“Israels Krieg” und innerlinke Auseinandersetzungen

pdf der Druckfassung aus Sezession 15/Oktober 2006

sez_nr_1511von Daniel L. Schikora

Das militärische Eingreifen Israels im Libanon, dem Angriffe der radikal-islamistischen Hisbollah auf israelisches Territorium vorausgingen, hat die jüdische Republik erneut zur Zielscheibe bundesdeutscher Menschenrechtspolitik gemacht. So ließ es sich die Bundesregierung nicht nehmen, Israel mit Blick auf den Tod von Dutzenden libanesischen Zivilisten infolge des Luftangriffs auf das Dorf Kana indirekt einer Mißachtung des Prinzips der Verhältnismäßigkeit bei der israelischen Wahrnehmung des Rechtes auf Selbstverteidigung zu bezichtigen. Neben Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), die Israel unumwunden einen Rechtsbruch vorwarf, war es Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU), der die Israelis öffentlich eines verantwortungslosen Vorgehens beschuldigte: Man könne nicht einfach Zivilisten bombardieren und dann von Kollateralschäden reden, empörte sich Beckstein.

 Gastbeitrag

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Nun ist das Reden von „Kol­la­te­ral­schä­den” im Zusam­men­hang mit Zivi­lis­ten, die durch Luft­an­grif­fe ums Leben kom­men, kein israe­li­sches Spe­zi­fi­kum. Bemer­kens­wer­ter­wei­se scheint der Vor­wurf an Isra­el, „unver­hält­nis­mä­ßig” auf die Infra­ge­stel­lung sei­ner sou­ve­rä­nen Exis­tenz zu reagie­ren, im herr­schen­den deut­schen Dis­kurs des Jah­res 2006 in ähn­li­chem Maße zum guten Ton zu gehö­ren, wie sie­ben Jah­re zuvor die Abseg­nung eines von Beginn an völ­ker­rechts­wid­ri­gen Bom­ben­krie­ges, den (Regierungs-)Politiker und „Intel­lek­tu­el­le” eine „huma­ni­tä­re Inter­ven­ti­on” nann­ten. Der natio­nal-kon­ser­va­ti­ve Minis­ter­prä­si­dent Isra­els, Ehud Olmert (Kadi­ma), weiß das natür­lich, wes­halb er den men­schen­recht­lich moti­vier­ten Deut­schen und ande­ren EU-Euro­pä­ern ins Stamm­buch schreibt: „Woher neh­men sie [die Euro­pä­er] das Recht, Isra­el zu pre­di­gen? Die euro­päi­schen Län­der haben Koso­vo ange­grif­fen und 10.000 Zivi­lis­ten getö­tet. 10.000 Zivi­lis­ten! Und kei­nes die­ser Län­der hat­te zuvor auch nur durch eine ein­zi­ge Rake­te zu leiden!”
Auch wenn Olmert hin­zu­fügt, er sage nicht, daß das Ein­grei­fen im Koso­vo falsch gewe­sen sei, dür­fen sei­ne Äuße­run­gen auch als eine Remi­nis­zenz an die Ableh­nung des Angriffs­krie­ges gegen Jugo­sla­wi­en ins­be­son­de­re in der sou­ve­rä­nis­ti­schen „Rech­ten” Isra­els ver­stan­den wer­den: Im April 1999 war der dama­li­ge israe­li­sche Außen­mi­nis­ter Ari­el Scha­ron der ein­zi­ge Reprä­sen­tant eines „west­li­chen” Staa­tes, der die mas­si­ve mili­tä­ri­sche Auf­rüs­tung der isla­mis­tisch durch­setz­ten alba­ni­schen UCK als einer anti-jugo­sla­wi­schen Land­ar­mee in schar­fen Wor­ten miß­bil­lig­te. Nicht ein­mal ein Über­grei­fen des men­schen­recht­li­chen „Uni­ver­sa­lis­mus” der Nato auf den israe­lisch-ara­bi­schen Kon­flikt schloß Scha­ron aus: „Isra­el könn­te das nächs­te Opfer einer Nato-Atta­cke werden.”
Enga­gier­te Für­spre­cher fin­det das sei­tens deut­scher Offi­zi­el­ler geschol­te­ne Isra­el auch in Anbe­tracht des­sen jüngs­ter Mili­tär­ak­tio­nen im Liba­non bei einem der tra­di­ti­ons­reichs­ten Orga­ne der nicht par­tei­po­li­tisch gebun­de­nen (bun­des-) deut­schen radi­ka­len Lin­ken: der von Her­mann L. Grem­li­za her­aus­ge­ge­be­nen Monats­zeit­schrift kon­kret. Hat­te das Titel­blatt der Juli-Aus­ga­be die­ser sich stolz als „anti­deutsch” beken­nen­den Zeit­schrift das gesam­te Staats­ge­biet der Bun­des­re­pu­blik als eine No-Go-Area gebrand­markt, so wid­men sich Grem­li­zas Kolum­nen der Augu­stund der Sep­tem­ber-Aus­ga­be „Isra­els Krieg” gegen „eine zwei­te ‚End­lö­sung der Juden­fra­ge‘” unter isla­mis­ti­schem Vor­zei­chen sowie der „Unhei­li­gen Alli­anz” zwi­schen „Sozia­lis­ten” und isla­mi­schen „Got­tes­krie­gern”.
Ins Auge fällt dabei, daß Grem­li­za aus­drück­lich Respekt vor dem Bestre­ben der poli­ti­schen Eli­te Isra­els bekun­det, den jüdi­schen Cha­rak­ter des ein­zi­gen demo­kra­ti­schen Rechts­staa­tes in der Regi­on zu wah­ren: „Es hat sich bei israe­li­schen Poli­ti­kern die Ansicht durch­ge­setzt, daß die Juden nur dann in ihrem Staat in Sicher­heit sei­en, wenn sie auf dem Fle­cken Wüs­te am Rand des Osma­ni­schen Reichs und des bri­ti­schen Man­dats­ge­biets, das die Ver­ein­ten Natio­nen ihnen nach dem Holo­caust als Staats­ge­biet zuge­wie­sen und das sie durch eige­ne Tüch­tig­keit und mit Hil­fe der USA zu einer Oase gemacht haben, für sich blie­ben, geschützt durch einen Zaun vor jenen, die – dem Gesäu­sel man­cher ihrer Diplo­ma­ten zum Trotz – nichts sehn­li­cher wün­schen als der Juden Tod.”

