Chronik des Bombenkriegs: 27. November 1944 – Die R.A.F. zerbombt Freiburg im Breisgau

Freiburg zählte 1939 circa 100.000 Einwohner. Bereits zu Beginn des deutschen Angriffs auf Frankreich im Mai 1940 erlebte die Stadt im Breisgau ihren ersten Luftangriff. Allerdings waren an diesem Tag noch keine alliierten "Luftgangster" für die Toten (22 Kinder) verantwortlich, wie Joseph Goebbels meinte, sondern das friendly fire dreier von der Route abgekommener deutscher Jagdbomber.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Im Herbst 1943 gab es leich­te­re Bom­bar­de­ments der US Air For­ce, im April 1944 galt Frei­burg als Aus­weich­ziel für Lud­wigs­ha­fen. Statt des­sen visier­ten die US-Luft­streit­kräf­te irr­tüm­lich das schwei­ze­ri­sche Schaff­hau­sen an, war­fen fast 400 Spreng- und Brand­bom­ben ab und töte­ten 40 Men­schen. Der dama­li­ge ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent, Fran­k­lin D. Roo­se­velt, muß­te sich bei der neu­tra­len Schweiz ent­schul­di­gen und leis­te­te 40 Mil­lio­nen Fran­ken Entschädigung.

Am 27. Novem­ber flo­gen indes R.A.F.-Bomber ihrer­seits Angrif­fe auf Frei­burg. Die Stadt ver­füg­te zwar über “kei­ne nen­nens­wer­te Indus­trie”, so Jörg Fried­rich in sei­nem Stan­dard­werk zum Bom­ben­krieg, wur­de aber auf­grund ihrer Lage an einer Eisen­bahn-Trans­port­rou­te sowie der Bau­wei­se als geeig­net für Flä­chen­bom­bar­de­ments befun­den. Man ver­mu­te­te zudem Trup­pen­ver­schie­bun­gen im gesam­ten süd­west­deut­schen Raum über das Breisgau.

Die bri­ti­schen Bom­ber­staf­feln setz­ten sich aus 342 Lan­cas­ter-Maschi­nen zusam­men. Sie war­fen inner­halb von nur 25 Minu­ten ins­ge­samt 1.457 Ton­nen Spreng- und 266 Ton­nen Brand- und Mar­kie­rungs­bom­ben auf die Innen­stadt ab. Beson­ders ver­hee­rend wirk­ten Zeit­zün­der­bom­ben. 2797 Men­schen star­ben, 9600 wur­den verletzt.

Außer­dem wur­de der male­ri­sche Kern Frei­burgs fast voll­stän­dig zer­stört und mit ihm zahl­rei­che his­to­ri­sche Bau­wer­ke, dar­un­ter die Fran­zis­ka­ner­klos­ter­kir­che St. Mar­tin (gebaut 1262), der Bas­ler Hof (1494/96), das Alte Rat­haus (1557/59), das Sickin­ger Palais (1769/73) sowie das Stadt­thea­ter (1905/10).

Lite­ra­tur­hin­wei­se:
Gün­ter Zemel­la: War­um muß­ten Deutsch­lands Städ­te ster­ben? Eine chro­no­lo­gi­sche Doku­men­ta­ti­on des Luft­krie­ges gegen Deutsch­land 1940–1945, 648 S., 24.90 €  hier bestellen
Jörg Fried­rich: Der Brand. Deutsch­land im Bom­ben­krieg 1940–1945, 589 S., 10.95 € – hier bestellen
Jörg Fried­rich: Brand­stät­ten.
Der Anblick des Bom­ben­kriegs, 240 S., 25 € – hier bestellen

(Bild­quel­le)

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (5)

Daniel

27. November 2014 12:07

Die 22 toten Kinder des "Friendly Fire"-Angriffs 1940 rühren von einem tragischen Volltreffer auf einen vollbesetzten Spielplatz im Stadtteil Stühlinger.

Der Angriff vom 27. November 1944 ist hier in Freiburg noch in lebendiger Erinnerung; am vergangenen Sonntag gab es einen großen Gedenkgottesdienst im Freiburger Münster, das ja, mitten in der Zerstörungsschneise liegend, nahezu unversehrt blieb. Diese verlief, gezogen vom besten "Städteeinäscherungsinstrument" der RAF, der Bomber Group No. 5, vom Schloßberg über die Altstadt nach Westen Richtung Stühlinger, dort nach Norden drehend bis zum Neuen Messegelände. Die Kaiser-Joseph-Straße zwischen Martinstor und Siegesdenkmal war nahezu eingeebnet, der alte Bertholdsbrunnnen war zerstört, ebenso die Universität, "dem Katheder Erasmus von Rotterdams", wie Jörg Friedrich schreibt, von der nicht mehr viel stand.

Zu den Gründen für den Angriff schreibt Friedrich:

Bei der Zerstörung Freiburgs am Abend des 27. November 1944 ging es um gar nichts. Äußerer Anlaß war der Bahnhof und der vermutete Aufenthalt einer größeren Truppenanzahl. Für die Besetzung Süddeutschlands ist Freiburg kein Ausgangspunkt gewesen, weil östlich davon der Schwarzwald sich erhebt."

Und weiter:
"Der Angriff kostete 2700 Menschenleben. Alles nördlich und westlich des Münsters gelegene Stadtgebiet war total zerstört. Von der gotisch-barock vermischten Altstadt blieb nach fünfundzwanzig Minuten Bomber Command eine Million Kubikmeter Schutt. Keine der Eisenbahnanlagen hat es getroffen."

