Gabriele Kuby und die Homosexuellen

Abteilung "Scylla und Charybdis", wie schon so oft hier im Blog. Also: Auf kath.net warnt Gabriele Kuby vor "sexuellem Totalitarismus".

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Anlaß sind die Bestre­bun­gen des “Schwu­len- und Les­ben­ver­bands in Deutsch­land” (LSVD) einen aktu­el­len psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Kon­greß in Mar­burg zu boy­kot­tie­ren, bei dem Gast­red­ner vor­ge­se­hen sind, die laut Kuby für fol­gen­de The­sen stehen:

… daß prak­ti­zier­te Homo­se­xua­li­tät (und alle ande­ren Abwei­chun­gen von der Heterosexualität)
– einen Gebrauch des Kör­pers dar­stellt, der sei­nem Design nicht ent­spricht (gesun­der Menschenverstand),
– eine Miss­ach­tung des Schöp­fungs­pla­nes Got­tes ist (Lev 18,22; Lev 20,13; Röm 1; 1 Kor 6,9f) (Chris­ten)
– dem kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv Kants wider­spricht: „Hand­le nur nach der­je­ni­gen Maxi­me, durch die du zugleich wol­len kannst, dass sie ein all­ge­mei­nes Gesetz wer­de.“ (Ethik)
– ein erheb­li­ches gesund­heit­li­ches und psy­chi­sches Risi­ko birgt (Sozi­al­wis­sen­schaft und Medizin)
– ihre Ursa­che in einer Stö­rung der Geschlechts­iden­ti­tät hat (Tie­fen­psy­cho­lo­gie)
– von man­chen Betrof­fe­nen die Blo­ckie­rung hete­ro­se­xu­el­ler Anzie­hung leid­voll erfah­ren wird (Aus­sa­gen Betroffener)
– ver­än­der­bar ist (empi­ri­sche Erfahrung)
– eine poli­ti­sche Agen­da ist, die kei­nen Bei­trag zur Lösung der Zukunfts­pro­ble­me leis­tet, son­dern die­se ver­grö­ßert (demo­gra­fi­sche Krise)?

Kuby weist dar­auf hin, daß heu­te nicht die Homo­se­xu­el­len, son­dern eher die als “homo­phob” Stig­ma­ti­sier­ten die eigent­li­chen Ver­folg­ten sind, die zur Ziel­schei­be von Dif­fa­mie­rung, Mob­bing, Dis­kri­mi­nie­rung bis hin zur Berufs­be­hin­de­rung” wer­den, und pran­gert den ten­den­zi­el­len “Tota­li­ta­ris­mus” diver­ser pres­su­re groups an. Mir scheint aller­dings Kubys Hal­tung selbst auf einem äußerst unin­tel­li­gen­ten Fun­da­men­ta­lis­mus zu fußen, der sei­ner­seits tota­li­tä­re Züge trägt. Denn die Wur­zel des Tota­li­tä­ren ist letzt­lich die Unfä­hig­keit, zu akzep­tie­ren, daß es auf die­ser schö­nen Welt Pro­ble­me und Kon­flik­te gibt, die sich schlicht nicht lösen lassen. 

Hei­mi­to von Dode­rer formulierte:

Revo­lu­ti­on ist Lebens­mü­dig­keit. Man löst das Poli­ti­kum durch tota­li­tä­re Abschaf­fung der Poli­tik, jedes Pro­blem durch Abschaf­fung der Dia­lek­tik, die ein­ge­bil­de­te oder wirk­li­che “Juden­fra­ge” durch Abschaf­fung der Juden – und so wei­ter, bis zur Abschaf­fung des Lebens überhaupt.

Nach Kuby sei es eine “pro­pa­gan­dis­ti­sche Ver­fäl­schung”, “Homo­pho­bie” mit „Ras­sis­mus, Xeno­pho­bie und Anti­se­mi­tis­mus“ auf eine Stu­fe zu stellen,

… denn bei Homo­se­xua­li­tät geht es um eine ethi­sche Bewer­tung von Ver­hal­ten, also wel­chen Gebrauch der Mensch von sei­ner Wil­lens­frei­heit im Bereich der Sexua­li­tät macht. Bei den ande­ren drei Hal­tun­gen geht es um die Dis­kri­mi­nie­rung von Men­schen auf­grund eines Merk­mals, das unver­än­der­bar ist.

