Sezession
3. März 2015

Houellebecq: „Unterwerfung“ – Leserrezension I

Gastbeitrag / 3 Kommentare

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Wie bereits von Götz Kubitschek beschrieben, hat sich die Lektüre des vielbeachteten neuen Houellebecq-Romans Unterwerfung (hier zur Bestellung) innerhalb der hiesigen Autorenschaft einige Zeit hingezogen. Unsere Leser waren unterdessen fleißig; es folgt die erste Leserrezension aus der Feder von Peter Marselis:

Houellebecqs neuer Roman „Unterwerfung“ handelt von der Machtübernahme des Islam in Frankreich in Gestalt des demokratisch gewählten Präsidenten Ben Abbes und der Rolle der französischen intellektuellen Elite dabei – im Roman verkörpert durch die Hauptfigur François, einen Literaturprofessor in Paris. Es liegt nahe, das Buch als politischen Roman in der Tradition von Jean Raspails „Heerlager der Heiligen“ zu sehen. Tatsächlich würde man damit aber den Autor und sein Werk verkennen.

Das übergreifende Thema von Houellebecqs Romanen ist die Beziehungsunfähigkeit des modernen westlichen Menschen, die Abwesenheit selbstloser Liebe zwischen Mann und Frau und daraus folgend die Unfähigkeit, Familien zu gründen und in Liebe die eigenen Kinder aufzuziehen. Grund hierfür ist die moderne Konsumgesellschaft und die nihilistische Zerstörungswirkung der 68er-Bewegung, die die Liebe als innige exklusive Zuneigung zweier Menschen zueinander auf Lustgewinn reduziert und zum Gegenstand eines erbarmungslosen Konkurrenzkampfes gemacht hat. Außer einigen wenigen begehrenswerten Menschen verlassen die meisten dieses Schlachtfeld früher oder später geschlagen, deprimiert und unwiderruflich einsam.

Das Streben nach Triebbefriedigung wird schal und mit zunehmendem Alter vergeblich. Die Weigerung, Nachwuchs zu zeugen, kommt einer versteckten Todessehnsucht gleich. Seine Helden sterben einsam und erleichtert darüber, dass es endlich vorbei ist. Und so sterben auch seine Gesellschaften; freilich je nach Roman unterschiedlich. Während es in den „Elementarteilchen“ noch genetisch veränderte Menschen sind, treten in „Die Möglichkeit einer Insel“ humanoide Reproduktionen einst Verstorbener die Nachfolge an. Noch verbliebene, natürlich gezeugte Menschen sterben aus oder degenerieren zu Steinzeitmenschen.

In „Karte und Gebiet“ ist es schließlich die Vegetation, die den Sieg davonträgt. Auch die Religionen sind vom Untergang nicht ausgenommen – in den „Elementarteilchen“ versagt zuerst das Christentum, dessen versuchte Anbiederung mit Slogans wie „Mit Jesus lebst du intensiver“ scheitert, doch eine Generation später haben sich auch die Moslems dem Konsumrausch und Nihilismus ergeben.

Das jetzige Buch stellt eine Neuerung dar – zwar ist die westliche Welt nach wie vor zum Untergang verdammt, aber diesmal wird sie durch die vitalere islamisch-arabische Kultur ersetzt. In ihr definiert sich der Mensch durch Glaube, Familienzugehörigkeit und Geschlechterrolle. Lebenssinn, Werte und Aufgaben eines jeden sind dadurch von außen klar und unwiderruflich vorgegeben, es gibt keinen Platz für Einsamkeit, Identitätskrisen und Fortpflanzungsverweigerung.

Die Ausbreitung des Islams ist im Roman bisher durch Einwanderung, Geburtenzahlen, Integrationsverweigerung und mehr und mehr auch durch bürgerkriegsähnliche Gewaltausbrüche forciert worden. Bei der Präsidentschaftswahl 2022 wird aber ein diplomatisches Meisterstück des charismatischen muslimischen Präsidentschaftskandidaten Mohammed Ben Abbes entscheidend: Er kooptiert die (männliche) französische Elite durch eine Mischung aus saudischem Geld, Karriereaussichten (durch die von Frauen zwangsgeräumten Arbeitsplätze) und sexueller Erfüllung – erfolgreiche Männer können eine oder gar mehrere junge Frauen heiraten, die als Musliminnen das unterwürfige Gegenstück zur emanzipierten westlichen Frau darstellen.

Neben diesen Verlockungen ist für die politisch-mediale Elite von entscheidender Bedeutung, einen Sieg des Front National zu verhindern. Im Gegenzug wird die Bildungspolitik als Kernressort der Muslimbruderschaft überlassen, die sich sofort an die Konfessionalisierung des Unterrichts mit starker Bevorzugung der islamischen Schulen macht. Mit dem Kampf um die Köpfe gewinnt die Muslimbruderschaft die Zukunft – mit der Ausweitung der EU auf Nordafrika und die Türkei ist zudem auch langfristig die Islamisierung des Kontinents gesichert.


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Kommentare (3)

Monika
3. März 2015 17:29

Eine sehr klare, strukturierte, kenntnisreiche Rezension. Schön auch, daß Bezug auf die vorausgegangenen Bücher von Houellebecq genommen wird.
Und eine Suche nach Sinn erkennbar wird. Die sehe ich in "Unterwerfung " auch, ohne die vorhergehenden Bücher zu kennen. Ich tippe mal, dass H. 2022 nicht zum Islam konvertiert, sondern eher katholisch wird.
So Gott will.
"Die spannenden politischen Fragen stellt H. nicht". Das stimmt. Und da sind eher düstere Szenarien denkbar. Siehe Raspail.
Für die Rezension gibt es von mir : 9 von 10 Punkten.

Luise Werner
3. März 2015 20:43

Schließe mich @Monika an. Flüssig geschriebene Rezension. Mein Mann liest Houellebecq, ich bislang immer nur die ersten 30 Seiten. Mal sehen ...

eulenfurz
4. März 2015 08:41

Klasse, eine gelungene Rezension, die Bögen zwischen dem Autor, seinen Werken, den Quintessenzen seines zu besprechenden Buches und dem realexistierenden Zeitgeist schlägt. 10 von 10 Punkten!

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