Sezession
13. November 2014

Björn Höcke, Stefan Scheil und die AfD – ein Doppelinterview (Teil 2)

Götz Kubitschek / 17 Kommentare

Es ist einige Zeit vergangen, seit wir den 1. Teil des Doppelinterviews mit dem Landesvorsitzenden der AfD in Thüringen

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Björn Höcke, und dem AfD-Kreistagsabgeordneten und Autor dieser Zeitschrift, Stefan Scheil, veröffentlichten. Höcke ist seither damit beschäftigt, seine Landtagsfraktion in Erfurt ans Tagesgeschäft heranzuführen und Scheil hat ein quellensattes Buch über die Bewertung der Kriegschuldfrage nach dem I. Weltkrieg veröffentlicht (das wir sehr empfehlen). Nun also ist Teil 2 des Gesprächs fertig:

SEZESSION: Sie beschreiben hier einen politisch-administrativen Komplex, der den Wählerwillen, das Gemeinwohl und den eigentlichen Zukunfts- und Lebensentwurf unseres Volkes infrage stellt. Ist die AfD dafür angetreten, diesen Komplex aufzubrechen? Ist eine andere Politik möglich?

SCHEIL: Es wird gar nicht anders gehen, als diesen Komplex aufzubrechen. Dankenswerterweise hat die SPD-Generalsekretärin Fahimi gleich am Tag nach dem Erscheinen des ersten Teils dieses Interviews in der Frankfurter Allgemeinen einen Aufruf für “ein breites gesellschaftliches Bündnis, von der SPD und anderen politischen Parteien, über die Gewerkschaften, die Kirchen, Industrie- und Sozialverbände, Stiftungen und NGOs” gegen die AfD veröffentlicht. Das ist ja nichts anderes als die ausdrückliche Beschwörung der Einheit des eben beschriebenen Komplexes. Damit sind zugleich die Aufgaben und die Fronten noch einmal klar benannt.
Eine andere Politik ist möglich, sie wird aber seit Jahrzehnten blockiert. Es gilt nicht die demokratische Offenheit, sondern vielfach die schon vor vierzig Jahren von Helmut Schelsky angeklagte “Priesterherrschaft der Intellektuellen”, wobei unter “Intellektuellen” auch Schelsky schon die kleinen Zirkel verstand, die ganze Länder, Gesellschaften und Völker umbauen oder auch abbauen wollten. Das trifft sich dann mit großindustriellen und finanziellen Interessen, die “Grenzen” als störend empfinden und es gern sehen und fördern, wenn sie intellektuell abgebaut werden.

HÖCKE: Ich kann mich hier grundsätzlich der Bewertung von Herrn Dr. Scheil anschließen, möchte aber noch folgendes ergänzen: Der politisch-administrative Komplex existiert als ein autopoietisches und selbstreferentielles System im Sinne Niklas Luhmanns. Und ohne Zweifel gibt es auch international operierende kleine Zirkel als Subsysteme des politisch-administrativen Komplexes, die gemeinsam und gezielt die beschriebenen globalen Transformationsprozesse einleiten und moderieren
Im Gegensatz zu den Letztgenannten ist das “breite gesellschaftliche Bündnis”, dem Fahimi das Wort redet, kein weltanschaulich-monolithischer Block. Die gemeinsame Schnittmenge der “Bündnispartner” ist doch recht überschaubar. Zieht man die bigotte, zur Schau getragenen Hypermoral und den korrespondierenden Ritenkanon ab, bleibt nicht viel.

 

SEZESSION: Du meinst also, daß sich das Scheitern der organisierten, breit angelegten Diffamierungsmechanismen, das wir etwa im Fall Sarrazin verblüfft erlebten, nun im Falle der AfD wiederholen könnte?

HÖCKE: In der Tat. Ich habe in den letzten Wochen zahlreiche Gespräche mit sogenannten Repräsentanten des öffentlichen Lebens geführt. Viele sprachen im kleinsten Kreis sehr offen und entfalteten Lagebeurteilungen, die sich deutlich von der verordneten Realitätsverweigerung der wichtigsten Meinungsführer in diesem Land unterschieden. Es sind also in erster Linie die Statusinteressen, die den “hypermoralischen Block” zusammenhalten. Auch bei der teilnehmenden Intelligenzija sehe ich nicht nur Überzeugungstäter, sondern das schon von Benn kritisierte “hündische Kriechen vor den politischen Begriffen”. Ich halte das Fundament folglich nicht für sehr tragfähig. Die beharrliche Arbeit einer wissenden, politisch klug operierenden und willensstarken Opposition kann hier vieles bewirken. Zumindest in Teilen sehe ich dieses Potential bei der AfD.

