Relativist? Verwechseln wir hier Beliebigkeit mit Relativismus?

Langer
25. September 2014 18:52

Russland ist doch nur Projektionsflaeche fuer die Sehnsuechte dieser (geistigen Mangel-)Gesellschaft. Dort ist gar nichts besser, hoechstens der Vodka.
In Russland herrscht nur das archaische andere Extrem des Spektrums. Anstatt Homosexuelle zwangszufeiern werden sie eben zusammengeschlagen. Anstatt das Bewusstsein fuer die Widerspruechlichkeiten der Existenz zu oeffnen, beschwoert man die Ignoranz.
Der einzig valide Punkt ist der, dass es jegliche Weiterentwicklung schwer hat mit der Eroberung Russlands. Meist zieht sie sich im unerwarteten Winter zurueck.
Dieses Verzoegerungsprinzip gibt aber keine Perspektive, sie ist etwas fuer Zeitlupennaturen, die dann eben verlangsamt vor denselben Problemen landen.
Russland ist somit nur der Blick in den Rueckspiegel und zu dem brennenden Haus, welches man verliess, waehrend man auf einen Abgrund zusteuert.

Inselbauer
25. September 2014 20:41

Es ist ein seltsames Erlebnis, diese Metapolitik aus der Perspektive eines brutalen, naiven politischen Engagements zu betrachten, das man für die eigene Person längst überwunden glaubte.
Der Schritt in die Moderne war für mich ein Schritt nach vorne.
Den Russenkult kann ich nicht verstehen, obwohl ich weiß, was hier gemeint ist.
Ein Deutscher zu sein und keine ästhetisch unterfütterte Metapolitik zu betreiben, heißt doch im Moment, in der Moderne anzukommen, die uns der Hitler erspart hat mit seinem Kitsch.
Mir ist es lieber, als postmoderne Leiche oder Maske abzufallen, wenn meine Kraft verbraucht ist, als ästhetische Metapolitik zu betreiben.

Thomas Wagner
26. September 2014 02:03

Ich wuerde das ganze mal auf die politische Ebene herunterholen. Die zwei Konfliktebenen sehe ich hier im Machtstrukturellen und in der Geopolitik begruendet. In Russland unter Putin herrscht im Gegensatz zum Westen/Westlicher Wertegemeinschaft (euphemistisch verschleiernder Kampfbegriff fuer das informelle US-Imperium) noch so etwas wie das Primat der Politik ueber die Wirtschaft. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass Russland ein kapitalistisches Land mit steinreichen Oligarchen ist, von denen ein paar wenige sogar noch aus der Jelzin-Aera stammen. Diese Oligarchen muessen sich aber der Politik Putins unterordnen, um ungehindert ihren Geschaeften nachgehen zu koennen. Im "Westen" jedoch ist die Systemteilkomponente Grosskapital eindeutig der dominierende Faktor. Alle Staatsgewalt geht dort seit langem von den Maerkten (euphemistisch verschleiernder Kampfbegriff des Globalkapitalistischen Systems) und eben nicht, wie etwa im Grundgesetz fuer die BRD postuliert, vom Volke aus. So sagte beispielsweise Ex-FED Chef Alan Greenspan voellig richtig in einem Interview aus dem Jahre 2007: "Wir haben das Glueck, dass dank der Globalisierung die politischen Entscheidungen in den USA grossteils von den globalen Marktkraeften ersetzt worden sind. Mit Ausnahme der nationalen Sicherheit ist es nicht mehr so wichtig wer der naechste Praesident wird". Desweiteren scheint es mir, dass die Anfeindungen Russlands durch den Westen speziell ab dem Jahr 2003 Fahrt aufgenommen haben, als Putin den Jukos-Mehrheitseigner Chodorkowski, ein Mann mit exzellenten Kontakten zu seinen Klassenkumpanen im Westen, verhaften liess. Dieser hatte vorgehabt Jukos mit dem Oelkonzern Sibneft zu fusionieren, was diesen Oelgiganten in den Besitz von ca. einem Drittel der russischen Erdoelvorraete gebracht haette. Im Westen war man begeistert. Die US-Oelriesen Exxon-Mobil und Chevron-Texas meldeten ihr Interesse an einer umfangreichen Beteiligung am zu fusionierenden Unternehman an. Die Sache war bereits so weit gediehen, dass der Praesident von Exxon, Lee Raymond, nach Moskau reiste, um die Sache unter Dach und Fach zu bringen. Bevor es allerdings so weit war, machte aber Putin dem boesen Treiben ein Ende und liess den Kleptokraten Chodorkowski verhaften, schliesslich wollte er weiterhin politisch Herr im eigenen Hause sein und nicht wie im Westen zum verlaengerten Arm der Interessen des Grossen Geldes mutieren. Das haben ihm die westlichen Oligarchen niemals verziehen, war doch ihr schoener Traum geplatzt Russland in ein gigantisches Rohstofflager im Dienste westlicher Konzerne zu verwandeln. Zum Verstaendnis der zweiten Konfliktebene, d.h. der Geopolitischen, sollte man sich den Klassiker "Die einzige Weltmacht", geschrieben vom Grossmeister der US-Geopolitik, Zbigniew Brzezinski, zu Gemuete fuehren. Brzezinski ist im uebrigen Mitglied des sehr einflussreichen Council on Foreign Relations (CFR) und noch heute einer der Berater des Praesidenten Obama. Fuer Brzezinski ist Eurasien der Ort auf dem der Kampf um die Weltherrschaft ausgetragen und entschieden wird. Sein Diktum lautet: "Wer Eurasien beherrscht, der beherrscht die Welt". Ein blosser Blick auf die Landkarte zeigt, dass es in diesem Sinne unabdingbar ist Russland als machtpolitischen Gegenspieler auszuschalten. Weiterhin bezeichnet er die Ukraine als wichtigen Dreh- und Angelpunkt auf dem von ihm so genannten eurasischen Schachbrett. Er sagt auch, dass Russland ohne die Ukraine kein eurasisches Reich mehr sei. Im Hinblick auf die aktuelle Ukrainepolitik der USA und ihrer Vassallen (den Begriff Vassall verwendet Brzezinski im uebrigen mehrmals und mit Recht auch fuer die Verbuendeten der USA) ist dies doch sehr aufschlussreich.

