Sezession
29. Oktober 2014

David Engels: Auf dem Weg ins Imperium – eine Rezension

Gastbeitrag / 21 Kommentare

(RezeDavid Engels_Auf dem Weg ins Imperiumnsion aus Sezession 62 / Oktober 2014)

von Kai Hammermeister

Der belgische Althistoriker David Engels, Jahrgang 1979, hat ein auf Kontroverse abzielendes Buch über unsere kulturelle Sinnkrise vorgelegt. Engels entwirft zwei Alternativen für das gegenwärtige Europa, das sich im Prozeß seiner Selbstabschaffung vorfindet. Die erste ist die anachronistische Rückkehr zum Nationalstaat, die schnell zur Schwächung aller europäischen Länder führen würde. 

Die andere, die er zwar als unerfreulich, aber letztlich unvermeidlich vorstellt, ist die einer »autoritären, plebiszitären und konservativen Reform«, die zu einem »autoritären Zivilisationsstaat« in der Gestalt eines geeinten Europas unter der Führung eines einzelnen, der etwa ein starker Präsident, ein Diktator im Stil der 1920er Jahre oder ein General sein könnte, führt. Um Europa vor dem völligen Verfall zu retten, sei nur der Weg in den autoritär gelenkten europäischen Staat (idealiter mit Einbezug Rußlands) denkbar, der die Einschränkung des hemmungslosen Individualismus mit sich bringt, die strenge Kontrolle der Einwanderung, eine gesetzliche Benachteiligung von Kinderlosigkeit, die staatlichen Förderung des christlichen Kultus, einen neuen ästhetischen Klassizismus, eine Vereinfachung politischer Entscheidungen mittels der Schwächung der Parlamente und die Abwertung individueller Freiheitsrechte zugunsten gleichen Schutzes innerhalb eines kulturell und militärisch selbstbewußten europäischen Reiches.

Engels schildert diese Version der europäischen Erneuerung nach dem Leitbild der Reformen des Augustus, der dem Zerfall der römischen Republik im ersten vorchristlichen Jahrhundert mit seinem konservativen Prinzipat entgegenwirkte. Das gegenwärtige Eu-ropa allerdings gleicht, so Engels, fundamental der Endzeit der antiken Republik. Beide geben ihre Identität zugunsten universalistischer Werte auf, werden von zunehmender innerer Gewalt zersetzt, schwächen ihre Demokratie durch Technokratenherrschaft, leiden unter Geburtenrückgang, stellen Selbstentfaltung vor Gemeinschaftlichkeit und verzichten auf die Bewahrung ihrer Religion. Belege hierfür entnimmt Engels einerseits den Umfragen durch Eurostat, andererseits den antiken Autoren. Weil die Parallelen zwischen diesen beiden historischen Situationen so unabweisbar stark sind, so muß für Engels auch derselbe Ausweg genommen werden. Geschichtsphilosophisch bleibt diese Argumentation unterbegründet, denn nirgends versucht sich Engels an einem prinzipiellen Modell historischer Abläufe.

Der Cäsarismus, den Spengler vorhersagte, war ungleich besser philosophisch abgesichert. Daß heutzutage ein Althistoriker offen die Diktatur als die zwingende Staatsform des kommenden vereinten Europa darstellt, die einzig den Untergang unserer Kultur aufhalten kann, dürfte hinsichtlich seiner Karriereaussichten zumindest ein Wagnis sein. Ob ihm eine Leserschaft jenseits der Universitäten seinen Wagemut danken wird, zumindest indem sie seine These rezipiert, ist augenblicklich eine offene Frage.

(David Engels: Auf dem Weg ins Imperium. Die Krise der Europäischen Union und der Untergang der römischen Republik. Historische Parallelen, Berlin: Europa Verlag 2014. 544 S., 29.99 € – hier bestellen)


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Kommentare (21)

Karl Eduard
29. Oktober 2014 10:54

Eine böse Webseite hat geschrieben, wir würden uns nicht selbst abschaffen, sondern würden abgeschafft. Und wenn man in Ruhe darüber nachdenkt, in wie weit die europäischen Eingeborenen jemals darüber abstimmen durften, wer ihr Land dauerhaft bewohnen darf und wer draußen bleiben sollte, stimmt das mit der Selbstabschafferei nicht. Auch, wer brav eine der Parteien wählt, die man wählen darf, ohne daß dieselbe vom Verfassungsschutz unterwandert ist oder von sofortigem Verbot bedroht, wird feststellen, daß es keine Wahl gibt. Außer, die nicht zu wählen, die die Abschafferei betreiben. Und dann bleibt niemand mehr übrig.