 

SEZESSION: Aber die AfD ist eine Partei, und wir wissen aus der Geschichte, der Literatur – Max Weber – und eigener Anschauung, daß jede Partei binnen weniger Jahre zurechtgehobelt wird oder verschwindet ...

HÖCKE: Was ist die Alternative in einer parteienbasierten parlamentarischen Demokratie? Die AfD hat ihren Ursprung in einer Bürgerbewegung, der Wahlalternative 2013. Nach den ernüchternden Erfahrungen einer Kooperation mit den FW in Niedersachsen zur Landtagswahl führte kein Weg mehr an einer Parteigründung vorbei. Der Einzug in die Landtage erlaubt uns den Aufbau professioneller Strukturen, die zunächst in den drei Ländern die Phase der permanenten Selbstausbeutung beendet. Das Medieninteresse verstetigt sich, es stehen Gelder zur Verfügung, die uns meinungsbildende Arbeit ermöglichen. Allerdings gebe ich unumwunden zu, daß das Zeitfenster der AfD sehr klein ist.

Mit jedem der von der Partei lebt, mit jedem Mandatsträger, den die AfD stellt, wird der grundsätzliche Erneuerungswille weiter erlahmen. Ich setze viel Hoffnung auf den programmatischen Prozeß, der jetzt mit der Gründung der Landes- und Bundesfachausschüsse begonnen wird. In diesem Rahmen steht auch die Formulierung einer Vision "Thüringen und Deutschland 2030" auf der politischen Agenda. Hier kommen wir an der Diskussion der großen Themen nicht vorbei - das macht Hoffnung.

SCHEIL: Ich schließe mich Herrn Höcke an. Eine andere Politik ist ohne weiteres möglich. Die Mehrheit der Bevölkerung hat andere Interessen und kann die Basis dafür bilden. Es gibt auch überhaupt keinen sachlichen Grund, warum eine deutsche Regierung die vielfachen Vertragsbrüche im europäischen Recht hinnehmen sollte und warum die schleichende Entmündigung der deutschen Parlamente hingenommen wird. Oder nur ein Beispiel auf praktischer Ebene: Es gibt auch keinen Grund, warum für alle erkennbar die Verkehrs-Infrastruktur vor sich hin rottet und die zuständigen Verbände den Investitionsstau inzwischen mit 130 Milliarden beziffern, während der Finanzminister mit der nachgerade dümmlichen Behauptung durch die Lande zieht, er lege einen ausgeglichenen Haushalt vor. Wer die Substanz derart verkommen läßt, der macht Schulden, auch wenn er es buchungstechnisch zu verstecken versucht. Hier und an vielen anderen Stellen können neue Prioritäten gesetzt werden, die den schleichenden Eindruck korrigieren, das Land sei am Verfallen.
Zu der Annahme, daß jede neue Partei bald verschwindet, gibt es gerade in Deutschland mit den Grünen ein schlagendes Gegenbeispiel. Was immer man davon halten mag, deren großer gesellschaftlicher und politischer Erfolg läßt sich kaum bestreiten. Allerdings haben sie dabei manche Themen abgelegt und sind heute weniger denn je eine Naturschutzpartei als eine Lobby bestimmter Industrien und “bunter” Organisationen. Sicher wird sich die AfD ebenfalls wandeln, wobei in letzter Zeit eher das patriotische Element stärker wurde. Aber die Substanz wird bestehen bleiben.

 

SEZESSION: Herr Dr. Scheil, es wird Sie nicht überraschen, daß ich den Erhalt der Infrastruktur vor dem Hintergrund der demographischen Katastrophe und der rasant voranschreitenden Überfremdung für einen Nebenkriegsschauplatz halte. Aber Sie sprachen vorhin einen sehr wichtigen Punkt an, indem Sie neben die Auflösung nationaler Grenzen den „intellektuellen Abbau von Grenzen” stellten. Mir scheint, dies sei die große, meistenteils nicht wahrgenommene, jedoch äußerst wirkmächtige Gefahr: die Liberalisierung aller Lebensbereiche bei gleichzeitiger Selbstaufgabe aller Eigenarten, Besonderheiten, Hierarchien, Ordnungsgefüge.

