Sezession
13. Oktober 2014

Große Sprünge: Peter Kuntze und »Chinas konservative Revolution«

Nils Wegner / 7 Kommentare

Dieser Tage wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Bundesrepublik mit China weiter vorangetrieben. Trotz der gegenwärtigen Unruhen in Hongkong und der in unregelmäßigen Abständen gebetsmühlenartig wiederholten Menschenrechtsvorbehalte gegenüber der Volksrepublik führt auf dem internationalen Parkett kein Weg mehr an China vorbei. Zumindest dann nicht, wenn tatsächliche Interessenpolitik betrieben wird; darüber mag man bei Spiegel und Konsorten aufheulen, wie man will.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Wie das ursprünglich zu neunzig Prozent agrarisch geprägte Riesenreich innerhalb von knappen vierzig Jahren nach dem Tod Maos diesen reellen "Großen Sprung nach vorn" vollzogen hat, die USA ökonomisch zu überholen und Deutschlands mittlerweile drittwichtigster Handelspartner zu werden, umreißt der Publizist und ehemalige außenpolitische Redakteur der Süddeutschen Zeitung Peter Kuntze im 42. Band der Reihe kaplaken: »Chinas konservative Revolution oder Die Neuordnung der Welt«.

Auf den Tod Maos am 9. September 1976 folgte die bange Frage nach dem weiteren Kurs der chinesischen KP. Ehe jedoch die radikalkommunistische "Viererbande" um die Witwe des verblichenen Großen Vorsitzenden nach der Macht greifen konnte, kehrte dessen ehemaliger Adlatus Deng Xiaoping aus der Verbannung zurück und übernahm die Führung der wirtschaftlich und politisch darniederliegenden Nation.

Die von Deng eingeleitete und in den folgenden 20 Jahren stetig vorangetriebene Reform- und Öffnungspolitik ermöglichte es Volk und Ökonomie, sich von der Leidenszeit unter dem stets zwischen Zwangsindustrialisierung nach sowjetischem Vorbild und Agrarkommunismus à la Pol Pot schwankenden Mao zu erholen, in der bis zu 72 Millionen Menschen umgekommen waren. Kuntze zeichnet die maßgeblichen politischen und sozialen Entwicklungslinien bis einschließlich 2014 bündig und anschaulich nach, sodaß bereits diese Überblicksdarstellung viel von der ignoranten bis herablassenden Behandlung des Themas China im medialen und wissenschaftlichen (zumindest jenseits der Sinologie) Diskurs wieder wettzumachen vermag.
Besonders verdienstvoll ist – neben allem zeithistorischen Detailwissen – die von Kuntze bereitgestellte, prägnante Einführung in die Bedeutung der konfuzianischen Lehre für die Ausprägung einer genuin chinesischen Staats- und Gesellschaftsphilosophie. Unter Berücksichtigung der nach dem Ende der Kulturrevolution und der Rückkehr zum überkommenen Fundament der uralten chinesischen Zivilisation vorgenommenen Anpassungen an die (Post)Moderne hilft dieser Exkurs nachzuvollziehen, wie sich aus der transzendenten und hierarchischen Lebensordnung ein neues Ethos entwickeln konnte, das besonders in seinen kulturellen Implikationen einen tatsächlichen "Dritten Weg" darzustellen vermag.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (7)

Stil-Blüte
13. Oktober 2014 11:59

Ein sattelfester Ritt durch China, ohne auf dem Titel allzusehr herumzureiten, ohne Abschweifungen gewinnt man eine solide Übersicht und Aussicht. Lohnt sich!

Ein Leser
13. Oktober 2014 14:09

es wird auch an Deutschland liegen, die Wahl zwischen einer nationalen Interessen folgenden, außenpolitischen Neupositionierung und dem fortgesetzten Vasallenstatus unter US-Kuratel zu treffen.

Man kommt sich jedenfalls näher:

Three months ago, German chancellor Angela Merkel visited Beijing. Hardly featured in the news was the political acceleration of a potentially groundbreaking project: an uninterrupted high-speed rail connection between Beijing and Berlin. When finally built, it will prove a transportation and trade magnet for dozens of nations along its route from Asia to Europe. Passing through Moscow, it could become the ultimate Silk Road integrator for Europe and perhaps the ultimate nightmare for Washington.

https://www.juancole.com/2014/10/dragon-russia-block.html

Siehe auch hier: https://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article126318669/Chinas-Praesident-kommt-fuer-einen-Zug-nach-Duisburg.html

Dem Imperium passt das ganz und gar nicht. Deshalb will man auch einen Keil zwischen EU und Russland treiben (siehe Ukraine), gemäß dem Motto, "keep the barbarians from coming together"

Gold Eagle
13. Oktober 2014 16:36

China durchläuft eben den Prozess, den Südkorea, Taiwan und Japan schon vor Jahrzehnten durchgemacht haben: Marktöffnung, Globalisierung und Exportorientierung. Wirtschaftlich ist das vernünftig, ob das aber mit dem Begriff "Konservative Revolution" richtig umschrieben wird, da bin ich mir nicht sicher.

Ruediger
14. Oktober 2014 06:13

Das Buch folgt einer großen Tradition.
Goethe über den Islam.
Goethe über Napoleon.