Im Sinne der Ehrlichkeit würde ich es also vorziehen, daß davon geschrieben wird, daß wir abgeschafft werden. Alles Andere hat den Anschein von Selbstbezichtigung einer Tat, deren Ausübung nicht unserer Kontrolle unterliegt.

Das wäre so, als stünde der Mörder mit rauchendem Colt über der Leiche und ruft, schaut, wie er Selbstmord begangen hat. Er sollte sich was schämen.

Waldgänger
29. Oktober 2014 11:42

Der Vergleich mit der Krise der Römischen Republik und der beginnenden römischen Kaiserzeit hat schon was.
Das Buch dürfte sich lohnen!

Allerdings - und das ist ein großer Unterschied - gibt es heute eine Vielzahl von Mächtigen (z.B. Großbanken, Konzerne), während es zur Zeit von Augustus eben wirklich so war, dass er als absolut siegreicher Heerführer allen anderen Mitspielern weit überlegen geworden war.

Eine auch nur annähernd vergleichbare Person oder Institution gibt es heute nicht. Die Zersplitterung von Macht ist - angeheizt durch wirtschaftliche und technische Dynamik - viel größer als in der Antike.

Insofern ist unsere Gegenwart keineswegs mit der Zeit von Caesar und Augustus vergleichbar, sondern eher (wenn überhaupt) mit der sich permanent verschärfenden Krise der römischen Republik vor Caesar, vielleicht sogar vor dem "Bundesgenossenkrieg".
Man sollte daher die Analogie nicht übertreiben.
Zwar gibt es Ähnlichkeiten im Hinblick auf die Krisensymptome, nicht aber zwangsläufig auch im Hinblick auf die historische Lösung.

quer
29. Oktober 2014 12:38

Das Buch habe ich (vorläufig) quergelesen. Meine bisherige Schlußfolgerung kreiert zwei wesentliche Punkte:

1. Eine (blutige?) Revolution ist am Horizont sichtbar.
2. Im Gefolge dieser Revolution wird jedwede Abtreibung gesunden Lebens als Mord verurteilt werden.

Insgesamt wird sich die spanische Reconquista über den gesamten Kontinent wiederholen. Die Frage ist eigentlich nur, wann der Bürgerkrieg die Revolution zündet.

Es könnte sein, daß z.B. die kleine Quelle "HoGeSa" ein Rhein wird. Aktuell wird man den Eindruck (ob der Reaktion) nicht los, daß verschiedene Menschen nasse Füße bekommen.

Karl
29. Oktober 2014 13:19

Der Aufstieg einer entethnisierten Elite ist kaum die unvermeidliche
Folge der Modernisierung oder irgendeiner anderen Kraft, von der ich Kenntnis habe.
Solch entethnisierte funktionale Eliten sind nur in europäischen und europäisch abgeleiteten Gesellschaften vorzufinden.
Solche Eliten finden sich sonst nirgendwo auf der Welt.

Die Umwandlung der Fakultäten in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften war in den fünfziger Jahren auf dem Weg
und in den frühen Sechzigern weitestgehend abgeschlossen. Die neue
Elite unterschied sich deutlich von der alten, die sie abgelöst hatte. Der Unterschied war, dass die alte Elite reicher und besser gebildet als die Allgemeinheit war, doch das Leben aus der gleichen Perspektive sah.
Sie sahen sich selbst als Christen und Europäer, hatten keinen Grund dafür, die Gesellschaft radikal zu ändern.

Die Lage ist nun völlig anders. Seit den sechziger Jahren hat sich eine feindselige Elite gebildet, die die intellektuelle und politische Debatte
dominiert. Es handelt sich um eine Elite, die fast schon instinktiv die
traditionellen Institutionen der europäischen Kultur verabscheut:
ihre Religion, ihre Bräuche, ihre Umgangsformen und ihre sexuellen
Einstellungen.
Die heutige Elite verabscheut die Nation, die sie führt.

