Chronik des Bombenkriegs: 16. Januar 1945 – Der Feuersturm von Magdeburg

Magdeburg zählte 1939 circa 337 000 Einwohner und war die Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen und des Regierungsbezirkes Magdeburg.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die alt­ehr­wür­di­ge Stadt – bereits 968 wur­de hier das Erz­bis­tum von Otto dem Gro­ßen gegrün­det – war im 17. Jahr­hun­dert ein Vor­ort des Pro­tes­tan­tis­mus und wur­de 1630/1631 zer­stört. 310 Jah­re spä­ter flo­gen am 22. August 1940 erst­mal alli­ier­te Bom­ber Angrif­fe auf die Stadt. Das war indes nur ein Vorspiel.

Im Jah­re 1944, als die deut­sche Luft­ho­heit längst ver­lo­ren gegan­gen war, inten­si­vier­ten sich die Atta­cken. Ein schwe­rer Angriff ereig­ne­te sich am 5. August 1944, in des­sen Zuge 683 Men­schen star­ben und 13 000 obdach­los wur­den. Bis Ende 1944 kam es zu wei­te­ren Luft­schlä­gen, 18 ins­ge­samt, bei denen 1690 Men­schen umka­men. Dies alles steht jedoch im Schat­ten des 16. Janu­ars 1945. 371 Flie­ger der Roy­al Air For­ce star­te­ten in Süd­eng­land, wech­sel­ten über dem Reichs­ge­biet mehr­fach den Kurs und nah­men dann Mag­de­burg, das kei­ne nen­nens­wer­te Luft­ab­wehr mehr auf­wei­sen konn­te, ins Visier. Als gegen 21.30 Uhr die Luft­schutz­si­re­nen heul­ten, fie­len bereits die ers­ten Bomben.

Mag­de­burg wur­de mit Leucht­bom­ben erhellt, das Ziel­ge­biet somit mar­kiert. Auf die­se ers­te Wel­le folg­ten Angrif­fe mit Luft­mi­nen, die durch ihre star­ke Spreng­kraft beträcht­li­che Schä­den anrich­te­ten und zahl­rei­che Häu­ser ihrer Dächer ent­le­dig­ten. Dies schuf die Anknüp­fungs­flä­che für die fol­gen­den Wel­len aus Stabbrand‑, Spreng- und Phos­phor­bom­ben. Zahl­rei­che Brand­her­de ent­stan­den, ein Feu­er­sturm ent­wi­ckel­te sich. Selbst der Asphalt auf den Stra­ßen wur­de flüs­sig und begann zu bren­nen. Die Feu­er hör­ten erst meh­re­re Tage nach die­sem 40minütigen Bom­bar­de­ment auf zu lodern.

90 Pro­zent der Innen­stadt und 60 Pro­zent der gesam­ten Stadt wur­den zer­stört. Mag­de­burg ran­giert damit im Zer­stö­rungs­grad deut­scher Groß­städ­te im Luft­krieg weit oben. Etwa 4000 Men­schen star­ben (nach Jörg Fried­rich; ande­re gehen von 2 500 bis 16 000 aus), mehr als die Hälf­te der Ein­woh­ner (190 000) ver­lor Haus und Heim. Auch der Dom blieb nicht, wie häu­fig kol­por­tiert, ver­schont: es wur­den in West­front und Gewöl­be 800 Qua­drat­me­ter Mau­er­werk zerstört.

Lite­ra­tur­hin­wei­se:
Gün­ter Zemel­la: War­um muß­ten Deutsch­lands Städ­te ster­ben? Eine chro­no­lo­gi­sche Doku­men­ta­ti­on des Luft­krie­ges gegen Deutsch­land 1940–1945, 648 S., 24.90 €  hier bestellen
Jörg Fried­rich: Brand­stät­ten.
Der Anblick des Bom­ben­kriegs, 240 S., 25 € – hier bestellen
Bene­dikt Kai­ser: „Die letz­ten Tage der Zer­stö­rung – Bom­ben­krieg 1944/45“, in: Sezes­si­on 63, Dezem­ber 2014, S. 30–35 – hier bestellen

 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (11)

Nemo Obligatur

16. Januar 2015 22:33

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, dieser Artikel fällt aus dem Rahmen der SiN, der zuletzt vor allem durch das Für und Wider von Pegida, dem Islamismus und den damit zusammenhängenden Fragen gesetzt war. Ich bin indes davon überzeugt, dass es eine feste Verbindung zwischen dem Verlust unserer alten Städte und der Verschleuderung unseres Identitätskerns gibt. Wer ab und zu das Glück hat, in einem historischen Stadtzentrum (zu Fuß) oder vielleicht sogar in einer komplett erhaltenen mittelalterlichen Stadt umherstreifen zu können, der wird wissen, wovon ich rede. Der Verlust wird noch schmerzlicher, wenn man alte Stadtansichten betrachtet, einerlei ob frühe Fotografien oder Stiche etc. Jedesmal, wenn ich so ein Bild sehe, wünsche ich mich unwillkürlich in die Szenerie hinein. Der europäische Mensch ist vor allem ein Stadtmensch, wenn auch nicht unbedingt ein Großstadtmensch. Und mit Stadt ist keine bloße Ansammlung von Beton- und Glasbauten gemeint.