SCHEIL: Man sollte den Einfluß nicht unterschätzen, den die stete Erfahrung des Verfalls der Infrastruktur auf das Bewußtsein der Bevölkerung hat und damit auch auf die Beantwortung der an sich kuriosen, aber selbst hier im vergleichsweise reichen Südwesten oft gehörten Frage, ob man es “heute noch wagen” könne, in Deutschland Kinder in die Welt zu setzen. Insofern ist das meines Erachtens ein wichtiger Teil des Problems, das aber, da haben Sie Recht, durch die Aufgabe tragfähiger Ordnungen verschärft wird.
Es gab und gibt jedoch auch keinen Anlaß zur Selbstaufgabe der deutschen Kultur, indem man jede denkbare kulturelle Ausdrucksform innerhalb der Bundesrepublik für gleichrangig erklärt, wie es die mulikulturelle Ideologie durchsetzen will. Das wird ja teilweise noch von offenem Haß und Verachtung für Deutschland und die Deutschen übertroffen. Es hat sich in der SPD niemand aufgeregt, als das Parteimitglied Ute Sacksofsky, Inhaber einer Juraprofessur in Frankfurt, die Ansicht zum besten gegeben hat, daß es “um die Weitergabe deutschen Erbgutes nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht mehr gehen kann”.

Im Gegenteil wurde die Frau kurze Zeit später ein prominentes Mitglied im Wahlkampfteam der SPD in Hessen, obwohl die Wortwahl in dieser biologistischen Fortschreibung – obendrein nichtexistenter - historischer Kollektivschuld auf nachgeborene Generationen schlechthin ein extrem rassistisches Weltbild zum Ausdruck bringt. Frau Sacksofsky gehört mit diesem Anliegen noch zum oben genannten “Komplex”. Es ist meiner Ansicht nach kein inhaltliches Problem, die moralische und intellektuelle Verkommenheit dieser Leute vorzuführen. Man muß lediglich Öffentlichkeit erzwingen. Hierfür kann Parteipolitik einen großen Schub bedeuten.

HÖCKE: Institutionen wie SEZESSION oder IfS waren federführend daran beteiligt, die von Herrn Dr. Scheil angesprochene “moralische und intellektuelle Verkommenheit” führender Protagonisten des politisch-administrativen Komplexes aufzudecken. Die Gefahr ist erkannt, jetzt muß sie gebannt werden.
Mein Mandat setzt mich frei zur Politik. Es soll eine konservative Politik sein. Als Konservativer setze ich Identität gegen Globalismus, Ordnung gegen Auflösung und Differenzierung gegen Gleichschaltung. Diese Grundprinzipien geben mir Orientierung für die politische Bewertung der gesamten Lebenswirklichkeit. Als Politiker muß ich jetzt daran gehen "Beträge von hohem Wert in Kleingeld unter die Leute zu bringen" (Bismarck). Das gelingt nur, wenn man als Politiker bereit ist, gekonnt zu vereinfachen und Botschaften ins Land zu senden, die die Menschen auch gefühlsmäßig erreichen.

 

SEZESSION: Was bleibt dabei – entschuldige – von deiner Intellektualität übrig? Ein Politiker muß hundertmal dieselbe Wahlkampfrede halten und die Differenzierung der Positionierung unterwerfen.

HÖCKE: Für AfD-Politiker ist es vielleicht besonders schwer, das zu akzeptieren, weil unsere Partei mit dem Anspruch angetreten ist, Theorie, Empirie und gesunden Menschenverstand gegen die Ideologie in die Politik einzuspeisen und dem Hype mit bürgerlicher Besonnenheit zu begegnen. Aber vielleicht ist der Widerspruch gar kein wirklicher. Vielleicht ist die Zeit für einen neuen Politikertypus gekommen. Für einen,  der dadurch das so unerläßliche Charisma entfaltet, daß er auf der Basis der Vernunft und des Verstandes seiner Liebe zum Eigenen und zum Immergültigen gefühlsstark Ausdruck verleihen kann. Das Auftauchen einer solchen Persönlichkeit könnte viel bewegen.

