Sezession
19. Januar 2015

Lichtmesz: „Kann nur ein Gott uns retten?“ – Leserrezension I

Gastbeitrag / 8 Kommentare

gottlichtmeszWir riefen vor gut zwei Wochen unsere Leser dazu auf, das faszinierende Buch Kann nur ein Gott uns retten? von Martin Lichtmesz zu rezensieren. Einsendeschluß ist morgen, eingereicht haben bereits sieben Leser, und weil PEGIDA und LEGIDA, BAGIDA und WÜGIDA nicht alles sind im Leben, soll bereits heute die erste Besprechung erscheinen. Andreas Städter hat sie verfaßt (bitte noch einen Buchwunsch äußern!):

Vielleicht ist der Vergleich nicht ganz passend, aber tatsächlich hatte ich bei der Lektüre von Martin Lichtmesz‘ großartigem Buch „Kann nur ein Gott uns retten?“ einen ähnlichen Lesegenuß und –gewinn wie vor Jahrzehnten bei dem Buch „Existiert Gott?“ von Hans Küng, an das ich mich beim Lesen des neuen Buches erinnerte. Damals verschaffte mir Küng einen ersten Überblick über die Teile der Philosophie, die mich seit dieser Zeit bis heute interessieren.

Die Gottesfrage wird auch in Lichtmesz‘ umfangreichem Werk durch die zitierten oder exzerpierten Ideen verschiedenster Denker und Dichter umkreist, allerdings nicht hinsichtlich der Klärung, ob die Annahme der Existenz Gottes oder der Glaube daran rational zu vertreten ist, sondern wie Hilfreich eine solche Annahme, ein solcher Glaube in der heutigen Krise sein kann, in der das, was immer galt, durch die Moderne und ihrer neuen Weltordnung abgelöst und zerstört zu werden droht.

Im X. Kapitel kanzelt Lichtmesz das Weltethosprojekt Küngs allerdings en passant ab. Lichtmesz‘ Frage, ob nur ein Gott uns noch retten könne, bezieht sich in erster Linie auf den christlichen Gott, vor allem auf den, der von der katholischen Kirche vertreten wird. Diese auf dem Boden Roms gründende Kirche wird auch als der Fels vor Augen geführt, auf dem die Kultur des Abendlandes erblühte und die der diabolischen Auflösung aller Dinge letzten Widerstand entgegensetzen könnte und sollte. Aber auch dieser Fels ist ins Wanken geraten, wie Carl Schmitt nach dem 2. Vatikanischen Konzil feststellte, was in dem Buch angeführt wird.

So wird der Leser bei der Lektüre von einer ihn hochtragenden Welle immer wieder in den nächsten Abgrund geschwemmt. Die positiven, starken, hilfreichen Seiten des Christentums werden herausgestellt, doch dann wird stets gezeigt, wie der Glaube, der erst in Europa zur vollen Entfaltung und Macht kam, mittlerweile zu schwach, zu gespalten, zu feige, angepaßt, unterwandert und wehrlos geworden ist, um noch lange den Untergang aufhalten zu können, den der Christ allerdings als Endziel der weltlichen Entwicklung von Anfang an vor Augen hat oder haben sollte.

Die anderen Möglichkeiten der religiösen Rückbesinnung zur Stärkung der Widerstandskraft werden allerdings nicht außer acht gelassen: die paganen ursprünglichen Religionen Europas und der integrale Traditionalismus wie auch die Mystik, sei sie nun gottbezogen oder bloß politisch verstandene Mythenbildung zur Fundierung des Abendlandes. Diese verschiedenen Richtungen der Rückbindung, der religio, sollten nach Lichtmesz‘ Auffassung nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Dies entspricht auch meiner Meinung. Vor wenigen Jahren habe ich mich nach einigen Reisen nach Rom als geborener und getaufter Protestant der römischen Kirche gedanklich, emotional und im Hinblick auf die praktische Politikfähigkeit angenähert bei grundsätzlicher Überzeugung, daß die religiösen Wahrheiten in ursprünglichen, übergreifenden religiösen Ideen der Menschheit oder wenigstens der indogermanischen Kultur zu finden sind oder auch in der Mystik, die zu einem eigenen religiösen Wissen führt, das nur in der Sprache der verschiedenen Religionen dieser Welt ausgedrückt wird, aber letztlich immer dasselbe meint. Damit setzte ich mich dann in eigenen literarischen Arbeiten auseinander, zwar in ganz anderer Form als Lichtmesz, doch war die Freude dennoch groß, gedankliche Anknüpfungspunkte und weiterführende Informationen und Überlegungen in dem Werk von Martin Lichtmesz zu finden.