Kuby hält also prak­ti­zier­te Homo­se­xua­li­tät nicht nur für ein patho­lo­gi­sches, son­dern auch für ein ethi­sches Pro­blem, was gewiß nicht mit Kant nach­voll­zieh­bar ist, son­dern nur, inso­fern man die christ­li­che Sün­denleh­re als ver­bind­lich akzep­tiert. Wie soll man sich die Kon­se­quen­zen dar­aus nun aus­buch­sta­biert vor­stel­len?  Soll etwa der §175 wie­der­ein­ge­führt wer­den, der in Deutsch­land soviel Quä­le­rei und sinn­lo­ses Leid erzeugt hat, dar­un­ter nicht allein “Dif­fa­mie­rung, Mob­bing, Dis­kri­mi­nie­rung bis hin zur Berufs­be­hin­de­rung”, son­dern weit­aus Schlimmeres?

Und wenn schon kei­ne Re-Kri­mi­na­li­sie­rung, wür­de denn etwa die erneu­te grund­sätz­li­che Patho­lo­gi­sie­rung samt flä­chen­de­cken­der “christ­li­cher” Zwangs­the­ra­pien das Pro­blem aus der Welt schaf­fen, selbst wenn Kuby & Co bezüg­lich der “Heil­bar­keit” der cau­sa recht hät­ten? Und die der­art Umer­zo­ge­nen, wür­den die dann nach erfolg­rei­cher Umpo­lung schnur­stracks die feh­len­den Zeu­gungs­ba­tail­lo­ne auf­fül­len und die Nati­on vor dem Aus­ster­ben retten?

Und muß ich neben­bei mei­ne “prak­ti­zier­te Hete­ro­se­xua­li­tät” danach bewer­ten las­sen, ob sie eine “poli­ti­sche Agen­da” sei, die “kei­nen Bei­trag zur Lösung der Zukunfts­pro­ble­me leis­tet”? Hin­ter all die­ser, mit Ver­laub, gro­tes­ken Den­ke steht nun etwa kein “sexu­el­ler Totalitarismus”?

Kuby stemmt sich ver­bis­sen gegen die Rea­li­tät, wenn sie sich an dem illu­sio­nä­ren Unfug einer prin­zi­pi­el­len “Ver­än­der­bar­keit” fest­klam­mert, die in der Regel ohne­hin weder drin­gend not­wen­dig noch unbe­dingt wün­schens­wert ist. So unzwei­fel­haft es ist, daß es so etwas wie eine “neu­ro­ti­sche” Homo­se­xua­li­tät gibt: auch das Gegen­teil ist der Fall, und die sexu­al­psy­cho­lo­gi­sche Lite­ra­tur seit Hirsch­feld und Blü­her ist voll mit Fall­bei­spie­len, in denen eher umge­kehrt erst der Zwang zur hete­ro­se­xu­el­len Anpas­sung und der Druck der gesell­schaft­li­chen oder reli­giö­sen Dif­fa­mie­rung zu Neu­ro­sen und Per­sön­lich­keit­stö­run­gen führen.

“Rei­ne Sexua­li­tät kommt beim Men­schen nicht vor”, schrieb Hans Blü­her, und er mein­te: sie ist im Men­schen immer, und sei es noch so her­ab­ge­kom­men, mit dem Eros legiert. Man darf also auch hier von der “Lie­be”, von der die Chris­ten so ger­ne reden, nicht schwei­gen. Der gro­ße Kon­ser­va­ti­ve Hans-Joa­chim Schoeps war schon viel wei­ter als die Kuby-Crom­wells, als er 1962 wider den §175 schrieb:

Wie faden­schei­nig aber die Begrif­fe “Sitt­lich­keit” und “Unsitt­lich­keit” wirk­lich sind, auf denen die Gesetz­ge­bung beruht, erweist sich immer dann, wenn es um ein anstän­di­ges und sau­be­res Ver­hält­nis geht, hier um die Lie­bes­be­zie­hung zwei­er Men­schen… nur weil die­se Lie­bes­art para­phil ist, d.h. von der “Norm” der Mehr­heit abweicht, wird sie zum Gegen­stand der Ankla­ge, mit der im Fal­le des Herrn XY wie­der ein­mal ein Men­schen­le­ben ver­nich­tet wor­den ist.

