»Im Umfeld der ‘Weißen Rose’«: Hans Hirzel als Geschichte und Haltung

Daß „neue“ Selbstzeugnisse oder Aufsatzsammlungen zum Widerstand im Dritten Reich bei manchem für anhaltendes...

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Augen­rol­len sor­gen, ist irgend­wo ver­ständ­lich. Die Zei­ten, in denen man von man­chen Sei­ten damit gera­de­zu über­schüt­tet wur­de, ist dank­ba­rer­wei­se vor­bei – infla­tio­nä­re Befas­sung tut kei­nem The­ma gut, wie man die­ses Jahr auch hin­sicht­lich des Ers­ten Welt­kriegs teils fest­stel­len muß­te. Stirn­run­zeln mag es auch bei der Ankün­di­gung der aktu­el­len kapla­ken-Staf­fel gege­ben haben; für die Erin­ne­run­gen Hans Hir­zels kann jedoch Ent­war­nung gege­ben werden.

Han­delt es sich hier­bei doch nicht um eine Selbst­be­weih­räu­che­rung mit redak­tio­nell zuge­ge­be­ner Lob­hu­de­lei, son­dern – bei der nun post­hum erst­mals ver­öf­fent­lich­ten rück­bli­cken­den Bestands­auf­nah­me – viel­mehr um eine gänz­lich beschei­de­ne Erzäh­lung über Hir­zels Her­kunft, sei­nen Weg hin zur Teil­nah­me an Flug­blatt­ak­tio­nen, Ver­haf­tung und Pro­zeß vor dem Volks­ge­richts­hof sowie sei­ne Haft­stra­fe mit schlu­ßend­li­cher Heim­kehr auf­grund der Kriegslage.

Wer eine Glo­ri­fi­zie­rung der eige­nen Taten oder der bis heu­te iko­ni­schen Geschwis­ter Scholl erwar­tet, wird indes ent­täuscht wer­den. Viel­mehr fin­den sich eine Viel­zahl inter­es­san­ter Dar­stel­lun­gen zu dama­li­gen Stim­mun­gen, den Fami­li­en- und Freun­des­krei­sen sowie ein­zel­nen Zeit­ge­nos­sen: natür­lich Hans und Sophie Scholl, aber eben­so – nota bene! – Roland Freis­ler (inter­es­san­ter­wei­se anhand einer lan­ge nach Kriegs­en­de von Hir­zel gele­se­nen Schrift Carl Schmitts hin­sicht­lich des „kon­kre­ten Ord­nungs­den­kens“). Zeit­ge­schicht­lich wert­voll auch aus kri­ti­scher Per­spek­ti­ve ist die­ses letz­te Resü­mee des 2006 ver­stor­be­nen Hir­zel alle­mal, und wer das Geheim­nis um die Rol­le von Ger­hard Rit­ters »Macht­staat und Uto­pie« in der Mün­chen-Stutt­gar­ter Kaba­le ergrün­den möch­te, ist mit einer Lek­tü­re gut beraten.

Dem Selbst­zeug­nis bei­gege­ben sind zwei Inter­views mit Hans Hir­zel, die die Jun­ge Frei­heit 2001 und 2003 geführt hat­te. Auch wenn die Fra­gen weit­ge­hend die glei­chen geblie­ben sind, fin­den sich doch eini­ge jeweils sin­gu­lä­re Details, die mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen Text zu ver­glei­chen eini­gen Auf­schluß über die Zuver­läs­sig­keit der Dar­stel­lung erlaubt.

Beson­ders ver­dienst­voll ist jedoch das abschlie­ßen­de Nach­wort aus der Feder Ellen Kositz­as: Dar­in fin­det sich nicht nur eine noch­ma­li­ge Gegen­über­stel­lung der vor­an­ge­gan­ge­nen Tei­le des Buchs mit ent­spre­chen­den Anmer­kun­gen und zeit­ge­nös­si­schen Hin­ter­grün­den. Dar­über hin­aus ist vom Stand­punkt des His­to­ri­kers aus lobend fest­zu­stel­len, daß Kositza auch eine in ihrer Kür­ze ele­gan­te wie für den Lai­en ver­ständ­li­che Quel­len­kri­tik übt und hin­sicht­lich eini­ger Details die Erkennt­nis­se geschichts­wis­sen­schaft­li­cher Sekun­där­li­te­ra­tur ein­flie­ßen läßt. Dies gilt ins­be­son­de­re für die von bun­des­re­pu­bli­ka­nisch beru­fe­ner Sei­te auf­ge­stell­te The­se, Hir­zel habe die Schol­ls im Gesta­po­ver­hör ver­ra­ten und so zur ver­häng­nis­vol­len Flug­blatt­ver­tei­lung, die mit ihrer Ver­haf­tung ende­te, als einem Fanal veranlaßt.

