Sezession
22. Mai 2009

Gabriele Kuby und die Homosexuellen

Martin Lichtmesz

michelangeloAbteilung "Scylla und Charybdis", wie schon so oft hier im Blog. Also: Auf kath.net warnt Gabriele Kuby vor "sexuellem Totalitarismus".  Anlaß sind die Bestrebungen des "Schwulen- und Lesbenverbands in Deutschland" (LSVD) einen aktuellen psychotherapeutischen Kongreß in Marburg zu boykottieren, bei dem Gastredner vorgesehen sind, die laut Kuby für folgende Thesen stehen:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

... daß praktizierte Homosexualität (und alle anderen Abweichungen von der Heterosexualität)
- einen Gebrauch des Körpers darstellt, der seinem Design nicht entspricht (gesunder Menschenverstand),
- eine Missachtung des Schöpfungsplanes Gottes ist (Lev 18,22; Lev 20,13; Röm 1; 1 Kor 6,9f) (Christen)
- dem kategorischen Imperativ Kants widerspricht: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Ethik)
- ein erhebliches gesundheitliches und psychisches Risiko birgt (Sozialwissenschaft und Medizin)
- ihre Ursache in einer Störung der Geschlechtsidentität hat (Tiefenpsychologie)
- von manchen Betroffenen die Blockierung heterosexueller Anziehung leidvoll erfahren wird (Aussagen Betroffener)
- veränderbar ist (empirische Erfahrung)
- eine politische Agenda ist, die keinen Beitrag zur Lösung der Zukunftsprobleme leistet, sondern diese vergrößert (demografische Krise)?

Kuby weist darauf hin, daß heute nicht die Homosexuellen, sondern eher die als "homophob" Stigmatisierten die eigentlichen Verfolgten sind, die zur "Zielscheibe von Diffamierung, Mobbing, Diskriminierung bis hin zur Berufsbehinderung" werden, und prangert den tendenziellen "Totalitarismus" diverser pressure groups an. Mir scheint allerdings Kubys Haltung selbst auf einem äußerst unintelligenten Fundamentalismus zu fußen, der seinerseits totalitäre Züge trägt. Denn die Wurzel des Totalitären ist letztlich die Unfähigkeit, zu akzeptieren, daß es auf dieser schönen Welt Probleme und Konflikte gibt, die sich schlicht nicht lösen lassen.

Heimito von Doderer formulierte:

Revolution ist Lebensmüdigkeit. Man löst das Politikum durch totalitäre Abschaffung der Politik, jedes Problem durch Abschaffung der Dialektik, die eingebildete oder wirkliche "Judenfrage" durch Abschaffung der Juden - und so weiter, bis zur Abschaffung des Lebens überhaupt.

Nach Kuby sei es eine "propagandistische Verfälschung", "Homophobie" mit „Rassismus, Xenophobie und Antisemitismus“ auf eine Stufe zu stellen,

... denn bei Homosexualität geht es um eine ethische Bewertung von Verhalten, also welchen Gebrauch der Mensch von seiner Willensfreiheit im Bereich der Sexualität macht. Bei den anderen drei Haltungen geht es um die Diskriminierung von Menschen aufgrund eines Merkmals, das unveränderbar ist.

Kuby hält also praktizierte Homosexualität nicht nur für ein pathologisches, sondern auch für ein ethisches Problem, was gewiß nicht mit Kant nachvollziehbar ist, sondern nur, insofern man die christliche Sündenlehre als verbindlich akzeptiert. Wie soll man sich die Konsequenzen daraus nun ausbuchstabiert vorstellen?  Soll etwa der §175 wiedereingeführt werden, der in Deutschland soviel Quälerei und sinnloses Leid erzeugt hat, darunter nicht allein "Diffamierung, Mobbing, Diskriminierung bis hin zur Berufsbehinderung", sondern weitaus Schlimmeres?

Und wenn schon keine Re-Kriminalisierung, würde denn etwa die erneute grundsätzliche Pathologisierung samt flächendeckender "christlicher" Zwangstherapien das Problem aus der Welt schaffen, selbst wenn Kuby & Co bezüglich der "Heilbarkeit" der causa recht hätten? Und die derart Umerzogenen, würden die dann nach erfolgreicher Umpolung schnurstracks die fehlenden Zeugungsbataillone auffüllen und die Nation vor dem Aussterben retten?

Und muß ich nebenbei meine "praktizierte Heterosexualität" danach bewerten lassen, ob sie eine "politische Agenda" sei, die "keinen Beitrag zur Lösung der Zukunftsprobleme leistet"? Hinter all dieser, mit Verlaub, grotesken Denke steht nun etwa kein "sexueller Totalitarismus"?


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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