1. Oktober 2006

Jugend als Waffe – Die Kindersoldaten auf dem Marsch

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 15/Oktober 2006

sez_nr_159von Josef Daum

Kriege führen gemeinhin zu einem sozialen und technischen Innovationsschub und senken die moralische Hemmschwelle. Der Selektionsdruck kann soziale Tabubrüche erzwingen, die im Frieden als unvorstellbar gelten, wie etwa den Einsatz von Giftgas oder Massenbombardierungen in konventionellen Kriegen. Was für die zwischenstaatlichen Kriege der Vergangenheit galt, gilt auch für die Bürgerkriege der Gegenwart. Eine dieser „Innovationen" aus den Bürgerkriegsgebieten der Dritten Welt, die schließlich am 11. September 2001 den Westen erreichte, war der Einsatz strategischer Selbstmordattentäter, eine andere die Rekrutierung und Sozialisation eines neues Typus von Kombattanten: des Kindersoldaten.

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Als Kindersoldaten werden offiziell alle Personen verstanden, die unter 18 Jahren und Teil der bewaffneten Einheiten sind. Die Mehrheit der Kindersoldaten sind Jungen zwischen 15 und 18 Jahren, aber in achtzig Prozent der aktuellen Konflikte sind auch Kindersoldaten unter 15 Jahren im Einsatz. Etwa vierzig Prozent der bewaffneten Organisationen setzen Kindersoldaten ein, weltweit sind etwa zehn Prozent der Kombattanten Kinder. Schätzungen zufolge sind weltweit 300.000 Kindersoldaten in 36 Ländern im Einsatz. In Sri Lanka sind seit 1995 etwa sechzig Prozent der getöteten Soldaten Kinder zwischen 10 und 16 Jahren.
Der Ethnologe Georg Elwert unterschied als Charaktere der Neuen Kriege zwischen dem Kämpfer, dem „Berserker", und dem kühl planenden „Strategen", dem warlord, der diesen überhaupt zum Kämpfen bringt und für seine Zwecke nutzbar macht. Erst durch die organisatorische Rationalität dieser „charismatischen Kriegsunternehmer" (Herfried Münkler) wird irrationale Gewaltbereitschaft zu einer effizienten Waffe im Bürgerkrieg.
Solche Strategen des Kinderterrors waren die „roten Warlords" Mao Tse-tung und Pol Pot. Während der Kulturrevolution schuf sich der 72jährige Mao die Roten Garden quasi als Privatarmee zur Vernichtung seiner parteiinternen Gegner und zwecks Zerstörung der traditionellen Kultur. Er ließ die Schulen schließen und den Unterricht einstellen und bis zu 11 Millionen Jugendliche auf dem Platz des Himmlischen Friedens aufmarschieren, die schließlich unvorstellbaren Terror von den Schulen in die Gesellschaft trugen. (Jung Chang und Jon Halliday:
Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, München: Karl Blessing Verlag 2005. 976 S., geb, 34.00 €)
Kambodscha unter Pol Pot bezeichnet der Historiker Jean-Louis Margolin schon in einem Beitrag für das Schwarzbuch des Kommunismus als regelrechte „Kinderdiktatur". Die Roten Khmer warben Jungen und Mädchen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren an und erbrachten den Beweis, daß man mit Minderjährigen ein ganzes Volk terrorisieren kann.
Waren Jugendliche in den Händen totalitärer Herrschaft schon früher willfähriges Gewaltinstrument, so zeigt sich jetzt, daß sie ebenso effizient als Mittel der asymmetrischen Kriegführung gegen reguläre Truppen eingesetzt werden können. „Ohne längere Ausbildungs- und militärische Trainingsphasen können Kinder als Kämpfer eingesetzt werden, wobei ihr vergleichsweise gering entwickeltes Risikobewußtsein und ihre relative Anspruchslosigkeit sie zu einem billigen wie effektiven Instrument der Gewaltanwendung werden läßt." (Herfried Münkler) Gerade der bei Kindern noch sehr ausgeprägte Hang zum magischen Denken und der Glaube an spirituelle Kräfte scheint sie für den Einsatz an vorderster Front besonders geeignet zu machen. Den regulären Truppen fällt es schwer, sie als Kombattanten zu identifizieren und ihre Bekämpfung treibt die erwachsenen Soldaten in ein ethisches Dilemma.
Die Entwicklung und Verbreitung der Handfeuerwaffen war von entscheidender Bedeutung für den Einsatz von Kindersoldaten in den Neuen Kriegen, da sie auch von Kindern getragen und bedient werden können. Die Zahl der in Umlauf befindlichen Kleinwaffen wird auf 550 bis 639 Millionen geschätzt. Sie sind für achtzig bis neunzig Prozent der Opfer in Gewaltkonflikten verantwortlich. Unter diesen Bedingungen drang der Kindersoldat als Kombattant bis in die hintersten Winkel der Erde vor, was einige Autoren von einem „Zeitalter des Kindersoldaten" sprechen läßt.

