Sezession
3. Dezember 2014

Der Hauptfeind heißt Liberalismus – Alain de Benoist im Gespräch über sein Lebenswerk, Teil 1

Benedikt Kaiser / 7 Kommentare

SEZESSION: Sie schreiben, daß Sie das liberale Bürgertum als „unreformierbar“, „unhaltbar“, geradezu als den „Hauptfeind“ betrachten. Inhaltliche Beliebigkeit und ideologische Abschwächung sind demnach ebenso Teil der bürgerlichen Welt wie die Notwendigkeit beständiger Kompromisse.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

ALAIN DE BENOIST: Es besteht kein Zweifel für mich, daß der Liberalismus der Hauptfeind ist. Ich dachte so bereits zur Zeit des sowjetischen Kommunismus (der letztlich nur ein Staatskapitalismus war), und ich denke es noch heute, zu einem Zeitpunkt, an dem die liberale Ideologie in einem globalen Maßstab gewissermaßen die Hauptideologie geworden ist, deren drei Pfeiler Kapitalismus, Religion der Menschenrechte und Marktgesellschaft sind.

Was ist Liberalismus? Das ist die Ideologie, die ihren Ursprung in der Philosophie der Aufklärung besitzt (aber deren Wurzeln viel weiter zurückreichen), die das Individuum und seine „natürlichen“ Rechte als die einzigen normativen Instanzen des Lebens in der Gesellschaft ansehen, was darauf hinausläuft, das Individuum zur alleinigen Quelle der Werte und der Lebenszwecke zu erheben, die es auswählt. Dieses Individuum wird für sich betrachtet, jenseits jeden sozialen oder kulturellen Kontexts. Deshalb erkennt der Liberalismus keine eigenständige Stellung von Gemeinschaften, Völker, Kulturen oder Nationen an.

SEZESSION: Das klingt stark nach Konservativer Revolution.

ALAIN DE BENOIST: Arthur Moeller van den Bruck hat schon 1922 festgestellt: „An Liberalismus gehen die Völker zugrunde.“ Im Liberalismus hat das Individuum Vorrang, sei es, daß man aufgrund einer mythischen Vorstellung annimmt, daß es dem Sozialen in einem prä-historischen Naturzustand vorausgegangen ist, sei es, daß man ihm ein einfaches normatives Primat zuspricht (das Individuum ist das, was am meisten zählt). Der Mensch nimmt sich also als Individuum wahr, ohne seine Beziehung zu anderen Menschen inmitten einer primären oder sekundären Sozialität bedenken zu müssen. Er ist ein Subjekt, das nur sich selbst gehört, Schöpfer seiner selbst aus dem Nichts, motiviert allein durch seine Sonderinteressen, unterm Strich ein Homo oeconomicus, da er als egoistisches Wesen begriffen wird, das einzig und allein auf die Maximierung seines rationalen Vorteils gemäß seiner persönlichen Interessen aus sei. Das soziale Leben erschöpft sich also in nichts anderem als in dem Utilitarismus und der Axiomatik des Eigeninteresses. Es ist nichts weiter als eine Angelegenheit von individuellen Entscheidungen und interessensgeleiteten Wahlen.

Sie werden nebenbei merken, daß der Liberalismus selbst die Spaltung Links-Rechts transzendiert, da es immer eine liberale Linke und eine liberale Rechte gegeben hat. Historisch gesprochen hat sich der wirtschaftliche Liberalismus (das heißt der Kapitalismus) besonders rechts manifestiert, während der gesellschaftliche Liberalismus sich besonders links manifestiert hat. Es macht Sinn, daß diese zwei Liberalismusformen heute dazu neigen zu fusionieren.

