Sezession
30. Oktober 2014

Carl Schmitt: Der Schatten Gottes – eine Rezension

Gastbeitrag

Carl Schmitt_Der Schatten Gottes(Rezension aus Sezession 62 / Oktober 2014)

von Felix Dirsch

Seit vor über 20 Jahren das Glossarium erschienen ist und in den letzten Jahren aus verschiedenen Lebensphasen (bis 1934) Aufzeichnungen Carl Schmitts veröffentlicht wurden, kann man den »privaten« Schmitt mit dem »öffentlichen« in Beziehung setzen. Gerd Giesler, Ernst Hüsmert und Wolfgang Spindler bearbeiteten eine weitere solche Edition für die Jahre 1921 bis 1924. 

Sie bietet Einblicke in Schmitts Denken, Gewohnheiten und Sichtweisen im Lebensalter von 43 bis 46. Teil I bilden die Tagebuchnotizen vom August 1921 bis zum August 1922, den anschließenden Teil II das Tagebuch 1923 und 1924. Die folgende, wohl interessanteste Partie besteht aus assoziativen Anmerkungen und hat die »Schatten Gottes« – in Anlehnung an den alttestamentlichen Psalm 121 – im engeren Sinn zum Thema.

Der Zeitabschnitt, der diesem Projekt, das nicht ohne die Entzifferung der Stenogramme Schmitts durch den mittlerweile verstorbenen Kurzschrift-Kundigen Hans Gebhardt möglich gewesen wäre, zugrunde liegt, war für Schmitts Biographie von besonderer Bedeutung. Er begann seine Lehrtätigkeit in Bonn. Der Leser entdeckt in den Texten, wie sehr Schmitt durch Müdigkeit, schlechten Schlaf und sonstige Indisponiertheiten von konzentrierter Arbeit abgehalten wird. Dennoch konnte er in dieser Phase seine wirkmächtige Parlamentarismus-Kritik vorlegen. Weiterhin bereitete ihm sein schwieriges Verhältnis zum weiblichen Geschlecht Probleme. Nach der Trennung von seiner ersten Frau lernte er 1923 Duska Todorovic kennen, die er später heiratete. Was nach einer eher privaten Episode aussieht, hatte wegen der Verweigerung der kirchlichen Annullierung der Ehe erhebliche Auswirkungen für den (anfangs als dezidiert katholischen Staatsrechtslehrer wahrgenommenen) Rechtswissenschaftler. Er distanzierte sich fortan vorsichtig vom kirchlichen Leben. So ist nicht zuletzt anhand dieses Beispiels die Verschränkung von privatem und öffentlichem Wirken bei Schmitt offensichtlich.

Im letzten Abschnitt stehen etwas stärker sachliche und weniger persönliche Hinweise im Vordergrund, so beispielsweise, wenn der Verfasser über die Unmöglichkeit der Repräsentation von Konsum und Produktion sinniert. Es bleibt zu hoffen, daß mehr solchen Reflexionen nachgegangen wird als den gleichfalls nachzulesenden judenkritischen Bemerkungen. Sie spielen nur marginal eine Rolle, ähnlich wie entsprechende Andeutungen Heideggers in den Schwarzen Heften. Die hervorragende editorische Leistung der Herausgeber erleichtert die Rezeption des Bandes enorm.

(Carl Schmitt: Der Schatten Gottes: Introspektionen, Tagebücher und Briefe 1921 bis 1924, hrsg. von Gerd Giesler/Ernst Hüsmert/Wolfgang H. Spindler, Berlin: Duncker & Humblot 2014. 601 S., 69.90 € – hier bestellen)


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