Große Sprünge: Peter Kuntze und »Chinas konservative Revolution«

Dieser Tage wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit China weiter vorangetrieben.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Trotz der gegen­wär­ti­gen Unru­hen in Hong­kong und der in unre­gel­mä­ßi­gen Abstän­den gebets­müh­len­ar­tig wie­der­hol­ten Men­schen­rechts­vor­be­hal­te gegen­über der Volks­re­pu­blik führt auf dem inter­na­tio­na­len Par­kett kein Weg mehr an Chi­na vor­bei. Zumin­dest dann nicht, wenn tat­säch­li­che Inter­es­sen­po­li­tik betrie­ben wird; dar­über mag man bei Spie­gel und Kon­sor­ten auf­heu­len, wie man will.

Wie das ursprüng­lich zu neun­zig Pro­zent agra­risch gepräg­te Rie­sen­reich inner­halb von knap­pen vier­zig Jah­ren nach dem Tod Maos die­sen reel­len “Gro­ßen Sprung nach vorn” voll­zo­gen hat, die USA öko­no­misch zu über­ho­len und Deutsch­lands mitt­ler­wei­le dritt­wich­tigs­ter Han­dels­part­ner zu wer­den, umreißt der Publi­zist und ehe­ma­li­ge außen­po­li­ti­sche Redak­teur der Süd­deut­schen Zei­tung Peter Kunt­ze im 42. Band der Rei­he kapla­ken: »Chi­nas kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on oder Die Neu­ord­nung der Welt«.

Auf den Tod Maos am 9. Sep­tem­ber 1976 folg­te die ban­ge Fra­ge nach dem wei­te­ren Kurs der chi­ne­si­schen KP. Ehe jedoch die radi­kal­kom­mu­nis­ti­sche “Vie­rer­ban­de” um die Wit­we des ver­bli­che­nen Gro­ßen Vor­sit­zen­den nach der Macht grei­fen konn­te, kehr­te des­sen ehe­ma­li­ger Adla­tus Deng Xiao­ping aus der Ver­ban­nung zurück und über­nahm die Füh­rung der wirt­schaft­lich und poli­tisch dar­nie­der­lie­gen­den Nation.

Die von Deng ein­ge­lei­te­te und in den fol­gen­den 20 Jah­ren ste­tig vor­an­ge­trie­be­ne Reform- und Öff­nungs­po­li­tik ermög­lich­te es Volk und Öko­no­mie, sich von der Lei­dens­zeit unter dem stets zwi­schen Zwangs­in­dus­tria­li­sie­rung nach sowje­ti­schem Vor­bild und Agrar­kom­mu­nis­mus à la Pol Pot schwan­ken­den Mao zu erho­len, in der bis zu 72 Mil­lio­nen Men­schen umge­kom­men waren. Kunt­ze zeich­net die maß­geb­li­chen poli­ti­schen und sozia­len Ent­wick­lungs­li­ni­en bis ein­schließ­lich 2014 bün­dig und anschau­lich nach, sodaß bereits die­se Über­blicks­dar­stel­lung viel von der igno­ran­ten bis her­ab­las­sen­den Behand­lung des The­mas Chi­na im media­len und wis­sen­schaft­li­chen (zumin­dest jen­seits der Sino­lo­gie) Dis­kurs wie­der wett­zu­ma­chen vermag.
Beson­ders ver­dienst­voll ist – neben allem zeit­his­to­ri­schen Detail­wis­sen – die von Kunt­ze bereit­ge­stell­te, prä­gnan­te Ein­füh­rung in die Bedeu­tung der kon­fu­zia­ni­schen Leh­re für die Aus­prä­gung einer genu­in chi­ne­si­schen Staats- und Gesell­schafts­phi­lo­so­phie. Unter Berück­sich­ti­gung der nach dem Ende der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on und der Rück­kehr zum über­kom­me­nen Fun­da­ment der uralten chi­ne­si­schen Zivi­li­sa­ti­on vor­ge­nom­me­nen Anpas­sun­gen an die (Post)Moderne hilft die­ser Exkurs nach­zu­voll­zie­hen, wie sich aus der tran­szen­den­ten und hier­ar­chi­schen Lebens­ord­nung ein neu­es Ethos ent­wi­ckeln konn­te, das beson­ders in sei­nen kul­tu­rel­len Impli­ka­tio­nen einen tat­säch­li­chen “Drit­ten Weg” dar­zu­stel­len vermag.