Bei seinen Schlußbetrachtungen waren meine Gefühle beim Lesen jedoch nicht ganz eindeutig. Die zitierte längere Stelle aus Jüngers „Der Waldgang“ hatte ich bereits früher wenigstens zweimal gelesen, doch ihre tiefe Bedeutung für mich offenbar wieder vergessen. Ihr konnte ich voll zustimmen, und sie gab mir Kraft. Die folgende Meditation von Charles Péguy erschien mir dann als Glorifizierung des verlorenen Postens und spendete mir wenig Trost, was vielleicht daran liegt, daß ich Péguy bisher nicht kannte und nicht richtig einordnen kann.

Richtig ist jedenfalls, daß die Kreuzzüge heute vor der Haustür stattfinden, wobei es nicht gut aussieht, die Mauern des Eigenen halten zu können, doch ohne Gottvertrauen wird es unmöglich sein, denn die Stärke des Islams, der auch positive Seiten hat im Gegensatz zu den Auflösungsideologien des Westens, liegt ebenfalls in dessen Gottvertrauen.


 Gastbeitrag

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Kommentare (8)

Kaliyuga
19. Januar 2015 23:33

Vielen Dank, Herr Städter, für Ihre erhellend persönliche und eingängige Rezension.

Wer es hören will: Wien hat, selbst in diesen Zeiten, nennenswerte und im Danken denkende Männer des Glaubens hervorgebracht:

Gerd-Klaus Kaltenbrunner, mit mystischem Tiefgang, „Johannes ist sein Name“.

Don Floriano Abrahamowicz, aufrecht, standhaft, unbeirrt, der Tradition hörend, in Venetien:

https://www.youtube.com/watch?v=PkjR05H9aiI

Prof. P. Dr. Bernhard Vosicky OCist, passend, mit reiner und froher Stimme, just zu „Endzeit und Apokalypse“:

https://www.youtube.com/watch?v=O6_Zz-moKog

Und nun Herr Martin Lichtmesz, dem ich recht herzlich einen guten Weg wünsche.

Matt Anon O'Herne
19. Januar 2015 23:33

Das klingt wie eine wirklich lesenswerte Lektüre: spirituelle Nahrung für Seele und Geist in diesen gottverlassenen Zeiten! Nichts anderes war von Martin Lichtmesz zu erwarten. Das Buch steht auf meiner Wunschliste!

Ein Fremder aus Elea
19. Januar 2015 23:45

"um noch lange den Untergang aufhalten zu können, den der Christ allerdings als Endziel der weltlichen Entwicklung von Anfang an vor Augen hat oder haben sollte."

Lasset euch niemand verführen in keinerlei Weise; denn er kommt nicht, es sei denn, daß zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, das Kind des Verderbens, der da ist der Widersacher und sich überhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also daß er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich aus, er sei Gott.
Gedenket ihr nicht daran, daß ich euch solches sagte, da ich noch bei euch war? Und was es noch aufhält, wisset ihr, daß er offenbart werde zu seiner Zeit. Denn es regt sich bereits das Geheimnis der Bosheit, nur daß, der es jetzt aufhält, muß hinweggetan werden; und alsdann wird der Boshafte offenbart werden, welchen der HERR umbringen wird mit dem Geist seines Mundes und durch die Erscheinung seiner Zukunft ihm ein Ende machen, ihm, dessen Zukunft geschieht nach der Wirkung des Satans mit allerlei lügenhaftigen Kräften und Zeichen und Wundern und mit allerlei Verführung zur Ungerechtigkeit unter denen, die verloren werden, dafür daß sie die Liebe zur Wahrheit nicht haben angenommen, auf daß sie selig würden.