Die, die diese Umwandlung betrieben haben, sind auch in allen anderen Bereichen federführend. Wäre dies nicht so, hätten wir das oben vorgeschlagene Modell schon vor 100 Jahren unter deutscher Führung haben können. Was wäre der Menschheit alles erspart geblieben!

Simon
29. Oktober 2014 14:25

Aus meiner Sicht bewertet Engels den Übergang von der Republik zum Prinzipat völlig falsch. Die konservativen Kräfte saßen gerade in dem Senat, den Cäsar und Augustus entmachtet und durch ein universelles Kaiserreich ersetzt haben. Cäsar wollte gerade die alt-Römische Tradition abschaffen und die römische Bürgerschaft über Italien ausweiten. In der heutigen Begrifflichkeit waren die römischen Cäsaren für eine "neue Weltordnung" mit Multikulti und die altrömischen Republikaner wollten das verhindern.

Brutus und die anderen Attentäter haben aus ihrer Sicht als römische Patrioten gehandelt, die den Ausverkauf römischer Tradition verhindern wollten. Wenn man diese Analogie zu heute wirklich ziehen will, dann wären die euroskeptischen und regionalistischen Parteien in Europa heute Republikaner im Sinne von Brutus und Cicero. Juncker, Schulz und Draghie repräsentieren hingegen das universelle Imperium.

G. Schäfer
29. Oktober 2014 14:51

Das von Engels vorhergesagte Szenario wird nicht eintreffen, und zwar zum einen wegen der von hier von "Karl" bereits dargestellten Haltung der herrschenden Eliten.

Zum anderen stützte sich Augustus Herrschaft auf Klassen, die keiner heutigen sozialen Formation gleichen.

Erstens die Soldaten, die als Heeres-Klientel von ihrem Patron Augustus eine Versorgung nach dem Ausscheiden aus dem Dienst erwarteten

Zweitens die Oberschichten der italischen Landstädte und die Dank Augustus bzw. Caesar neu aufgestiegenen
Senatoren.

Die letztgenannten Schichten waren als Landbesitzer durchaus konservativ gesonnen, und hatten ein Interesse an der Wiederherstellung der "Sitte der Vorfahren". Sie waren deshalb auch die Adressaten der entsprechenden Propaganda des Augustus, die die "Wiederherstellung der Republik" und Wiederbelebung der alten Kulte und Bräuche verkündete.
Entsprechende soziale Klassen oder meinetwegen Milieus, auf denen ein europäischer Augustus sei es als starker Präsident oder Diktator seine Regentschaft gründen könnte, und die Adressaten einer Wiederherstellung von Anstand, Sitte, Religion oder gar einer neuen Klassik sein könnten, existieren meiner Meinung nach nicht.
Die EU ist weder eine Republik noch ein werdendes Imperium. Ich würde sie sogar eher ein "Anti-Imperium" nennen.

Tabu
29. Oktober 2014 15:24

Durch den Bruch mit den Traditionen und Werten nach 1945 hat sich in der Tat einen Mischpoke von Polit-Hasardeuren und Spinnern insbesondere im sog. Westen hat die Macht geschlichen, die inzwischen die ganze Menschheit ins Verderben verführen können. Die Ideologie der Gleichheit potenziert mit dem Wahn der Menschheitsbeglückung durch Fortschritt und Wohlstand verpackt als sog. Demokratie (Zauberwort) zehrt an den Kräften der Natur des Menschen. Das Ende wird der Zerfall der großen Kulturträger sein, den man am Horizont schon erblickt. Eine Remedur ist unter den gegebenen Umständen weder in Europa noch sonst wo zu erhoffen. Es fehlen die Gegeneliten! Der Kelch muss ausgetrunken werden bis der Furor der Betrogenen erwacht!

Nordlaender
29. Oktober 2014 16:54

Kann dem heute weitverbreiteten Glauben, daß Ideologien etwas täten, nichts abgewinnen. Schließlich sind es doch immer Personen, die entscheiden und handeln. Anhänger der Gleichheit geben niemals auf, in der Antike gab es diesen Prokrustes, dessen Idee insofern auch sehr rational war, daß man für gleiche Menschen auch nur ein einziges Bettenmodell benötigt.

Der Kampf der Fortschrittler, der liberal und kulturell Engagierten gegen hierarchisch Denkende, fand ja schon in der Weimarer Republik statt, in dramatischer Form bereits im 19. Jahrhundert. Um nur mal einen Aktivisten als Beispiel anzuführen:

"Alexander Uljanow stammte aus einer Familie des niederen Adels, die sich sozial, kulturell und liberal engagierte."

