Sezession
1. Oktober 2006

Ikonen der Jugendbewegung

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 15/Oktober 2006

sez_nr_15von Karlheinz Weißmann

Als im Frühjahr und Sommer 2001 auf der Darmstädter Mathildenhöhe eine große Ausstellung über die „Lebensreform" stattfand, hatte man in den Eingangsraum Fidus' Gemälde „Lichtgebet" gehängt. Das Werk war durchaus geeignet, die Grundidee der „Lebensreform" zu repräsentieren, jener sehr heterogenen Bewegung der wilhelminischen Zeit, die nicht nur Kritik des Kapitalismus, nicht nur Kritik der Industriewirtschaft und Kritik der entfremdeten Arbeit wollte, sondern totale Kritik an allen Erscheinungsformen der Moderne, verknüpft mit der Forderung nach einer neuen Existenzweise: natürlich, authentisch, leiblich.

Daß die Lebensreform gerade in Deutschland einflußreich wurde, obwohl es auch in den USA, Großbritannien oder Frankreich ähnliche Tendenzen gab, hing mit der besonderen deutschen Geistestradition zusammen. Zeitgenossen haben die Lebensreform als Teil eines „Neuidealismus" oder einer „Neuromantik" betrachtet. Romantisch war das „Lichtgebet" in jedem Fall, nicht nur, was die Form betraf, sondern auch, was seine zentrale Aussage anging.

Der 1868 unter dem bürgerlichen Namen Hugo Höppener geborene Fidus gehörte zu einer Generation, die vom radikalen Wandel des späten 19. Jahrhunderts geprägt war, als sich Deutschland in rasantem Tempo entwickelte und eine pluralistische Gesellschaft entstand. Er war kein akademischer Künstler, sondern Autodidakt, bewegte sich früh in einem Milieu, das nicht einfach Künstler-Bohème war, sondern Subkultur im genauen Sinn. Eine Subkultur, die zwar Einfluß auf den mainstream ausübte, aber mit vielen Vorstellungen und Entwürfen randständig blieb und das auch so wollte. Denn die Lebensreformer waren darauf aus, ihre Ziele weder durch Revolution noch durch staatlichen Eingriff zu erreichen, sondern durch Wandlung des Einzelnen. Man hielt deshalb nichts von Parteigründungen, sondern bildete Zellen, die durch ihr Vorbild auf das größere Ganze wirken sollten. Diese Zellen waren entweder basisdemokratisch organisiert oder gruppierten sich als „Kreis" um einen „Meister". Die Nähe zu religiösen Gemeinschaftsstrukturen war kein Zufall, sondern beabsichtigt. Große Teile der Lebensreform strebten auch eine neue Frömmigkeit an, die, wenn nicht kirchenfeindlich, so doch kirchenfern war, vor allem pantheistisch und nietzscheanisch gestimmt.


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