Houellebecq: “Unterwerfung” – Leserrezension I

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Wie bereits von Götz Kubitschek beschrieben, hat sich die Lektüre des vielbeachteten neuen Houellebecq-Romans Unterwerfung (hier zur Bestellung) innerhalb der hiesigen Autorenschaft einige Zeit hingezogen. Unsere Leser waren unterdessen fleißig; es folgt die erste Leserrezension aus der Feder von Peter Marselis:

 Gastbeitrag

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Hou­el­le­becqs neu­er Roman „Unter­wer­fung“ han­delt von der Macht­über­nah­me des Islam in Frank­reich in Gestalt des demo­kra­tisch gewähl­ten Prä­si­den­ten Ben Abbes und der Rol­le der fran­zö­si­schen intel­lek­tu­el­len Eli­te dabei – im Roman ver­kör­pert durch die Haupt­fi­gur Fran­çois, einen Lite­ra­tur­pro­fes­sor in Paris. Es liegt nahe, das Buch als poli­ti­schen Roman in der Tra­di­ti­on von Jean Ras­pails „Heer­la­ger der Hei­li­gen“ zu sehen. Tat­säch­lich wür­de man damit aber den Autor und sein Werk verkennen.

Das über­grei­fen­de The­ma von Hou­el­le­becqs Roma­nen ist die Bezie­hungs­un­fä­hig­keit des moder­nen west­li­chen Men­schen, die Abwe­sen­heit selbst­lo­ser Lie­be zwi­schen Mann und Frau und dar­aus fol­gend die Unfä­hig­keit, Fami­li­en zu grün­den und in Lie­be die eige­nen Kin­der auf­zu­zie­hen. Grund hier­für ist die moder­ne Kon­sum­ge­sell­schaft und die nihi­lis­ti­sche Zer­stö­rungs­wir­kung der 68er-Bewe­gung, die die Lie­be als inni­ge exklu­si­ve Zunei­gung zwei­er Men­schen zuein­an­der auf Lust­ge­winn redu­ziert und zum Gegen­stand eines erbar­mungs­lo­sen Kon­kur­renz­kamp­fes gemacht hat. Außer eini­gen weni­gen begeh­rens­wer­ten Men­schen ver­las­sen die meis­ten die­ses Schlacht­feld frü­her oder spä­ter geschla­gen, depri­miert und unwi­der­ruf­lich einsam.

Das Stre­ben nach Trieb­be­frie­di­gung wird schal und mit zuneh­men­dem Alter ver­geb­lich. Die Wei­ge­rung, Nach­wuchs zu zeu­gen, kommt einer ver­steck­ten Todes­sehn­sucht gleich. Sei­ne Hel­den ster­ben ein­sam und erleich­tert dar­über, dass es end­lich vor­bei ist. Und so ster­ben auch sei­ne Gesell­schaf­ten; frei­lich je nach Roman unter­schied­lich. Wäh­rend es in den „Ele­men­tar­teil­chen“ noch gene­tisch ver­än­der­te Men­schen sind, tre­ten in „Die Mög­lich­keit einer Insel“ huma­no­ide Repro­duk­tio­nen einst Ver­stor­be­ner die Nach­fol­ge an. Noch ver­blie­be­ne, natür­lich gezeug­te Men­schen ster­ben aus oder dege­ne­rie­ren zu Steinzeitmenschen.

In „Kar­te und Gebiet“ ist es schließ­lich die Vege­ta­ti­on, die den Sieg davon­trägt. Auch die Reli­gio­nen sind vom Unter­gang nicht aus­ge­nom­men – in den „Ele­men­tar­teil­chen“ ver­sagt zuerst das Chris­ten­tum, des­sen ver­such­te Anbie­de­rung mit Slo­gans wie „Mit Jesus lebst du inten­si­ver“ schei­tert, doch eine Genera­ti­on spä­ter haben sich auch die Mos­lems dem Kon­sum­rausch und Nihi­lis­mus ergeben.

Das jet­zi­ge Buch stellt eine Neue­rung dar – zwar ist die west­li­che Welt nach wie vor zum Unter­gang ver­dammt, aber dies­mal wird sie durch die vita­le­re isla­misch-ara­bi­sche Kul­tur ersetzt. In ihr defi­niert sich der Mensch durch Glau­be, Fami­li­en­zu­ge­hö­rig­keit und Geschlech­ter­rol­le. Lebens­sinn, Wer­te und Auf­ga­ben eines jeden sind dadurch von außen klar und unwi­der­ruf­lich vor­ge­ge­ben, es gibt kei­nen Platz für Ein­sam­keit, Iden­ti­täts­kri­sen und Fortpflanzungsverweigerung.