 

SEZESSION: Das bedeutet: Diese Person ist noch nicht aufgetaucht, und wenn sie auftauchte, dürfte sie keinesfalls dem von Olaf Henkel verkörperten liberalen Flügel der Partei angehören, oder? Wie weltanschaulich ernst ist die Auseinandersetzung innerhalb der Partei?

HÖCKE: Ich bin der festen Überzeugung, daß es diese Person schon gibt. Als noch nicht gesetzte Partei katalysiert die AfD permanent nicht nur Inhalte sondern auch Personen und deren Entwicklung zu politischen Persönlichkeiten. Was man wohl ausschließen kann, ist, daß sie aus dem Milieu der Technokraten oder Besitzstandswahrer kommt.

SCHEIL: Warum nicht? Wenn ich mir unsere Parteiführung ansehe, dann sind wir personell bereits durchaus gut besetzt. Besonders Bernd Lucke hat in meinen Augen genau die Portion und die Art Charisma, die derzeit in Deutschland gebraucht wird. Viele Debatten und Veranstaltungen haben gezeigt, daß er sowohl nach innen führen, als sich auch nach außen gegen den politischen Gegner durchsetzen kann. Umrahmt wird er von einer ganzen Reihe eloquenter Personen, die alle auf ihre Art Individualisten sind und doch genügend Gemeinsamkeiten aufweisen. Dazu haben sich bereits und werden sich weitere Persönlichkeiten gesellen, die aus den Ländern heraus mit hervorragenden Wahlergebnissen ausgestattet sind.
Insofern würde ich auch die Bedeutung von weltanschaulichen Differenzen nicht überschätzen. Es herrscht breiter innerparteilicher Konsens darüber, daß eine weitere, bloß wirtschaftsliberale Partei nicht das ist, was in Deutschland gebraucht wird.

HÖCKE:. Ich kann mir insgesamt nur schwer vorstellen, daß es für diese Gegenwart eine liberale Vision geben kann.

SCHEIL: Mag sein. Dennoch ist die innerparteiliche Debatte sowohl offen als auch kompromißbereit. Das ist eine immer wieder bestätigte persönliche Erfahrung. Vor dem Landesparteitag hier in Rheinland-Pfalz Anfang November wurde ein entsprechender weltanschaulicher Konflikt nach allen Regeln der Kunst geradezu herbeigeschrieben und beschworen. Nichts davon fand statt. Sachdifferenzen wurden durch ruhig vorgetragene Argumente und Beschlüsse erledigt.

Die skandalhungrige Presse mußte sich schließlich darauf stürzen, daß laut Kassenbericht ein paar Quittungen aus 2013 im Wert von wenigen hundert Euro nicht eindeutig zuzuordnen waren. Das zeigt sowohl die Erbärmlichkeit der Berichterstattung als auch das Fehlen wirklich scharfer Gegensätze in der Partei. Ein breites Spektrum an Haltungen unter den Mitgliedern ist im Gegenteil ein Vorteil, wenn ein Grundkonsens vorliegt. Die AfD ist deshalb jetzt eine „kleine Volkspartei”, so Lucke zurecht. Sie soll eine große werden, und sie hat alle Möglichkeiten dazu.

HÖCKE: So ist es. Gegenwärtig geht es auf dem Weg dorthin weniger um weltanschauliche Divergenzen als um die Beantwortung der Frage, wie grundsätzlich man sich geben sollte. Also: Wie viel Andersartigkeit  verträgt die Partei und was läuft der politischen Klugheit zuwider? Ich meine, daß die AfD selbstverständlich auch unkonventionelle Meinungen im parteiinternen Meinungsbildungsprozeß zulassen muß. Ich befürchte auch nicht, daß die Partei sich zu einer Spielwiese für Sektierer und Sonderlinge entwickelt. Ich habe nur wenige Auftritte solcher Menschen erlebt. Und bei aller Höflichkeit und bürgerlichen Zurückhaltung, die den meisten AfD-Mitgliedern zu eigen ist, hat es dann irgendwann eine deutliche Grenzsetzung durch das Publikum gegeben. Die Mehrheit der Mitglieder befindet sich in einem Suchprozeß. Sie verbittet sich den erhobenen Zeigefinger der Führung genauso wie die Agitation monomanisch fixierter Persönlichkeiten.