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Iljitsch_Uljanow

T. Uhlenwind
29. Oktober 2014 22:45

Der entworfene Ausweg in den konservativen Totalitarismus ist nicht neu, auch Karlheinz Weißmann, der in einer Sezessionsausgabe geschliffenen Wortes das Massephänomen beschrieb, erläuterte, warum sich diese nur totalitär (ver-)führen ließe - mit der vom Leser zu ziehenden Quintessenz, daß also auch eine konservative Herrschaft über die Masse und mit der Masse um eine Ideologie wohl nicht herumkäme.

Andererseits schließen die genannten Kernpunkte an Alfred Rosenbergs Großraumidee an, welche in seinem Amte gegen Ende des Krieges kursierten, teilweise als Verschlußsachen, und von denen man heute kaum weiß. Das mag zur Diskredition der Engelschen Vision beitragen, anderseits muß man nachhaken, wie explizit "nationalsozialistisch" die Idee eines nordeuropäischen Großreiches, das auf konservativen Lebensgesetzlichkeiten fußt, denn überhaupt wäre, auch wenn sie zeitweilig bei Rosenberg & Co. beheimatet war. Nicht, daß man sie deswegen nicht durchdenken und erwägen dürfte.

Georg
30. Oktober 2014 09:35

Der Vergleich David Engels legt eine falsche Spur. Westeuropa steht auf der Zeitlinie nicht irgendwo zwischen den Gracchen und Julius Cäsar, sondern eher zwischen Konstantin und Theodosius. Romulus Augustulus ist nicht mehr fern. Und die "Sezession im Netz" erinnert mich eher an den Symmachus Kreis als an die "goldenen Latinität der Bürgerkriege un der frühen Kaiserzeit.

Ein Fremder aus Elea
30. Oktober 2014 11:21

Nun ja, eine Analyse ist zunächst mal schlicht eine Analyse.

Ich habe es ja genauso analysiert.

Mal sehen, ob ich den Beitrag finde...

ja... vom März dieses Jahres:

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2014/03/diktatur-oder-eintracht.html

Tja, aus der inneren Logik unserer Gemeinwesen heraus stünde dieser Schritt wohl an, indes sollte man sich nicht viel davon versprechen: Es geht nicht mehr von alleine, also hilft man nach, so lange, bis es auch nicht mehr mit Nachhilfe geht.

Rom hatte auch nur begrenzt Freude an Caligula, Nero etc.

Hinzu kommen technologische Turbulenzen und, wenn ich das hier mal ganz deutlich sagen darf, auch religiöse, denn der sechste Engel hat bereits posaunt, bleibt also nur noch einer.

Michael Schlenger
30. Oktober 2014 14:26

Historische Analogien haben sicher ihren Reiz. Sie laufen aber allzuoft auf vereinfachende Gleichsetzungen hinaus. Das römische Reich wurde immer wieder gern als Metapher für das neuzeitliche Europa bemüht, mal als Idealbild, mal als Beispiel für die Folgen angeblicher Dekadenz. Aber letztlich war die römische Epoche ein einzigartiger Moment in der Geschichte unseres Kontinents, der die längste Zeit zerrissen bzw. von kulturellem Wettlauf geprägt war. Heute steht Europa zwar formal geeint da, ist oberflächlich relativ homogen (dank des amerikanischen Kulturimports), sieht sich aber innerer Antriebslosigkeit und äußeren Kräften rat-und hilflos gegenüber.

Die römische Republik dagegen war ja nicht deshalb nicht mehr überlebensfähig, weil sie von außen bedroht war oder weil sich ihre Kräfte zu erschöpfen oder zur Dekadenz neigte. Vielmehr befand sich die römische Kultur an einem Punkt, an dem ihre Überlegenheit und Anziehungskraft in nahezu jeder Hinsicht evident war. Das Ausgreifen der römischen Macht und Kultur auf die übrige Mittelmeerwelt und Mitteleuropa hatte gerade erst richtig Schwung bekommen.

