Bewegung, Bewegung! – Die Mitford-Schwestern

55pdf der Druckfassung aus Sezession 55 / August 2013

Daphne und Betsy stammen aus Oxford. Nun sind die beiden Mädchen nach Deutschland gezogen, das gilt in ihren gutbetuchten Kreisen als schick. Die deutschen Mädchenpensionate stehen in gutem Ruf; Deutschland wird als wunderschön und sauber beschrieben; das Essen: eine Offenbarung gegenüber der heimischen Kost! Und die deutschen Männer, das finden jedenfalls die jungen Ladies, sind so ungemein attraktiv! Daphne und Betsy haben eine unvergeßliche Zeit.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wir schrei­ben das Jahr 1936, wir befin­den uns in einem – kei­nes­wegs tra­gi­schen – Roman. Rachel John­son, erfah­re­ne Autorin und Schwes­ter des Lon­do­ner Bür­ger­meis­ters, hat ihn geschrie­ben. Er ist Anfang des Jah­res erschie­nen, bei Pen­gu­in Books, dem welt­größ­ten Ver­lag. Das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land aus­ge­rech­net als Frau­en­ma­gnet? Sowohl Rachel John­sons Win­ter Games als auch eine deut­sche Neu­erschei­nung, Jes­si­ca Mit­fords Hun­nen und Rebel­len (eine spä­te Über­set­zung, 53 Jah­re nach der eng­li­schen Ori­gi­nal­aus­ga­be!), rücken die legen­dä­re Fami­lie Mit­ford erneut ins Blick­feld. Die Geschich­te der Mit­ford-Schwes­tern: Ein Wun­der, daß sie noch nicht Hol­ly­wood erreicht hat. Soviel an gos­sip und Bou­le­vard, an Gefühl und Ver­füh­rung, an sen­se und sen­si­bi­li­ty, fast mehr, als ein abend­fül­len­der Film fas­sen könn­te. Zugleich sind die Mit­fords ein leib­haf­ti­ges Para­dig­ma, ein Code für die Extre­me des 20. Jahr­hun­derts: eine Ansamm­lung unglei­cher Schwes­tern, die als Tra­ban­ten Geschich­te schrie­ben; It-Girls avant la lettre.

Daß aus­ge­rech­net Karl­heinz Schäd­lich, jener IM Schä­fer, der sei­nen eige­nen Bru­der der Sta­si ans Mes­ser lie­fer­te (1992 publik gewor­den) und der sich 2007 das Leben nahm, die deut­sche Bio­gra­phie der Mit­fords schrieb (Erst­aus­ga­be 1990, anti­qua­risch erhält­lich), gibt der Sache eine wei­te­ren, höchst pas­sen­den Bei­geschmack. Char­lot­te Mos­ley, die Schwie­ger­toch­ter des bri­ti­schen Faschis­ten­füh­rers Oswald Mos­ley, und somit gleich­sam eine ange­hei­ra­te­te Mit­ford, hat­te 2007 den bizar­ren Brief­wech­sel (eine Aus­wahl unter 12000 Brie­fen!) der Mit­ford-Schwes­tern her­aus­ge­ge­ben; ein Schatz­käst­lein für den, der sich auf die halb bit­te­re, halb amü­san­te Suche bege­ben mag nach den lei­den­schaft­li­chen Lau­nen der bri­ti­schen upper class des ver­gan­ge­nen Jahrhunderts.