Michael Schlenger

17. Januar 2015 01:55

Herr Kaiser,

alles schön und gut - die mit bürokratischer Sorgfalt und technokratischer Präzision erfolgende Vernichtung der letzten noch weitgehend unversehrten Stätten deutscher Identität im Frühjahr 1945 kann nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden.

Für den Kriegsverlauf waren diese Attacken unerheblich - abgesehen davon, dass man auf alliierter Seite erhebliche Ressourcen verschwendet hat - doch letztlich ist die angestrebte Zerstörung der Moral des Gegners mit einigen Jahrzehnten Verzögerung erreicht worden. Insofern möchte ich auch Nemo Obligatur beipflichten.

Nur eine Frage: Warum bedienen Sie sich des neuerdings öfter anzutreffenden verharmlosenden Begriffs "Luftschläge", wenn Bombardierungen von Menschen und Kulturstätten gemeint sind? Das klingt ja fast wie "Flautulenzen", die auch nicht schön, indes verzeihlich sind.

Auch über die 371 "Flieger der RAF" bin ich gestolpert. In den 371 Bombern (von begleitenden Jagdmaschinen nicht zu reden) werden sich deutlich mehr "Flieger" aufgehalten haben, vermutlich fünf oder mehr pro Flugzeug.

Diese Dienstverpflichteten waren übrigens auch 1945 nicht zu beneiden, wurden sie doch von ihrer Regierung mit einem strategisch sinnlosen Himmelfahrtskommando betraut. Mir ist übrigens noch kein Engländer begegnet, der persönlich stolz auf das Ergebnis dieser Einsätze gewesen wäre.

Wirklich schlimm ist aus meiner Sicht, dass die mit der Auslöschung tausendjähriger Städte bewirkte Zerstörung des Selbstbewusstseins der Deutschen nicht thematisiert werden darf, ohne dass auf die Schuld der Frauen, Kinder und Alten in den Luftschutzkellern hingewiesen wird, die das ausdrücklich so gewollt haben und eigens eine entsprechende Diktatur installiert haben.

Die Ödnis der im Krieg eingeebneten deutschen Großstädte - München mag eine glückliche Ausnahme sein - ist für mich "der" Schlüssel zu den Verwüstungen der deutschen Seele. Wer täglich von solcher Verstümmelung und Hässlichkeit umgeben ist, kann kein gesundes Selbstbewusstsein mehr entwickeln. Dazu kommt eine während des Krieges hinreichend erprobte Neigung zum praktischen Betonbau, die den seit anno 1945 hierzulande tätigen Architekten wüste Visionen von rechten Winkeln und niedrigen Decken ins Hirn zementiert hat. Dem neureichen deutschen Immobilienfanatiker wird dieses beschränkte Schuhkartonschema auch noch als wertvolle Bauhaus-Ästhetik verkauft.

Sicher gibt es noch Menschen mit einigermaßen unversehrt gebliebenem Empfinden für die Würde und Schönheit historischer Bauten, doch die suchen ihr Heil in der Flucht ins Ausland oder in entlegene Regionen Deutschlands - und vollziehen damit auf ihre Weise einen Waldgang, der vermutlich ohne dauerhafte Wirkung bleibt, aber dennoch dieselbe Sympathie verdient wie alle Phänomene einer untergehenden Welt.

Das Deutschland, von dem viele träumen, wird es nie wieder geben - die Wurzeln sind gekappt ein für alle Mal. Das heißt aber nicht, dass das Bekenntnis dazu und das Streben danach sinnlos sind.

kolkrabe

17. Januar 2015 06:21

Nemo Obligatur: "Ich bin indes davon überzeugt, dass es eine feste Verbindung zwischen dem Verlust unserer alten Städte und der Verschleuderung unseres Identitätskerns gibt."

Oh ja.

Man sollte ergänzen, dass der Verlust unserer alten Städte dort, wo er nicht durch Bomben verursacht wurde, von unseren Städteplanern, Grundstücksspekulanten, öffentlichen wie privaten Bauherren selbst besorgt wurde - aus Gier, Unverstand und hier und dort sicher auch aus Hass auf das Eigene (im Übrigen waren ja auch Hitler und Speer keine Freunde gotischer Städtebilder, im Fall eines Sieges hätte man die alten Bestände gnadenlos abgeräumt). Die eigentlichen Verwüstungen haben vielerorts erst nach dem Krieg stattgefunden, durch Abriss und Umgestaltung im Kleinen wie im Großen.