Die Aus­brei­tung des Islams ist im Roman bis­her durch Ein­wan­de­rung, Gebur­ten­zah­len, Inte­gra­ti­ons­ver­wei­ge­rung und mehr und mehr auch durch bür­ger­kriegs­ähn­li­che Gewalt­aus­brü­che for­ciert wor­den. Bei der Prä­si­dent­schafts­wahl 2022 wird aber ein diplo­ma­ti­sches Meis­ter­stück des cha­ris­ma­ti­schen mus­li­mi­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Moham­med Ben Abbes ent­schei­dend: Er koop­tiert die (männ­li­che) fran­zö­si­sche Eli­te durch eine Mischung aus sau­di­schem Geld, Kar­rie­re­aus­sich­ten (durch die von Frau­en zwangs­ge­räum­ten Arbeits­plät­ze) und sexu­el­ler Erfül­lung – erfolg­rei­che Män­ner kön­nen eine oder gar meh­re­re jun­ge Frau­en hei­ra­ten, die als Mus­li­min­nen das unter­wür­fi­ge Gegen­stück zur eman­zi­pier­ten west­li­chen Frau darstellen.

Neben die­sen Ver­lo­ckun­gen ist für die poli­tisch-media­le Eli­te von ent­schei­den­der Bedeu­tung, einen Sieg des Front Natio­nal zu ver­hin­dern. Im Gegen­zug wird die Bil­dungs­po­li­tik als Kern­res­sort der Mus­lim­bru­der­schaft über­las­sen, die sich sofort an die Kon­fes­sio­na­li­sie­rung des Unter­richts mit star­ker Bevor­zu­gung der isla­mi­schen Schu­len macht. Mit dem Kampf um die Köp­fe gewinnt die Mus­lim­bru­der­schaft die Zukunft – mit der Aus­wei­tung der EU auf Nord­afri­ka und die Tür­kei ist zudem auch lang­fris­tig die Isla­mi­sie­rung des Kon­ti­nents gesichert.

Wie bereits ange­deu­tet, ist der poli­ti­sche Aspekt rela­tiv banal: Poli­ti­sche Eli­ten, die lie­ber den Unter­gang der eige­nen Kul­tur in Kauf neh­men, als mit den Rech­ten zu koalie­ren, Medi­en, die den Bür­ger­krieg tot­schwei­gen, Intel­lek­tu­el­le, die jen­seits aller Lip­pen­be­kennt­nis­se sorg­fäl­tig ihren Wohn­be­zirk abseits mög­li­cher Brand­her­de wäh­len – all dies ist bereits Rea­li­tät oder wird es doch so bald sein, dass zur Beschrei­bung kaum noch visio­nä­re Kraft not­wen­dig ist.

Die span­nen­den poli­ti­schen Fra­gen stellt Hou­el­le­becq nicht: wie ange­sichts der Abschaf­fung des Sozi­al­staats die mus­li­mi­sche Unter­schicht ruhig­ge­hal­ten wird, wie ein intel­lek­tu­el­ler Brain-Drain jun­ger, gut aus­ge­bil­de­ter Fran­zo­sen ver­hin­dert wer­den kann, wel­che Gegen­wehr von den neu­en Benach­tei­lig­ten kommt: den eman­zi­pier­ten Frau­en, der ein­hei­mi­schen Unter­schicht oder den kin­der­lo­sen Alten, die bis­her vom Staat ver­sorgt wur­den. Auch wenn kei­ne die­ser Schich­ten ein revo­lu­tio­nä­res Poten­ti­al hat – poli­tisch und wirt­schaft­lich wäre das Ben-Abbes-Kon­zept alles ande­re als ein Selbstgänger.

Aber Hou­el­le­becq geht es eben nicht um die poli­ti­sche Uto­pie. Er zeigt den Erfolg des Islam, der die Eli­ten erst mit ihren nie­de­ren Instink­ten ködert, den ent­schei­den­den Sieg aber dadurch erringt, dass er das west­li­che Wer­teva­ku­um füllt, Sinn stif­tet, Ord­nung in die Geschlech­ter­be­zie­hun­gen bringt und Repro­duk­ti­on wie­der mög­lich macht. Das Chris­ten­tum leis­te­te dies frü­her, aber es besitzt die Strahl­kraft nicht mehr – Fran­çois schei­tert bei sei­nem Ver­such einer Besin­nung im Kloster.