@"Sie (die postmoderne Dekonstruktion) sehe jede Form von kollektiver Identitaet als Ausdruck von Herrschaft, Hierarchie und Diskriminierung an".

In Wirklichkeit ist es doch so, dass die genannte kollektive Identitaet geaechtet wird, da sie vom herrschenden System als Gefahr fuer eben dessen Herrschaft betrachtet wird. Eine kollektive Identitaet, die sich beispielsweise auf die eigene Nation bezieht und daraus folgende politische Forderungen, wie einen starken, souveraenen Nationalstaat mit dem Primat der Politik ueber die Wirtschaft, Schutz der eigenen Arbeiterschaft vor Dumpingloehnen mittels Einwanderung, Einfuehrung von Schutzzoellen etc., waere ja wohl das Schlimmste was den Globalkapitalisten passieren koennte, denn sie wollen schliesslich die globale, von Grenzen unbehinderte Profitmaximierung. In diesem Sinne ist die erwaehnte Dekonstruktion, die Individualisierung, Atomisierung der Gemeinschaft, die Degradierung des Buergers zum Konsumenten und des Vaterlandes zum blossen Wirtschaftsstandort schlicht und ergreifend ein Herrschaftsinstrument der Systemelite.

ene
26. September 2014 10:06

Thomas Wagner,
ganz wie Sie argumentiert - aus langjähriger Erfahrung - der alte CDU-Mann Willy Wimmer.
Es lohnt sich, da mal reinzuhören:

https://www.youtube.com/watch?v=8B1sctKCvxI

Nordlaender
26. September 2014 13:23

"Dieser Zusammenhalt sei erst durch die postmoderne „Dekonstruktion“ verlorengegangen, die im Westen ab 1980 eingesetzt habe. Sie „sehe jede Form von kollektiver Identität als Ausdruck von Herrschaft, Hierarchie und Diskriminierung an“."

