Soldatentum – Eine Streitschrift. Im Gespräch mit den Herausgebern

55pdf der Druckfassung aus Sezession 55 / August 2013

Im Spätsommer 2011 standen an der Bundeswehr-Universität München die drei studierenden Offiziere Martin Böcker, Larsen Kempf und Felix Springer im Fokus einer hysterischen Berichterstattung. Sie hatten in der Studentenzeitschrift Campus unbequeme Fragen nach dem Selbstverständnis des deutschen Soldaten im 21. Jahrhundert gestellt und dafür einen Maulkorb der Uni-Präsidentin erhalten. Zwei Jahre später haben die »Campus 3« (so der Skandalname) ein Buch herausgegeben, das – unterstützt von anderen Autoren – den Faden von damals aufnimmt und auf die noch immer offenen Fragen weiterhin nach Antworten sucht.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Sezes­si­on: Euer Buch heißt Sol­da­ten­tum und begibt sich auf die Suche nach »Iden­ti­tät und Beru­fung der Bun­des­wehr« heu­te. Der Titel klingt unge­wohnt und läßt Raum für Asso­zia­tio­nen. Was ist damit gemeint, was ist die Idee des Soldatentums?

Böcker: Auf der einen Sei­te ste­hen die zeit- und ort­lo­sen Tugen­den des Sol­da­ten, also Kame­rad­schaft, Tap­fer­keit, Treue, mit­den­ken­der Gehor­sam, Man­nes­zucht. Aber das gilt für jeden Kämp­fer zu jeder Zeit in jedem Land und auch in jedem Sys­tem. Sol­da­ten­tum in unse­rem Sin­ne braucht auch die Rück­bin­dung an eine Idee des Guten, die zu benen­nen in Deutsch­land durch min­des­tens zwei Umstän­de erschwert wird: Die plu­ra­lis­ti­sche Gesell­schaft bie­tet kei­ne all­ge­mein­gül­ti­ge Idee des Guten; die tat­säch­li­chen Grün­de für die mili­tä­ri­sche Gewalt­aus­übung wer­den verschleiert.

Sprin­ger: Der Begriff »Sol­da­ten­tum« umfaßt alles, was am Sol­da­ten Prin­zip ist, was ihn unver­zicht­bar aus­macht. Er klingt heu­te dort unge­wohnt, wo es kei­ne Klar­heit mehr dar­über gibt, was die­ses Unver­zicht­ba­re ist. Wir haben – nicht abschlie­ßend, aber weit­grei­fend – dar­ge­legt, wie die Bun­des­wehr heu­te in ihrem Selbst‑, Fremd- und Feind­bild vom Ver­lust unver­zicht­ba­rer Ele­men­te des Sol­da­ti­schen bedroht ist und wie die­sem Pro­zeß ent­schlos­se­ner Wider­stand geleis­tet wer­den muß. Die schwer­wie­gen­den Män­gel in der geis­ti­gen wie mate­ri­el­len Sub­stanz der Bun­des­wehr sind nicht län­ger zu igno­rie­ren. Was wir mit dem Begriff Sol­da­ten­tum kri­ti­sie­ren, das ist die Aus­höh­lung der Begrif­fe, die Weich­zeich­nung aller mili­tä­ri­schen Maß­stä­be hin­ter einer Nebel­wand der Wohlfühlkonzepte. 

Sezes­si­on: Woher neh­men drei Ober­leut­nan­te das Recht, über die Idee des Sol­da­ten­tums zu phi­lo­so­phie­ren und dabei der eige­nen Füh­rung Halb­her­zig­keit und »man­geln­de Cou­ra­ge« vor­zu­wer­fen? Wo bleibt da der Gehorsam?

Kempf: Die Fra­ge zu stel­len, »wer bin ich?« und noch wich­ti­ger: »wofür bin ich da?«, ist Auf­ga­be jedes Sol­da­ten, egal wel­cher Dienst­grad­grup­pe. Dar­auf gibt unse­re Füh­rung kei­ne kla­re Ant­wort oder rich­ti­ger: ihre Deu­tungs­an­ge­bo­te ver­lie­ren sich in oft schil­lern­den, unbrauch­ba­ren Fabu­lie­run­gen. Auch die Kon­zep­ti­on der Inne­ren Füh­rung bie­tet mit ihren Abs­trak­ta nur wenig Abhil­fe. Um die Idee des Sol­datseins muß dem­nach neu und ent­schie­den gerun­gen wer­den – und zwar zur inne­ren Stär­kung der Streit­kräf­te. Damit ehr­lich und kri­tisch, aber kon­struk­tiv und des­we­gen auf kei­nen Fall illoy­al zu begin­nen, ist das Ange­bot unse­res Buches. 

