Sezession
15. Januar 2015

Malte Lehming stellt sich Fragen zu PEGIDA

Ellen Kositza / 21 Kommentare

Malte Lehming, „Meinungschef“ des Tagesspiegel, ist als Fetzenschädel bekannt. Eine konsistente Grundhaltung ist bei dem Mann nicht erkennbar, die Behauptung einer „eigenen Meinung“ erscheint hier mehr als Selbstkonzept. Vielleicht hält Lehming das für einen guten Kniff in Zeiten des Schrumpfens & Sterbens der Altmedien: Distinktionsgewinn durch Meinungsfreudigkeit, einerlei, wie durcheinander die Meinung von heute mit der von gestern geht.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Lehming ist als Krakeeler bekannt. Allein sein Twitter-Ausstoß erweist ihn als habituellen Adabei.

Vor vier Jahren hatte er in seinem Blatt ein knackiges Lob auf den vitalen Gewaltausländer geschrieben:

Sie sind jung, mutig, mobil, hungrig, risikobereit, initiativ. Solche Menschen braucht das Land. Natürlich ist es nicht schön, wenn Jugendliche – ob mit türkischem oder libanesischem Hintergrund - Banden bilden, Reviere verteidigen und mit Messern hantieren. Aber hinter der Kritik an ihrem Verhalten verbirgt sich oft bloß der Neid derer, die Vitalität als Bedrohung empfinden, weil sich die eigene Mobilität auf den Wechsel vom Einfamilienreihenhaus in die Seniorenresidenz beschränkt. Lieber ein paar junge, ausländische Intensivtäter als ein Heer von alten, intensiv passiven Eingeborenen.

Noch vor einem Monat zeigte er Verständnis, daß ein Türke im Gerichtssaal die Abhängung eines Kreuzes verlangte:

Muss man es einem Muslim als Dreistigkeit verübeln, wenn er es als bedrohlich empfindet?

Auch über PEGIDA hatte Lehming seine Meinungen wieder und wieder hinausposaunt:

Zu sehen, wie Kirchen in Deutschland mangels Nachfrage schließen, während Moscheen gebaut werden, erzeugt offenbar vor allem Neid bei denen, die nur ihren Nichtglauben haben.

Lehming bekennt sich nun in der aktuellen Tagesspiegel-Ausgabe freimütig dazu, vom Zeitgeist („nicht rasant, sondern rasend“: Hilfe!) ordentlich durcheinandergewirbelt zu werden. Er präsentiert seinen Lesern eine „kleine Auswahl“ von Fragen, die sich ihm stellen. Freilich sind es teils Fragen, auf die er früher selbst schon selbst marktschreierische Antworten gegeben hatte. Interessant (geradezu lobenswert) ist nun, daß Lehming nun abermals hinterfragt, zum Beispiel:

-         Ist es nicht auch ein wenig seltsam, dass nach dem islamistischen Anschlag auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ der Kampf vor allem gegen die geführt wird, die auf Montagsdemos vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ gewarnt haben?

-         Ist es nicht auch ein wenig seltsam, wie Springer-Chef Mathias Döpfner mehr Mut von Journalisten zu fordern, wo doch die Entlassung des ehemaligen Stellvertretenden Chefredakteurs der „Bild am Sonntag“ (BamS), Nicolaus Fest, wegen eines islamkritischen Kommentars erst drei Monate her ist (offiziell muss es natürlich heißen: Nicolaus Fest gehe auf eigenen Wunsch, man habe sich im Guten getrennt, er bleibe dem Haus eng verbunden)?

-         Ist es nicht auch ein wenig seltsam, muslimfeindliche Karikaturen vehement zu verteidigen, aber judenfeindliche Karikaturen, etwa in der arabischen Presse, zu verdammen?

-         Ist es nicht auch ein wenig seltsam, das Zeigen islamkritischer Karikaturen nach einem Attentat auf eine islamkritische Zeitschrift für einen mutigen, freiheitlichen Akt zu halten, obwohl sicher keiner auf die Idee käme – zum Glück! -, nach einem Attentat auf eine rechtsradikale Zeitschrift rechtsradikale Parolen nachzudrucken?

Malte Lehmings gesamter Fragenkatalog ist hier nachzulesen.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (21)

michael nötting
15. Januar 2015 12:06

sehr geehrte frau kositza,

ich lese ihre beiträge regelmäßig und vor allem sehr gerne.
nun habe ich ein verständnisproblem: was ist ein "fetzenschädel"?
natürlich habe ich dazu assoziationen - aber was meinen s i e
damit genau?
um aufklärung bittend

ihr m. nötting

Antwort Kositza:
Ist unser Wort für Leute, unter deren Schädeldecke es nicht geordnet, sondern ziemlich durcheinander zugeht.