Gleich­zei­tig ent­wi­ckel­ten sich für Deng Xiao­ping und sei­ne Nach­fol­ger in Ämtern und Wür­den der KP schwe­re Gewis­sens­kon­flik­te im Zusam­men­hang mit dem Ein­strö­men nihi­lis­ti­scher “west­li­cher Wer­te” nach Zusam­men­bruch der Sowjet­uni­on, denen gegen­über Chi­nas Füh­rung einen natio­na­len Son­der­weg bei­be­hal­ten woll­te – ins­be­son­de­re die blu­ti­ge Nie­der­schla­gung des Stu­den­ten­pro­tests auf dem Tia­nan­men-Platz 1989 wird unter die­ser Vor­aus­set­zung von einem unge­wohn­ten Blick­win­kel aus betrach­tet. Dazu gehört auch das in west­li­chen Medi­en kaum wie­der­ge­ge­be­ne Detail, daß es neben ande­ren Fak­to­ren auch die Errich­tung eines an die Frei­heits­sta­tue ange­lehn­ten Qua­si-Göt­zen­bilds einer “Göt­tin der Demo­kra­tie” durch die Demons­tran­ten gewe­sen sei, das zur Eska­la­ti­on der Lage geführt habe.

Gleich­sam ver­steht es der Autor (wie so vie­le in gewen­de­te Ex-Lin­ke), anhand des chi­ne­si­schen Bei­spiels prä­zi­se die Apo­rien des kom­mu­nis­ti­schen bzw. mao­is­ti­schen Mensch­heits­ex­pe­ri­ments offen­zu­le­gen und eben­so die zeit­geis­ti­gen Eli­ten beson­ders der poli­tisch be-schrei­ben­den Zunft bloß­zu­stel­len: Geis­tig noch immer in den alt­kom­mu­nis­ti­schen Kate­go­rien ihrer Jugend- und Stu­den­ten­zeit mit den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen “Fun­dis” und “Rea­los” gefan­gen, stel­le das erfolg­reich auf­ge­stie­ge­ne Peking mit sei­nem prag­ma­ti­schen “Sozia­lis­mus chi­ne­si­scher Prä­gung” für sie den uner­träg­li­chen Tri­umph einer Art kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Abwei­chung dar, wes­we­gen die gelenk­te Bericht­erstat­tung zuwei­len gera­de­zu rach­süch­ti­ge Züge annehme.

Ange­sichts der von Deng Xiao­ping betrie­be­nen Ent­kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft durch zügi­ge Auf­lö­sung der Volks­kom­mu­nen sowie der Rück­kehr zum Pri­vat­ei­gen­tum auch in der Indus­trie wand­te sich der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Michel Fou­cault sei­ner­zeit resi­gnie­rend von Chi­na ab […]. Noch 1972 hat­te Bru­no Krei­sky, öster­rei­chi­scher Bun­des­kanz­ler, SPÖ-Vor­sit­zen­der und Vize-Prä­si­dent der Sozia­lis­ti­schen Inter­na­tio­na­le, die Eigen­tums­ver­hält­nis­se in Chi­na und den dama­li­gen Ost­block-Staa­ten als end­gül­tig, weil im mar­xis­ti­schen Sin­ne fort­schritt­lich, bezeich­net […]. Die­se anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Fehl­ein­schät­zung gehör­te zu den größ­ten Irr­tü­mern nicht nur Krei­skys, son­dern der gesam­ten Lin­ken – eben­so wie die von ihnen nicht für mög­lich gehal­te­ne Wie­der­ge­burt der Natio­nal­staa­ten […]. Jene schmerz­li­che Erfah­rung dürf­te einer der Grün­de für die heu­te auf EU-Ebe­ne von Lin­ken und Links­li­be­ra­len so ver­bis­sen gegen die Mehr­heit der Bür­ger ver­foch­te­ne Über­tra­gung mög­lichst vie­ler natio­na­ler Kom­pe­ten­zen nach Brüs­sel sein.

Wie­wohl die in den letz­ten Jah­ren ste­tig zuneh­men­den Span­nun­gen zwi­schen Chi­na und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten sowie deren Ver­bün­de­ten, ins­be­son­de­re Japan, durch­aus das Poten­ti­al zum Umschlag in eine Art pazi­fi­schen Kal­ten Krieg haben, stellt sich abschlie­ßend doch die Fra­ge nach der Berech­ti­gung, mit Kunt­ze hier­bei von einer “Neu­auf­la­ge eines Welt­bür­ger­krie­ges” – der nach 1990 doch nicht ver­schwun­den, son­dern allen­falls sub­li­miert war – zu spre­chen. Ob Toyn­bee mit sei­ner Pro­gno­se Recht behal­ten und das 21. Jahr­hun­dert den Chi­ne­sen gehö­ren wird, kann nur die Zeit zeigen.

