Sezession
1. Oktober 2006

Jugend in der DDR – War nicht alles schlecht?

Erik Lehnert

pdf der Druckfassung aus Sezession 15/Oktober 2006

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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sez_nr_158Während „Jugend" traditionell als Entwicklungsstadium auf dem Weg zur vollen Verantwortlichkeit des Erwachsenen galt und sie heute den paradiesisch erhöhten Zustand alternder Gesellschaften bildet, hatte sie in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) einen konkreten Auftrag. Ein Jugendgesetz regelte dazu nicht den Schutz der Jugend vor verderblichen Einflüssen, sondern wies ihr einen Platz im Kampf der Arbeiterklasse zu. Erziehungsziel war es, „alle jungen Menschen zu Staatsbürgern zu erziehen, die den Ideen des Sozialismus treu ergeben sind, als Patrioten und Internationalisten denken und handeln, den Sozialismus stärken und gegen alle Feinde zuverlässig schützen." Dabei wurde Wert auf die Feststellung gelegt, daß die Jugend, unter Leitung ihrer „Kampforganisation", der Freien Deutschen Jugend (FDJ), dieses Gesetz selbst ausgearbeitet habe. Dieses Selbstlob war ein, für jeden durchschaubarer, Euphemismus, da die Führung der FDJ aus Berufsjugendlichen bestand, die dem Jugendalter eher fernstanden. Klar war damit aber auch, daß es jenseits der FDJ keine zu berücksichtigenden Jugendlichen zu geben hatte.

Da Jugend jedoch keine, das hatten die SED-Bürokraten zumindest gelernt, homogene Masse ist und das auch besonders unter der Führung der Arbeiterklasse nicht wurde, beschloß man 1974 die Einrichtung von sogenannten Jugendklubs. Auf diese Weise hoffte man, „das Bedürfnis der Jugend nach Geselligkeit, Tanz und Unterhaltung" zu befriedigen, ohne sie aus den Augen zu verlieren. Insbesondere das Gefühl, daß diese Freizeit staatlich verordnet war, führte jedoch dazu, daß es jenseits der offiziellen DDRJugend zahlreiche Subkulturen gab, die sich zunehmend vom Staat verabschiedeten. Ging es in den sechziger Jahren noch darum, westliche Musik zu hören, bildeten in den achtziger Jahren Punks und Skinheads die Speerspitze jugendlicher Provokation, der die DDR wie ein unverstandener Familienvater, der immer nur das Beste wollte, gegenüberstand. Daß es in der DDR überhaupt Subkulturen gab, wurde zunächst als lösbares Problem betrachtet. Wie diese Lösung auszusehen hatte, war in der Jugendliteratur eines der bestimmenden Themen. In vielerlei Hinsicht typisch: Egon und das achte Weltwunder (1962) von Joachim Wohlgemut: Ein junger Mann, Egon, spielt in einer „Tanzkapelle", die sich westlicher Musik verschrieben hat. Die logische Konsequenz daraus ist, daß er sich den löblichen Bestrebungen der Arbeiterklasse zu entziehen sucht und zwangsläufig auf die schiefe Bahn gerät. Doch die Liebe zum achten Weltwunder, einer linientreuen und natürlich sehr schönen Arzttochter, bringt ihn auf Kurs. Da sie ihn wegen seiner kleinkriminellen Haltung verschmäht, legt er sich bei einem Arbeitseinsatz besonders ins Zeug, wird ein besserer Mensch und erringt die, ihrer Reinheit wegen, von allen Begehrte. In der Folge hat er zwar noch mit einigen Anfeindungen zu kämpfen, wenn die Liebe ins Geschlechtliche abzurutschen droht oder seine alten Kumpels auftauchen, bleibt aber dem Sozialismus erhalten.
Im Hintergrund solcher Konstellationen stand immer ein renitenter Feind der Arbeiterklasse, dem zumindest auf diese Weise, mit weiblicher Anmut, nicht zu helfen war. Für diese Fälle gab es im real existierenden Sozialismus geeignetere Einrichtungen, beispielsweise die Jugendwerkhöfe, in die auffällig gewordene Jugendliche eingewiesen werden konnten, was im ersten Moment für viele ja nicht schlecht klingen mag: kriminelle Jugendliche werden durch Arbeit und Strenge in Gemeinschaft zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen. Die Realität sah anders aus: es traf nicht nur Kriminelle, sondern Abweichler jeder Art. Erzieher mit sadistischen Neigungen betätigten sich dort und erzielten meist nicht die erhoffte Wirkung. Daß es überhaupt notwendig war, solche Höfe einzurichten, mußte für jeden SED-Idealisten eine Ohrfeige sein. Da setzt man diesen undankbaren Jugendlichen die Komplettversorgung vor und dennoch gibt es da welche, die ihr eigenes Glück nicht akzeptieren wollen.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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