Sezession
1. Oktober 2006

Sand in den Augen

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 15/Oktober 2006

sez_nr_154Ein Interview mit dem Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn, Raphael-Lemkin-Institut für Xenophobie und Genozidforschung (Universität Bremen)

Herr Professor Heinsohn, wie sieht Deutschland in zwanzig Jahren aus, wenn die jetzige deutsche Jugend in der aktiven Lebensphase ist?

Heinsohn: Ich vermute, Deutschland wird leerer sein und seine Bevölkerung wird sich anders zusammensetzen als heute. Wenn Deutschlands derzeitige Einwohnerschaft von etwa achtzig Millionen zumindest quantitativ stabil bleiben soll, muß die Zahl der Einwanderer bis 2050 auf 700.000 jährlich steigen. Damit ließe sich das seit 1972 bestehende Geburtendefizit der Deutschen ausgleichen, rein quantitativ, wie gesagt: Über den Bildungsstand oder den Grad der Qualifizierung reden wir noch gar nicht. Und selbst bei einem stabilen Bevölkerungsvolumen von achtzig Millionen ist die Vergreisung auf ein Durchschnittsalter von 52 Jahren unvermeidlich.

Welche Rolle spielen die Zukunftsperspektiven in Deutschland für dieses Szenario?

Die mehr als fünfzig Prozent der Deutschen unter 32 Jahren, die heute von Auswanderung träumen, sind bei diesen Zahlen immer als Hierbleiber eingerechnet. Aber gerade diese Gruppe, unsere jungen Leute also, bemerkt mit wachsender Bestürzung, daß die Zukunft in Deutschland alles andere als rosig ist und daß es gute Gründe dafür gibt, dieses Land einfach zu verlassen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Es stimmt schon, daß in Zukunft immer weniger Einzahler in die Rentensysteme immer mehr Alte versorgen müssen. Auch der Staat kann bei einer ständig schrumpfenden Menge an Versicherungspflichtigen und Steuerbürgern nicht aushelfen. Nun heißt es, daß es für die jetzt Zwanzig- bis Fünfundvierzigjährigen immer noch die individuelle Vorsorge gebe und daß jeder, der zu den bisherigen Abgaben nur sieben Prozent seines Einkommens vernünftig anlege, mit seinen Erträgen als Rentner so gut leben könne wie die Mallorca-Alten von heute. Diese wundersame Lösung der anstehenden deutschen Rentnerarmut empfehlen die einschlägigen Lehrstuhlinhaber von Freiburg bis Kiel, hoch dotierte Politikberater und ganze Ministerrunden auf allen Kanälen. Wenn Sie jung sind, sollen Sie also Aktien kaufen, in Gebäude investieren, Staatspapiere erwerben oder Policen bei privaten Versicherungen unterschreiben. Aber nun kommen wir wieder zum Ausgangspunkt meiner Antwort zurück: Wer soll denn in dreißig Jahren plötzlich putzmunter in Fabriken arbeiten, wer soll Immobilien beziehen sowie Mieten und Steuern zahlen? Die Kinder der Ungeborenen von heute?


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