Für ein ein­ge­hen­de­res Ver­ständ­nis und eige­ne, wei­te­re Lek­tü­re zu die­ser aku­ten Fra­ge­stel­lung bie­tet Kunt­zes Buch einen idea­len Aus­gangs­punkt. In jedem Fall jedoch wird die Volks­re­pu­blik ihren Platz im Mäch­te­ge­fü­ge einer sich neu pola­ri­sie­ren­den Welt ein­neh­men; es wird auch an Deutsch­land lie­gen, die Wahl zwi­schen einer natio­na­len Inter­es­sen fol­gen­den, außen­po­li­ti­schen Neu­po­si­tio­nie­rung und dem fort­ge­setz­ten Vasal­len­sta­tus unter US-Kura­tel zu tref­fen. Zumin­dest, wenn es sich dazu in der Lage sieht. Das all­mäh­lich aus­lau­fen­de Jahr hat bereits mit der Ent­wick­lung in der Ukrai­ne gezeigt, wie hilf­los die “alten” Eli­ten auf die Rück­kehr der Geo­po­li­tik reagier­ten – zumal in einem pazi­fi­zier­ten Mit­tel­eu­ro­pa, das sich anschickt, von der welt­ge­schicht­li­chen Büh­ne abzutreten.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (7)

Stil-Blüte

13. Oktober 2014 11:59

Ein sattelfester Ritt durch China, ohne auf dem Titel allzusehr herumzureiten, ohne Abschweifungen gewinnt man eine solide Übersicht und Aussicht. Lohnt sich!

Ein Leser

13. Oktober 2014 14:09

es wird auch an Deutschland liegen, die Wahl zwischen einer nationalen Interessen folgenden, außenpolitischen Neupositionierung und dem fortgesetzten Vasallenstatus unter US-Kuratel zu treffen.

Man kommt sich jedenfalls näher:

Three months ago, German chancellor Angela Merkel visited Beijing. Hardly featured in the news was the political acceleration of a potentially groundbreaking project: an uninterrupted high-speed rail connection between Beijing and Berlin. When finally built, it will prove a transportation and trade magnet for dozens of nations along its route from Asia to Europe. Passing through Moscow, it could become the ultimate Silk Road integrator for Europe and perhaps the ultimate nightmare for Washington.

https://www.juancole.com/2014/10/dragon-russia-block.html

Siehe auch hier: https://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article126318669/Chinas-Praesident-kommt-fuer-einen-Zug-nach-Duisburg.html

Dem Imperium passt das ganz und gar nicht. Deshalb will man auch einen Keil zwischen EU und Russland treiben (siehe Ukraine), gemäß dem Motto, "keep the barbarians from coming together"

Gold Eagle

13. Oktober 2014 16:36

China durchläuft eben den Prozess, den Südkorea, Taiwan und Japan schon vor Jahrzehnten durchgemacht haben: Marktöffnung, Globalisierung und Exportorientierung. Wirtschaftlich ist das vernünftig, ob das aber mit dem Begriff "Konservative Revolution" richtig umschrieben wird, da bin ich mir nicht sicher.

Ruediger

14. Oktober 2014 06:13

Das Buch folgt einer großen Tradition.
Goethe über den Islam.
Goethe über Napoleon.

Und jetzt halt der Konfuzianismus als "Konservative Revolution", als "Driitter Weg".
Ich hoffe, der Autor hat nicht vergessen, auch die beiden anderen Bestandteile der Triade ausreichend zu würdigen, die das Leben im Fernen Osten beherrscht, von der Familie bis zur Aussenpolitik: Ahnenkult und Tributsystem.

Wenn Deutsche mit Anderen aus einer Schüssel essen wollen, ist gewöhnlich zumindest der Löffel zu kurz.
Bismarck sagte seinerzeit: "Das Deutsche Reich ist sich selbst genug."