Heu­te lebt von den einst sie­ben Geschwis­tern nur noch Debo­rah, Her­zo­gin von Devonshire, das arti­ge und schmieg­sa­me Nest­häk­chen von Lady und Lord Redes­da­le. Bereits die Eltern, ein »bemer­kens­wert schö­nes Paar« (Schäd­lich), waren noch eine Spur skur­ri­ler, als es gemäß dem ste­reo­ty­pi­schen Bild bri­ti­schem Pro­vinz­adel ohne­hin nach­ge­sagt wird. Ein Schul­be­such der Mäd­chen wur­de strikt abge­lehnt (bei der schwer­erzieh­ba­ren Unity wag­te man es, sie flog von allen Inter­na­ten), man ver­wei­ger­te sämt­li­che Imp­fun­gen und miß­trau­te grund­sätz­lich ärzt­li­chem Rat. Medi­ka­men­te wur­den mit Abscheu ent­sorgt, direkt nach einer Blind­darm­ent­fer­nung wur­de müt­ter­li­cher­seits Bewe­gung statt Bett­ru­he ver­ord­net, des­glei­chen nach Kno­chen­brü­chen. Bewe­gung, Bewe­gung, nur so kön­ne »der gute Kör­per« tri­um­phie­ren! Not­wen­di­ge Ope­ra­tio­nen hat­ten unter elter­li­chen Auf­sicht im häus­li­chen Kran­ken­zim­mer statt­zu­fin­den. Lady Redes­da­les Bru­der hat­te eine eigen­wil­li­ge Theo­rie zum Ver­lauf der eng­li­schen Geschich­te publi­ziert. Dem­nach sei der Volks­cha­rak­ter »in star­kem Maße ein Pro­dukt des Erd­bo­dens.« Durch den Ein­satz von che­mi­schem Dün­ger sei »Eng­lands Mann­heit all­zu zahm« gewor­den; nur ein durch Schim­mel­pil­ze, Bak­te­ri­en und Regen­wür­mer vita­les Erd­reich kön­ne eng­li­schen Kör­per und Geist kräf­ti­gen. Auch dem Gesetz, das die Pas­teu­ri­sie­rung von Milch vor­schrieb, galt der Kampf des Onkels.

Lady Redes­da­le, Her­rin einer Hüh­ner­farm im dop­pel­ten Sin­ne, unter­stütz­te die­se Ideen und füg­te wei­te­re Regeln hin­zu: Es gab nur haus­ge­ba­cke­nes Brot, kei­ne Kon­ser­ven und im übri­gen kein Schwei­ne­fleisch, da, so die Lady, die Juden immer­hin von Krebs ver­schont blie­ben. Von der »alber­nen Bazil­len­theo­rie« hiel­ten die Eltern nichts. Die Kin­der wur­den auch dann zu Fes­ten und Emp­fän­gen mit­ge­nom­men, wenn sie vor Keuch­hus­ten würg­ten oder mit Wind­po­cken über­sät waren. Mag die­ser exzen­tri­sche Non­kon­for­mis­mus eine ver­schro­be­ne Tugend oder Zwang gewe­sen sein – er ist einer der Weg­wei­ser für die Lebens­läu­fe der Töchter.

Der Lord, habi­tu­ell Knut Ham­sun ähnelnd (wenn­gleich mit einem jäh­zor­ni­gen Zug), beauf­sich­tig­te sämt­li­che Gebur­ten sei­ner Kin­der. Sein stren­ges Auge wach­te auch spä­ter über deren Umgang: Kei­ne »Hun­nen«, kei­ne Fran­zo­sen, kei­ne Ame­ri­ka­ner und kei­ne Schwar­zen durf­ten als Gäs­te ins Haus gebracht wer­den. Neben­bei war man eng ver­wandt sowohl mit Win­s­ton Chur­chill als auch mit Bert­rand Rus­sell. Lord Redes­da­les Vater war mit der Fami­lie Richard Wag­ners eng befreun­det, die Rei­se zu den Bay­reu­ther Fest­spie­len war obli­ga­to­risch. Jener älte­re Redes­da­le hat­te auch das Vor­wort zu Hous­ton Ste­wart Cham­ber­lains berüch­tig­tem Werk Die Grund­la­gen des 19. Jahr­hun­derts ver­faßt. Ab 1926 resi­dier­ten die Redes­da­les in Swin­brook, einem rund drei­ßig Kilo­me­ter von Oxford ent­fern­ten Nest. »Es hat­te das uti­li­ta­ris­ti­sche Aus­se­hen einer Insti­tu­ti­on und könn­te eine klei­ne Kaser­ne sein, ein Mäd­chen­in­ter­nat oder eine pri­va­te Irren­an­stalt«, so beschreibt Jes­si­ca Mit­ford das fes­tungs­glei­che Anwe­sen. Von dort aus tra­ten die Geschwis­ter ihre teils exzen­tri­schen, teils heil­lo­sen, jeden­falls außer­ge­wöhn­li­chen Lebens­we­ge an.