Die politischen Methoden der städtisch geprägten alten Republik jedoch waren schlicht nicht mehr geeignet, um das entstehende Weltreich zu steuern. Gleichzeitig wurden einzelne Befehlshaber mit Machtmitteln ausgestattet, die sie praktisch zwangsläufig in Gegensatz zu dem bis dato einigermaßen bewährten System der „Checks und Balances“ brachte. Dieser Konflikt zeichnete sich schon vor Cäsar ab. Erst August und den mit ihm verbündeten Kräften gelang es, dem Imperium eine neue verfassungsmäßige Grundlage zu geben, die der Form nach das Alte bewahrte, aber in der Sache weit in die Zukunft ausgriff.

Die Gegner Cäsars und Augustus‘ hätten vor derselben Herausforderung gestanden und die vermeintlich aufrechten Republikaner waren selbst in den meisten Fällen auf eine quasi-diktatorische Funktion aus. Echte Republikaner wie Cicero gerieten dagegen zwischen die gewaltigen Mahlsteine ihrer Zeit und mussten untergehen. Die Lösung von Augustus lag in der Luft und seine Leistung ist es, eine für die nächsten 250 Jahre tragfähige Lösung gefunden zu haben. Das erfordert eine analytische Klarheit und Weitsicht, verlässliche und intelligente Funktionseliten sowie eine militärische und kulturelle Überlegenheit, wie sie heute in Europa niemandem zur Verfügung steht.

Gänzlich abwegig ist es, Augustus als Konservativen zu schubladisieren. Seinem klassizistischen Kunstprogramm, dem wir mit die größten Leistungen aus römischer Zeit verdanken, stand eine unbedingte Offenheit für alle möglichen technischen und organisatorischen Neuerungen gegenüber. Nicht zuletzt kannte das Rom der augusteischen Epoche und der Kaiserzeit keine ethnischen oder nationalen Bezüge. Römer zu sein definierte sich zunehmend über die faktische Zugehörigkeit zu einer überlegenen Leitkultur und einem abstrakten rechtlichen Status, der unabhängig von Herkunft, Ort und Glaubensvorstellungen war. Mit dem, was heute unter Multikulti und Integration verstanden wird, hat das nichts zu tun. Wer durch das ehemalige römische Imperium reist, findet in den Hinterlassenschaften der frühen und mittleren Kaiserzeit überall dieselben klaren inneren Strukturen und äußeren Formen, die von einer mächtigen und konkurrenzlosen offiziellen Leitkultur zeugen, die zugleich im Privaten Raum für Traditionen und Glaubensvorstellungen ließen.

Würde das heutige Europa wieder in einem Gebilde wie dem der römischen Kaiserzeit aufgehen, würde dies bedeuten, dass Nationen und Ethnien zumindest äußerlich gesehen nahezu verschwinden würden. Das setzt eine überlegene Leitkultur mit entsprechender Anziehungskraft, aber im Zweifelsfall auch Durchsetzungskraft voraus. Wer soll das leisten? Deutschland und Frankeich etwa? Die Schotten, Schweden, Schweizer und Sizilianer werden sich davon sicher schwer beeindruckt zeigen und jede Eigenheit und Selbstbehauptungswille gewiss sofort fahren lassen. Und kaufen lassen sich unsere Nachbarn schon gar nicht, wenngleich sie das Geld der bis zur Selbstaufgabe gezähmten Deutschen gerne annehmen.

Nein, wenn es eine Möglichkeit und vielleicht schon Tendenz in Richtung Diktatur in Europa gibt, dann geht sie von den Brüsseler Technokraten im Verein mit den lokalen Politeliten aus, die sich quasi unbegrenzte finanzielle Mittel verschaffen und die beabsichtigte Transformation mit der Waffe des Rechts flächendeckend durchzusetzen vermögen.
Anstelle neuer Mussolinis werden die neuen Mächtigen – wenn überhaupt – farbloser und unauffälliger, aber am Ende weit wirkungsvoller daherkommen. Ihr Terror ist nicht der der Straße, sondern der der medialen Meinungshoheit, ihre Waffe tötet niemanden direkt und eingesperrt wird auch niemand. Stattdessen werden die Einkommen und Vermögen konfiskatorisch besteuert, die freie Debatte abgewürgt, die Gedanken werden von Kindesbeinen an in die rechten Bahnen gelenkt. Im Übrigen darf der neue Europäer aber in einem Gefängnis aus Paragraphen frei umhergehen.