Wenn nun Homo­se­xua­li­tät “pro­ble­ma­tisch” oder “ris­kant”  ist, dann des­we­gen, weil die mensch­li­che Sexua­li­tät an sich pro­ble­ma­tisch und ris­kant ist, zu eben den Pro­ble­men gehört, die sich nicht “lösen”, allen­falls nur zum grö­ße­ren oder klei­ne­ren Unglück der Men­schen arran­gie­ren und hegen las­sen, wie ihre dunk­le Schwes­ter, die Gewalt. Es ist nun nicht nur so, daß die Homo­se­xua­li­tät eben­so wenig aus der Welt zu schaf­fen ist wie Pro­sti­tu­ti­on, Ona­nie oder Abtrei­bung – sie war seit jeher eine bedeu­ten­de, kom­ple­xe Dimen­si­on des Mensch­seins.  Gera­de ein Kon­ser­va­ti­ver soll­te klas­si­sche Kron­zeu­gen wie Pla­ton, Shake­speare und Michel­an­ge­lo kennen. 

Welt- und lebens­fremd ist es auch, die “Wil­lens­frei­heit im Bereich der Sexua­li­tät” als Wil­lens­frei­heit in Bezug auf die Aus­rich­tung (statt: Aus­übung) der Sexua­li­tät zu betrach­ten, als könn­te man die­se wech­seln wie einen Anzug oder die reli­giö­se Kon­fes­si­on. Das kön­nen auch dia­bo­li­sche pro­pa­gan­dis­ti­sche Ein­flüs­te­run­gen nicht ändern.  Die über­wie­gen­de Mehr­zahl der Men­schen folgt immer noch, ganz von selbst, der Norm der Natur, und die über­wie­gen­de Zahl der Homo­se­xu­el­len hat dage­gen auch gar nichts ein­zu­wen­den. Ja, es wür­de die Hard­li­ner um Gabrie­le Kuby wohl erstau­nen, wie­vie­le Kon­ser­va­ti­ve, unter ihnen die bes­ten Köp­fe, homo­se­xu­ell sind, und sich kei­nes­wegs von Gestal­ten wie Vol­ker Beck oder Bri­git­te Zypries ver­tre­ten fühlen.

Kuby zitiert den Prä­si­den­ten von Bra­si­li­en: Homo­pho­bie sei „die per­ver­ses­te Krank­heit, die den mensch­li­chen Geist je befal­len hat.“ Wie die Rhe­to­ri­ken ein­an­der glei­chen!  Die Kuby-Frak­ti­on hat im Grun­de ihr genau­es Spie­gel­bild in jenen schril­len Lob­by­is­ten, deren auf­säs­si­ger Kul­tur­kampf (“Homo-Ehe” etwa ist in der Regel ein rein iko­no­klas­ti­scher Akt) in der Tat stark neu­ro­ti­sche und res­sen­ti­ment­ge­la­de­ne Züge trägt.

Denn wie die Homo­se­xua­li­tät ist auch die soge­nann­te “Homo­pho­bie” etwas, das nie­mals aus der Welt ver­schwin­den kann. Das liegt in der Natur der Sache selbst, da die Sexua­li­tät an sich durch Pola­ri­tä­ten und Pola­ri­sie­run­gen, durch hef­ti­ge Absto­ßun­gen und Anzie­hun­gen wirkt. Die les­bi­sche Radi­kal­fe­mi­nis­tin Camil­le Paglia hat den Begriff der “Homo­pho­bie” daher mehr­fach als irri­ge Kampf­vo­ka­bel zurück­ge­wie­sen, und sogar den dahin­ter lie­gen­den Affekt verteidigt:

All the pro­tes­ting in the world is not going to stop gay bashing, until gay men under­stand what the roots of gay bashing are. It’s not just homo­pho­bia it’s the very natu­re of mas­cu­lini­ty its­elf, and how impe­ri­led mas­cu­lini­ty is in a world that, I have con­stant­ly argued, is ruled by women.
The­re are real and legi­ti­ma­te rea­sons for most men’s anxie­ty about homo­se­xu­al expression.

Wer sich an Gabrie­le Kuby reibt, darf frei­lich von der pene­tran­ten Aggres­si­vi­tät der Berufs­ho­mo­se­xu­el­len und ihren durch den Zeit­geist begüns­tig­ten Seil­schaf­ten und “posi­ti­ven Dis­kri­mi­nie­run­gen” nicht schwei­gen. Der legi­ti­me Wider­stand gegen deren Agen­da und die Aus­wüch­se des “Gen­der Main­strea­ming” soll­te nicht durch sei­ten­ver­kehr­te Irr­tü­mer beschä­digt wer­den, die dem Geg­ner nur will­kom­me­nes Was­ser auf die Müh­len lei­ten. Die unauf­lös­ba­ren Wider­sprü­che des Lebens zu akzep­tie­ren, und ihnen eine erträg­li­che, frei­heit­li­che und ver­nünf­ti­ge Form zu geben, das erschie­ne mir wahr­haft “kon­ser­va­tiv”.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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