Lady Redes­da­le gebar ihrem Gat­ten einen Sohn und sechs Töch­ter. Tom, Dritt­ge­bo­re­ner, hat­te sich im Zwei­ten Welt­krieg als durch-und-durch Ger­ma­no­phi­ler und Hit­ler­ver­eh­rer das Pri­vi­leg erbe­ten, nicht gegen deut­sche Trup­pen kämp­fen zu müs­sen. Er starb sechs­und­drei­ßig­jäh­rig als ers­tes der Geschwis­ter 1945 in Bur­ma an einem Bauch­schuß, den ihm ein japa­ni­scher Scharf­schüt­ze ver­paß­te. Blie­ben die Töch­ter: Nan­cy (1904–1973), Pame­la (1907–1994), Dia­na (1910–2003), Unity Val­ky­rie (1914–1948), Jes­si­ca (1917–1996) und Debo­rah, gebo­ren 1920.

Nan­cy, die Ältes­te, war wohl die Klügs­te, sicher aber die Scharf­zün­gigs­te der Schwes­tern. Sie zeich­ne­te sich durch einen har­ten Blick auf die Schwä­chen ande­rer aus. »Wißt ihr eigent­lich, wie grau­en­haft eure Namen in der Mit­te klin­gen«, ärger­te sie ihre jüngs­ten Geschwis­ter Unity, Jes­si­ca und Debo­rah, »Nit, sic und bor-?« Über­setzt: Nis­se, zum Kot­zen, Lang­wei­ler. Nan­cy lieb­äu­gel­te eine kur­ze Zeit mit der Bri­tish Uni­on of Fascists (B.U.F.), kauf­te mit ihrem Mann blackshirts (das schwar­ze Hemd der Bewe­gung) und ver­öf­fent­lich­te eine wah­re Elo­ge auf »unse­ren Füh­rer Sir Oswald Mos­ley«: »Bald wer­den die Stra­ßen unter dem Tritt der schwar­zen Batail­lo­ne hal­len, bald wer­den wir der Welt zei­gen, daß der Geist unse­rer Vor­fah­ren noch in uns leben­dig ist, bald wer­den wir, durch einen hei­li­gen Glau­ben ver­eint, für die Grö­ße Bri­tan­ni­ens kämp­fen.« Ange­wi­dert vom pro­le­ta­ri­schen Stra­ßen­kampf­ge­ba­ren der Blackshirts, stieg Nan­cy aber rasch aus der Bewe­gung aus, spä­ter war sie flam­men­de Gaul­lis­tin. Sie blieb kin­der­los und wur­de – nach einem Sui­zid­ver­such – eine berühm­te Schrift­stel­le­rin. In ihrem Roman Wigs on the green (1935) ver­ar­bei­te­te sie sati­risch ihren Flirt mit der faschis­ti­schen Bewe­gung. Da das Buch ganz offen­kun­dig auto­bio­gra­phisch geprägt war und von mokan­ten fami­liä­ren Anspie­lun­gen strotz­te, kam es zum Bruch mit Diana.

Die­se, eine aus­ge­wie­se­ne Schön­heit, hat­te ihren Ehe­mann, den dich­ten­den Braue­rei-Erben Bryan Guin­ness, mit­samt den gemein­sa­men Söh­nen zuguns­ten des cha­ris­ma­ti­schen B.U.F.-Grün­ders Oswald Mos­ley ver­las­sen. Zuvor aber hat­te ein Drei­ge­stirn aus Dia­na, Bryan Guin­ness und dem gemein­sa­men Freund Eve­lyn Waugh einen Mit­tel­punkt der jun­gen Lon­do­ner Par­ty­sze­ne gebil­det. Man lud zu aber­wit­zi­gen Mot­to-Fes­ten ein und misch­te die Kunst­sze­ne auf. Jes­si­ca Mit­ford berich­tet von einem wit­zi­gen Coup: Bryan und Dia­na finan­zier­ten die Aus­stel­lung eines avant­gar­dis­ti­schen Künst­lers namens Bru­no Hat. »Hat, ein Pole, saß im Roll­stuhl in einer Ecke, das Gesicht von einem Schal halb ver­hüllt und mur­mel­te unver­ständ­li­che Lau­te, wenn man ihn etwas frag­te.« Sei­ne Wer­ke, sicht­lich anspruchs­voll und bedeu­tungs­schwan­ger, bestan­den aus Kor­ken, Wol­le­stü­cken und Glas­split­tern. »Am nächs­ten Tag brach­ten die Zei­tun­gen aus­führ­li­che und ernst­haf­te Kri­ti­ken der Aus­stel­lung. Aber schließ­lich sicker­te das Geheim­nis durch. Bru­no Hat war ein bri­ti­scher Freund von Bryan und Dia­na, in per­fek­ter Verkleidung.«