Kommentar Lichtmesz: Kommt aus dem Wienerischen, bezeichnet einen Wirrkopf.

Stil-Blüte
15. Januar 2015 13:16

@ Kositza/michael nötting

'Fetzenschädel'

Gekonnt! (Wie michael nötting, erging es eingangs auch mir.)

Nun hat der Fetzenschädel in meinem Sprachgebrauch Fuß gefaßt, weil er in meiner Muttersprache eine Person, deren Welt in Fetzen fliegt, nicht hätte beindruckender und ausdrucksstärker beschreiben können.

mario
15. Januar 2015 13:16

Man sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass es zu Lehmings Verständnis von Journalismus gehört, auch gerne ganze Artikel von Dritten übersetzt als seine eigenen auszugeben:

https://arrog.antville.org/stories/429989/

gert friedrich
15. Januar 2015 13:26

Viele Journalisten würden gerne kritischer,konservativer oder rechter schreiben. Manche ,wie hier beim Tagesspiegel deuten zaghaft etwas an. Dasselbe bei den Kabarettisten. Ich habe 2012 den verstorbenen Dieter Hildebrandt im Taxi als Fahrgast gehabt. Wir kamen auf Sarrazin.Ich fragte,ob er etwas zu diesem in seinem Programm hätte. Da sagte Hildebrandt zu mir: "Der Mann hat ja Recht". Ich mußte erstmal schlucken und dachte mir dann meinen Teil.

ingres
15. Januar 2015 13:31

Ein wenig OT aber auch Merkel scheint unter die Renegaten zu gehen. Ich kann das nicht einordnen: Sie soll Islam-Gelehrte aufgefordert haben die Abgrenzung zwischen muslimischem Glauben und islamistischem Terror deutlich zu machen (nachdem sie zuvor die Muslime gegen Generalverdacht in Schutz genommen hatte, was ja auch so nicht verkehrt ist). Der Frage warum sich Mörder bei ihren Taten auf den Islam berufen könne nicht länger ausgewichen werden (habe ich im ARD-Text gelesen, der WDR hat das gerade nicht wiederholt). Kann das jemand aufklären?

Thomas Wawerka
15. Januar 2015 13:50

Ah - jetzt weiß ich auch Bescheid! :-D

Eisenhans
15. Januar 2015 14:16

Kürzlich ein tatsächlich erlebtes Kundengespräch:
Ich:" Na, Frau W. haben Sie schon Urlaub geplant? Kundin: Ja, wir planen eine Städtetour durch Sachsen und Thüringen. Ich: Wohin gehts denn? Kundin: Nach Weimar, Eisenach, Dresden und Schmallkatten. Ich: Äh, Schmalkalden ? Kundin: Nee,Nee Schmallkatten, mein Mann kennt sich in der Deutschen Geschichte gut aus. Ich: Aah ja, wo werden Sie denn übernachten? Kundin: Also in Dresden nicht, mein Mann meinte, er wolle sich im Hotel nicht von möglichen Pegida- Leuten bedienen lassen. Unter denen wären ja auch vorbestrafte. Ich: Unglaublich! Wo übernachten Sie nun? Kundin: Wahrscheinlich in Radebeul. Ich: Das liegt ja hoffentlich weit genug entfernt. Kundin: Ja,Ja, bei Dessau. Trotzdem ist Dresden wunderschön. Deswegen finde ich es auch gar nicht gut, daß da so Leute wie dieser Bachmann rumlaufen. Ich: Bachmann? Kundin: Ja, das ist doch dieser vorbestrafte, von dem mein Mann sprach. Ich: Na hoffentlich läuft Ihnen nicht auch noch Arthur Harris über den Weg. Kundin: Den Namen hab ich schon mal gehört. Ist das auch einer von denen? Ich: Nicht direkt, aber Ihr Mann wird das bestimmt wissen. Ich: Frau W. ich wünsche Ihnen trotzdem eine schöne Reise, grüßen Sie Ihren Mann von mir. Kundin: Ja, vielen Dank, werd ich machen".
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die beiden auch in Zukunft noch als Kunden begrüssen darf, ihr Mann ist übrigens Lehrer an einer Gesamtschule, bei den Grünen aktiv und Mitarbeiter in einem "Friedensbüro"

Monika
15. Januar 2015 14:36

Da hat mein tägliches Gebet für die Fetzenschädel ja geholfen.
Gelobt sei Jesus Christus.

Schließen wir den armen Wirrkopf symbolisch für so viele andere in unser heutiges Abendgebet ein.
Auch er braucht Jesus.

