Warum Chesterton wieder gelesen wird

pdf der Druckfassung aus Sezession 18/Juni 2007

sez_nr_183von Georg Alois Oblinger

Die Internet-Buchhandlung amazon empfiehlt jedem Käufer eines Buches ein weiteres Buch mit einem ähnlichen Käuferkreis. Jetzt hat die englische Bücherseite Library Thing die Methode umgedreht und nennt zu jedem Buch dasjenige, das am wenigsten Ähnlichkeit mit diesem hat. Wem Die Regeln des Glücks vom Dalai Lama gefallen, dem wird Der Mann, der Donnerstag war von Gilbert Keith Chesterton (1874 - 1936) nicht gefallen und umgekehrt. Im Gegensatz zum Dalai Lama ist Chesterton kein Mann glatter Worte und seichter Zeitgeist-Spiritualität. Dies mindert allerdings den Unterhaltungswert seiner Schriften keineswegs. Seine geistreichen Essays, fulminanten Erzählungen und phantasievollen Romane sind immer gekennzeichnet von großem Einfallsreichtum und sprühendem Witz, mitunter auch von scharfer Polemik, die aber das Lesevergnügen nur noch erhöht. Chestertons Lebensfreude springt dem Leser aus jeder Zeile entgegen.

 Gastbeitrag

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In Deutsch­land ist er einem grö­ße­ren Publi­kum haupt­säch­lich durch sei­ne Father Brown Sto­ries (die in der Ver­fil­mung mit Heinz Rüh­mann das Ches­ter­ton­sche Gedan­ken­gut stark ver­harm­lo­sen) bekannt und viel­leicht noch durch sei­nen Roman Der Mann, der Don­ners­tag war, wel­cher seit Jahr­zehn­ten stets neu auf­ge­legt wird. Ins­ge­samt hat der Viel­schrei­ber, Viel­trin­ker, Gour­mand und Zigar­ren­rau­cher von fast zwei Metern Höhe und einer beträcht­li­chen Lei­bes­fül­le sechs Roma­ne, fünf Thea­ter­stü­cke, zahl­rei­che Gedich­te und Kari­ka­tu­ren, etwa 200 Erzäh­lun­gen und mehr als 4.000 Essays ver­faßt. Das Inter­es­se an dem eng­li­schen Schrift­stel­ler, der mit J. R. R. Tol­ki­en und C. S. Lewis befreun­det war, stei­ger­te sich jedoch erheb­lich seit der Eich­born-Ver­lag mit Ket­zer (1998) und Ortho­do­xie. Eine Hand­rei­chung für die Ungläu­bi­gen (2000) zwei Essay-Bän­de vor­leg­te, in denen sich Ches­ter­ton in einen geis­ti­gen Kampf gegen die Irr­tü­mer sei­ner Zeit begibt. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren war es vor allem der klei­ne Bon­ner Ver­lag nova & vete­ra, der sich der Ver­öf­fent­li­chung von Ches­ter­ton-Tex­ten annahm. Die gro­ße FAZ ließ es sich nicht neh­men, eini­ges davon im Vor­ab­druck zu präsentieren.
Die Bücher Ches­ter­tons sind ein wah­res Lese­ver­gnü­gen und dies liegt dar­an, daß Ches­ter­ton die Spra­che liebt und mit ihr spielt. In der Dis­zi­plin des Para­do­xons hat er es zu wah­rer Meis­ter­schaft gebracht. Gleich­zei­tig gibt es in sei­nem Werk kaum eine Sei­te, die den Leser nicht zum Lachen ani­miert. Dies darf aller­dings nicht dazu füh­ren – wie so oft gesche­hen -, die­sen Autor auf die Ebe­ne seich­ter Unter­hal­tung her­ab­zu­zie­hen. Dazu sind sei­ne Gedan­ken viel zu gehalt­voll. Mit sei­nem Humor ver­weist Ches­ter­ton stets auf sein Lieb­lings­mo­tiv: den lachen­den Gott. Denn ange­sichts Got­tes rela­ti­vie­ren sich die irdi­schen Pro­ble­me dras­tisch. Die ein­zi­ge Fra­ge, die ernst­haft dis­ku­tiert wer­den kann, ist die Fra­ge nach der Exis­tenz Got­tes und sei­nem Wesen. Hier­in ist Ches­ter­ton wahr­lich ein Unzeit­ge­mä­ßer, da vie­le die reli­giö­se Fra­ge für neben­säch­lich, alle ande­ren The­men aber für wich­tig erachten.
Als Ches­ter­ton im Jahr 1922 zum katho­li­schen Glau­ben über­trat, schien dies einem Skan­dal gleich­zu­kom­men. Sein befreun­de­ter Kol­le­ge Geor­ge Ber­nard Shaw rügt ihn: „Mein lie­ber G. K. C., das geht nun wirk­lich zu weit.” Er selbst schreibt in sei­nem Auf­satz „Was mich eigent­lich hät­te abhal­ten sol­len (…)”: „Immer deut­li­cher sah ich – durch Geschich­te und eige­ne Erfah­rung belehrt – wie ein christ­li­ches Volk aus uner­klär­li­chen Grün­den lan­ge Zeit ver­folgt wur­de und noch stets geh­aßt wird, bis mir plötz­lich klar wur­de, daß dies ein­fach sein muß­te, weil sie eben­so gründ­li­che und unbe­que­me Chris­ten waren wie die, die einst unter Nero den Löwen vor­ge­wor­fen wurden.”
In sei­ner Auto­bio­gra­phie (Bonn 2002, 367 S., geb, 25.50 €) geht er auf sei­ne Kon­ver­si­on ein, indem er sein Leben mit einer Detek­tiv­ge­schich­te ver­gleicht: Als Kind sah er in einem Pup­pen­thea­ter, das sein Vater für ihn anfer­tig­te, die Figur eines jun­gen Man­nes mit einem gro­ßen gol­de­nen Schlüs­sel. Das Rät­sel sei­nes Lebens blieb für ihn die Fra­ge, wer die­ser Mann mit dem Schlüs­sel ist.