Da gebe ich den Dekonstruktionisten vollkommen recht.
Gründet sich eine Gruppe von Sozialisten, dann herrschen innerhalb dieser Gruppe deren gemeinsam geteilte Dogmen (Axiome). Nun wäre es denkbar, daß Nichtgruppenmitglieder mal eingeladen werden. Denkbar, daß man nun unterscheidet (lat. discriminare) zwischen dem fremden Gast und den Gruppenzugehörigen.
Herrschaft könnte die Gruppe insofern ausüben, daß dem Gast - der radikale libertäre Ideen vertritt - die Mitgliedschaft verweigert wird, und/oder daß man ihm nur eine begrenzte Redezeit einräumt.
Die Gruppe kann ihr Eigentumsrecht auch so ausüben, daß sie den Gast nach einer gewissen Zeit des Aufenthaltes aus ihren Räumen verweist.

Als Gruppe darf hier eine jede eingesetzt werden, z.B. auch die Familie, z.B. ein Musikorchester, z.B. auch das Volk eines Staates.

Das Unterscheidungsverbot ("Diskriminierungs"-Verbot) ist eine Enteignungsmaßnahme, von Herrschenden durchgeführt.

Romat
26. September 2014 22:40

Ob die Überlegungen von Ritz den Grund der aktuellen Spannungen zwischen Rußland und dem Westen wirklich treffen, ist in der Tat schwer zu beurteilen.

Ganz abgesehen davon ist der Text von Ritz aber ein durchaus wichtiger Text für die Diskussion um die geistigen Grundlagen der politischen Rechten, wie ja durch viele der Beiträge hier auch eindrücklich belegt wird.
Ich würde Ritz der großen Linie nach durchaus zustimmen, wobei ich allerdings noch den Kritikpunkt anführen würde würde, dass Ritz nicht zu sehen scheint, dass Postmoderne und Dekonstruktivismus sich in einer dialektischen Bewegung aus der Moderne selbst entwickelt zu haben scheinen.

Wichtig an dem Text ist dagegen, dass Ritz klar sieht, dass die Moderne/Neuzeit für sich genommen noch nicht so problematisch ist. In der Tat hat die Neuzeit zwar das antik-mittelalterliche Weltbild radikal destruiert. Sie war dabei aber immer weit davon entfernt, jeden Wahrheitsanspruch, jede Verbindlichkeit und jeden Bezug auf Gott und Gemeinschaft zu verwerfen. Vielmehr war sie immer darum bemüht, diese Momente auf eine neue Grundlage zu stellen und sie mit der "Entdeckung" der Subjektivität zu vermitteln. Das gilt für Hobbes ebenso wie für Spinoza, für Kant und Herder wie für Fichte und Hegel. Ich erinnere nur daran, dass eine philosophische Theorie der Nation erst vom 19. Jahrhundert hervorgebracht wurde.

In der Diagnose der Postmoderne ist Ritz ebenso zuzustimmen und darin liegt auch der Sprengsatz für eine "Neue Rechte", die sich mit Vorliebe auf die Postmoderne und ihren Urvater Nietzsche beruft, dabei aber einfach nicht sehen will, daß der Relativismus, die Wahrheitsverleugnung, der Hyperindividualismus und das Unterfangen einer Negation jeglicher überindividueller Identität, die die Krankheit unserer Zeit darstellen, ihren theoretische Überbau genau in Postmoderne, Dekonstruktivismus und Nietzscheanismus haben.

Posmoderne, Dekonstruktivismus, Gender-Theorie sind im Grunde nichts anderes als eine Art "Links-Nietzscheanismus", wie auch schon die ganze 68iger-Bewegung keine "neomarxistische" Bewegung waren, wie vielfach kolportiert wird, sondern eine "neonietzscheanische".
Nitzsches Fehler bestand, kurz gesagt darin, dass er auf die Krise der Moderne damit reagiert hat, dass er den Subjektivismus der Moderne zu einem voluntaristischen Hypersubjektivismus fortgeschrieben hat, der jegliche Wahrheit, jegliche Bindung, jegliche Identität von innen zersprengt.
Das geschieht, indem der theoretische Wahrheitsbezug des Seins, indem jede Bindung an und durch eine vorgängige Objektivität durch einen letztlich blinden praktischen "Willen zur Macht" ersetzt wird (eine Gedankenfigur, die Nietzsche offensichtlich von Schopenhauer übernommen hat) Heidegger hat das in seinem Nietzsche-Buch präzise analysiert. Diesen blinden Willen meinte Nietzsche dann dem von ihm diagnostizierten "Nihilismus" entgegensetzen zu können.
Letztlich hat er ihm aber nichts entgegengesetzt, sondern ihn nur verstärkt und ihm zum eigentlichen Durchbruch verholfen, indem er die Möglichkeit von Wahrheit und Objektivität zugunsten des "Willens" radikaler bestritten hat als jeder vor ihm.