1932 wur­de Dia­na die Gelieb­te Oswald Mos­leys. Da hat­te der erst­klas­si­ge Degen­fech­ter und ver­mö­gen­de Hedo­nist bereits einen Teil sei­ner poli­ti­schen Kar­rie­re hin­ter sich. Er, der sich als Sozia­list emp­fand, hat­te für Labour als Minis­ter im Unter­haus geses­sen und nach dem Bruch mit der Arbei­ter­par­tei die New Par­ty gegrün­det, ein Mißer­folg. Okto­ber 1932 rief er die B.U.F. ins Leben und eta­blier­te »Hail Mos­ley« als Gruß. Der Frau­en­held war ver­hei­ra­te­tet und beab­sich­tig­te nicht, sich wegen Dia­na von sei­ner Gat­tin zu tren­nen. Erst nach amou­rö­sen Umwe­gen – Mos­ley ver­gnüg­te sich nach dem frü­hen Tod sei­ner Ehe­frau zunächst mit deren Schwes­ter und hielt sich Dia­na als Zweit­ge­spie­lin – kam es 1936 zur Hoch­zeit zwi­schen Dia­na Mit­ford und Mos­ley. Wegen des »Gere­des« – die Mit­ford­schwes­tern fan­den sich da bereits regel­mä­ßig in den Schlag­zei­len – wur­de heim­lich gehei­ra­tet, in Hit­lers Arbeits­zim­mer, Goe­b­bels war Trau­zeu­ge. Mag­da Goe­b­bels und Dia­na ver­band eine enge Freundschaft.

Zu die­sem Zeit­punkt war Unity bereits eine über­zeug­te Natio­nal­so­zia­lis­tin. Die fünf­te in der Gebur­ten­fol­ge galt als das schwie­rigs­te Kind. Gezeugt sei sie, so berich­ten es die Bio­gra­phen, in einer kana­di­schen Gold­grä­ber­sied­lung namens Swas­ti­ka gewor­den, die ihr Vater in einem – erfolg­lo­sen – Anfall von Gold­rausch erwor­ben hat­te. Das per­ma­nent schlecht­ge­laun­te Kind ver­schliß Gou­ver­nan­ten en mas­se, hielt sich Schlan­gen und ließ wäh­rend einer Fest­ge­sell­schaft wei­ße Mäu­se auf die Gäs­te los. 