Die jüngs­ten Pro­kla­ma­tio­nen der NPD gegen den „völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angriffs­krieg Isra­els gegen Liba­non” könn­ten eben­so­gut aus öffent­li­chen Erklä­run­gen der „Links­par­tei” ent­nom­men sein. Die­ser Umstand ver­an­laßt Grem­li­za dazu, an das gemein­sa­me Vor­ge­hen von KPD und NSDAP im Rah­men eines Streiks bei den Ber­li­ner Ver­kehrs­be­trie­ben im Jah­re 1932 sowie an den „Hit­ler-Sta­lin-Pakt” von 1939 zu erin­nern. Sozia­lis­ten wie die „Linkspartei”/WASGPolitiker Gehrcke und Buch­holz stän­den an der Sei­te von „Dschi­ha­dis­ten” wie dem ira­ni­schen Prä­si­den­ten Ahma­di­ned­jad und dem His­bol­lah-Chef Nas­ral­lah sowie des Staats­ober­haupts von Vene­zue­la, dem christ­lich-sozia­lis­ti­schen Anti­se­mi­ten Chá­vez, der die israe­li­sche Repu­blik einer „faschis­ti­schen Art” der Aggres­si­on im Sti­le Hit­lers beschul­digt und der „die Welt” durch „die Nach­kom­men der Chris­tus­mör­der” kon­trol­liert wähnt. Der Mensch­heit – so Grem­li­za – sei zu wün­schen, daß das „letz­te Gefecht” die­ser (reak­tio­nä­ren) „Anti­ka­pi­ta­lis­ten” ver­lo­ren gehe, „gegen wen auch immer”.
Wenn Grem­li­za gegen­über einer Alli­anz deut­scher und latein­ame­ri­ka­ni­scher Sozia­lis­ten mit den isla­mis­ti­schen Fein­den Isra­els den in ers­ter Linie durch die USA reprä­sen­tier­ten Libe­ral­ka­pi­ta­lis­mus als das gerin­ge­re Übel begreift, so kor­re­spon­diert dies mit den welt­po­li­ti­schen Par­tei­nah­men der – bio­gra­phisch eben­falls in der anti­fa­schis­ti­schen Lin­ken ver­wur­zel­ten – ita­lie­ni­schen Jour­na­lis­tin Oria­na Fall­a­ci. Die­se pran­ger­te nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 das Zusam­men­ge­hen der Lin­ken, der römisch-katho­li­schen Offi­zi­el­len und der Post­fa­schis­ten ihres Lan­des mit der „feu­da­len Rech­ten” an, die heu­te „der Islam” sei. Jedoch rekur­rie­ren, im Gegen­satz zu den pro-israe­li­schen und islam-kri­ti­schen deut­schen „Anti­deut­schen”, sowohl die Ita­lie­ne­rin Fall­a­ci, als auch fran­zö­si­sche Kri­ti­ker des poli­ti­schen Islam, wie etwa Lou­is Cha­gnon oder Alain Fin­kiel­kraut, auf die natio­nal­staat­lich fun­dier­te bür­ger­lich-repu­bli­ka­ni­sche Iden­ti­tät ihrer Länder.