Diese Gefahr halte ich für durchaus real, doch für eine solche äußerlich gewaltfreie Herrschaft der Wohlmeinenden gab es bisher kein Vorbild. Schon deshalb ist man mit den üblichen „wie im römischen Reich“-Vergleichen auf dem Holzweg. Mit einem neuen Imperium Romanum könnte ich mich ja anfreunden, aber die womöglich kommende Diktatur wird ganz, ganz anders aussehen.

Hartwig
30. Oktober 2014 22:26

Prophezeiungen haben zwar immer ihren Reiz, aber ich bin skeptisch. Es kann so oder so kommen. Die Linie, die sich überdeutlich zeigt, ist gekennzeichnet durch eine permanent stattfindende Revolution, und zwar betrieben duch die herrschende Klasse. Das mag nicht einzigartig sein, aber widerspricht dem Revolutionsbegriff der Neuzeit.
Dennoch kann eine Kleinigkeit (oder eine Person/Personengruppe) die Karten neu mischen. Wer sagt, dass eine neue faschistische Ordnung ab einem kritischen Punkt nicht solch eine Verheißung darstellen kann, europaweit, das sie sich quasi alternativlos durchsetzt. Das, was ich "herrschende Klasse" nenne, wird letztlich opportunistisch genug sein, um sich einer solchen Entwicklung "anzuschließen".
Unterm Strich sind alle Zukunftsthesen ungewiss.

Waldgänger (e.B.) aus Schwaben
30. Oktober 2014 22:44

Mit dem Cäsarismus kehrt die Geschichte wieder ins Geschichtslose zurück, in den primitiven Takt der Urzeit und zu den ebenso endlosen als bedeutungslosen Kämpfen um die materielle Macht, welche die Zeit der römischen Soldatenkaiser des 3. Jahrhunderts ... von den Ereignissen im Wildbestand eines Waldes nur noch unwesentlich unterscheidet.

Oswald Spengler, der Untergang des Abendlands

@Michael Schlenger
Danke für Ihre ausführlichen und kundigen Ausführungen.

Die Frage ist: Haben wir eine Wahl? Ist alles schicksalshaft vorgegeben oder haben wir innerhalb einer bestimmten Bandbreite Wahlfreiheit?

Eine Antwort ist unmöglich. So bleibt uns wohl nichts anderes, als so zu tun als hätten wir Wahlfreiheit.

Und ich wähle die "anachronistische Rückkehr zum Nationalstaat" und kämpfe dafür.

Wir haben die Möglichkeit, Europa zur Festung auszubauen und keinen oder nur die rein zu lassen, die wir brauchen. Rüsten die Nationalstaaten dann noch (atomar) auf, kann der Cäsarismus draußen wechselnd und tobend tosen. Wir, unsere Kinder, Enkel und Urenkel können davon unbehelligt leben. Mehr ist nicht drin und das reicht auch. Kriege mögen andere führen.

Hildesvin
30. Oktober 2014 22:54

@ Karl: Mir scheint allerdings, daß eine feindselige "Elite" doch schon wesentlich länger wirkt. Tut nichts! Der Lessing wird verbrannt.

Ein Fremder aus Elea
31. Oktober 2014 00:33

Schlenger und andere,

statt Europa "Westen" einsetzen, und es stimmt alles, Höhepunkt der Macht, etc. pp.

Die Geschichte interessiert sich nicht für Kontinente.

Rabenfeder
31. Oktober 2014 05:52

Wenn wir schon den Vergleich zur Antike bemühen, ist es dann nicht weit augenfälliger, das spätrepublikanische Rom gerade nicht in Europa zu suchen, sondern in Übersee – in den Vereinigten Staaten?

Dieser nur schwer angreifbare römische Koloss im Westen mit seiner vom griechischen Geist befruchteten altrömischen Elite, vergleichbar mit der angelsächsischen Geistesaristokratie im „ Land of the Free......“ [engl. Maurer, Mehrzahl], seinem republikanischen Ethos, seiner plutokratischen Ordnung, seinen Optimaten und Popularen, seinen in die Elite integrierten Emporkömmlingen, seinem industriellen und erfinderischen Ingenieurgeist und seinem Sinn für Machbarkeit, seinem expansiven Wesen mit einer das nicht minder kannibalische griechische Wesen noch vergröbernden, noch gewalttätigeren und noch stärker sich einverleibenden Kultur, die ob ihrer relativen Offenheit und materiellen Versprechungen dennoch anziehend auf unterworfene und auch benachbarte Völker wirkt; dieser Koloss, der seinen Aufgabenbereich, sein Imperium immer weiter ausdehnte und sich zum Behufe seiner „globalen“ Interessen eine Berufsarmee schuf (wer denkt da nicht an den durch Weltkriege geschaffenen „militärisch-industriellen Komplex“?), in der er die Besitzlosen zu den Waffen ruft und die zum vorzüglichen Machtinstrument für die Mächtigsten werden musste , lässt sich doch viel eindeutiger auf der anderen Seite der Atlantikbrücke finden als hier bei uns im griechischen...*hust* europäischen Osten.