Im liberianischen Bürgerkrieg waren zwanzig Prozent der Kombattanten zwischen 1989 und 2003 Kindersoldaten. Sogenannte „Small Boy Units" (SBU) stellten die Leibgarde des Diktators Charles Taylor. Erzwungene Gewalttaten sind eine „Initiation in die Brutalität". Diese Praxis knüpft an den Umstand an, daß Gewalt Teil des Initiationsritus in vielen traditionellen Gesellschaften war. Unter den bürgerkriegsähnlichen Zuständen Kolumbiens hat sich ein regelrechter Dienstleistungsmarkt für Gewalt entwickelt. Jugendliche bieten dort ihre Dienste zur Durchführung von Entführungen und Erpressungen an und führen für kleine Geldbeträge Morde aus. Seit 1990 wird der Einsatz von Kindersoldaten besonders von den linken Guerillaorganisationen praktiziert. In einigen Einheiten waren dreißig Prozent unter 18 Jahren, in den städtischen Milizen sogar fünfundachtzig Prozent der Kombattanten (Katharina Hofmann: Kindersoldaten: Opfer und Täter in „neuen Kriegen", o. O. u. J.).
In Uganda hat sich der religiöse Fanatiker Joseph Kony eine Armee aus entführten Kindern aufgebaut, mit der er den ugandischen Staat bekämpft. Nach UNICEF-Schätzungen bestehen achtzig Prozent seiner Lord Resistance Army aus Kindern. Die entführten Jugendlichen werden einerseits selbst Opfer sexueller Gewalt und auf der anderen Seite zur „wohl brutalsten Rebellengruppe der Welt" herangezogen, die mordet, plündert und vergewaltigt. Die Vereinten Nationen sprechen in diesem Konflikt von mehr als 100.000 Toten.
Diese Fälle demonstrieren die Radikalisierung, die mit dem Einsatz von Kindersoldaten einhergeht. „Die besondere Brutalität der Kriege in den neunziger Jahren knüpft an eine andere Vision männlicher Identität an - die der wilden Sexualität der männlichen Heranwachsenden. Durch diese Jugendlichen werden Armeen mit einem anderen Soldatentyp versorgt, einem, für den die Waffe nicht etwas ist, was man respektiert und mit ritualisierter Korrektheit behandelt, sondern vielmehr eine explizit phallische Bedeutung besitzt" (Michael Ignatieff).
Das Zeitalter der Neuen Kriege konfrontiert den Westen mit der ungewohnten Erfahrung, daß die Ausbreitung von Innovationen keine Einbahnstraße mehr ist. Gewaltpraktiken, die für die Dschungel, Wüsten und Elendsviertel der Dritten Welt charakteristisch waren, können urplötzlich in den westlichen Zentren auftauchen. Die Ghettos der USA erleben seit den neunziger Jahren eine Invasion durch lateinamerikanische, in den Bürgerkriegen der siebziger und achtziger Jahre brutalisierte Jugendgangs. Im Jahr 2004 registrierte die spanische Polizei erstmals den Einzug lateinamerikanischer Jugendbanden auch in Madrid (Krieg in den Städten - Lateinamerikanische Jugendbanden, in: https://www.20er.at). Die Schulmassaker von Littleton bis Erfurt zeigten auf dramatische Art und Weise, welche Bluttaten selbst einzelne, mit Kleinwaffen ausgestattete jugendliche Amokläufer anrichten können. Die Rassenunruhen in Frankreich führten der Welt vor, daß selbst unbewaffnete Jugendgruppen die Staatsgewalt herausfordern und das gesamte politische System eines Staates in die Krise stürzen können. Gewaltlegitimierende Ideologien scheinen sich besonders unter Einwandererpopulationen auszubreiten. Ende der neunziger Jahre stimmte fast jeder Vierte der in der Bundesrepublik befragten muslimischen Jugendlichen der Aussage zu: „Wenn jemand gegen den Islam kämpft, muß man ihn töten." Was passiert, wenn sich alle drei Elemente - gewalttätiger Jugendprotest, Handfeuerwaffen und Ideologie - zusammenfügen?
Jugendprotest, Amoklauf und Fanatismus gehören in jenen Bereich, den Elwert den „Berserkern" zugeordnet hat. Was bislang im Westen im Gegensatz zu den Bürgerkriegsgebieten fehlt, ist die paramilitärische Infrastruktur und die rationale strategische Planung, die Kinder und Jugendliche erst zu Kombattanten macht. Ob und wann ein „Stratege" auf den Plan treten wird, mit dem Ziel, „Jugend als Waffe" auch gegen westliche Staaten einzusetzen, ist eine sicherheitspolitisch relevante Frage. Möglicherweise werden diese Ereignisse von Militärhistorikern rückblickend als Frühindikatoren gesehen werden, als die ersten Etappen auf dem unaufhaltsamen Marsch des Kindersoldaten von der vergessenen Peripherie in die Metropolen des Weltsystems.


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