Sezession
1. August 2013

Bewegung, Bewegung! – Die Mitford-Schwestern

Ellen Kositza

55pdf der Druckfassung aus Sezession 55 / August 2013

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Daphne und Betsy stammen aus Oxford. Nun sind die beiden Mädchen nach Deutschland gezogen, das gilt in ihren gutbetuchten Kreisen als schick. Die deutschen Mädchenpensionate stehen in gutem Ruf; Deutschland wird als wunderschön und sauber beschrieben; das Essen: eine Offenbarung gegenüber der heimischen Kost! Und die deutschen Männer, das finden jedenfalls die jungen Ladies, sind so ungemein attraktiv! Daphne und Betsy haben eine unvergeßliche Zeit.

Wir schreiben das Jahr 1936, wir befinden uns in einem – keineswegs tragischen – Roman. Rachel Johnson, erfahrene Autorin und Schwester des Londoner Bürgermeisters, hat ihn geschrieben. Er ist Anfang des Jahres erschienen, bei Penguin Books, dem weltgrößten Verlag. Das nationalsozialistische Deutschland ausgerechnet als Frauenmagnet? Sowohl Rachel Johnsons Winter Games als auch eine deutsche Neuerscheinung, Jessica Mitfords Hunnen und Rebellen (eine späte Übersetzung, 53 Jahre nach der englischen Originalausgabe!), rücken die legendäre Familie Mitford erneut ins Blickfeld. Die Geschichte der Mitford-Schwestern: Ein Wunder, daß sie noch nicht Hollywood erreicht hat. Soviel an gossip und Boulevard, an Gefühl und Verführung, an sense und sensibility, fast mehr, als ein abendfüllender Film fassen könnte. Zugleich sind die Mitfords ein leibhaftiges Paradigma, ein Code für die Extreme des 20. Jahrhunderts: eine Ansammlung ungleicher Schwestern, die als Trabanten Geschichte schrieben; It-Girls avant la lettre.

Daß ausgerechnet Karlheinz Schädlich, jener IM Schäfer, der seinen eigenen Bruder der Stasi ans Messer lieferte (1992 publik geworden) und der sich 2007 das Leben nahm, die deutsche Biographie der Mitfords schrieb (Erstausgabe 1990, antiquarisch erhältlich), gibt der Sache eine weiteren, höchst passenden Beigeschmack. Charlotte Mosley, die Schwiegertochter des britischen Faschistenführers Oswald Mosley, und somit gleichsam eine angeheiratete Mitford, hatte 2007 den bizarren Briefwechsel (eine Auswahl unter 12000 Briefen!) der Mitford-Schwestern herausgegeben; ein Schatzkästlein für den, der sich auf die halb bittere, halb amüsante Suche begeben mag nach den leidenschaftlichen Launen der britischen upper class des vergangenen Jahrhunderts.

Heute lebt von den einst sieben Geschwistern nur noch Deborah, Herzogin von Devonshire, das artige und schmiegsame Nesthäkchen von Lady und Lord Redesdale. Bereits die Eltern, ein »bemerkenswert schönes Paar« (Schädlich), waren noch eine Spur skurriler, als es gemäß dem stereotypischen Bild britischem Provinzadel ohnehin nachgesagt wird. Ein Schulbesuch der Mädchen wurde strikt abgelehnt (bei der schwererziehbaren Unity wagte man es, sie flog von allen Internaten), man verweigerte sämtliche Impfungen und mißtraute grundsätzlich ärztlichem Rat. Medikamente wurden mit Abscheu entsorgt, direkt nach einer Blinddarmentfernung wurde mütterlicherseits Bewegung statt Bettruhe verordnet, desgleichen nach Knochenbrüchen. Bewegung, Bewegung, nur so könne »der gute Körper« triumphieren! Notwendige Operationen hatten unter elterlichen Aufsicht im häuslichen Krankenzimmer stattzufinden. Lady Redesdales Bruder hatte eine eigenwillige Theorie zum Verlauf der englischen Geschichte publiziert. Demnach sei der Volkscharakter »in starkem Maße ein Produkt des Erdbodens.« Durch den Einsatz von chemischem Dünger sei »Englands Mannheit allzu zahm« geworden; nur ein durch Schimmelpilze, Bakterien und Regenwürmer vitales Erdreich könne englischen Körper und Geist kräftigen. Auch dem Gesetz, das die Pasteurisierung von Milch vorschrieb, galt der Kampf des Onkels.

Lady Redesdale, Herrin einer Hühnerfarm im doppelten Sinne, unterstützte diese Ideen und fügte weitere Regeln hinzu: Es gab nur hausgebackenes Brot, keine Konserven und im übrigen kein Schweinefleisch, da, so die Lady, die Juden immerhin von Krebs verschont blieben. Von der »albernen Bazillentheorie« hielten die Eltern nichts. Die Kinder wurden auch dann zu Festen und Empfängen mitgenommen, wenn sie vor Keuchhusten würgten oder mit Windpocken übersät waren. Mag dieser exzentrische Nonkonformismus eine verschrobene Tugend oder Zwang gewesen sein – er ist einer der Wegweiser für die Lebensläufe der Töchter.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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