Ist der Sinn dieser Worte wirklich, daß man "den Untergang als Endziel der weltlichen Entwicklung von Anfang an vor Augen haben sollte"?

Oder heißen sie nicht vielmehr, daß jeder Felsen mit der Zeit erneuert werden muß?

Die Lüge wird überhand nehmen, denn das Alte verwelkt, aber der Herr wird ihr mit der Erscheinung seiner Zukunft ein Ende bereiten. Zukunft. Ein Ende lediglich für die Lüge.

Ich bin hier auch nur noch, um zu bekennen. Zu bekennen, daß meine Heimat, zu welcher ich zurückfinde, nicht von dieser Welt ist, sondern daß diese Welt von ihr ist.

Die relevanten Fragen sind: "Wer träumt?" und "Was träumt er?"

Nur Mut. Schauen Sie einfach immer nur das Negativ im photographischen Sinne einer Person an, und Sie sehen die Wahrheit.

Wie zum Beispiel hier im Falle von Steve Winwood:

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2015/01/in-different-light.html

Aber auch Merkel, Putin, Obama, Draghi und wie sie alle heißen werden so transparent, also Merkel aufmerksamkeitssüchtig, Putin Kader, Obama Aufschneider, Draghi Assassine.

Rama wird immer blau dargestellt... ebenso wie das Taborlicht... interessant... was soll man mehr dazu sagen?

Monika
20. Januar 2015 11:49

"Nichts Endliches kann eine Menschenseele befriedigen, in der das Bedürfnis nach dem Ewigen sich regt"
( Kiergegaard)

"Und ich sehnte mich nach einem Menschen, mit dem ich über alles hätte reden können, selbst über Gott, ohne ausgelacht zu werden. Ihn, der mir 'näher als meine Halsschlagader war' suchte ich auch noch."
Arnold Stadler

Ich hab das wohl zum erstenmal mit acht oder neun Jahren gemerkt, in der Kirche, bei der Messe, daß das niemand mehr so richtig ernst nimmt. Und das hat mich als Kind geärgert, weil ich mich anstrengen wollte. Ich wollte, daß das ernst ist, daß alle dabei sind und nicht nur so tun als.
Martin Lichtmesz , Sezession 62, Kulturkritik

1. Das Buch Kann nur ein Gott uns retten ist aus "der Sehnsucht nach dem Ewigen" entstanden und geschrieben und wird all die ansprechen, die die gleiche Sehnsucht haben und darüber ernsthaft sprechen wollen.
Ein solches Buch ( in zeitgemäßer Sprache) gab es lange, lange nicht.
Denn: in der postmodernen Gesellschaft kann über alles gesprochen ( oder gezeichnet) werden, nur nicht über Gott.

2. Das Buch von Martin Lichtmesz ist ein weitestgehender gelungener Versuch, das Göttliche wieder in die Sprache zu bringen. Ernsthaft. Tiefgründig. Und zwar nicht als theologische Abhandlung oder als Erbauungsbuch.

3. Nach dem Ende der Metaphysik ist Gott endgültig tot. Institutionell eingebundene Religion ( Lehre, Dogma, Kult) wird zunehmend un-verbindlich. Das ihr zugrunde liegende metaphysische Gottes/und Menschenbild erweist sich als unbrauchbar, konkrete Menschen in ihrer erfahrenen Religiosität zu verbinden.
Nur noch auf der Erfahrungsebene gibt es derzeit Verbindlichkeiten. Lichtmesz geht also nicht von einem theologisch konstruierten Gott aus, sondern mit William James von der " Vielfalt religiöser Erfahrung". Er gelangt zu der Erkenntnis: "Gott ist tot, aber ich vermisse ihn sehr" . Es stellt sich die Frage: Ist das nur ein Phantomschmerz oder ein realer Schmerz? (Hier möge mich Herr Lichtmesz korrigieren!)

