Sezession
1. August 2013

Konservative Gegenrede zu Kurtagics Thesen

Gastbeitrag

55pdf der Druckfassung aus Sezession 55 / August 2013

von Günter Scholdt

»Meine Vision der Zukunft ist so grimmig, daß es mir lächerlich vorkäme, mich über irgendwelche Schimpfnamen, die man mir geben mag, zu scheren. Der Preis für die temporäre Feigheit von heute ist der andauernde Horror von morgen.« (S. 6f)

Wer wie Alex Kurtagic´ so in Debatten einsteigt, verdient Aufmerksamkeit. Sie soll ihm im folgenden zuteil werden, vor allem seiner neuesten Schrift Warum Konservative immer verlieren. Darin hält er das »gegenwärtige liberale, egalitäre, progressive Establishment« für besiegbar. Denn es repräsentiere keine einheitliche Ordnung, eher »eine Art Regenbogenkoalition aus widerstreitenden und manchmal widersprüchlichen Fraktionen«, die sich »degenerativ«, »desintegrierend« und streßfördernd auswirken (S. 29). Spätestens mit dem Schwinden des Wohlstands wachse das Bedürfnis nach sinnstiftenden Ordnungen, die das Chaos beenden (S. 30f).

Für den dann zu entscheidenden Kampf müsse allerdings die Strategie stimmen, um erfolgreich zu sein. Sie dürfe sich nämlich nicht vornehmlich an Inhalten und rationaler Argumentation orientieren. Um die große emotionale Kraft von Kollektiven freizusetzen, brauche es Utopien, Irrationales, Tagträume von (künstlerischen) Außenseitern und Avantgardisten (S. 13ff). Auch der Mainstream, den man ebensowenig scheuen dürfe wie Popkultur und Marketing, sei beeinflußbar und der Träumer, in dem, was er bewegt, der eigentliche Pragmatiker (S. 16ff).

Manche mögen das bezweifeln oder dabei schwere Einbußen an Substanz befürchten. Doch sollte man vor einem endgültigen Urteil entsprechende Experimente einfach einmal laufen lassen oder mehr noch: ermutigen. Denn selbst größte Skeptiker und Vertreter der reinen Lehre spüren doch schon jetzt Rekrutierungsdefizite als unliebsame Folgen des Mankos, daß viele in unsren Reihen ein gebrochenes Verhältnis zu den Musen haben. Schriftsteller, Künstler, Musiker oder Filmer sind es aber, die nun mal die Mythen und Modelle schaffen, nach denen zahlreiche Menschen verlangen (S. 27; vgl. Scholdt: Sezession 39/2010).

Auch darf man nicht unterschätzen, in welch umfassender Weise sich unsere vorgebliche Informations- mit stetig steigender Tendenz zur Unterhaltungsgesellschaft wandelt(e), deren Teilnehmer in Sekunden entscheiden, ob sie bestimmte Nachrichten überhaupt aufzunehmen bereit sind. Für die Mehrheit vernichtet eine unattraktive oder auch nur konventionelle Präsentation daher fast schon jegliche Chance, gerade alternative Botschaften überhaupt verbreiten zu können. Wenn sich gegenwärtig vereinzelt tatsächlich einmal Unbotmäßiges in den Mainstream-Medien findet und damit deren Schweigekartell durchbricht, liegt dies meist an der spektakulären Aufmachung (ein Beispiel: der Tanz der Identitären), was Redaktionen mit Einschaltquoten und Geschäft assoziieren. In Sachen origineller Veranschaulichung und Orientierung an Elementarempfindungen haben wir also fraglos Nachholbedarf.

Als diagnostischer Volltreffer erweist sich darüber hinaus Kurtagic´s erfahrungsgesättigte Empfehlung, linken Sottisen nicht mehr unvermischt argumentativ zu begegnen, sondern mittels Komik als grausam-effektivste Form des entlarvenden Widerspruchs. »Lacht sie aus!« rät er, nutzt »Satire, denn sobald die Menschen beginnen, über das Establishment zu lachen, beginnt seine Macht zu schwinden. Seit Jahrzehnten hat die Linke von diesen Waffen Gebrauch gemacht. Nun ist es an der Zeit, sie ihre eigene Medizin kosten zu lassen.« (S. 63f)

Umso schmerzlicher registriert man bei uns deutliche Reserven gegenüber solchen Kampfmitteln. Dabei ist ihre Wirksamkeit international längst erwiesen. Ich nenne stellvertretend den Clown Beppe Grillo für Italien oder den Komiker Harald Eia für Norwegen, der dem staatlichen geförderten Gender-Unsinn mit einem Schlag das Licht ausblies. Lächerlichkeit tötet oder zieht also zumindest dort. Aber auch in unserer bestenfalls Infotainment-Politkultur bin ich mir sicher, daß etwa eine Harald-Schmidt-Partei auf Anhieb die Fünf-Prozent-Hürde nähme.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.