Durch sei­ne Kultro­ma­ne „Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne“ und „Ele­men­tar­teil­chen“ wur­de Hou­el­le­becq in den Neun­zi­gern ein Trend­set­ter der Beschrei­bung der sinn­ent­leer­ten west­li­chen Gesell­schaft und avan­cier­te zu Frank­reichs berühm­tes­tem leben­den Schrift­stel­ler. Somit gehört er eben­falls zur Eli­te und teilt mit die­ser auch alle von ihm beschrie­be­nen Ver­falls­sym­pto­me: Er ist 58 Jah­re alt, war nie ein ech­ter Vater, hat zwei geschei­ter­te Ehen hin­ter sich und fin­det sich offen­bar mit fort­schrei­ten­dem Alter immer weni­ger mit der Lee­re sei­nes Lebens ab.

Wäh­rend er noch bis Anfang der Jahr­tau­send­wen­de einen aggres­si­ven Athe­is­mus vor sich her­trug – den Islam kri­ti­sier­te er ein­mal als die dümms­te Reli­gi­on der Welt –, hat er sich seit­dem par­al­lel zu sei­nen auto­bio­gra­phi­schen Roman­hel­den auf die Sinn­su­che bege­ben. Zunächst führ­te dies sei­ne Roman­hel­den zu der Sci­ence-Fic­tion-arti­gen Sek­te der Raelia­ner – und Hou­el­le­becq selbst zu einer Kon­fe­renz eben­die­ser, die in eine per­sön­li­che Freund­schaft mit dem Sek­ten­grün­der mün­de­te. Zwölf Jah­re spä­ter beschäf­tigt er sich mit dem Islam – in einem Inter­view gab er an, die­sen nicht mehr für die dümms­te Reli­gi­on zu hal­ten, da er inzwi­schen den Koran gele­sen habe. Und die Haupt­fi­gur Fran­çois spielt am Ende der „Unter­wer­fung“ die Kon­ver­si­on in allen Ein­zel­hei­ten gedank­lich durch, um zu dem Schluss zu kom­men: „Es wäre die Chan­ce auf ein zwei­tes Leben, das nicht beson­ders viel mit dem vor­he­ri­gen gemein haben wür­de. Ich hät­te nichts zu bereuen.“

Fran­çois wird also, wie wohl die Mehr­heit der fran­zö­si­schen Eli­te, der Sinn­lo­sig­keit sei­nes Lebens durch Kon­ver­si­on ent­flie­hen. Und Michel? Auf der Titel­sei­te der schick­sal­haf­ten Aus­ga­be von Char­lie Heb­do vom 7. Janu­ar war eine Kari­ka­tur von ihm abge­bil­det, mit den Wor­ten: „2015 ver­lie­re ich mei­ne Zäh­ne, 2022 feie­re ich Rama­dan“. Dann wäre Hou­el­le­becq 65. Und viel­leicht aber­mals ein Trendsetter.

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Kommentare (3)

Monika

3. März 2015 17:29

Eine sehr klare, strukturierte, kenntnisreiche Rezension. Schön auch, daß Bezug auf die vorausgegangenen Bücher von Houellebecq genommen wird.
Und eine Suche nach Sinn erkennbar wird. Die sehe ich in "Unterwerfung " auch, ohne die vorhergehenden Bücher zu kennen. Ich tippe mal, dass H. 2022 nicht zum Islam konvertiert, sondern eher katholisch wird.
So Gott will.
"Die spannenden politischen Fragen stellt H. nicht". Das stimmt. Und da sind eher düstere Szenarien denkbar. Siehe Raspail.
Für die Rezension gibt es von mir : 9 von 10 Punkten.

Luise Werner

3. März 2015 20:43

Schließe mich @Monika an. Flüssig geschriebene Rezension. Mein Mann liest Houellebecq, ich bislang immer nur die ersten 30 Seiten. Mal sehen ...

eulenfurz

4. März 2015 08:41

Klasse, eine gelungene Rezension, die Bögen zwischen dem Autor, seinen Werken, den Quintessenzen seines zu besprechenden Buches und dem realexistierenden Zeitgeist schlägt. 10 von 10 Punkten!

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