4. Zum Titel Kann nur ein Gott uns retten?. Diese Frage beinhaltet natürlich unausgesprochene Ängste. Sind wir Menschen ohne einen Gott hilflos verloren? Und die bange Hoffnung, daß es einen Gott geben möge, der uns retten kann. Und, da es die Menschheit nicht mehr gibt, bleibt nur mein armseliges Ich.
Das Kapitel "Die Ohnmacht der christlichen Nächstenliebe" zeigt das Dilemma auf. Selbst ein Papst sagt nach der Erfahrung , von Millionen von Menschen in Manila bejubelt worden zu sein zu den Katholiken: Ich müsst euch nicht vermehren wie die Karnickel.

5. Das Titelbild des Buches zeigt eine Wendeltreppe, die hoch ins Licht führt. Eine alte Ausgabe von Joris-Karl Huysmans Buch ( Tief unten, là-bas) zeigt meiner Erinnerung nach eine Wendeltreppe, die nach unten führt.

Joris-Karl Huysman sieht in der Ästhetik des Katholizismus (Musik, Gemälde, Verse) die Rettung.
Aber: Da liegt sie nicht! Oder, nicht nur. Da Protagonist in Soumission (Unterwerfung) von Houellebecq ist sinnigerweise Huysman - Forscher. Das bewahrt ihn nicht vor einer Unterwerfung.

Vorläufiges Fazit: Lichtmesz hat die entscheidenden religiösen Fragen der Postmoderne aufgeworfen. Dazu braucht es keine Theologen oder Kirchenmänner. (Hans Küng, der verhinderte Papst, ist mit seinem Weltethos grandios gescheitert.)

Was bleibt ? Die Hoffnung auf Strahlkerne, die eine Wiedergeburt Europas einleiten könnten.
Hier paßt natürlich auch wunderbar das Lichtmesz Büchlein " ich bin nicht Charlie" hinein.

Frenchman
20. Januar 2015 19:33

Ich habe das Buch als Atheist mit Gewinn gelesen.

Es ist ein interessanter geistesgeschichtlicher Waldgang. Man muss gewisse christliche Prämissen und Schlussfolgerungen nicht teilen, doch es zeigt, wie schwer man sich als kleiner Mensch von der Religion befreien kann.

Langsam glaube ich, dass der Atheismus nichts für die Masse ist. Ich bin aber überzeugt, dass er was für starke Menschen ist.

Der Atheist ringt stärker mit seiner Weltanschauung, weil er mit seiner Erkenntnis alleine dasteht. Die Wahrheit auszuhalten, dass es keinen Gott gibt, ist unglaublich schwer. Hat man sich damit erst einmal abgefunden, fühlt man sich frei und stark. Man will sich nie mehr diese geistigen Fesseln anlegen lassen.

Das Buch kann ich jedermann empfehlen.

neocromagnon
28. Januar 2015 15:26

@Frenchman
Komisch, meine Erfahrung ist genau entgegengesetzt. Leicht ist es anzunehmen, daß nur wirklich ist, was ich sehen und fühlen kann. Es ist naheliegend, weil ich es jeden Tag selber erlebe. Mein Geist will erhaben sein. Schwer ist es zu akzeptieren, daß ich als Mensch in die Welt geworfen bin und im Grunde nichts dafür kann. Weder mein Körper, noch meine geisigen Fähigkeiten sind aus mir selbst heraus entstanden. Ich bin plötzlich da, habe Fähigkeiten und Talente und erlebe die Welt. Ich bin mit jeder Faser meiner Existenz äusseren Einflüssen unterworfen, bin ein Spielball einer unergründlichen Wirklichkeit.
Und dann gibt es da den Glauben, der von mir verlangt, ohne jede Sicherheit oder Rückversicherung zu vertrauen, daß dort noch etwas weit größeres ist. Der Glaube ist eine geistige Leistung, eine Anstrengung, kein bequemer Ausweg.

Michael Sack
8. Mai 2015 14:12

Ihr Lieben, heute habe ich hier her gefunden. Und merken können, daß hier noch kommentiert werden kann. Dazu will ich mir aber einige nötige Zeit noch nehmen, auch, um die Rezensionen über das Buch von M.L. einzusehen. Also bitte hier diesen Kommentarbereich nicht schließen.

MfG, MS

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