Böcker: Mit Blick auf Gene­ral Wie­kers Leit­ge­dan­ken zur Neu­aus­rich­tung, die Zen­tra­le Dienst­vor­schrift 10/1, den Geist der preu­ßi­schen Refor­mer und die Hal­tung der Offi­zie­re des 20. Juli sind wir sehr gehorsam. 

Sprin­ger: Jeder Sol­dat hat das Recht und jeder Offi­zier die Pflicht, am Auf­bau star­ker deut­scher Streit­kräf­te nicht nur durch die Ver­rich­tung des täg­li­chen Diens­tes, son­dern auch durch gedank­li­che Anstren­gung mit­zu­wir­ken. Denn jede Armee bedarf geis­ti­ger Füh­rung. Wenn sich die stra­te­gi­sche Füh­rung der Bun­des­wehr die­ser Auf­ga­be wei­ter ver­wei­gert – dann ist eher das Ungehorsam.

Sezes­si­on: Bei der Buch­vor­stel­lung waren mit Oberst Kirsch und dem Wehr­be­auf­trag­ten Königs­haus zwei Inter­es­sen­ver­tre­ter der Sol­da­ten anwe­send, deren eigent­li­che Auf­ga­be es wäre, die­se Debat­te anzu­schie­ben. Bei­de sehen im »Staats­bür­ger in Uni­form« und der »Inne­ren Füh­rung« das Maß aller Din­ge, eine Hal­tung die ihr aus­drück­lich kri­ti­siert. Wie geht das zusam­men? Enden eure Über­le­gun­gen da nicht zwangs­läu­fig bei Sonn­tags­re­den, die kei­nem wehtun?

Böcker: Ich schät­ze Herrn Königs­haus, und ich schät­ze vor allem Oberst Kirsch, weil er regel­mä­ßig der ein­zi­ge ist, der öffent­lich wahr­nehm­ba­re Wor­te im Sin­ne der Sol­da­ten fin­det. Und der kate­go­ri­scher Aus­schluß des Estab­lish­ments durch uns Anders­den­ken­de wäre hier unzweck­mä­ßig gewe­sen, weil wir die Wahr­neh­mungs­schwel­le über­schrei­ten wol­len. Zur »Inne­ren Füh­rung«: Wir befür­wor­ten ja ihre Grund­idee, näm­lich daß Per­sön­lich­keits­rech­te, sitt­li­che Frei­heit und Bil­dung mit stol­zem, mit­den­ken­dem Gehor­sam in Ein­klang gebracht wer­den müs­sen. Aber wir kri­ti­sie­ren die »Unternehmens­philosophie« – was für ein schreck­li­ches Wort für den Geist einer Armee! –, die hin­sicht­lich ihrer Haupt­zie­le – Legi­ti­ma­ti­on, Inte­gra­ti­on und Moti­va­ti­on – völ­lig ver­sagt hat. 

Sezes­si­on: Ein ent­schei­den­der Punkt des Buches scheint mir das Ver­hält­nis von Krieg und Frie­den zu sein. Ihr beklagt die Pazi­fi­zie­rung der Gesell­schaft und wünscht euch mehr Ver­ständ­nis für das Mili­tä­ri­sche. Eigent­lich müß­te die­se gesell­schaft­li­che Ableh­nung doch den inne­ren Zusam­men­halt und den Glau­ben, einer ganz beson­de­ren Beru­fung zu fol­gen, stärken? 

Kempf: Die Dia­gno­se, daß die deut­sche Nach­kriegs­ge­sell­schaft in einem pazi­fis­ti­schen Para­dig­ma begrün­det wur­de und sich seit­her zum Gegen­bild alles Mili­tä­ri­schen ent­wi­ckel­te, dient zunächst ein­mal als rea­lis­ti­sche Lage­be­ur­tei­lung. Nor­ma­tiv: Die­se gesell­schafts­po­li­ti­sche Rah­men­be­din­gung zu igno­rie­ren, war und ist einer der größ­ten Feh­ler der mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Füh­rung der Bun­des­wehr! Es geht ob die­ser Makro­ana­ly­se jedoch nicht dar­um, nun in Wei­ner­lich­keit zu ver­fal­len, son­dern die »inner-gesell­schaft­li­che Anfein­dung« als kon­kre­te Lage anzu­neh­men und aus­zu­hal­ten. Dazu gehört, das Hand­werk des Krie­gers wie­der in den Vor­der­grund zu stel­len und zu erklä­ren: der höchs­te Zweck sol­da­ti­schen Han­delns ist die Bereit­stel­lung von Ord­nung durch gewalt­fä­hi­ge Herr­schafts­aus­übung über Men­schen, kein hyper­tro­phes Ide­al wie Frieden. 