Martin

14. Oktober 2014 08:46

Wenn Deutsche mit Anderen aus einer Schüssel essen wollen, ist gewöhnlich zumindest der Löffel zu kurz.
Bismarck sagte seinerzeit: „Das Deutsche Reich ist sich selbst genug.“

Ich kenne das Buch nicht und grundsätzlich ist auch nichts bedenkliches oder vorwerfbares dabei, wenn auf andere Länder geschaut wird - Es ist sogar zwingend erforderlich, da man nicht in Luftleeren Räumen operiert.

Dennoch ist die oben zitierte Meinung richtig: Der Hang des Deutschen, woanders die Wiese grüner zu finden, sich bei anderen anzulehnen und - fast schon ein bisschen devot - nach "oben" zu schauen (z.T. verbunden mit einer romantischen Verklärung), ist einer der Charakterzüge der Deutschen, der am meisten zu kritisieren ist. Es gab ja schon einige Länder, an die man sich anlehnte, kulturell Frankreich z.B. in den Jahrhunderten vor dem 20. Jetzt soll es - zumindest wenn man rechte/konservative Publikationen/Internetblogs verfolgt - Russland sein, als zweite Variante wohl China (Warum eigentlich nicht Vietnam, denen man in Geschäftskreisen fast schon "preußische" Disziplin nachsagt und die Bienenfleißig sein sollen?). Weder Russland noch China sind Vorbilder für uns deutsche, nur weil sie - ihrer Stärke sei dank - es sich erlauben können, auf Augenhöhe der USA entgegenzutreten. Beide Länder würden ein Deutschland auf "Augenhöhe" - insbesondere Russland - jedoch nie akzeptieren (China schon eher, aber nur solange man brav mitspielt). Und mal ganz ehrlich: Was ich von meinen Expat Freunden aus Shanghai etc. so erzählt bekomme, lässt mich beim ersten Lesen der These von "einer konservativen Revolution" gerade in China (!) schon ein bisschen auf den Gedanken kommen, ob da nicht einer seine eigenen Begrifflichkeiten und sein eigenes Wunschdenken auf ein nicht mit Schlagworten ("Konfuzianismus" bspw. - was ist mit Laotse und dem Daoismus?) erfassbares Riesenland zu stülpen versucht. Aber man soll ja nicht immer vom Titel auf den Inhalt eines Buches schließen, von daher werde ich es wohl bei Gelegenheit lesen (und mir dann eine bessere Meinung dazu bilden können).

der demograph

17. Oktober 2014 13:54

@Martin
diese Tendenz die Wiese des Anderen gruener zu finden ist gerade bei den Chinesen ebenfalls extrem ausgeprägt. Ihr Lieblingsthema ist wie egoistisch, bloed, gierig, gerissen etc. doch alle anderen Chinesen seien. Der Westen und insbesondere Deutschland wird vergoettert. Mir ist das in China immer peinlich. Jeder schwaermt von Beethoven, Schubert, deutscher Belesenheit und Klugheit, Ingenieurskunst etc. etc. Viele Chinesen denken tatsächlich Deutsche verbrächten den ganzen Tag mit solchen Dingen. Was sie halt nicht galuben wollen, ist das im Vergleich zum Durchschnittschinesen die meisten Deutschen deutlich uninteressierter an Kultur sind und dafuer deutlich interssierter an Gelegenheitsbettbekanntschaften, Alkohol und Ähnlichem. Außerdem traumen soviele Chinesen davon nach Deutschland auszuwandern, aber was sie auch nicht verstehen ist das sie hier nicht willkommen sind. Der Durchschnittsdeutsche flippt aus vor Freude über jeden Armutseinwanderer aus Palaestina oder dem Kongo, je dreister, lauter desto besser. Mit dem repsektvollen Chinesen kann hier doch keiner was anfangen.

Und eine kleine Bemerkung zu Tienanmen: die Proteste der Studenten enstanden urpsünglich in Reaktion auf das Verhalten subsaharaafrikanischer männlicher Gaststudenten gegenüber chinesischen Frauen an chinesischen Unis...kommt einem irgendwie bekannt vor

Jennifer

18. Januar 2015 15:32

Diese großen Sprünge sind die Folge einer technologischen Weiterentwicklung in der heutigen Gesellschaft. Durch die moderne Kommunikations und Verkehrsmittel sind die Länder viel enger beieinander. Mittelfristig gesehen hat ein weltweiter Ausgleich zwischen Arm und Reich stattgefunden. China konnte diese historische Entwicklung nutzen und geht sogar als Gewinner hervor. https://www.china-kultur.de

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