Alain de Benoist: Mein Leben. Wege eines Denkens – eine Rezension

Alain de Benoist: Mein Leben. Wege eines Denkens, Berlin: JF Edition 2014. 430 S

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Ist Alain de Benoist der Vor­den­ker der fran­zö­si­schen Neu­en Rech­ten? Sein deut­scher Ver­lag ver­kün­det impli­zit, daß die Iden­ti­fi­ka­ti­on des viel­sei­ti­gen Den­kers als Vor­rei­ter der Nou­vel­le Droi­te (ND) ledig­lich ein hart­nä­cki­ges Miß­ver­ständ­nis sei. Nach der Lek­tü­re des vor­lie­gen­den Erin­ne­rungs­ban­des kann aller­dings kon­sta­tiert wer­den: Benoist ist es natür­lich doch und hat sich erst in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren von die­ser deut­li­chen Vor­den­ker­rol­le hin zu einem Stich­wort­ge­ber über die poli­ti­schen Lager hin­weg gewandelt.

Wie die­se Wand­lung von­stat­ten ging und wel­che akti­vis­ti­schen, ideen­his­to­ri­schen sowie meta­po­li­ti­schen Eck­pfei­ler ihren Anteil an den Ent­wick­lun­gen des Aus­nah­me­den­kers nah­men: davon berich­tet Alain de Benoist in den gehalt­vol­len Gesprä­chen mit Fran­çois Bous­quet, des­sen Namen man lei­der eben­so ver­geb­lich in der deut­schen Fas­sung sucht wie jenen des fran­zö­si­schen Ver­lags. Dabei ist der Publi­ka­ti­ons­ort – das Ori­gi­nal Mémoi­re vive erschien 2012 in den Édi­ti­ons de Fal­lois – schon des­halb inter­es­sant, weil er dem hie­si­gen Leser unter Beweis stellt, daß bei allen Ähn­lich­kei­ten, die ein links­li­be­ra­ler Zeit­geist in Deutsch­land wie in Frank­reich her­vor­ruft, im »Hexa­go­ne« doch noch erheb­lich mehr geis­ti­ge Unge­zwun­gen­heit vorherrscht.

Daß Benoist über ein bestimm­tes, ideo­lo­gisch ein­ge­grenz­tes »Milieu« hin­aus gele­sen wird, beweist als­dann nicht nur ein »unver­däch­ti­ger« Ver­lag, son­dern auch sei­ne unge­heu­re the­ma­ti­sche Viel­falt, von der die Aus­füh­run­gen zeu­gen. Benoist leg­te reli­giö­se, phi­lo­so­phi­sche, poli­ti­sche, kul­tu­rel­le und öko­no­mi­sche Arbei­ten vor, und Bous­quet ermög­licht sei­nem Gesprächs­part­ner durch geziel­te Fra­ge­stel­lun­gen, eine inspi­rie­ren­de Tour d’Horizon des­sen zu bie­ten, was zuvor in fast 90 Büchern ent­fal­tet wurde.

Die Wege eines Den­kens sind facet­ten­reich und vol­ler Ent­wick­lungs­strän­ge. Sie las­sen indes auch Kon­ti­nui­tä­ten erken­nen, deren wich­tigs­te Bau­stei­ne Karl­heinz Weiß­mann in sei­nem kun­di­gen Vor­wort zusam­men­faßt. Hin­ge­wie­sen wird unter ande­rem auf Benoists »dop­pel­te Reser­ve gegen­über der Bour­geoi­sie«, und in der Tat ist es wohl eben­je­ne anti­bür­ger­li­che Hal­tung, die Benoists Lebens­weg am kon­stan­tes­ten beglei­tet. Das libe­ra­le Bür­ger­tum erweist sich für den Non­kon­for­mis­ten als »unre­for­mier­bar«, »unhalt­bar«, gera­de­zu als der »Haupt­feind«.

Inhalt­li­che Belie­big­keit und ideo­lo­gi­sche Abschwä­chung sei­en dem­nach eben­so Teil der bür­ger­li­chen Welt wie die Not­wen­dig­keit bestän­di­ger Kom­pro­mis­se. Im Anti­li­be­ra­lis­mus der Anfangs­jah­re, der in den letz­ten Jah­ren ver­stärkt mit einem fun­dier­ten Anti­ka­pi­ta­lis­mus kor­re­liert, trifft sich der Spi­ri­tus rec­tor der ND aus­drück­lich mit einem frei­en Geist von links, dem hier­zu­lan­de noch zu ent­de­cken­den Jean-Clau­de Michéa (Jg. 1950). Die­ser poli­ti­sche Phi­lo­soph arbei­tet – sim­pli­fi­zie­rend aus­ge­drückt – an einer Los­lö­sung lin­ker Theo­rie vom Libe­ra­lis­mus, Benoist an einer Los­lö­sung rech­ter Theo­rie vom Liberalismus.

Pierre Dri­eu la Rochel­le, den Benoist zustim­mend zitiert, sprach sei­ner­zeit von »lin­ker Poli­tik mit rech­ten Men­schen«, die ihm vor­schweb­te. Viel­leicht ist dies auch die bes­te Ein­schät­zung der Vor­stel­lungs­welt Alain de Benoists, die ansons­ten den Ver­such jed­we­der Kate­go­ri­sie­rung in der Tat zu einer heik­len Ange­le­gen­heit wer­den läßt.

Alain de Benoist­st Mein Leben kann man hier bestel­len.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (1)

von_der_Marwitz

16. Dezember 2014 22:17

Ein rechter Zizek! Dieses Buch ist ein echter Augenöffner. Es zeigt Alain de Benoist als einen Polyhistor, der dem Strukturalismus ebenso viel zu verdanken hat wie der Debatte um die Postmoderne. Dazu ist er ein bescheidener und charmanter Intellektueller.
Seine Abkehr von der Links-Rechts-Schablone ist ebenso bedenkenswert wie sein souveränes Ignorieren scheinbar naheliegender Populismen. Mit ihm als Vordenker wird die Querfront-Strategie wieder zur echten Option!
Es liegt sicher am engeren Klima der alten Bundesrepublik, dass es in Deutschland kaum vergleichbare Köpfe gibt. Hier verhinderte die Vorherrschaft der Frankfurter Schule, der Gruppe '47 etc. eben das Auftreten rechter Intellektueller.
Doch wie schon bei Nietzsche, Heidegger und Jünger, deren Rezeption erst von Frankreich nach Deutschland reimportiert werden musste, ist ein Franzose nun auch noch legitimer Erbe der konservativen Revolution. Hoffentlich wird sein jüngstes Buch zu Sombart, Spengler, Moeller van den Bruck, Niekisch auch bald bei uns veröffentlicht!
Der JF ist die Herausgabe seiner Schriften hoch anzurechnen, zumal sie ja seit geraumer Zeit - ganz im Gegensatz zum Antiliberalen de Benosit - eher eine liberal-konservative Ausrichtung pflegt.

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