 

SEZESSION: Also ist alles auf Konsens und Ruhe angelegt und nicht auf die vielleicht sogar schockierende Formulierung einer echten Alternative, die ein Henkel gar nicht wollen kann?

HÖCKE: Die von Dir angesprochene weltanschauliche Auseinandersetzung wird es um das TTIP geben. Hier sehe ich die AfD vor einem wirklichen Lackmustest. Ich hoffe, daß die Diskussion sachlich geführt wird. Ich freue mich aber auch auf diese Auseinandersetzung, weil deren Tiefgang durch die Existenz der beiden Flügel garantiert ist. Letztlich geht es um die Frage, welche Art von Globalisierung wir wollen. Ich sage: Respice finem – Bedenke das Ende! Und jetzt sind wir wieder bei der am Volkswohl orientierten Politik...


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (17)

Rumpelstilzchen
13. November 2014 18:16

Sezession at its best.
Das ist ein spannendes Interview. Danke.
Könnte man das in Papierform bekommen ?
Diesem Beitrag korrespondiert zeitgleich ( !) ein Beitrag in der FAZ über die Entfremdung und Erniedrigung der Russen.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/entfremdung-und-erniedrigung-die-russen-verlieren-den-bezug-zur-realitaet-13262683.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Das Gefühl des Zerfallens ist wohl ein globales Phänomen.
Als Reaktion darauf "Antipolitik" .
Der November 14 hat es in sich .
Vieles deutet auf einen Paradigmenwechsel hin.

E-Ward
14. November 2014 05:25

Höcke:

Ich kann mich hier grundsätzlich der Bewertung von Herrn Dr. Scheil anschließen, möchte aber noch folgendes ergänzen: Der politisch-administrative Komplex existiert als ein autopoietisches und selbstreferentielles System im Sinne Niklas Luhmanns. Und ohne Zweifel gibt es auch international operierende kleine Zirkel als Subsysteme des politisch-administrativen Komplexes ...

Hallo? Hallöchen? "Ein autopoietisches und selbstreferentielles System"? "Im Sinne Niklas Luhmanns"? Also, wenn man so eine Handgranate in die Menge schmeißt, gebietet es der Anstand, daß man einen deutschen Satz nachschiebt, in dem man in einer für gewöhnliche Sterbliche verstehbaren Sprache erläutert, was man sich unter dem Suaheli vorstellen darf, anstatt flugs zur nächsten Baustelle zu eilen und den Leser blöde glotzend in der Gegend stehenzulassen, darauf bauend, daß er schon selbst ausgugeln wird, was Sache ist mit dem Auto-Blabla.

Es ist nicht so, daß ich das Gedöns nicht gerafft hätte. Mit dem System-Mist Bielefelder Marke habe ich mich vor Jahren mehr "beschäftigt", als meinem armen Gehirnchen lieb sein konnte. Verschwendete Lebenszeit, ich guck' jetzt nur noch die Bildbändchen von Arndt.

Ich gehe davon aus, daß anständige Menschen (will sagen Deutsche), die nebenbei arbeiten, schlafen und vögeln müssen, weder die Zeit noch die Lust, noch die Nerven haben, vor dem Zubettgehen noch in dem Thriller Soziale Systeme zu lesen (obwohl das vielleicht nicht das schlechteste Einschlafmittel wäre).

Ein Satz, der Licht bringt in das Dunkel der Rätselsprache, wäre also überaus hübsch gewesen. Zum Beispiel: "Auf gut deutsch heißt das: Der Staat wird zu einem wuchernden Ungeheuer, das unaufhörlich die Grundlagen seiner eigenen Daseinsberechtigung neu erschafft und als ein abgeschlossenes, nur für sich selbst lebendes Ganzes in der Welt steht."

Oder so ähnlich. Sicherlich kann man's noch besser ausformeln. Der reine Sachverhalt ist ja so dunkel und rätselhaft nicht. Damit man sieht, was ist, braucht man auch keinen Prof aus Bielefeld als großen Zaubermeister.

kolkrabe
14. November 2014 07:32

Just in der Minute, als der zweite Teil des Interviews mit Scheil/Höcke hier erschien, brachte Focus online die Meldung, dass Sloterdijk sich gerade mal wieder zu Wort gemeldet habe. Im Unterschied zu Luhmann spricht der gelegentlich noch verständliches Deutsch. Parteien seien "Wartesäle, wo man sich am Ofen der Illusion noch wärmen kann", wird der Denker zitiert. Das ist doch mal hübsch formuliert und der passende Kommentar zu den hoffnungstrunkenen Erwartungen in Richtung AfD.