Einer im Krieg schwer geschädigten Stadt wie Kiel wurde durch das Nachkriegsprojekt "Autogerechte Innenstadt" erst der Rest gegeben. In Münster hat man unmittelbar nach dem Krieg immerhin verursacht, die historische Altstadt originalgetreu wieder aufzubauen (dem Identitätskern der Münsteraner hat es allerdings nicht viel genützt, sieht, man einmal von der gepflegten westfälischen Puppenstubenbehaglichkeit ab).

Für den bayrischen Raum - und dort vor allem für die Dörfer - hat das eindringlich der Dokumentarfilmer und Autor Dieter Wieland in seiner "Topographie" nachvollziehbar gemacht - die Filme sind, Segen des Internet, auf Youtube abrufbar. Jeder hier, der Wieland noch nicht kennt, sollte sie (alle! mehrfach!) ansehen.

Butz

17. Januar 2015 09:31

Mit der Zerstörung der dt. Kulturlandschaft begann die Zerstörung der dt. Identität. Churchill sagte damals:Es geht nicht um Frieden, sondern darum soviel Deutsche zu grillen wie möglich! Die Verachtung war angelegt und wird bis heute fortgeführt. Nicht nur Magdeburg kann dafür stehen, sondern auch der massenhafte Tod auf den Rheinwiesen! Das waren Kriegsverbrechen der Alliierten!

Nemo Obligatur

17. Januar 2015 09:59

@kolkrabe

Für den bayrischen Raum – und dort vor allem für die Dörfer – hat das eindringlich der Dokumentarfilmer und Autor Dieter Wieland in seiner „Topographie“ nachvollziehbar gemacht – die Filme sind, Segen des Internet, auf Youtube abrufbar. Jeder hier, der Wieland noch nicht kennt, sollte sie (alle! mehrfach!) ansehen.

Vielen Dank für die Ergänzung, lieber Kolkrabe. Vor ein paar Jahren lief auf BR-alpha freitagnachts eine kleine Serie der Beiträge von Dieter Wieland. So bin ich zufällig auf ihn und überhaupt auf das Thema der Verschandelung unserer Städte und Dörfer gestoßen. Herausragend war sein Film über Landshut.

Gert H. Köster

17. Januar 2015 14:54

Die Bomber der Alliierten haben unsere Städte "zurückgebaut", wie es seit ein paar Jahren immer bei Abrissen euphemistisch heißt. Putzig, nicht?

Otto

17. Januar 2015 16:39

@ kolkrabe

Magdeburg wurde nach dem Kriege zur sozialistischen Modellstadt erklärt. Vieles, was zu retten gewesen wäre oder bereits gerettet war, wurde erst dann unwiederbringlich zerstört:

https://www.kirchensprengung.de/cms/kirchensprengung_magdeburg.html

So ist die Stadt der tausend Türme nun für immer verloren.

Jedem, der die alte Schönheit der Stadt auf Ansichtskarten oder in alten Büchern entdeckt, schnürt sich der Hals zu.

Stil-Blüte

17. Januar 2015 19:34

Schwer, so entzetzlich schwer zu verkraften.

Den Wenigen, die noch leben und den anglo-amerikanischen Bomben Terror überlebt haben, dieses Gebet:

Der Herr,
welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Sinne.
Er erhebe Dein Antlitz über mir
und sei uns gnädig.
Der Herr erleuchte mich und
schenke uns Frieden.
Amen.

(Hilfe! Ich benötige protestanischen Nachilfeunterricht!)

Olaf

18. Januar 2015 06:28

Ich denke auch, wie einige Vorredner, dass die Zerstörungen nach dem Kriege nicht zu verachten sind. Massive Bauten, wie Kirchen oder Schlösser hatten oftmals nur kaputte Dächer und Mobiliar, die Steinmauern standen noch und man hätte sie leicht wiederaufbauen können. Bekannte Abrisse sind das Berliner Stadtschloß, das Potsdamer Schloß und die Garnisonskirche. Wer den Fanatismus sieht, mit dem der Wiederaufbau der Garnisonskirche in Potsdam zur Zeit verhindert wird, kann sich leicht vorstellen, wie die SED gewütet hat, um Schlösser und Kirchen platt zu machen. Die Ruine der K.W. Gedächtniskirche mit dem modernen Anbau sieht übrigens auch scheußlich aus, aber unsere Politclowns werden nix daran ändern.

KW

18. Januar 2015 11:49

Die Hamburger Nicolaikirche steht bis heute als Ruine, aber für diese häßliche Elb-Philharmonie ist Geld da. Was die Alliierten nicht schafften, das schaffen die sozialistischen Jacobiner im tiefroten Senat und der Bürgerschaft. Dagegen hat man einiges wieder aufgebaut, was im Sozialismus verrottet war, Stralsunds Innenstadt ist bis auf paar häßliche Zwischenbauten recht ordentlich geworden.

Gert H. Köster

18. Januar 2015 12:35

@ Olaf
Auch in Niedersachsen ein Negativbeispiel: Abriß der Braunschweiger Schloßruine auf Betreiben der damaligen SPD-Oberbürgermeisterin.

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