Literaturhinweise:

  • Alain de Benoist: Mein Leben. Wege eines Denkens, 432 S., 24.95 – hier bestellen
  • Michael Böhm: Alain de Benoist. Denker der Nouvelle Droite, 160 S., 5 € – hier bestellen
  • Zudem hat der Verlag Antaios auf seiner Netzseite einen Bücherschrank eingerichtet, der alle derzeit in deutscher Sprache erhältlichen Bücher Benoists versammelt.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Kommentare (7)

Ein gebürtiger Hesse
3. Dezember 2014 18:02

Schönes Interview. Was kann man sich besseres wünschen, als wenn jemand diese ganz grundlegenden Dinge so klar und einfach ausspricht, wie Benoist es hier tut? Merci bien! Freue mich auf Teil 2.

Aber: stimmt das, daß die JF den - doch ausgesprochen etablierten - Ruf Benoists als Vordenker der Nouvelle Droite in Zweifel zieht? Ist da mal wieder "Droite" das Wort des Anstoßes, und geht man diesmal so weit, nicht mehr nur sich selbst, sondern auch andere, mit deren Federn man sich weiter schmücken möchte, zu distanzieren? (Im Übrigen wäre "distanzieren" DAS Unwort des Jahres 2014 für die JF, nicht anders als für die Partei ihrer Wahl.)

Bernhard
3. Dezember 2014 20:45

Benoist wird gerne auch auf eher radikalen US-Seiten gebracht, wie z.B. The Occidental Observer oder Counter Currents Publishing. Dort bringt man meistens ältere Texte und hat noch nicht realisiert, daß er gar kein Rechter (mehr) ist.

Mir hat er ab Mitte der 80er Jahre viele interessante Denkanstöße gegeben, obwohl er in etlichen Punkten daneben lag und sich verirrt hat (z.B. bei seinem "Nominalismus vs. Universalismus" oder seiner Abkehr vom völkischen Gedanken). Die Zeit ist über diese intellektuellen Gedankenspielchen längst hinweg gegangen. Geblieben ist nicht viel.

Heute ist Benoist eher banal und langweilig. Er hat mit vielem seinen Frieden gemacht, was er früher heiß bekämpft hat. Insofern passt er auch zur handzahmen, liberalen JF.

Karl
4. Dezember 2014 10:03

In allen Fragen der politischen Philosophie geht es letztlich um die eine Frage, wie gewährleistet werden kann, dass Menschen friedlich miteinander leben und ihre Gemeinschaften florieren. Der Liberalismus sieht als Lösung die Freiheit der Individuen an, die, einmal gewährt, zum Wohle aller führe. Der Sozialismus propagiert dagegen die Gleichheit der Menschen als Lösung: Erst wenn alle Menschen gleich sind, gebe es keine Konflikte mehr. Der Sozialismus ist gewiss die abstrusere Idee, ist sein Konzept doch so widernatürlich, dass selbst der kleinste Versuch, die Gleichheit zu verwirklichen, in einem Blutbad enden muss. Doch auch der Liberalismus ist wider die Natur, auch er ist eine Abstraktion, ein Konzept vom Menschen, wie er nicht ist.

Das Individuum ist das Primäre, sagen der Liberalismus wie der Sozialismus. Doch „das Individuum gibt es gar nicht“ (Armin Mohler).
Weder gibt es „das Individuum“, noch gibt es „das Kollektiv“. Menschen stehen immer in einem Zusammenhang mit anderen Menschen, weder der Einzelne noch die Gruppe kann ohne den jeweils anderen. Es ist eine pure Abstraktion, das Individuum vom Kollektiv zu trennen.

Schaut man sich die Geschichte an, so kommt man zudem nicht umhin, sich einzugestehen, dass der Liberalismus gänzlich versagt hat, ja, dass er seinem Zwillingsbruder, dem Sozialismus, sogar den Weg bereitet hat.