An gleicher Stelle wird Sloterdijk mit einem weiteren Satz zitiert, der mit Blick auf die allen Menschen garantierten Grundrechte etwas zutiefst Wahres und zugleich jede Gutgläubigkeit Erschütterndes hat: „Man gerät nun in endlose mengentheoretische Paradoxien: Was man allen versprochen hat, kann man nur halten, wenn es nicht allen gewährt wird und wenn nicht alle Betrogenen reklamieren! Das ist die paradoxe Struktur, die jeder modernen Ideologie innewohnt.“ DAS sitzt.

Und wo wir hier schon bei Philosophen sind: Kubitschek hatte hier vor einiger Zeit auf den Aufsatz von Schivelbusch über „Perfides Albion - Seenahme im Cyberspace“ (Mittelweg 36, April/Mai 2014) hingewiesen und als seltenes Beispiel dafür gerühmt, dass Carl Schmitt im gegenwärtigen Diskurs Auferstehung feiert. Ein deutlich besseres Beispiel für die Aktualität des Blicks auf den Cyberspace als zu eroberndes Meer der Gegenwart liefert der von Neidhammeln gern als Modephilosoph geschmähte Koreaner Bjung-Chul Han in seiner kurzen Schrift „Im Schwarm – Ansichten des Digitalen“ (er nimmt auch sonst gern auf Schmitt, Heidegger und Jünger Bezug und spricht perfekt deutsch – in kurzen, überwiegend klaren Sätzen; nur zur AfD äußert er sich nirgends). Lesen!

Martin
14. November 2014 08:16

E-Ward,

Danke für Ihren Kommentar - so sehe ich das auch und habe das bereits bei Teil 1 des Interviews so empfunden.

Das mit der Bildung und dem "sich Auskennen" in der Welt der Wissenschaft ist das eine, wie so etwas und Namedropping etc. bei anderen ankommt, das andere. Das sollte jetzt aber bitte als positiv gemeinte Kritik aufgenommen werden.

Kiki
14. November 2014 09:34

@Rumpelstiltzchen

Da wechselt nichts und niemand - alle (auch die mutmaßlichen Strippenzieher) sitzen angstzerfressen und planlos da und warten nur noch auf den Aufprall.

Kluge Leute legen Lebensmittelvorräte usw. an und die Allerklügsten stellen jetzt schon ihre Rechnung mit dem Schöpfer richtig.

Martin Böcker
14. November 2014 09:45

@Martin/E-Ward: Nun ist das ja ein Interview in der Sezession und nicht auf Spiegel Online. Da finde ich es doch ziemlich begrüßenswert, dass Höcke die theoretischen Grundlagen seiner Politik andeutet.

Der Gutmensch
14. November 2014 11:55

Ja, klar, Herr Böcker, so und nicht anders ist es! Ein garstiges Defizit, zu verlangen, dass sich jemand, der etwas Intelligentes zu sagen versucht, das bitte in der "einfachsten, klarsten und bescheidensten Form" ausdrücken oder, bitteschön, den Mund zu halten (und nicht noch wie zum Hohn armen Bismarck nachzuladen!) hat. Oder war das jetzt das Defizit von Karl Popper ...?!

Nun, da es selbstredend auch gegen Popper etwas aus Prinzip einzuwenden gibt, egal was er gerade sprach, beschränken wir das Ganze doch besser auf folgende Erkenntnis, die wir doch alle gewiss noch aus dem Kinderfernsehen kennen und die uns also fortan als kleinster gemeinsamer Nenner dienen mag:

"Ob Ihr wirklich richtig steht ... seht Ihr, wenn das Licht angeht!"

Darüber kann man dann wenigstens nicht mehr zanken.

Der Gutmensch.

Martin Böcker
14. November 2014 13:09

@Gutmensch: Nee, als „garstiges Defizit“ würde ich das nicht bezeichnen, eher als Bequemlichkeit. Die einfache, klare und bescheidene Form finden Sie bestimmt im Wahlprogramm.