Unity, die mit ihren blau­en Augen, dem flachs­far­be­nen Haar und ihrer Hünen­haf­tig­keit aus­sah »wie eine zot­te­li­ge Wikin­ge­rin« (Nan­cy Mit­ford), hat­te 1933 Oswald Mos­ley ken­nen­ge­lernt. Sie wur­de sogleich Mit­glied der B.U.F., wobei ihr das blackshirt nicht genüg­te: Unity ließ sich einen Kampf­an­zug nähen. Eben­falls in die­se Zeit fällt ihr ers­ter, von den Eltern sehn­lichst erbe­te­ner Auf­ent­halt in Deutsch­land (Vor­wand: die Spra­che ler­nen, gera­de die­ses lern­fau­le Kind!) sowie eine über­lie­fer­te, schril­le Schall­plat­ten­auf­nah­me mit Unitys Stim­me: »The Yids, the Yids, we got­ta get rid of the Yids«, wir müs­sen die Juden los­wer­den. Wäh­rend die nächst­jün­ge­re und bis dahin engst­ver­bun­de­ne Schwes­ter Jes­si­ca zu Hau­se Lenin­büs­ten auf­stell­te und als »Ball­saal­kom­mu­nis­tin« (J.M. über J.M.) anar­chis­ti­schen Uto­pien nach­hing, ver­folg­te Unity einen strik­ten Plan: Adolf Hit­ler per­sön­lich ken­nen­zu­ler­nen. Sie ver­folg­te jeden sei­ner Schrit­te, jede Äuße­rung aus sei­nem Mund. Auf­ge­regt schrieb sie am 1. Juli 1934 an Dia­na über die »ter­ri­fic Röhm affai­re«: »I am so ter­ri­b­ly sor­ry for the Füh­rer – you know, Röhm was his oldest com­ra­de & friend, the only one that cal­led him ›du‹ in public.« Dia­na müs­se sich drin­gend mal ihre Post­kar­ten­samm­lung anse­hen: 304 Hit­ler­pho­tos! »Poor sweet Füh­rer, he is having such a dread­ful time.« Unity schrieb auch, daß sie ihren Bla­sen­mus­kel trai­nie­re – für den Fall, daß sie in einer akut revo­lu­tio­nä­ren Situa­ti­on bestehen müß­te, ohne die Mög­lich­keit auszutreten.

Von ihrem deut­schen Fri­seur erfuhr sie schließ­lich, wo ihr Idol zu spei­sen pfleg­te. Unity saß so lan­ge Tag für Tag in der Mün­che­ner Oste­ria Bava­ria, bis Hit­ler Anfang 1935 dar­um bat, die­sem »Urbild einer Ger­ma­nin« vor­ge­stellt zu wer­den. Hit­ler fühl­te sich geschmei­chelt, daß eine Ange­hö­ri­ge der bri­ti­schen Ober­schicht sei­net­we­gen nach Deutsch­land gereist war. In zeit­ge­nös­si­scher Ter­mi­no­lo­gie wür­de man sagen: Unity Mit­ford war eine Stal­ke­rin, min­des­tens ein Grou­pie, ein Hit­ler-Grou­pie. Über vier Jah­re folg­te sie ihrem Ange­be­te­ten auf Schritt und Tritt, reis­te ihm gar auf Aus­lands­auf­ent­hal­ten hin­ter­her. Der Pres­se­chef der NSDAP, Ernst »Put­zi« Hanf­sta­en­gel, fun­gier­te als Tür­öff­ner. Eva Braun beklag­te sich in ihrem Tage­buch (Mai 1935) bit­ter, daß »er« anschei­nend »Ersatz für mich« habe. »Er heißt Wal­kü­re und sieht so aus, die Bei­ne mit ein­ge­schlos­sen. Aber die­se Dimen­sio­nen hat er ja gerne …«

Zwi­schen Febru­ar 1935 und Sep­tem­ber 1939 sind rund 150 Tref­fen zwi­schen Unity Mit­ford und Hit­ler zu ver­zeich­nen. Eine vor ein paar Jah­ren im bri­ti­schen Chan­nel 4 aus­ge­strahl­te Sen­dung (leicht auf You­tube auf­zu­fin­den) nähr­te aber­mals das Gerücht einer fol­gen­rei­chen Lia­si­on zwi­schen den bei­den. Den deut­schen Illus­trier­ten war die Mit­ford jeden­falls bekann­ter als Eva Braun. Ver­brieft ist, daß die lern­re­sis­ten­te Unity bald vor­treff­lich Deutsch sprach, daß sie, regel­mä­ßi­ge Bay­reuth-Besu­che­rin, Gesangs­un­ter­richt nahm, um eines Tages die Elsa in Wag­ners Lohen­grin zu geben und daß sie von Hit­ler selbst zu Gesprä­chen in engs­ten Krei­sen zuge­las­sen war. Schäd­lich zitiert Albert Speer: »Er schätz­te ihre Offen­heit und sag­te, das sei die bri­ti­sche Art. (…) Wenn einer in der Run­de etwas sag­te und Hit­ler dar­auf ableh­nend reagier­te, wag­te kei­ner außer ihr zu wider­spre­chen. Sie tat es. (…) Wenn Miß Mit­ford sei­ne Auf­merk­sam­keit auf irgend­ei­ne bei­läu­fi­ge Sache lenk­te, reg­te er sich auf, und es kos­te­te einen gewal­ti­gen Auf­wand, die Sache wie­der in Ord­nung zu brin­gen.« Speer bezwei­fel­te aller­dings, daß »mehr statt­fand als Händchenhalten.«

