Sezession
19. Mai 2009

Hitler sagen verboten

Ellen Kositza

feiernfressenfernsehenGeschichtspolitik ist kein akademisches Metier. Sie wird „auf der Straße" verhandelt und eingepflanzt. Nein, einpflanzen ist falsch: Sprechen wir besser vom Umtopfen. „Straße" heißt konkret und heute: Grundschule und Supermarkt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

 
Grundschule: Meine achtjährige Tochter, dritte Klasse, besucht das Wahlfach "Chronik". Als heute das Stichwort DDR aufkam, holte die Lehrerin weiter aus und erzählte kurz von Hitler, um dann auf die Aufteilung Deutschlands durch die Siegermächte zu kommen. Bei der zweiten Erwähnung des Unaussprechlichen wurde der Banknachbar meiner Tochter zittrig, meldete sich und warf ein: „Aber Frau G., das darf man nicht sagen!" Die Lehrerin, redlich bemüht, einen für Grundschulkinder komplizierten Sachverhalt aufs Verständliche runterzubrechen, fragte irritiert nach - was denn? Der Schüler, ganz leise und vorgebeugt: „Na, wen sie eben gesagt haben!". Und noch leiser, als sei ein Arkanum berührt: „Hitler! Das ist doch verboten!"

Michel Friedman hatte vor Jahren in einem TV-Gespräch mit Hans-Olaf Henkel mal die Forderung aufgestellt, daß Holocaust-Wissen spätestens im Kindergarten unterrichtet werden müsse. Man hat ihn nicht gehört. Aber immerhin: Hitlersagen gilt als strafbar.

Supermarkt: 2000 Jahre Arminius, 60 Jahre Grundgesetz, 20 Jahre Mauerfall - bei solchem Jubiläen-Wust blicken Mann und Frau der Straße kaum mehr durch. Vor allen Dingen ist der Bezugspunkt irgendwie aus den Augen geraten. War Arminius nun der erste Deutsche? Aber ist Deutschland nicht grad 60 geworden? Welches Deutschland noch mal?

Der Discounter Netto brennt diese Woche ein gewaltiges Produkte-Feuerwerk ab, das sich eventuell aufs Grundgesetz-Jubiläum beziehen dürfte. Am Ende der Konsumkette ist der Verfassungspatriotismus nun an sein Ziel gekommen, Hurra!

Im Angebot ist unter vielem anderen ein Deutschland-Senf „mittelscharf", eine Reis(!)mischung schwarz-rot-gold sowie Tagilatelle(!) in den gleichen patriotischen Farben, aber auch Konservendosen mit gutem deutschem Kartoffeleintopf von der Firma Buss, die treudeutsch verspricht, die Vitamine "einzuschließen wie in einem Tresor". Auf den dicken Büchsen unter Fähnchen und Quadriga: 60 Jahre Deutschland!

Dies: Zwei kleine Geschichtchen über unsere kleine Geschichte. Unsere Kleinen werden auch ohne Holocaustlessons hübsch belehrt - auf daß sie hübsch klein bleiben mögen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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