Harald de Azania
15. Januar 2015 15:28

Sehr verehrte Frau Kositza,

Danke fuer die "Verwienerung' der Sprache, Fetzenschaedel ist ein grossartiges Wiener Wort :-) (auch"gspritzt" waere moeglich, im Zweifel Fachgutachten ML einholen)

Wenn die Opportunisten und Wetterfahnen (die ja eine feine Witterung haben) ploetzlich sich umorientieren, dann ist dies interessant.

HdeA

Stil-Blüte
15. Januar 2015 16:15

@ Lichtmesz

Fetzenschädel

Danke für die Aufklärungsberfeitschaft immer und immerdar.

Es gibt zwar Heil und Unheil, Recht und Unrecht, Fall und Unfall, Glaube und Unglaube, aber es gibt kein Unwort, sondern nur Worte/Wörter, mithin auch kein 'Unwort des Jahres': 'Lügenpresse'. Wir sollten es deshalb nicht mehr verwenden. Wie wäre es, etwas umständlicher, aber dasgleiche: Lügengebäude der Presse ?

Als Wort des neuen Jahres schlage ich Fetzenschädel vor, einmal mehr, damit den Fetzenschädeln die Fetzen nur so um die Ohren fliegen.

Unterm Funkturm.
15. Januar 2015 16:18

Vielleicht handelt es sich bei dem Fragenkatalog von diesem Falott von der »Meinungsseite« des »Tagesspiegels« ja um eine Absetzbewegung, eine frühe Arbeitsprobe für ein späteres Stellengesuch im anderen Lager?
Auch Malte Lehming braucht ein Gehalt.

Karolus
15. Januar 2015 17:09

@ Ingres

Vor einigen Wochen stieß ich auf eine von Gudrun Eussner - die in dem Iran des Schahs lange Jahre vor Ort Islamstudien betrieb und, sozusagen, den Betrieb kennt - verfasste Rezension des im letzten Jahr in dem renommierten Wissenschaftsverlag Dunckler & Humblot erschienenen Buches "Angst vor Allah?. Der Verfasser des Buches ist der emeritierte Göttinger Islamwissenschaftler Tilman Nagel; es trägt übrigens den Untertitel "Auseinandersetzungen mit dem Islam". Als erstes fällt dem geneigten Leser die Widmung auf, die hier in Gänze aufgeführt sein soll:

"Den vielen Bürgern, die sich durch Verlautbarungen über den Islam ein ums andere Mal hinters Licht geführt fühlen,

den Angehörigen der politisch-medialen Klasse, die sich das Nachdenken über die muslimischen Machtansprüche nicht von den Sachwaltern der politische Korrektheit verbieten lassen,

den mutigen Muslimen, die ihren Weg in einen freiheitlichen Rechtsstaat suchen oder schon gefunden haben,

ist dieser Band gewidmet.

Vielleicht hilft er bei der Beantwortung der Fragen, von denen sie alle bedrängt werden."

Das Inhaltsverzeichnis ist SEHR detailliert. Liebend gern würde ich ein zweites Exemplar des Buches kaufen und es der Bundeskanzlerin schenken - zu ihrem und zu unser aller Nutzen und Frommen!

Carsten
15. Januar 2015 19:23

Von Dieter Hildebrandt gibt es einen derben Witz:

"Treffen sich zwei Grüne und reden über Hitler. Da sagt der eine: Also das mit den Juden... na ja... aber die Autobahnen, die waren eine Sauerei!"

Unke
15. Januar 2015 19:33

Der Lehming ist mal so, mal so: ein falscher Fuffziger (habe mich an diesem Kotzbrocken schon abgearbeitet). Alles richtig erkannt, Frau Kositza. Fraglich nur, ob man einem handelsüblichen MSM-Lügenbold Beachtung schenken muss.

Hildesvin
15. Januar 2015 21:44

@ Eisenhans: Gar köstlich! Gurgeln nach "Schmallkatten" generiert übrigens nur "Schmallkarten", was für ein Ding Gottes das auch sein mag*.
@ gert friedrich: Mein Mitgefühl für Journalisten und Kabarettisten ist so ziemlich aufgebraucht.
*Phrase bei "Michael Kohlhaas" geklaut.

Waldgänger (e.B.) aus Schwaben
15. Januar 2015 22:15

"Dichtung geht nach dem Brot.", sagte meine alte Deutschlehrerin immer.

Der "Fetzenschädel" sieht halt seine Felle davon schwimmen.
Seit längeren Zeit schon beobachte ich die täglichen Übersichten auf den online MSM (focus. spiegel, welt) über die meist gelesenen Artikel und Kommentare. Ganz klar was den Leser interessiert.

Ich sehe auch ein langsames Umschwenken der sogenannten konservativen Blätter.