Bereits wäh­rend der Bay­reu­ther Göt­ter­däm­me­rung im August hat­te Unity Dia­na zu ver­ste­hen gege­ben, sie wol­le die »her­auf­zie­hen­de Tra­gö­die« nicht erle­ben. Am 3. Sep­tem­ber 1939 – alle ande­ren deutsch­land­be­geis­ter­ten Eng­län­de­rin­nen wie »Daph­ne« und »Bet­sy« waren längst in ihre Hei­mat aus­ge­flo­gen wor­den – ließ Unity ein Päck­chen an Hit­ler abge­ben, ein signier­tes Hit­ler­por­tät, ihr Par­tei­ab­zei­chen sowie einen Abschied­brief ent­hal­tend: Sie kön­ne einen Krieg zwi­schen Eng­land und Deutsch­land nicht ertra­gen. Am glei­chen Tag schoß sie sich im Eng­li­schen Gar­ten mit einer Pis­to­le in den Kopf. Der Sui­zid­ver­such miß­lang, die Kugel blieb inope­ra­bel im Hin­ter­kopf ste­cken. Unity war teil­wei­se gelähmt und ver­lor die Spra­che. Die fand sie wie­der, als Hit­ler sie im Novem­ber end­lich besuch­te. Es heißt, daß Hit­ler ihr das Par­tei­ab­zei­chen zurück­gab. Sie soll es vor sei­nen Augen ver­schluckt haben und den Wunsch geäu­ßert haben, sie wol­le zurück nach Eng­land. Hit­ler über­nahm die Kli­nik­kos­ten. Unity über­leb­te, gewis­ser­ma­ßen als Schwer­be­hin­der­te (und als Schei­dungs­kind; Anlaß des Zer­würf­nis­ses soll Lady Redes­da­les wach­sen­de Hit­ler-Eupho­rie gewe­sen sein, wäh­rend der Lord Hit­ler zuneh­mend ablehn­te) wei­te­re acht­ein­halb Jahre. 

Wäh­rend Pame­la wie Debo­rah Mit­ford unpo­li­tisch blieb – obgleich ihr Mann begeis­ter­ter Mos­ley-Anhän­ger war – und ein kin­der­lo­ses Leben als Hun­de­lieb­ha­be­rin führ­te, wand­te sich Jes­si­ca Mit­ford, bis zum frü­hen Erwach­se­nen­al­ter Unitys engs­te Ver­trau­te, bei­zei­ten kom­mu­nis­ti­schen Ideen zu. In ihrem jugend­li­chen Fana­tis­mus kämpf­ten die bei­den Rücken an Rücken und mal­ten sich aus, »wie es wohl wäre, wenn eines Tages die eine das Kom­man­do bei der Hin­rich­tung der ande­ren zu geben hät­te« (Jes­si­ca Mit­ford). Jes­si­ca war elek­tri­siert von den sub­ver­si­ven Machen­schaf­ten ihrer bei­den – ihr per­sön­lich unbe­kann­ten – ade­li­gen Vet­tern Romil­ly, die an deren mili­tä­risch aus­ge­rich­te­ter Schu­le eine pazi­fis­tisch-anar­chis­ti­sche Zeit­schrift her­aus­ga­ben, was für Schlag­zei­len in den seriö­sen Medi­en sorg­te. Der 15jährige glü­hen­de Anti­fa­schist Esmond Romil­ly wur­de zum Idol für die zwei Jah­re älte­re Jes­si­ca; sie ver­folg­te über Jah­re die Akti­vi­tä­ten des Chur­chill-Nef­fen, der im Herbst 1936 für die Inter­na­tio­na­len Bri­ga­den im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg kämpfte. 

