Sezession
1. Oktober 2014

Die AfD – auf dem Weg zur wirklichen Alternative?

Gastbeitrag

Seit über einem Jahr beobachtet der Literaturwissenschaftler, Sezession- und Junge-Freiheit-Autor Günter Scholdt den Aufwuchs der Alternative für Deutschland (AfD). Er hat dabei diesen Beobachterstandpunkt einige Male verlassen, um vor Mitgliedern der AfD in Hessen oder Thüringen vorzutragen und die Partei auf jenen Gegenwind einzustimmen, der ihr nun entgegegenbläst. Scholdt hält den überschießenden Elan nach den jüngsten Erfolgen und die Stigmatisierungsversuche durch die Altparteien für unspektakulär und warnt unter anderem vor einer Illusion: das Heil in der Distanzierung von rechts zu suchen. Lesen Sie die ausführliche und grundsätzliche Analyse Günter Scholdts:

Ja, das war ein (heilsamer?) Schreck für die Altparteien, als am 14. September die ersten Hochrechnungen über den Bildschirm flimmerten. AfD zweistellig in Thüringen und Brandenburg! Sachsen nicht zu vergessen vierzehn Tage zuvor, ein Ergebnis, das weitere Schleusen geöffnet hat. Konfusion aller Orten bei den Parteistrategen von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken: Soll man weiterhin ausgrenzen und denunzieren oder einfach verschweigen und zur Tagesordnung übergehen? Ohnehin verfängt beides nicht mehr. Denn da zeigt sich in Ansätzen etwas Neues, das erstmals seit langem nach wirklicher Konkurrenz und Alternative aussieht. Keine der gängigen saisonalen Abspaltungen eines mehr oder weniger einheitlichen weitgehend linken Machtkartells, das Wahlen zur Kür von ehrgeizigen Personen statt Inhalten verkommen ließ.

„AfD ante portas!“ („AfD vor den Toren!“) Schon die bloße Aussicht, daß wie in Schillers „Don Carlos“ „die schönen Tage von Aranjuez“ nun vorbei sein könnten, verbreitet Furcht und Zittern. Wunderbar auch, wie jetzt alle verschwörerisch auf die Wahlstatistik starren und das für sie Bekömmlichste aus ihr herausdeuteln. Doch leider ist das fürs Establishment Schlimmstmögliche wahr: AfD-Wähler kommen aus sämtlichen Parteilagern. Und wenn erst das Riesenreservoir der bislang Wahl-Frustrierten angezapft werden kann, droht eine wirkliche Wende.

Für neutrale Beobachter erscheint besonders bemerkenswert, daß es offenbar Grenzen gibt, über die hinaus pauschale Diffamierung nicht mehr recht zieht. Ermutigt doch sehr, daß sich bereits jetzt jeder zehnte Wähler von den inkriminierenden Ausgrenzungsversuchen einer argumentationsfaulen Politklasse nicht mehr hat abschrecken lassen. Eine jahrzehntelange Praxis repressiver Pseudotoleranz scheint erstmals als solche durchschaut worden zu sein. Der Deich einschüchternder Diskriminierung zeigt erste Risse. Wir erleben es momentan auch in anderen Ländern, wo sich pauschale Dauerpolemik zunehmend abnutzt. Wo täglich der Teufel an die Wand gemalt wird, hat das auch Folgen für dessen Charakteristik, die menschliche Konturen gewinnt.

Es ist ein Anfang, aber mehr noch nicht. Denn das Imperium, dessen Drohnen ihre reichhaltigen Honigvorräte bedroht sehen, schlägt gewiß noch zurück. Dabei dürften mal wieder alle gängigen Schutztruppen und Mittel zum Einsatz kommen: von der gewöhnlichen Diffamierung durch Parteifunktionäre, über die raunende Verdächtigung durch Minister sowie Landesväter oder -mütter, einträglich geförderte Indiskretionen und Intrigen bis zu Demoskopen-Urteilen. (Herr Güllner von Forsa ist da stets für eine Invektive gut, deren Schärfe im umgekehrten Verhältnis zur Korrektheit seiner Vorhersagen steht.) Man wird die Partei-, Boulevard- und die sogenannte Qualitätspresse mobilisieren, den Staatsfunk natürlich (von den Nachrichten über die Talkshows bis zur „Lindenstraße“ und diversen Kindersendungen). Gewerkschaften reihen sich ein, Zeitgeist-Kleriker besonders der EKD und nicht zuletzt der Straßenmob unserer zahlreichen Stiftungen gegen ein ominöses Rechts, zu deren reichlicher Alimentierung wir alle zwangsweise beitragen wie zur täglichen Desinformation per GEZ.

Mit solchen Angriffe kann man leben oder muß es lernen. Belegen sie doch wenigstens, daß die eigenen Schüsse ins Schwarze trafen. Viel gefährlicher wäre eine korruptive Umarmung in allzu frühen Koalitionen gewesen. Insofern ist das, was naiverweise als mangelnde Einsicht des Machtkartells beklagt werden könnte, geradezu ein Segen für die AfD: die Fortsetzung der rigiden Ausgrenzungspraxis der Blockparteien, insbesondere einer kreuzdummen CDU, deren Optionen sich durch Zuwarten gewiß nicht verbessern. Aber Politik gilt heute ja vor allem als Kunst, sich bis zur nächsten Wahlperiode durchzuwursteln gemäß der Devise „Nach mir die Sintflut“.

Dann aber wird man die AfD politisch amnestieren müssen, und sei es nur, um ihr eine Mitverantwortung am angerichteten Schlamassel aufzubürden. Wenn das heute noch anders klingt, empfehle ich künftigen Spöttern bereits jetzt ihre Dossiers mit gegenwärtigen Politiker-Sprüchen zu füttern. Denn spätestens in fünf Jahren gilt Adenauers Devise: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“

Sprechen wir von weiteren Gefahren. Die vielleicht größte besteht im (nicht zuletzt außengesteuerten) Versuch, die Partei vorschnell zum Entscheidungskampf zwischen ihren Flügeln zu drängen und ihr schon jetzt eine rigorose Klärungsdiskussion aufreden zu wollen. Dagegen spricht dreierlei:


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.