Gemeinschaften lassen sich nicht vom Individuum aus errichten, Individuen sind immer schon in Gemeinschaften eingebunden. Indem der Liberalismus vom Individuum aus denkt, ignoriert er die Gemeinschaft, in der es steht, und entzieht ihm damit seine Existenzgrundlage. https://ahnenreihe.wordpress.com/

Irrlicht
6. Dezember 2014 06:10

Interessantes Gespräch. Auffällig ist, dass er von den gegenwärtigen geistigen Strömungen in Deutschland, die für sich den Begriff der "Neuen Rechten" in Anspruch nehmen, wenig begeistert ist - der vom ihm erwähnte Robert Kurz läßt sich unter den Begiff sicher nicht subsumieren -, ihnen gar einen engeren Bezug zu GRECE und der Nouvelle Droite abspricht. Die Bezugnahme der Bemerkung über diejenigen, die aus dem Gelesenen und Gehörten "einen kleinen Katechechismus" machen, läßt sich vor diesem Hintergrund auch entziffern. Dafür, dass er das Gespräch mit der Sezession führte, ist seine Kritik, wenn auch indirekt, sehr deutlich.

Henry Steyer
6. Dezember 2014 09:09

Wenn der Wolf kommt drängeln sich die stärksten Scharfe zur Mitte der Herde. Bei den Menschen sind es die, die am lautesten schreihen, der Fremde ist uns gleich. Das Nachsehen haben die, die Wort und Tat zusammenbringen, und das Schwarze Schaf der, der meint es gibt Rassen mit verschiedene Temperamente. Vielleicht ist also der Liberalism die ideologische Rechtfertigung derjenigen, die auf Kosten der Algemeinheit leben und es nötig haben, an ihr Wort zu glauben und das Ergbniss ihrer Tat zu verschleiern. Aber selbst wenn der Liberalismus mehr Ursache als Ergebniss wäre, kann ich de Benoist nicht folgen. Ein Volk ist vorerst eine biologische Realität, das heißt, durch sein genetisches Erbe bestimmt und das Hauptproblem, weil es unumkerbar sein könnte, ist sein Austausch durch Masseneinwanderung. Es mag sein, wie de Benoist meint, das ohne Fremden das Problem der Identität weiter besteht, aber ohne Volk braucht es keine Lösung mehr. Das Volk selbst und alleine zeugt Kunst und Sinngebungen, und die Rolle der Politik ist dieses Volk zu seiner Bestimmung zu verhelfen. Eine Politik ohne Volk kann keinen Sinn finden.

Ich war vor ein paar Tagen bei der Konferenz zur Rückwanderung in Paris, "les assises de la rémigration", organiziert vom Bloc Identitaire. Alle befragten Redner waren sich einig, daß es ohne Rückwanderungs Politik keine Lösung gibt. Der Hauptgegner war nicht mehr der Liberalismus, sondern der "remplacism", die austausch Politik der weißen Bevölkerungen, in Frankreich, Europa und Übersee.

Konservativer
6. Dezember 2014 12:21

ALAIN DE BENOIST:

Die Priorität läge darin, die herrschenden, vom Volk abgetrennten Klassen zu stürzen, das im Dienst der Banken und Kapitalmärkte stehende Establishment zu destabilisieren, oder wie es kürzlich Eric Zemmour sagte: jene „Eliten ohne Vaterland, die die Volkssouveränität nie akzeptiert haben, und die der wirtschaftlichen Globalisierung eher treu sind als den Interessen der Nation“. Dafür sind alle Mittel recht

...

Eine klare Ansage.

Alain de Benoist ist ohne Frage ein kluger Mann. Dennoch teile ich nicht jede einzelne seiner Aussagen.
Mal abgesehen von einer Wirkmächtigkeit auf die Masse ist die Neue Rechte in Deutschland durchaus kein Phantom oder so etwas, wie man nicht zuletzt an dieser Webseite sehen kann. Auch die Bücher aus dem Antaios Verlag beispielweise sind höchst real, die verschwinden nicht, wenn ich mit den Augen blinzele. Die Autoren dieses Blogs sind mit ihren Beiträgen auch nach einer durchschlafenen Nacht noch vorhanden (auch wenn manche, wie z.B. Heino Bosselmann, hier nicht mehr schreiben mögen).