Rumpelstilzchen
14. November 2014 15:46

Keiner weiß, aus welchen Überwindungen ihm Kraft zuströmt.
Niemand kann sagen, wo die Lösung durchlitten worden ist,
die sein Leben ins Freie führt.

Romano Guardini

@ E-Ward
Zuerst: auch ich kann mit dem soziologischen Geschwurbel nichts anfangen und überlese das , wenn ich den Eindruck habe, es trägt nicht viel zur Sache bei.
Die entscheidende Frage ist doch, ob eine andere Politik ( in einer parteibasierten parlamentarischen Demokratie) überhaupt ( noch) möglich ist. Oder ob es zu spät ist. Und was kommt dann ?

1. Mir ist es unbegreiflich , dass die Umsetzung kruder familienfeindlicher Theorien ( Gender Mainstreaming) in reale Politi so leicht und unbemerkt gelingt, bis nach unendlich langer Zeit mal ein konservatives MSM darauf aufmerksam macht:

https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gender-mainstreaming-das-gute-recht-der-eltern-13258831.html

2. Auf der anderen Seite liegen pragmatische, realitätsdichte Abhandlungen über z.B. Asyl-und Einwanderungspolitik in der Schublade und die Realpolitik erscheint völlig überfordert, konzeptlos, faktenresistent:

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik/tv-kritik-maybrit-illner-kiefersfelden-als-vorort-von-lampedusa-13265449-p2.html

Da beschleicht einem schon das Gefühl, daß es zu spät ist.
Andererseits:
Wenn jedes Volk die Politiker hat, die es verdient, dann muß eben auch das Volk mal den Hintern bewegen.
. Dem feisten Funktionär, Umverteiler, Mißstandsverwalter, Gesinnungslumpen entspricht der Spießer, Biedermann, Nichtwähler, Konsument usw.
Bevor man zum Kulturpessimisten oder Liebhaber von Verschwörungstheorien wird, sollte man bei seiner Verantwortlichkeit beginnen.
Aber selbst, wenn es zu spät sein sollte, müssen realpolitische Lösungen noch denkbar und umsetzbar sein. Auch wenn der politische Spielraum eng erscheint, er muß gestaltet werden. Hier ist die AFD womöglich der letzte Versuch.
Unter Druck entstehen Diamanten.
@Kiki
Vorräte habe ich immer und mein Hexenhäuschen ist von Essbarem umwuchert. Allein, auch das kein Garant. Die alten Menschen meines Ortes erzählen, daß die französischen Besatzer nach dem Krieg schon mal die Leute für ein paar Kartoffeln verprügelt haben. Wenn nicht Schlimmeres.

Bleibt nur, die Schätze im Himmel zu sammeln und nicht "auf der Erde, wo
Motten und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen" Mt 6,19

Nordlaender
14. November 2014 17:12

@ Rumpelstilzchen

"Bevor man zum Kulturpessimisten oder Liebhaber von Verschwörungstheorien wird, sollte man bei seiner Verantwortlichkeit beginnen."

Diese Verschwörungstheoretiker können unserer Wirtschaft mitunter einen ganz enormen Schaden zufügen, jedenfalls dann, wenn Ihnen auch noch Richter, Staatsanwälte oder das Bundeskartellamt Glauben schenken. In diesem Falle Kosten von 106 Millionen Euro:

https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bierbrauer-affaere-die-wichtigsten-fakten-ueber-das-preiskartell-a-943254.html

Der Gutmensch
14. November 2014 18:01

Also dass ich fürs Lesen und Nachvollziehen nun auch noch als "bequem" bezeichnet werde, Herr Böcker - bleiben wir doch lieber beim "garstig", ich bitte Sie herzlich!

Der Gutmensch.

Ein gebürtiger Hesse
14. November 2014 20:16

@ Rumpelstilzchen

"Unter Druck entstehen Diamanten."