Die Dekonstrukteure von Geschlecht, Nation, Identität, Staat, Gemeinschaft sind damit die legitimen Enkel Nietzsches. Sich ständig auf ihn zu berufen ist einer größten Fehler der "Neuen Rechten". Ich verstehe zwar, warum Mohler und de Benoist in der Postmoderne die "Rettung" sahen; der Grund liegt einfach darin, dass die Postmoderne es ermöglichte, die Wahrheitsansprüche des spätmodernen Zwillingspaares Liberalismus und Sozialismus zu delegitimieren. Das aber nur, weil die Postmoderne überhaupt jeden Wahrheitsanspruch im Namen des voluntaritisch-hedonistischen Hyperindividualismus ablehnt. Dementsprechend ist es auf ihrem Boden gar nicht möglich, eine Alternative aufzubauen.

Viel sinnvoller wäre es daher, sich auf Herder, Hegel und Fichte zurückbeziehen, wie es schon Bernard Willms getan hat. Gerade von Hegel kann man lernen, dass Gemeinschaft und Individualität sich keinesfalls ausschließen, sondern in einem dialektischen Verhältnis stehen. Ebensowenig, wie Universalität und Partikularität sich ausschließen, sondern gleichfalls in einem dialektischen Verhältnis stehen: Universalität ist immer nur in der Form eines konkreten, partikularen Gemeinwesens zu haben, weil sie sonst zur abstrakten Negation würde, die sich selbst aufhebt. Besonderheit und Einzelheit sind dagegen immer nur als Besonderungen und Individuierungen des Allgemeinen denkbar.

Mit Hegel kann daher der Konservative oder Rechte durchaus grundlegende universelle Rechte wie das Lebensrecht, das Eigentumsrecht, die Meinungsfreiheit etc. bejahen, ohne fürchten zu müssen, darum gleich die Besonderheit einer geschichtlich gewachsenen Gemeinschaft zu verlieren - ganz im Gegenteil!

Hanz
27. September 2014 17:02

Kann Herrn Kubitschek nicht zustimmen. Schließlich die Schlussfolgerung doch naheligende, dass man über die Moderne hinaus muss, wenn man hinter sie zurück kann. Und das können wir nicht. Wir können die Aufklärung nicht ungeschehen machen. Gott ist tot. Wenn also die Werte, die man für ewig gültig hält, nicht mehr als Selbstverständlichkeiten einer gottgewollten Ordnung existieren, was bleibt dann? In der Moderne blieb nur der Weg der Mordernisierung des Konservatismus - entweder in Richtung Etatismus oder Liberalismus. Die Hinwendung zum Etatismus hat zum Faschismus geführt und ist sittlich und praktisch gescheitert und hat höchstens ästhetisch noch einen Reiz. Und die Hinwendung zum Liberalismus führt zur Postmoderne. In der Postmoderne ist das konservative Lebensmodell dann nur noch eines unter vielen und kann beliebig mit Elementen anderer Lebensmodelle kombiniert werden. Die Verbesserung liegt darin, dass zwar in der Postmoderne die allgemeine Verbindlichkeit verloren geht, aber dafür die Toleranz steigt. In der Moderne versucht jeder, die totale Kontrolle über den anderen zu erringen und dessen "Abweichungen" auszulöschen. Insofern würde ich widersprechen, dass wir bereits in der Postmoderne angekommen seien, jedenfalls nicht in Deutschland. Hier leben wir im Spätetatismus der Spätmoderne. "Anything goes" gilt ja gerade nicht. Oder war das Gejammer der Konservativen über ihre Unterdrückung durch die herrschenden Gegner doch nur verkaufsfördernde Masche? ;)

Ernst Wald
28. September 2014 12:31

Tja, das Problem mit den sogenannten Postmodernen ist, dass sie nicht wirklich postmodern sind.

