Sezession
1. Oktober 2006

Kindheit und Jugend in traditionellen Gesellschaften

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 15/Oktober 2006

sez_nr_151von Hans-Peter Hasenfratz

Als traditionelle Gesellschaften begreift man in der Ethnologie Lager- und Dorfgemeinschaften in wild- und feldbeuterischen, agrarischen und hirtennomadischen Kulturen, deren Zusammenleben durch feste mündliche Tradition („Gedächtniskultur") reguliert ist. Ob germanische Gesellschaften damit adäquat zu verorten sind, lassen wir dahingestellt. Jedenfalls bildeten sie keine antiken Hochkulturen. Schriften waren zwar von ihnen gekannt, auch genutzt, sogar zum Transport traditioneller religiöser Inhalte (Runen!). Aber die Hauptmasse einschlägigen Schrifttums stammt von antiken Autoren oder aus christlichem Umfeld (teils mit politischer, teils mit antiquarisch-gelehrter, teils mit kirchlicher Interessenlage). Über die Spezialisten, denen in der germanischen mündlichen Gedächtniskultur die Traditionsvermittlung anvertraut war, wissen wir wenig oder nichts. Zudem standen die germanischen Gemeinschaften unter erheblichem Migrationsdruck (indogermanische Wanderungen, Völkerwanderung, Wikingerzüge), was die Überbetonung kriegerischer Ideale erklären mag. Der eben beschriebene Sachverhalt rechtfertigt es, daß hier von der „Ethnopädagogik" in „klassischen" traditionellen Gesellschaften zuerst die Rede sein muß - gewissermaßen als „Folie" für Kindheit und Jugend im germanischen Kontext.

Nach verbreiteter traditioneller Anschauung von Zeugung und Empfängnis wird beim Geschlechtsverkehr das mütterliche Menstrualblut durch das väterliche Sperma zum Koagulieren gebracht (deshalb das Ausbleiben der Regel). „Koagulationsresultat" ist der kindliche Embryo. Durch fortgesetzten Verkehr mit der Schwangeren, durch „Begießen" der Frucht, erhält der Fötus seine Vitalseele. Eine weitere Seele, die Exkursionsseele, kommt dem werdenden Kind meist aus dem Reiche der Ahnen zu, indem sie während der Schwangerschaft bei einer günstigen Gelegenheit (etwa beim Baden der Schwangeren in einem Gewässer: die Wörter „Seele" und „See" sind etymologisch verwandt) in den Mutterleib eindringt und sich im belebten Fötus einnistet. Damit wäre der Mensch (Vitalseele = Leben; Exkursionsseele = Ich-Bewußtsein; von weiteren Seelenvorstellungen sehen wir ab) biologisch komplett.
Aber Menschsein hängt für traditionelle Gesellschaften nicht an der Biologie. Tote bleiben Mitglieder der Gemeinschaft, Menschen, wenn sie von ihr rituell korrekt bestattet wurden. Lebende werden erst zu Menschen, wenn sie durch ein Adoptionsritual Mitglieder der Gemeinschaft geworden sind: Umarmung durch den Vater, Schoß-Setzung, Übergießen mit Wasser, Namengebung und anderes mehr. Vorher können sie bedenkenlos „entsorgt", ausgesetzt werden. Gründe, den kleinen Lebewesen die rituelle Anerkennung als Menschen zu verweigern, sind etwa Mißwuchs, Vielgeburt (Zwillinge gelten oft als Resultat von Mehrverkehr der Mutter; häufig läßt man auch nur das Kräftigere von beiden am Leben).


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.