Judith
15. Januar 2015 22:16

Lehming bekennt sich nun in der aktuellen Tagesspiegel-Ausgabe freimütig dazu, vom Zeitgeist („nicht rasant, sondern rasend“: Hilfe!) ordentlich durcheinandergewirbelt zu werden

Eher nicht. Malte braucht die Klicks.

eulenfurz
16. Januar 2015 01:37

Ha, Wendehälse ... In Leipzig gibt es eine Menge davon. Oder sind sie nur neue Besitzstandswahrer? Sie ruhen sich auf den Lorbeeren ihrer letzten in den Schoß gefallenen Revolution aus, die sie zwar vielleicht ansatzweise inspiriert, aber - aus den Händen gleitend - nicht durchgeführt haben. Sie hatten sich schon damals nur eine reformierte DDR gewünscht - jetzt haben sie diese. Noch eine demokratische Revolution können sie nicht zulassen, wie lächerlich würden sie denn dann vor ihrem Publikum stehen?

Der Spaß in Leipzig geht weiter - jetzt jeden Mittwoch!

Karl Martell
16. Januar 2015 08:42

Tatsächlich Lemming! Das "h" muß er beim Hakenschlagen auf dem Weg in den Abgrund irgendwo gestohlen haben.

Franschi
17. Januar 2015 01:46

Diese völlige Verwirrung dürfte nicht nur Lehming betreffen, sondern mittlerweile das gesamte Establishment. Ausgangspunkt ist die zuerst von Politikern entwickelte Methode jede Frage bzw. jedes Problem so zu beantworten, das am Ende immer eine Bestätigung der eigenen Ideologie herauskommt. Diese von linken Journalisten mittlerweile bis ins vollkommen absurde perfektionierte Kunst nimmt dabei mittlerweile selbst auf grundlegendste und anerkannte Zusammenhänge und Erkenntnisse keine Rücksicht mehr.

Etwa wenn Warner vor dem Islamismus (Pegida) in Karikaturen zu dessen Wegbereitern gemacht werden. Oder wenn Jakob Augstein den Westen zum Schöpfer des Islamismus macht und die Existenz des Islams mit Verweis auf seine verschiedenen Strömungen einfach aufhebt und Religion zu einem belanglosen Abbild der jeweiligen soziokulturellen Umstände erklärt. Islamismus ist nach seiner Definition dann eine nicht mehr erklärbare Perversion oder Geisteskrankheit als Resultat von Gefängnisaufenthalt oder Negativerfahrungen.

Der Pariser Anschlag stellte zudem alle bisherigen linken Lebenslügen auf den Kopf. Mohammedkarikaturen wurden nicht von ProKöln-Demonstranten geschwenkt, sondern kamen von trotzkistischen Linken. Benachteiligte und diskriminierte Migranten ließen sich nicht gegen mörderischen Antisemitismus verteidigen. Auch Dennis Yücel oder Stefan Niggemeier konnten und wollten den teils haarsträubenden Verdrehungen nicht mehr folgen, die mittlerweile schon ins kabarettistische abgleiten und DDR-Niveau erreichen (Antifaschistischer Schutzwall etc). In der Summe ist das ein positives Signal.

Komplett irrer Kommentar von Augstein: https://www.spiegel.de/politik/ausland/jakob-augstein-ueber-anschlaege-in-paris-und-unser-verhaeltnis-zum-terror-a-1013013.html

Untersuchung der wahren Gründe von Islamisten (Es ist die Liebe zu Mohammed, die sie antreibt): https://www.welt.de/vermischtes/article136433722/Nach-One-Night-Stand-wurde-Dschihad-Jane-radikal.html

Stil-Blüte
17. Januar 2015 13:18

@ Franschi

Besten Dank, daß Sie den Online-Artikel in der Welt 'Vermischtes ...One-Night-Stand... angeführt haben.

Was folgere ich daraus? Es gibt nicht wenige, die auf Grund ihrer Erfahrung von Verfallserscheinungen des Westens irgendwo und irgendwie Halt in einer Ordnung suchen. Was sind das für Ordnungspunkte, die haltlosen Menschen Halt geben (ich bitte um Ergänzung bzw. Modifizieruntg):

- Umkehr
- Einkehr
- Regelmäßigkeit
- Bindung, Einbindung, Zugehörigkeit, verschworene Gemeinschaft
- Rituale
- e i n Bekenntnis ohne Wenn und Aber
- Töten des Feindes

Hat bzw. hatte die christliche Religion nicht auch diese Tugenden? Ja. Zwei große Unterschiede:

- Liebe deinen Nächsten!
- der Zweifel: Jesus am Kreuz: 'Vater, warum hast Du mich verlassen?'

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