4. März 2015

Houellebecq: „Unterwerfung“ – Leserrezension II

Gastbeitrag / 19 Kommentare

michel-houellebecq_unterwerfung_720x600Als zweite der vielen eingegangenen Leserrezensionen zu Michel Houellebecqs Skandalroman "Unterwerfung" (mehr Informationen hier) haben wir - nach den Gedanken Peter Marselis' - folgenden Text aus der Feder Tobias Fembachers ausgewählt:

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  • Sezession

Nach den raschen und sehr holzschnittartigen Reaktionen auf das Erscheinen von Michel Houellebecqs "Unterwerfung" war ich mir nicht sicher, ob ich den Roman lesen sollte. Würde er sprachlichen Gewinn und neue Erkenntnis über das vom Autor Bekannte hinaus bieten? Die Lektüre hat sich in jedem Falle gelohnt. Houellebecq als genauen Beobachter und Visionär jenseits des europäischen Einheitsdenkens zu erleben, schärft die eigene Kritikfähigkeit an bestehenden Verhältnissen, auch wenn der Autor sprachlich eindringlichere Werke vorweisen kann.

Houellebecq zeigt in "Unterwerfung" den Literaturwissenschaftler François als typischen Repräsentanten des bildungsbürgerlichen universitären Elfenbeinturms. François hat sich den französischen Romancier und Dekadenzschriftsteller Joris-Karl Huysmans als "alter ego" erkoren. Er begegnet Politik und Gesellschaft mit eben der Mischung aus Indifferenz und Zynismus, wie sie dem post-modernen Europa eigen ist. Nicht einmal, als er auf seiner Fahrt aufs Land offensichtlich Mordopfer des "stillen" und von den Medien verschwiegenen Bürgerkriegs auffindet, kann ihn dies aus seiner lethargischen Dekadenz aufrütteln.

Wirklich persönlich nahe rücken ihm die Veränderungen, die sich im Frankreich des Romans vollziehen, nur, als ihn seine jüdische Geliebte Myriam verlässt und aus Furcht vor einer islamischen Machtübernahme nach Israel auswandert. Natürlich hält eine aufgeklärte Gesellschaft aber selbst für dieses Verlassen-Werden über Pornographie und den Besuch exotischer Prostituierter Ersatzbefriedigungen bereit – die Welt und damit auch der Sex als Facette derselben hat sich in ein einziges großes Kaufhaus verwandelt, in dem François letztlich uninteressiert zwischen den Angeboten wählt.

Als Figuren, die den politischen Spannungsbogen des Romans beschreiben, treten auf: ein junger Professor als Kopf der "Identitären Bewegung"; ein Geheimdienstmitarbeiter, der in den Ruhestand versetzt wird, weil er die Wahrheit über den Hintergrund des im Buch geschilderten Wahlurnendiebstahls nicht für sich behalten will; der unter der islamischen Regierung neu ernannte Rektor der Sorbonne, der sich schon vor der Machtübernahme der Bruderschaft früh genug mit pro-palästinensischen Artikeln positioniert hatte, um bei den künftigen Machthabern auf Wohlwollen zu stoßen. In Houellebecqs Szenario scheinen die Identitären bis zum Jahre 2020 zwar durchaus zu erstarken und gesellschaftliche Relevanz zu gewinnen, bleiben aber letztlich doch seltsam wirkungs- und konzeptlos. Als Leser vermutet man, dass ihnen die Entschlossenheit auch deshalb fehlt, weil sie den Islam in gewisser Weise als folgerichtige Herausforderung des Niedergangs des Westens empfinden und sich daher auch ideologische Berührungspunkte finden. Biografisch zeigt dies etwa der Sorbonne-Rektor Rediger, der vor seiner Konversion zum Islam auch Angehöriger der Identitären war und als intellektuell schillernde Persönlichkeit geschildert wird. Dieses durchaus ambivalente Verhältnis zum Islam kennzeichnet in der Tat viele Debatten unter europäischen "Konservativen" (denen der ursprünglichen Weißmannschen Konzeption, nicht denjenigen, die Identität den vermeintlichen Zwängen des Weltmarkts unterordnen).