Schließ­lich löst er das Rät­sel und fin­det die­sen Mann: Es ist der Papst, dem als Nach­fol­ger des Petrus die Schlüs­sel des Him­mels­rei­ches anver­traut sind. Im katho­li­schen Glau­ben fin­det Ches­ter­ton auch Ant­wort auf sämt­li­che Fra­gen und Rät­sel, die sei­ne Beob­ach­tung und sein eige­nes Leben ihm auf­ge­ben. Nichts ist für ihn logi­scher als der katho­li­sche Glau­be. Für Ches­ter­ton sind Glau­be und Ver­nunft zwei Fak­to­ren, die ein­an­der nicht wider­spre­chen, son­dern gera­de­zu ergän­zen. Dies ver­bin­det ihn mit Papst Bene­dikt XVI., der schon für sei­nen Vor­gän­ger Johan­nes Paul II. im Jahr 1998 die Enzy­kli­ka Fides et ratio erar­bei­te­te und des­sen gro­ßes Anlie­gen die Ver­söh­nung von Glau­be und Ver­nunft ist. Hier scheint auch der Grund für das neu erwach­te Inter­es­se an Ches­ter­ton zu liegen.
„Das ist die ein­zi­ge Fra­ge, die wirk­lich zählt – ob die Kir­che tat­säch­lich ver­rück­ter ist als die Welt.” So schreibt Ches­ter­ton in dem jetzt erst­mals auf deutsch erschie­ne­nen Roman Kugel und Kreuz (Bonn 2007, 250 S., geb, 24.50 €). Wie in zahl­rei­chen sei­ner Roma­ne und Essays atta­ckiert er auch hier die Fort­schritts­gläu­big­keit, die ihm als eines der größ­ten Übel sei­ner Zeit galt. Mit logi­schen Argu­men­ten zeigt er dann die Schwä­chen ande­rer Welt­an­schau­un­gen auf, wobei er gera­de auf die Hörig­keit gegen­über dem Zeit­geist zielt. „Das Chris­ten­tum ist immer unmo­dern, weil es immer gesund ist; und alle Moden sind mil­de For­men des Wahn­sinns.” Die­ser Roman hat bei sei­nem Erschei­nen erreicht, daß sich vie­le Men­schen wie­der mit der reli­giö­sen Fra­ge beschäf­tig­ten. Zahl­rei­che Kon­ver­sio­nen, vor allem im Milieu der Lite­ra­ten und Intel­lek­tu­el­len, waren die Fol­ge. In deut­scher Erst­ver­öf­fent­li­chung erscheint der Roman jetzt zwei Jah­re nach dem Beginn des Pon­ti­fi­ka­tes Bene­dikts XVI., der eben­falls das Anlie­gen ver­folgt, den Glau­ben wie­der zum Gegen­stand all­ge­mei­nen Inter­es­ses zu machen und hier­bei schon beacht­li­che Erfol­ge vor­wei­sen kann.