Ein (ganz besonders in diesem Zusammenhang) sehr schöner, hoffnungswollender, hoffnungswirkender Satz. Danke für Ihre Orientierung!

muotis
14. November 2014 23:26

Möglicherweise bin ich der einzige Kulturpessimist in den Reihen der SiN und ihrer Leser, aber auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Die AfD wird es nicht reißen, trotz des z.T. hervorragenden Personals. Wer das nicht glaubt, möge durch die längst verlorenen Städte unseres Landes reisen und behaupten, daß da mit demokratischen Mehrheiten noch etwas zu holen ist. Diejenigen, die dort etwas zu sagen haben, kennen diese Partei nicht einmal, auch Sarrazin ist ihnen kein Begriff. Das zeigt, wie autonom sie sich hier bereits eingerichtet haben, und wie egal ihnen unsere niedlichen Debattierrunden sind. Die grundsätzlich löbliche Initiative von Lucke et al. kommt mindestens zwanzig Jahre zu spät. Und jeder, der noch Hoffnungen daran verschwendet, ist nicht besser als der Opa am Dorf, der immer noch die CDU wählt, weil die das "C" im Namen tragen.

Distelherz
15. November 2014 06:05

@Kiki,

Kluge Leute legen Lebensmittelvorräte usw. an und die Allerklügsten stellen jetzt schon ihre Rechnung mit dem Schöpfer richtig.

Dieses alarmistische Gejammer kann ich wirklich nicht mehr ertragen. Wenn man mitten im Leben steht und hier seinen alltäglichen Kampf ausfechten muß, weil man Verantwortung hat für sich und für die seinen, dann reagiert man auf solch gleichermaßen selbstgerechtes wie fatalistisches Genöle nur noch mit Verachtung.

Martin Böcker
15. November 2014 18:57

@Gutmensch: Also ich wollte Ihnen (und E-Ward) keinesfalls zu nahe treten, stünde mir auch gar nicht zu. Darum möchte ich Ihrer herzlichen Bitte natürlich entsprechen, bleiben wir also beim "garstig". Was natürlich keine Wertung enthält, jedenfalls keine negative, im meinem echten Leben waren die Garstigen, wenn ich mich recht entsinne, meistenteils ganz in Ordnung.

Nochmal zum Thema: Ich habe aufgrund solcher, von Ihnen kritisierten, akademischen Einlassungen den Eindruck, dass Scheil und Höcke genau wissen, warum sie ihrer Meinung sind - was ich attraktiv finde. Für's einfache Formulieren gibt's doch andere Orte, außerdem habe ich den Verdacht, dass Sie, E-Ward und Martin es ja doch verstanden haben.

Wie auch immer.

@Distelherz: Man kann ja auch der "Forderung des Tages" nachkommen und Lebensmittelvorräte anlegen. Haben ist besser als Brauchen. Könnte man sagen. Und die Rechnung mit dem Schöpfer kommt ja ohnehin.

Der Gutmensch
16. November 2014 13:19

Also einigen wir uns auf´s genaue Hinhören, lieber Herr Böcker, auch wenn wir unsere Ohren dabei gelegentlich strapazieren. Distelherzens´Ohren sind schließlich auch strapaziert; ich kann seinen Unmut nachempfinden, einer Kassandra sicher gerne folgen zu wollen, aber im Alltag doch immer wieder von fiesen Unken aufgehalten worden zu sein.

In diesem Sinne einen ruhigen Sonntag,

der Gutmensch.

Peter
5. Januar 2015 19:03

Höckes Problem ist das der "Überintellektualisierung" als auch sein leerer Pathos, den genüsslich zum Besten gibt. Wer sich als konservativer Messias verkaufen möchte, kann sehr leicht über die hohlen Phrasen seiner eigenen Reklame stolpern. Tatsächlich konservativ ist es nicht, eine "politische Vision" für was und wen auch immer zu entwickeln, sondern der Ideologisierung und Politisierung des Lebens entgegenzuwirken. Der Konservative achtet die naturgemäße Vielfalt des Lebens. Homogenität ist ihm ein Abscheu. Der Konservative verteidigt das Naturwüchsige gegen das staatlich-zentralistisch Geplante. Der Konservative setzt auf die Kraft von unten, statt den Befehl von oben. Höcke ist eher - wie Bismarck - Konstruktivist, Sozialist und Ultraetatist (und damit immer zumindest kurz vorm Faschismus). Konservativ ist an Höcke gar nichts. Allein die widerliche und unmoralische Forderung nach einem staatlich-planwirtschaftlichen Kinderwurfprogramm verbietet sich jedem Konservativen.

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