Dabei waren die Lancaster-Bomber aus Frankreich radargelenkt worden

Friedrich:

Auf Lastwagen stationierte Oboe-Sender sicherten Freiburg die präziseste Zielanpeilung, deren Bomber Command fähig war. Außerdem schien (...) Vollmond."

Meier Pirmin

27. November 2014 16:37

+"Auf den Turm des Freiburger Münsters" hatte der bedeutendste Bewohner Freiburgs an jenem Tag, Reinhold Schneider (1903 - 1958) schon vor der Bombardierung ein Sonett gedichtet mit den Anfangszeilen "Steh unzerstörbar...", was als Prophetie ausgelegt wurde. Ich gehe von katholischen oder sonstwie kultivierten Bomberpiloten aus, welche diese Voraussage wahr machten. Reinhold Schneider, dem zur Kriegs- und Nachkriegszeit tausende schrieben, galt damals gemäss Edzard Schaper, dem Deutschbalten, als "das Gewissen Deutschlands". Er schrieb in Karl Ludwig von Guttenbergs "Weissen Blättern", wie Jochen Klepper, Bergengruen, Ida Friederike Görres, Klaus Bonhoeffer, Baader (Vater des späteren Terroristen). Dabei war Reinhold Schneider als Pazifist prinzipienethisch ein Gegner des Hitlerattentats, so wie er sich 1951 gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands gewandt hatte. 1958 wandte er sich in seinem eindrucksvollsten Werk "Winter in Wien" mit abgrundtiefer Verachtung gegen "Euromarkt" und "Euratom", so wie er schrieb: "Der russische Nihilismus stellt in Verpflichtung, der amerikanische Nihilismus ist das Nichts für das Nichts", wobei die Verwechslung von Stalinismus und Nihilismus ein Irrtum war. Reinhold Schneider verdient in jeder Hinsicht eine Wiederentdeckung, womit ich mir auch mit meinem bedeutendsten Weggefährten bei der deutschen Rechten, Gerd-Klaus Kaltenbrunner (1939 - 2012) einig war. Nicht im Sinn einer Beanspruchung, sondern als Appell an das Gewissen. Dem Nationalismus sprach er, wie Bergengruen, den "Ludergeruch der Revolution" nach. Er war über die meiste Zeit seines Lebens ein konservativer Monarchist, nach Preisgabe dieser Idee eine Art Anarch, wenngleich nicht gerade im Jüngerschen Sinne. Ich grenzte in meiner Dissertation "Reinhold Schneider als historiographischer Schriftsteller" (Bern - Frankfurt 1977) Schneider gegen Jünger ab, bei Beachtung des enormen literarisch-geistesgeschichtlichen Ranges beider Autoren.

Dr. phil. Pirmin Meier, Autor, ehem. Vizepräsident der Reinhold Schneider-Gesellschaft e.V., Postfach, CH-6215 Schweiz

Bernhard

27. November 2014 22:33

Haben die Amis vielleicht die Schweiz mit ihrem einmaligen Angriff warnen wollen, ihre recht guten Handelsbeziehungen zum Reich abzubrechen?

Meier Pirmin

28. November 2014 18:44

@Benhard. Wenn Sie mich damit als Schweizer ansprechen wollten. Am 1. April 1944, kein Aprilscherz, wurde Schaffhausen, nördlich des Rheins gelegen, von einem US-Geschwader bombardiert mit einer recht hohen Anzahl von Opfern. Ein früherer Kantonsparlamentspräsident von Schaffhausen hält fest, dass es nicht Folge mangelnder Geographiekenntnisse gewesen sei, sondern vorsätzlich, wiewohl die Amerikaner an die Schweiz und an Schaffhausen Genugtuung bezahlt haben, es sei um ein "Zeichen" an die Schweiz gegangen. Die Handelsbeziehungen mit dem Deutschen Reich waren für das neutrale Land selbstverständlich, denn die Aufgabe der Schweiz und der Schweizer Regierung im 2. Weltkrieg war nicht die Erringung eines "Antifaschismus"-Preises, sondern das Überleben des Landes unter optimalen Bedingungen. Dieses Ziel wurde erreicht, es war also die Folge einer erfolgreichen Politik. Die erfolgreichste Politik ist die mit am wenigsten toten Landsleuten, falls Sie von mir einen Anfängertyp wollen. Wenn aber schon Schaffhausen: die gemeinsten Exzesse des Fremdenhasses, die es in der Schweiz je gab, war die sogar so bezeichnete "Kristallnacht" im Juni 1945 gegen deutsche Geschäftsinhalber in Schaffhausen, deren Scheiben von einem linken Mob eingeschlagen wurden; sogar eine ganz kleine deutsche Kioskinhaberin wurde aus dem Lande gejagt. Andererseits haben in Schaffhausen 1915, 1916, 1917 und 1918 der deutsche Hilfsverein, der deutsche Männerchor, der Kriegerverein Germania und weitere deutsche Organisationen mit jeweils mehr als 1000 Personen auf schweizerischem Gebiet, in der Stadt Schaffhausen, unter Beisein auch von Schweizer Offizieren und Politikern, den Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. gefeiert. Organisator war der spätere Industrielle Bruno Moersen, verheiratet mit einer Nichte von Stefan George. Sein Haus in Schaffhausen, eine Villa, wurde am 1. April 1944 von den Amerikanern bombardiert. Seine Einbürgerung in der Schweiz 1921 war äusserst umstritten, wiewohl er der beste Stahlingenieur der schaffhauserischen Industrie war.

Bernhard

29. November 2014 19:48

@ Meier Pirmin

Danke für die interessanten Infos.

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