Denn die Rezeption postmoderner Philosophie – von der sich auch Armin Mohler angezogen fühlte – ging einher mit dem Aufkommen der Political Correctness.

Die Political Correctness ist aber mit postmodernem Denken prinzipiell unvereinbar, da sie tief in der hegelschen Geschichtsphilosophie – einem echten Kind der Moderne – stecken geblieben ist. Die Political Correctness, die gegenwärtig den politisch-medialen Diskurs ideologisch dominiert,
füllt nämlich für die Linke in ihrem Kampf um kulturelle Hegemonie eine ideologische Lücke, die nach dem Ende des Kalten Krieges gerissen wurde.

Daher verstehen sich die Anhänger der Political Correctness nicht wie die Emanzipationsbewegungen alter Prägung als Wegbereiter eines klassengerechten sozialistischen Humanismus. Vielmehr wollen sie einen moralischen Universalismus der Menschenrechte global verwirklichen.

Und dies ist beileibe nicht postmodern. Denn postmodernes Denken in seiner ursprünglichen Form geht ja gerade von einem Ende der Meta-Erzählungen aus.

Es mag sein, dass einige Autoren zwischen Political Correctness und postmoderner Philosophie Parallelen sehen, da beide Ansätze für das Recht des Heterogenen, Partikularen und Besonderem plädieren. Beim postmodernen Denken ist dies jedoch nicht mit einem geschichtsphilosophischen Heilsversprechen verbunden.

Armin Mohler lag also gar nicht so verkehrt, wenn er sich auf postmoderne Denker berief, um gegen die links-liberale Hegemonie zu Felde zu ziehen.

Romat
3. Oktober 2014 15:07

Lieber Ernst Wald,

Ihre Ausführungen halte ich für ein ganz großes Mißverständnis. M.E. lag Mohler völlig falsch, als er meinte, die postmoderne Philosophie und den Dekonstruktivismus gegen die politische Korrektheit ins Feld zu führen. Beide sind nahezu ununterscheidbare Brüder im Geiste.

Man kann sicherlich, und darauf heben Sie offenbar ab, dem postmodern-hyperliberalistischen Denken einen inneren Widerspruch insofern nachweisen, als seine vermeintliche "Toleranz" und sein vermeintlicher Relativismus da sehr schnell endet, wo dieses Denken es mit konservativen oder rechten Positionen zu tun hat. Dementsprechend könnte man natürlich sagen, daß ein konsequent zu Ende gedachter postmoderner Hyperliberalismus auch noch den Konservativen und Rechten, die sich gegen den Hyperliberalismus wenden, eine "Nische" einräumen müsste statt sie zu bekämpfen (etwa im Sinn der Pyrrhonischen Skepsis, die selbst die Aussage, es gebe keine wahren Aussagen noch als Dogmatismus verwarf, der mit wahrem Skeptizismus nicht vereinbar sei).

Aber soll das allen Ernstes heißen, daß wir den postmodernen Hyperliberalismus und -individualismus affirmieren sollten. Wollen die Konservativen/Rechten wirklich einfach nur eine weitere "Nische" für sich haben, in der sie keiner stört? Oder wollen sie die Gesellschaft nicht doch insgesamt so verändern, daß wieder die nationale und kulturelle Identität im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens steht?!
Ich will, wie schon in meinem vorigen Beitrag nur erwähnen, daß auch und gerade das Narrativ der Nation oder das des Christentums eine der "großen Meta-Erzählungen" ist, die sie mithilfe der Postmoderne gerne ein- und für allemal beerdigen wollen.

Was schließlich den "Universalismus der Menschenrechte" angeht, den die politische Korrektheit Ihrer Auffassung nach verbreiten möchte: gerade das will sie offenkundig nicht. Vielmehr unterminiert sie diesen Gedanken gerade durch ihren ethnisch aufgeladenen "Täter-Opfer"-Manichäismus. Ein echter Menschenrechts-Universalismus würde z.B. die Verbrechen der Aliierten gegen Deutsche während des 2. Weltkriegs ebenso verurteilen wie die des NS-Regimes gegen Juden etc. Die politische Korrektheit lehnt genau das aber schroff ab; insofern ist sie gerade gegen den Menschenrechtsgedanken gerichtet.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.