Unverständlich bleibt nach der Lektüre, wie Houellebecq unmittelbar nach den "Charlie Hebdo"-Morden eine "islamophobe" (das neue Lieblingswort im Wörterbuch der Medien) Motivation unterstellt werden konnte. Das Leben im gemäßigt islamischen Frankreich wird, zumindest für die Männer, als ausgesprochen angenehm dargestellt. Mit Gehaltserhöhung, organisierter Polygamie auch für erotisch unattraktive Universitätsprofessoren, Rückzug der Frauen aus dem Berufsleben und damit einhergehender Vollbeschäftigung erwirbt sich der fiktive Präsident Ben Abbes die Zustimmung des männlichen französischen Bürgertums. Weniger der Islam ist also Zielpunkt der beißenden Houellebecq-Kritik. Sein "J'accuse!" gilt vielmehr der um ihre Identität gebrachten, "ent-kernten" und letztlich wehrlosen westlichen Gesellschaft, die im selbstreferentiellen Toleranzdiskurs der Eliten untergeht, den ein wacher Geist täglich beobachten kann. Dieses Abendland muss durch den Islam nicht mehr unterworfen werden, es unterwirft sich aktiv selbst, weil es nicht mehr weiß, was zu verteidigen wäre. Was dieses denn ist, dieses "Sein" der westlichen Kultur, klingt an manchen Stellen des Romans nochmals an, etwa in der eindringlichen Beschreibung einer Charles-Peguy-Rezitation in Rocamadour (der zu entdeckende Autor Peguy war auch bereits Thema auf Sezession) oder dem Klosteraufenthalt von François in Ligugé. Bezeichnenderweise scheint François für diese verbliebenen Traditionsbestände aber tieferes Empfinden zu fehlen. Er bleibt unberührt. Religiöse Ansprechbarkeit ist im "Anything goes-Europa" dahin, das Christentum zieht sich in den hortus conclusus der Wenigen zurück – was für die ursprüngliche Kraft der christlichen Botschaft vielleicht nicht von Nachteil sein müsste.

Houellebecq zeigt auf nahezu dokumentarische Art und Weise, dass sich die politischen Bewegungen auf der Linken und in der Mitte nicht mehr durch eigene Werte und Ziele definieren, sondern lediglich noch durch das Errichten einer "Barriere nach rechts", die Ausgrenzung des durch Marine Le Pen repräsentierten Front National. Lieber werden Frauen entrechtet, das republikanische Schulsystem geschleift und außenpolitische Bündnisse mit islamischen Staaten geschlossen, als die Legitimationsformel "Gegen Rechts" in Frage zu stellen.

Letztlich präsentiert Houellebecq in seinem Roman "Unterwerfung" eine Männerphantasie im Stile seiner früheren Romane "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" – diesmal im Kleid einer politischen Dystopie. Mohammed Ben Abbes mag Fiktion bleiben. Das mentale Zurückweichen Europas und das große Schweigen über unseren Identitätsverlust sind Realität.

Michel Houellebecq: Unterwerfung, aus dem Französischen von Norma Cassau u. Bernd Wilczek, Köln: DuMont 2015. 280 S., 22.99 €, hier bestellen.


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  • Sezession

Kommentare (19)

Waldgänger
4. März 2015 17:59

Ausgezeichnete und wirklich lohnende Rezension.
Danke!

Hauke Harringa
4. März 2015 18:58

Eine sehr gelungene Rezension!

Th.R.
4. März 2015 19:51

Ein französisches Volk islamischen Glaubens, oder auch ein deutsches Volk islamischen Glaubens, - diesen Gedanken sollte man als mögliches Szenario nicht von vornherein verwerfen.

Die Frage, wie es mit den Deutschen weitergeht, stellt sich ohnehin.

Wenn der Islam als Sittengesetz und religiöses Lehrsystem uns auch heute (noch) fremd ist (na ja, so ganz fremd ist er uns heute nicht mehr), muß man doch zugeben, dass er eine Alternative bzw. Fluchtmöglichkeit sein könnte, die einen Ausweg aus diesem ganzen westlich liberalen Chaos bietet.

Wer weiß es schon, vielleicht ist der Zugewinn für uns größer als die Verluste, die die Abkehr von diesem materialistischen, sinn- und ziellosen Spuk, den wir heute haben, bringen.