Dia­gnos­ti­zie­ren „anti­deut­sche” Publi­ka­tio­nen, wie kon­kret oder Baha­mas, eine Wie­der­erwe­ckung des „häß­li­chen Deut­schen” auch in Gestalt mul­ti­kul­tu­ra­lis­ti­scher Ehr­furcht vor dem Islam, so sehen die fran­zö­si­schen „Neo­re­pu­bli­ka­ner” die Nach­gie­big­keit gegen­über isla­mi­schem „Kom­mu­ni­ta­ris­mus” nicht zuletzt in einer natio­na­len Selbst­gei­ße­lung Frank­reichs sowie in einer Miß­ach­tung der zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten einer „Euro­päi­sie­rung” der Welt begrün­det. In die­sem Sin­ne mach­te Alain Fin­kiel­kraut als eine Ursa­che des (aus­schließ­lich von mus­li­mi­schen jun­gen Män­nern aus­ge­hen­den) „Pogroms gegen die Repu­blik” vom Novem­ber 2005 auch die Nach­gie­big­keit der poli­ti­schen und intel­lek­tu­el­len Eli­te Frank­reichs in Fra­gen der Beur­tei­lung der fran­zö­si­schen Kolo­ni­al­ver­gan­gen­heit aus. Bereits ein hal­bes Jahr zuvor hat­te Fin­kiel­kraut einen gegen Wei­ße und Juden gerich­te­ten viru­len­ten Ras­sis­mus mus­li­mi­scher Jugend­li­cher ara­bi­schen oder schwarz­afri­ka­ni­schen Ursprungs ange­pran­gert. Es gebe einen „bru­ta­len isla­mi­schen Anti­se­mi­tis­mus”, der durch den Isra­el-Haß erklär­ter Anti­ras­sis­ten der „Lin­ken” flan­kiert werde.
Der „anti­ras­sis­ti­sche” Dis­kurs der „glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­schen” Lin­ken (alter­mon­dia­lis­tes, ATTAC), der die mus­li­mi­sche Mino­ri­tät pri­mär als Opfer „isla­mo­pho­ber” Ten­den­zen in der fran­zö­si­schen Mehr­heits­ge­sell­schaft und einer unzu­rei­chen­den öffent­li­chen Wür­di­gung des Lei­dens „mus­li­mi­scher” Völ­ker unter fran­zö­si­scher Kolo­ni­al­herr­schaft begreift, sieht sich in Frank­reich in der Tat kon­tras­tiert durch die Rea­li­tät eines gewalt­tä­ti­gen Anti­se­mi­tis­mus jun­ger Mus­li­me. Anfang März 2006 – drei Wochen nach dem Fol­ter­mord an dem (im Janu­ar 2006 ent­führ­ten) 23jährigen Ilan Hali­mi – wur­den in Frank­reich erneut drei jun­ge Juden zu Opfern anti­se­mi­ti­scher Gewalt­ver­bre­chen, die von Ange­hö­ri­gen maghre­bi­ni­scher oder schwarz­afri­ka­ni­scher com­mu­nities aus­gin­gen. Wie wenig eine „anti­ras­sis­ti­sche” Lin­ke, die Cha­gnon, Fin­kiel­kraut oder Pierre-André Tagu­ieff pro-isla­mi­schen Kam­pa­gnen aus­setzt, noch als ein zivil­ge­sell­schaft­li­cher Garant jüdi­schen Lebens in Frank­reich gel­ten kann, brach­te der Vor­sit­zen­de des Reprä­sen­ta­tiv­ra­tes der jüdi­schen Insti­tu­tio­nen in Frank­reich (CRIF), Roger Cukier­man, bereits 2002 auf den Punkt: Le Pens Erfolg (in der ers­ten Run­de der Prä­si­dent­schafts­wah­len) sei „eine Bot­schaft an die Mus­li­me, sich still zu verhalten”.

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