Wer den Vergleich mit der Antike will, der sehe in Europa das antike Griechenland, der sehe Athen und Sparta und Korinth und die anderen Stadtstaaten mit ihrem panhellenischen Verständnis und ihrer egoistischen Politik, der sehe den auf die Völker des Ostens und des Westens ausgreifenden hellenistischen Universalismus (europa universalis!), der sehe auch, dass die sich eifersüchtig belauernden und sich in Kriegen erschöpfenden griechischen Seelen nur unter der eisernen Faust eines Mächtigeren EINS werden konnten, nämlich Eins mit Rom.
Hoffnung und Trost für diese stolzen Griechen/Europäer mag es sein, dass, wenn im Westen schon die Barbaren hausen, in Ostrom noch für Jahrhunderte der griechisch-römische Geist herrschte...

Wer also mit feuchten Augen von Rom träumt und sich von diesem Erbe Rettung und Kraft erhofft, der blicke sicher nicht nach Brüssel, sondern der werde von ganzem herzen Römer und arbeite daran, die Füße dieses Kolosses eisern zu machen, auf dass Cäsar kommen möge, den abendländischen Geist EINS zu machen; der wappne sich und werde, frei nach Spengler, Ingenieur.

Wem es davor graut, der suche in unseren reichen Geschichten aus der Vergangenheit nach Vorbildern und Beispielen und arbeite daran, die Füße des Kolosses tönern werden zu lassen; der wappne sich, heilige seine Kreise und habe einen langen Atem.

CCCED
2. November 2014 00:53

@Rabenfeder
Sie haben das gut beschrieben. Es würde mich nun schon aber genauer interessieren, welche Geschichten aus der Vergangenheit Sie als Vorbild vorschlagen würden. Es gibt nun mal keinen Zaubertrank wie bei Asterix und Obelix, wir sind Teil des Imperiums.

Sara Tempel
2. November 2014 21:57

@Rabenfeder & CCCED
"Wem es davor graut, der suche in unseren reichen Geschichten aus der Vergangenheit nach Vorbildern und Beispielen ..."

Wie wäre es z.B. mit Johanna, der Jungfrau von Orléans oder sonstigen christlichen Heiligen? Wunder könnten uns vor einer Diktatur der NWO (New World Order) retten; sonst bleiben Kriege oder Naturkatastrophen.

Rabenfeder
3. November 2014 11:52

@CCCED

Fallen ihnen selbst denn keine Beispiele und Vorbilder für einen Auszug aus dem Imperium bzw. Widerstand gegen dasselbe (vom unbeugsamen gallischen Dorf einmal abgesehen) ein?
Höre ich aus ihrem Schlusswort: „...wir sind Teil des Imperiums.“ auch die fatalistische Feststellung: „there is no alternative.“ heraus?
Wie dem auch sei

AVE (und alles was dazugehört)! ;)

CCCED
3. November 2014 20:53

@Rabenfeder
Beispiele für Widerstand gegen das Imperium: Libyen, Irak. Yugoslavien bspw. Serbien. Ich überlasse es Ihnen, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach weiteren Beispielen zu suchen. Widerstand ist möglicherweise heldenhaft, aber letztlich wurden sie alle durch die Mühle gedreht. Aktuell gerät Russland ins Visier. Verstehen Sie, durch welche Zauberhand die AfD hier z.B. Ihre Position gewendet hat?
Selbstverständlich gibt es das moralische Gebot des Widerstandes auf individueller Ebene durch Konsumanpassung, Aufklärung im persönlichen Umfeld und so weiter. Ich sehe hier aber keinen Anlass zum Optimismus, das Imperium wird dadurch nicht erschüttert.

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