Auf christ­li­chen Prin­zi­pi­en basie­rend, hat Ches­ter­ton auch eine eige­ne Gesell­schafts­leh­re ent­wi­ckelt, den soge­nann­ten Dis­tri­bu­tis­mus. Hier­bei soll es kei­ne Tren­nung zwi­schen Arm und Reich geben wie im Kapi­ta­lis­mus, aber auch kei­ne Ent­eig­nung wie im Kom­mu­nis­mus, son­dern jeder soll­te einen Besitz haben, aber kei­ner zuviel. Was den Leser an Ches­ter­ton oft­mals befrem­det, ist die blü­hen­de Phan­ta­sie, die nicht nur bil­der­rei­che Ver­glei­che in immer wie­der neu­en Varia­tio­nen her­vor­bringt, son­dern auch den Autor zu immer neu­en Gedan­ken führt, oft ohne zum Aus­gangs­punkt sei­ner Gedan­ken zurück­zu­keh­ren. Doch an Ches­ter­ton begeis­tert, daß er bei all dem immer streng logisch argu­men­tiert. Die Argu­men­te gegen Glau­ben und Kir­che greift er fron­tal an. In Kugel und Kreuz geht er zum Bei­spiel direkt auf den Vor­wurf der kir­chen­ge­schicht­li­chen Ver­feh­lun­gen ein: „Die Kir­che hat mit ihrem welt­li­chen Tun tat­säch­lich an kran­ken Din­gen gerührt (…) Ich sage nicht, daß wir nie­mals ver­rückt gewor­den sind, aber ich sage, daß wir in der Lage sind, unse­ren Fein­den gegen­über als Bewah­rer auf­zu­tre­ten (…) Über­läßt man die Welt sich selbst, wird sie bar­ba­ri­scher als jeder Glaube.”
So hat Ches­ter­ton auch zwei Hei­li­gen­bio­gra­phien geschrie­ben: über Franz von Assi­si und über Tho­mas von Aquin (Bonn 2003, 333 S., geb, 20.50 €). Letz­te­rer besaß bis in die fünf­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts den unan­ge­foch­te­nen Rang des größ­ten Theo­lo­gen aller Zei­ten – bis eine libe­ra­le Theo­lo­gie zum Tho­mis­mus deut­lich auf Distanz ging. Eine See­len­ver­wandt­schaft zwi­schen Ches­ter­ton und Tho­mas von Aquin ist unver­kenn­bar. Bei­de wen­den sich scharf gegen einen Fide­is­mus, das heißt gegen einen Glau­ben, wel­cher kei­ner­lei Bezie­hung zur Ver­nunft hat. Doch es gibt noch eine Gemein­sam­keit zwi­schen die­sen bei­den Män­nern. Sie ver­stan­den sich als Anwalt des ein­fa­chen Man­nes und des gesun­den Men­schen­ver­stan­des. Die­ser hat meist eine über­ra­schen­de Immu­ni­tät gegen­über jeg­li­chen Ideologien.
Auch Papst Bene­dikt ver­weist immer wie­der dar­auf, daß der Glau­be ein­fach und jedem Men­schen zugäng­lich ist. Noch kurz vor der letz­ten Papst­wahl war es ver­pönt, Bücher von Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger zu lesen, der lan­ge Zeit als Anti-Moder­ner galt. Durch das neue Pon­ti­fi­kat ist das Inter­es­se an sei­nen Gedan­ken nun sprung­haft ange­stie­gen. Daß schon ein Schrift­stel­ler, der vor sieb­zig Jah­ren ver­starb, ähn­li­che Gedan­ken heg­te, wird immer deut­li­cher und das stei­gen­de Inter­es­se an Gil­bert Keith Ches­ter­ton erscheint nur logisch.

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