Böcker: Ich erwar­te kein »Ver­ständ­nis«, son­dern Ein­sicht in die Beson­der­hei­ten des Mili­tärs und Aner­ken­nung der sol­da­ti­schen Leis­tung – »Aner­ken­nung« heißt hier nicht Lob, son­dern Akzep­tanz und Ach­tung. Wer ein­zig und allein selbst­lo­ses und von äuße­rer Ableh­nung unbe­irr­tes Die­nen for­dert, ver­kennt das Wesen des Men­schen und ver­langt zu viel vom Soldaten.

Sezes­si­on: Ste­cken hin­ter der von euch beschrie­be­nen Situa­ti­on des Sol­da­ten­tums in Deutsch­land nicht ganz ande­re Pro­ble­me, ohne deren Lösung sich im Mili­tä­ri­schen gar nichts ändern läßt? Muß man nicht, wenn man Tra­di­ti­ons­be­wußt­sein, eine natio­na­le Sicher­heits­stra­te­gie und die Rück­be­sin­nung auf sol­da­ti­sche Tugen­den for­dert, dar­auf hin­wei­sen, daß Schuld­kult, man­geln­de Sou­ve­rä­ni­tät und Femi­ni­sie­rung unse­re deut­sche Gegen­wart kennzeichnen?

Sprin­ger: Das Kapi­tel »Selbst­bild« befaßt sich damit ja ganz inten­siv, bei­spiels­wei­se mit der Not­wen­dig­keit, ein neu­es, iden­ti­täts­stif­ten­des Ver­hält­nis zur deut­schen Mili­tär­ge­schich­te zu fin­den. Natür­lich ist die Ent­wick­lung der Bun­des­wehr auch ein Sym­ptom deut­scher Gegen­wart. Genau hier aber ist es Auf­trag der Armee­füh­rung, sich nicht halb­wah­ren Dia­gno­sen zu unter­wer­fen, son­dern sich selbst als Akteur im eige­nen Bereich zu begrei­fen. Das muß hei­ßen: Unse­ren Sol­da­ten ein star­kes, unver­krampf­tes, frei­es Woher, Wohin und Wofür zu bie­ten und dar­aus ein Bild des deut­schen Waf­fen­trä­gers der Gegen­wart zu gewin­nen, das sich jenen all­ge­mei­nen Ten­den­zen der Erschlaf­fung ent­ge­gen­set­zen läßt. Daß die Lage angeb­lich schlecht ist, hat der Gene­ra­li­tät schon zu lan­ge als Aus­re­de gedient.

Kempf: Der »Schuld­kult« ist durch­aus The­ma des Buches, wird aber ver­sach­licht und als »ein­sei­ti­ge Erin­ne­rung« pro­ble­ma­ti­siert. Auch steht in einem ande­ren Bei­trag die Ideo­lo­gi­sie­rung von Men­schen­rech­ten und deren fal­sche Instru­men­ta­li­sie­rung im Fokus. Die Ver­sach­li­chung ist dem Niveau, der Stoß­rich­tung und dem Ernst des Buches ange­mes­sen, das nicht auf poli­ti­sche Schlag­wor­te redu­zie­ren will. Den­noch macht es mutig Schluß mit der geis­ti­gen Weich­spü­lung einer Armee, deren Wert sich vor allem aus ihrer Schlag­kraft ergibt. 

Sezes­si­on: Gut, euch geht es um das Mili­tä­ri­sche. Der Sol­dat soll kämp­fen und sie­gen. Nach Mei­nung von Exper­ten wer­den die euro­päi­schen Arme­en durch die Inte­gra­ti­on von Frau­en den kom­pe­ti­ti­ven Vor­teil ein­bü­ßen, den sie bis­lang hat­ten. Soweit ich sehe, taucht die­ses ganz kon­kre­te Pro­blem in eurem Buch nicht auf. Warum?

Sprin­ger: Wir wol­len die Din­ge sehr grund­sätz­lich ange­hen, und die Pro­ble­me rund um Frau­en in den Streit­kräf­ten sind zuerst prak­ti­scher, nicht grund­sätz­li­cher Natur. Dar­über hin­aus sind sie mehr Sym­ptom als Ursa­che. Den dahin­ter ste­hen­den, grund­sätz­li­chen Män­geln wid­met sich der gan­ze Sam­mel­band: welt­an­schau­li­che Scheu­klap­pen, die den mili­tä­ri­schen Füh­rungs- und Ent­schei­dungs­pro­zess unter­bre­chen, ein beam­ten­haf­tes Selbst­bild der Füh­rung, Schlaff­heit im Den­ken, kurz: man­geln­de Ernst­fall­taug­lich­keit. Längst ist die Lage der Frau­en in den Streit­kräf­ten übri­gens so, daß weder ihre dog­ma­ti­sche, pau­scha­le Ableh­nung noch ein Fest­hal­ten am Sta­tus quo wirk­lich­keits­taug­li­che Lösungs­op­tio­nen darstellen.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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