Bei einem Hei­mat­ur­laub Esmonds lern­ten sich die bei­den ken­nen und lie­ben, Jes­si­ca setz­te sich heim­lich ab, sie folg­te ihrem Ange­be­te­ten in den Krieg, wenn auch in zivi­len Diens­ten. Das chao­ti­sche Pär­chen, noto­risch groß­tue­risch, unge­schickt und ver­spielt im Umgang mit Geld, fand sich bald wie­der in Eng­land. Phil­ip Toyn­bee, kom­mu­nis­ti­scher Sohn Arnold Toyn­bees, zähl­te zu ihren engs­ten Freun­den. Esmond, strik­ter Kom­mu­nist nach wie vor, prob­te das Glücks­spiel, ver­kauf­te Strümp­fe, grün­de­te eine Wer­be­agen­tur und wid­me­te sich der kom­mer­zi­el­len Markt­for­schung, die damals auf­kam. 1939 emi­grier­ten sie in die USA, Jes­si­ca ver­ding­te sich als Bar­frau und Bou­ti­que­ver­käu­fe­rin und trat der Ame­ri­can Com­mu­nist Par­ty bei. Esmond fiel 1942. Zu die­sem Zeit­punkt war Unity ein Pfle­ge­fall, Dia­na war seit zwei Jah­ren in Haft wie Mos­ley. Sie ahn­te nicht, daß ihre Schwes­ter Nan­cy, die ihr bereits wie­der herz­li­che Brie­fe schrieb, sie ange­schwärzt hat­te und auch nicht, daß Jes­si­ca 1943 eine Beschwer­de an Onkel Chur­chill geschrie­ben hat­te, nach­dem bekannt wor­den war, daß die Mos­leys begna­digt wer­den soll­ten: »Eine Frei­las­sung wäre ein abso­lu­ter Ver­rat, an all jenen, die für die anti­fa­schis­ti­sche Sache gestor­ben sind.«

Für Jes­si­ca und Dia­na war das Eltern­haus schon ab Mit­te der drei­ßi­ger Jah­re ver­schlos­sen geblie­ben. Kei­ne der noto­ri­schen Schwes­tern hat­te im Anschluß an die beweg­ten Jah­re das eige­ne Tun je wider­ru­fen, bereut oder in abmil­dern­der Absicht zurück­ge­nom­men. Sie schrie­ben sich alle wei­ter­hin, nach wie vor unter Ver­wen­dung nied­lichs­ter Kose­na­men. Zu einem end­gül­ti­gen Bruch kam es zwi­schen Dia­na und Jes­si­ca, nach­dem der bri­ti­sche Publi­zist David Pryce-Jones 1976 eine Bio­gra­phie über Unity ver­öf­fent­licht hat­te. Jes­si­ca, mitt­ler­wei­le eine pro­mi­nen­te US-Autorin, hat­te ihm zuge­ar­bei­tet. Die ande­ren Geschwis­ter hiel­ten das Buch für ein »nas­ty« Mach­werk. Dia­na ver­öf­fent­lich­te 1977 ihre Memoi­ren, wor­in Hit­ler freund­lich gewür­digt wur­de – ein Skandal!

Skan­da­le über Skan­da­le, sie durch­zie­hen das Leben der lei­den­schaft­li­chen Schwes­tern. Kei­ne der Mit­fords, weder die lin­ke noch die rech­ten, hat poli­ti­sche Pro­gram­me oder auch nur den Ansatz einer Theo­rie ver­faßt. Sie gehö­ren zu den »It-Girls« ihrer Zeit, zu den jun­gen Frau­en mit dem »gewis­sen Etwas«: Sie fun­gier­ten als Gespie­lin­nen, als Schmuck von Män­nern, die je wenigs­tens ein Räd­chen oder sogar ein Rad der Welt­ge­schich­te beweg­ten. Die Mit­fords inspi­rier­ten, beflü­gel­ten, waren Mit­hö­re­rin­nen, wirk­ten als Beschleu­ni­ge­rin­nen oder Brem­se­rin­nen. So ist es mit den It-Girls übri­gens bis heu­te: Man sonnt sich im Strahl des grö­ße­ren Sterns. Oder: Einer denkt, eine lenkt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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