Und jetzt halt der Konfuzianismus als "Konservative Revolution", als "Driitter Weg".
Ich hoffe, der Autor hat nicht vergessen, auch die beiden anderen Bestandteile der Triade ausreichend zu würdigen, die das Leben im Fernen Osten beherrscht, von der Familie bis zur Aussenpolitik: Ahnenkult und Tributsystem.

Wenn Deutsche mit Anderen aus einer Schüssel essen wollen, ist gewöhnlich zumindest der Löffel zu kurz.
Bismarck sagte seinerzeit: "Das Deutsche Reich ist sich selbst genug."

Martin
14. Oktober 2014 08:46

Wenn Deutsche mit Anderen aus einer Schüssel essen wollen, ist gewöhnlich zumindest der Löffel zu kurz.
Bismarck sagte seinerzeit: „Das Deutsche Reich ist sich selbst genug.“

Ich kenne das Buch nicht und grundsätzlich ist auch nichts bedenkliches oder vorwerfbares dabei, wenn auf andere Länder geschaut wird - Es ist sogar zwingend erforderlich, da man nicht in Luftleeren Räumen operiert.

Dennoch ist die oben zitierte Meinung richtig: Der Hang des Deutschen, woanders die Wiese grüner zu finden, sich bei anderen anzulehnen und - fast schon ein bisschen devot - nach "oben" zu schauen (z.T. verbunden mit einer romantischen Verklärung), ist einer der Charakterzüge der Deutschen, der am meisten zu kritisieren ist. Es gab ja schon einige Länder, an die man sich anlehnte, kulturell Frankreich z.B. in den Jahrhunderten vor dem 20. Jetzt soll es - zumindest wenn man rechte/konservative Publikationen/Internetblogs verfolgt - Russland sein, als zweite Variante wohl China (Warum eigentlich nicht Vietnam, denen man in Geschäftskreisen fast schon "preußische" Disziplin nachsagt und die Bienenfleißig sein sollen?). Weder Russland noch China sind Vorbilder für uns deutsche, nur weil sie - ihrer Stärke sei dank - es sich erlauben können, auf Augenhöhe der USA entgegenzutreten. Beide Länder würden ein Deutschland auf "Augenhöhe" - insbesondere Russland - jedoch nie akzeptieren (China schon eher, aber nur solange man brav mitspielt). Und mal ganz ehrlich: Was ich von meinen Expat Freunden aus Shanghai etc. so erzählt bekomme, lässt mich beim ersten Lesen der These von "einer konservativen Revolution" gerade in China (!) schon ein bisschen auf den Gedanken kommen, ob da nicht einer seine eigenen Begrifflichkeiten und sein eigenes Wunschdenken auf ein nicht mit Schlagworten ("Konfuzianismus" bspw. - was ist mit Laotse und dem Daoismus?) erfassbares Riesenland zu stülpen versucht. Aber man soll ja nicht immer vom Titel auf den Inhalt eines Buches schließen, von daher werde ich es wohl bei Gelegenheit lesen (und mir dann eine bessere Meinung dazu bilden können).

der demograph
17. Oktober 2014 13:54

@Martin
diese Tendenz die Wiese des Anderen gruener zu finden ist gerade bei den Chinesen ebenfalls extrem ausgeprägt. Ihr Lieblingsthema ist wie egoistisch, bloed, gierig, gerissen etc. doch alle anderen Chinesen seien. Der Westen und insbesondere Deutschland wird vergoettert. Mir ist das in China immer peinlich. Jeder schwaermt von Beethoven, Schubert, deutscher Belesenheit und Klugheit, Ingenieurskunst etc. etc. Viele Chinesen denken tatsächlich Deutsche verbrächten den ganzen Tag mit solchen Dingen. Was sie halt nicht galuben wollen, ist das im Vergleich zum Durchschnittschinesen die meisten Deutschen deutlich uninteressierter an Kultur sind und dafuer deutlich interssierter an Gelegenheitsbettbekanntschaften, Alkohol und Ähnlichem. Außerdem traumen soviele Chinesen davon nach Deutschland auszuwandern, aber was sie auch nicht verstehen ist das sie hier nicht willkommen sind. Der Durchschnittsdeutsche flippt aus vor Freude über jeden Armutseinwanderer aus Palaestina oder dem Kongo, je dreister, lauter desto besser. Mit dem repsektvollen Chinesen kann hier doch keiner was anfangen.

Und eine kleine Bemerkung zu Tienanmen: die Proteste der Studenten enstanden urpsünglich in Reaktion auf das Verhalten subsaharaafrikanischer männlicher Gaststudenten gegenüber chinesischen Frauen an chinesischen Unis...kommt einem irgendwie bekannt vor

Jennifer
18. Januar 2015 15:32

Diese großen Sprünge sind die Folge einer technologischen Weiterentwicklung in der heutigen Gesellschaft. Durch die moderne Kommunikations und Verkehrsmittel sind die Länder viel enger beieinander. Mittelfristig gesehen hat ein weltweiter Ausgleich zwischen Arm und Reich stattgefunden. China konnte diese historische Entwicklung nutzen und geht sogar als Gewinner hervor. https://www.china-kultur.de

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