Was Ellen Kositza ganz zum Schluß anklin­gen läßt, lohnt als Denk­an­stoß bei­na­he allein schon die Lek­tü­re von »Im Umfeld der ‘Wei­ßen Rose’. Erin­ne­run­gen an die Jah­re 1942 bis 1945«. Wäh­rend näm­lich die Geschwis­ter Scholl all­über­all Wider­stand­si­ko­nen gewor­den sind – unbe­streit­bar auch durch ihre pop­taug­li­chen Por­trät­fo­tos, die sich in ihrer ver­brei­te­ten Form als gera­de­zu nach PR-Kri­te­ri­en aus­ge­wählt erwei­sen –, hat­te man Hir­zel von obi­gem Ver­rats­ver­dacht abge­se­hen schon zu Leb­zei­ten der Ver­ges­sen­heit anheimgegeben.

Maß­geb­li­ches Kri­te­ri­um für sei­nen Aus­schluß aus dem Wider­stands­ka­non war sei­ne ab 1993 erfolg­te Par­tei­nah­me für die „Repu­bli­ka­ner“; viel­leicht erin­nern sich eini­ge Mit­le­ser noch an die dama­li­gen ent­setz­ten Medi­en­stim­men dar­über, wie „so einer“ sich mit „denen da“ ein­las­sen kön­ne. Nach der Lek­tü­re von Hir­zels Erin­ne­run­gen mag man sich dar­über ande­re Gedan­ken machen, etwa inwie­weit eine gewis­se Hal­tung dem Prot­ago­nis­ten bis zuletzt erhal­ten geblie­ben sein mag. Denn das Ver­mächt­nis Hans Hir­zels ist doch: ein­zu­ste­hen für das eige­ne Land und sich von sol­chen abzu­set­zen, die es sehen­den Auges in Unglück und Ver­der­ben füh­ren oder lau­fen las­sen. Wer zu so etwas bereit ist oder sich ver­pflich­tet führt, der setzt sich not­wen­di­ger­wei­se ruhe­los – damals wie heute.

Hans Hir­zel: Im Umfeld der “Wei­ßen Rose” – hier ein­se­hen und bestel­len.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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Kommentare (3)

Andreas Vonderach

16. Oktober 2014 11:09

Anders als beim 20. Juli bin ich mir nicht so sicher, ob ich für die Geschwister Scholl so uneingeschränkt Partei ergreifen kann. Haben die nicht auch zur Sabotage in Rüstungsfabriken aufgerufen und damit das Leben deutscher Soldaten gefährdet?

Wegner:
Abgesehen davon, daß es um die Scholls hier nur mittelbar geht, findet sich im Anmerkungsapparat des Buchs ein sehr offener und ablehnender Kommentar Hirzels zu derlei "unentschuldbaren" Akten. Im übrigen stellt sich dessenungeachtet die Frage, ob man aus nachgeborener Position überhaupt "uneingeschränkt" Partei in derlei Zusammenhängen ergreifen kann.

Strogoff

18. Oktober 2014 23:05

Wollte Frau Kositza nicht ein Kaplaken über Hans Scholl schreiben?
Steht das jetzt noch auf dem Plan?

Kositza: Mit Hans Scholl, dieser schillernden, faszinierenden, zugleich irrlichternd-labilen, womöglich "kranken" Person, hab ich mich länger & öfters beschäftigt, aber ein kaplaken, nein, hatte und hab ich nicht vor.

Götz Kubitschek

20. Oktober 2014 07:05

dank an alle.
und badeschluß!

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