Ob das "Analysewerkzeug rechts-links" jeden Wert verloren hat wird man sehen.
Unser hiesiges Establishment jedenfalls sieht die wirkliche Gefahr für sich, seine Pläne und seine konkreten Maßnahmen in der Rechten. Deshalb auch der staatlich üppig finanzierte, mit allen Mitteln geführte "Kampf gegen Rechts" (ich selbst hätte nach dem Studium sicherlich Karriere als "Kämpfer gegen Rechts" machen können, aber das war damals schon "nicht meins", heute müßte ich mich selbst bekämpfen).
Die Linke hingegen gilt als domestizierbar, läßt sich gegebenenfalls instrumentalisieren und stellt so gesehen keine Gefahr dar.

Ich bin seinerzeit im Fahrwasser von Manfred Kleine-Hartlage auf diese Seite gestoßen und habe mich seither von links nach rechts bewegt.
Auch andere ehemalige Linke unter den Lesern dieser Seite haben möglicherweise ihr ureigenstes "Damaskuserlebnis" gehabt (etwas pathetisch ausgedrückt):
https://www.youtube.com/watch?v=5Uhl23rLHxI
"Open your eyes. Open your eyes now."

Für mich macht das nach wie vor Sinn, denn wirklichen, ernstzunehmenden Widerstand gegen die Auflösung der Volkssouveränität, des Nationalstaats leisten meiner Meinung nach in erster Linie und vor allem die Rechten (wobei ich die Linken aus dem Umfeld der "Die Rote Fahne" mit ihrer leicht patriotischen Einfärbung durchaus zur Kenntnis nehme, doch alles in allem ist mir das zu dürftig, zu halbherzig, für mich fehlt das Herzblut).

Die Frage "Warum rechts?" hat Norbert Borrmann in seinem gleichnamigen Buch ausführlich beantwortet:
https://www.sezession.de/30387/norbert-borrmann-warum-rechts-vom-wagnis-rechts-zu-sein.html

Die Bücher von Robert Kurz, davon insbesondere sein "Schwarzbuch des Kapitalismus" sind lesenwert. Seine Analyse der "Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus" ist teilweise bestechend. Als mögliche Lösung bietet er jedoch nur eine diffuse und unter dem Strich unrealistische, international gestrickte Emanzipation der Menschheit an.
National organisierte Lösungsmöglichkeiten schließt er aus, lehnt er auch ab.

Günter Maschke äußerte sich in einem Interview folgendermaßen:
"...
Der Mensch ist heute ohnmächtiger als je zuvor, abhängiger als je zuvor und größenwahnsinniger als je zuvor. Er wird dabei immer stärker in diesen modernen Prozeß hineingezogen und kann am Ende nicht einmal mehr artikulieren, woran er leidet. Dann säuft er nur noch Alkohol oder nimmt Kokain. Wenn man also die Gesellschaft nicht durch eine Instanz, zum Beispiel den Staat, unter Kontrolle bekommt, wird man diesbezüglich nichts blockieren, ändern oder rückbauen können. Dafür scheinen aber alle Züge abgefahren zu sein."
(aus Claus M. Wolfschlag - "Bye-Bye '68")

Abschließend ein Zitat von Manfred Kleine-Hartlage:

" ...
Dominique Venner begriff sein Selbstopfer als Teil eines Kampfes. Eines Kampfes, der noch nicht verloren ist, der es aber selbst dann wert wäre, geführt zu werden, wenn wir positiv wüssten, dass wir ihn verlieren
..."
(aus dem Interview "Zum Freitod von Dominique Venner", das vollständig in dem Monatsmagazin "Zuerst !" veröffentlicht wurde)

Trouver
6. Dezember 2014 17:53

Und für mich, Liberalen, heißt der Hauptfeind Totalitarismus.

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