Sezession
26. November 2014

Abscheu, distinguiert und epitomiert: Klonovsky ist zurück

Nils Wegner / 4 Kommentare

Dieser Tage, in denen sich ein „engagiertes“ Männchen (Einstieg hier; soviel denn auch zu The European...) sehr darum bemühte, ihn in einen shitstorm hineinzuziehen, hat sich Michael Klonovsky mit einem neuen Aphorismenband zurückgemeldet.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Wer bereits den Vorgänger „Jede Seite ist die falsche“ gelesen und genossen hat, wird auch diesmal nicht von der schneidenden Schärfe seiner Bonmots enttäuscht werden. Wer den Autor bislang komplett ignoriert hat oder lediglich seine provokanten Einlassungen im Focus kannte, der ist mit der Lektüre des aktuellen, im Wiener Karolinger-Verlag erschienenen Bändchens als Einstieg gut beraten.

Denn den Einband ziert nicht umsonst Eris, die griechische Vergöttlichung der Zwietracht. In den sechs Jahren, die seit dem Erscheinen von „Jede Seite ist die falsche“ ins Land gegangen sind (und ihm persönlich zahlreiche Anfeindungen und Gängelungen gebracht haben), ist Michael Klonovsky in seiner Sicht auf die Mit-Welt umso unnachgiebiger und härter geworden. Daß der Neuling den Untertitel des bei Lichtschlag erschienenen ersten Aphorismenbands als Haupttitel führt, mag zu denken geben: Es ist nicht mehr die Zeit für Selbsterklärungen und gutmütige Leseanweisungen. Jeder der im Buch versammelten Sinnsprüche steht für sich allein, und anstelle kluger Parolen, die knackige Tweets oder Facebook-Statusmeldungen abgeben, finden sich vielmehr die Grenzmarken eines geistig-kulturellen Niemandslandes, das Todesstreifen und Eremitage zugleich zu sein vermag. An seiner bewußten Abseitshaltung, seiner expressiven Loslösung und seinem Mangel an Versöhnung läßt der poeta doctus Klonovsky weniger Zweifel denn je, was seinen Gegenwartsdiagnosen denn auch die passende Zuspitzung verleiht:

Der gymnasiale Stundenplan im Traum des Progressiven: Landessprache (jeweilige); Freie Orthographie; Geschlechtergerechte Mathematik; Gender- und Transsexualitätskunde; Soziale Gerechtigkeitslehre; Emanzipationsgeschichte; Deutsche Verbrechenskunde (früher: Geschichte); Erderwärmungslehre; Demokratische Rhetorik; Dritte-Welt-Kunde; Antidiskriminierung (früher: Ethik); Multikulturelles Basteln (früher: Kunst).

Thematisch lassen sich vier große Stoßrichtungen der versammelten „Sprüche und Pfeile“ (Nietzsche) ausmachen: Der Niedergang der Ehrfurcht vor göttlicher Transzendenz, die Erosion des partnerschaftlichen Verhältnisses zwischen Mann und Frau zugunsten einer Konkurrenz zwischen den Geschlechtern, die Eliminierung jeder Autorität und Bindung als Grundlage aller Umgangsformen – und zuletzt die Beschreibung des schleichenden Niedergangs europäischer Zivilisation in allen seinen Facetten. Darin suchen der Eiferer und der massenmobilisierte Hampelmann vergeblich nach Larmoyanz oder Ansätzen eines Wutbürgertums; Klonovsky erschreibt sich vielmehr die Aura des distinguiert-distanzierten Beobachters, der lediglich ab und an sein Mißfallen in wenige, panzerbrechende Sätze zu kleiden versucht. Diese reichen in ihrem Tonfall von Galgenhumor bis hin zu handfestem Ekel.

Der Satz: „Ich bin stolz, Deutscher zu sein“, gilt als unsinnig, weil sich ein Mensch auf fremde Verdienste nichts einbilden dürfe. Wie aber verhält es sich mit denen, die sich als Deutsche wegen vergangener fremder Untaten zu schämen vorgeben?


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Kommentare (4)

Michael K.
26. November 2014 17:12

Wo ist Klonovsky im TV aufgetreten? Würde das sehr gerne sehen.

Wegner:
Es gab vor drei Jahren eine Folge des SWR-"Nachtcafés", in der Klonovsky unter anderem mit Bascha Mika von der taz über Geschlechterrollen und Auswüchse der Emanzipationsbewegung diskutierte. Leider ist diese Sendung zumindest im offiziellen Onlinearchiv des Senders nicht (mehr?) auffindbar.

Dort zeigte sich allerdings deutlich, daß ein zurückhaltend-nachdenklicher Charakter wie Klonovsky vom affektierten Gehabe "talk"gewohnter Meinungsbildner schnell überrollt wird. Zumeist beschränkte er sich darauf, angesichts des Gesprächsverlaufs nur ironisch die Lippen zu schürzen.

Karolus
27. November 2014 11:03

Die von Andre Lichtschlag herausgegebene Zeitschrift 'eigentümlich frei' unterhält auch ein Videoprogramm, in welchem Carlos A. Gebauer Zeitgenossen interviewt. IN einem solchen Video kommen Pirinci und Klonovsky zu Wort.

Monika
27. November 2014 15:08

Ich bin ein Fan von Klonovsky und lese gerne die acta diurna.
Auch den Focus habe ich wegen seiner Ausführungen zum Islam gekauft.
Trotzdem für Interessierte eine kleine Ergänzung:

https://www.kath.net/news/48397

Ludwig W.
28. November 2014 00:45

Klonowsky hat ja sogar den Mut, das "Tabu aller Tabus" anzusprechen, wenn er schreibt:
"Wer die Reaktion eines Sklaven studieren möchte, frage einen festangestellten Historiker coram publico, zu welchem Zweck Stalin im Sommer 1941 die größte Armee aller Zeiten an der deutsch-sowjetischen Grenze hat aufmarschieren lassen"
Die Reaktion wäre tatsächlich sehr interessant. Denn selbst in Knopp-Sendungen zum zweiten Weltkriegen wird nebenbei erwähnt, dass die Deutschen gleich in den ersten Tagen mehr als ein Million Rotarmisten gefangen genommen haben. Die Tatsache wird also nicht bestritten, es wird aber dann nicht weiter gefragt.

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