Diese Rechnung aufzustellen wäre doch mal eine interessante Aufgabe für uns?! Was würde es uns kosten, was bringen?

Als lächerlich abtun, sollte man dieses Szenario jedenfalls nicht, denke ich.

Denn dass der Islam die Fähigkeit und die Kompetenz hat, Völkern eine Form zu geben, in der sie überdauern, also eine Zukunft haben können,
das steht ausser Frage.

Mag sein, dass durch diesen Schritt die große "Reset"-taste gedrückt werden würde und die letzten Reste unserer kulturellen Traditionen über Board geworfen werden, um diesen Neuanfang zu setzen.

Übrigens vielleicht kein Verlust für uns, sondern wir würden über Board werfen, was ohnehin unnützer Balast war. Diese unsere sogenannten kulturellen Traditionen haben unseren Untergang nicht aufhalten, nicht abwenden können und haben darum ihr Anrecht verloren, weiterhin von uns durch die Zeiten mitgeschleppt zu werden.

Was uns nicht nützt und was uns schwach macht, das soll endlich abgestoßen werden. Keine falsche Rücksicht vor dem Glanz der Tradition, der auf diesen unnützen Dingen liegt, die uns wie Mühlsteine um den Hals gebunden sind. Weg mit allem unnützen Ballast! Entschlackung und Entmüllung der verbliebenen geistigen Restbestände!

Und Rückkehr zum Wesentlichen sowie sittlich-geistige Aufrüstung. Nur was uns stark macht und was uns nützt, soll wert sein, von uns geheiligt zu werden.

In diesem Sinne betrachtet könnte der Islam eine (letzte?) Chance für die Deutschen darstellen, um den völlig verheerenden Auswirkungen, die das hiesige materialistisch-liberale Infeno an uns anrichtet, wieder Herr zu werden.

Wer Konservativer oder auch Nationalist ist, der sollte jedenfalls einen Willen zum Verständnis und ein Interesse an kulturellen und religiösen Formen zeigen, die erwiesenermaßen die Gewähr bieten, ein Volk über die Zeiten hinweg im Dasein halten zu können. Und wo die Amplitutenausschläge, also die Aufs und Abs im Völkerleben, relativ stabil verlaufen.

Rautenklausner
4. März 2015 21:34

@ Th. R.:
Das nenne ich doch mal Dialektik des Imaginären: Eine Figur aus H.s Roman schaltet sich in die Diskussion ein, in der dieser besprochen wird...

Heinrich Brück
4. März 2015 21:50

@ Th.R.

Einen deutschen Islam wird es für mich niemals geben.
Unterwerfung? Vielleicht für einen Franzosen.

Das "materialistisch-liberale Inferno" ist kein richtiger Gegner für unsere
deutsche Kultur, vorausgesetzt diese Kultur würde angewandt.

Das klassische deutsche System war bis 1914 überlegen, und danach...

Und falls sie mit den Weibern nicht klarkommen, dagegen hilft wirklich
nur Gott.

Abgesehen davon, es gibt bessere Traditionen als den Islam.
https://www.youtube.com/watch?v=eHlau4xnQYs

Martin
4. März 2015 22:11

@Th.R.

rein intellektuell nachvollziehbar, Ihre Argumentation, Leute wie Guénon waren vor ca. hundert Jahren ja auch vom Islam als vermeintlich traditionale Weltordnung fasziniert. M.H. bietet in dem hier besprochenen Roman "Unterwerfung" vergleichbare oder ähnliche Argumente an, auf Guénon wird in dem Roman ebenfalls hingewiesen.

Dennoch:
Bitte den Islam nicht idealisieren, einmal genauer hinschauen. Ich hege die Vermutung (wohl gemerkt: VERMUTUNG), dass der Islam offenbar ein seit sehr langem tot gerittenes Pferd sein könnte, welches über Salafisten & Co. zwanghaft über die Betonung der äußeren Form und Ordnung, die mit starken Strafandrohungen und Strafen durchgesetzt wird, am Leben erhalten wird, innerlich und spirituell aber nicht mehr viel Substanz hat. In der islamischen Welt fährt man voll auf Handies, West-Luxus, Junk Food von Mc D und KFC etc. ab - Sexuell ist man zu Lasten der Frauen/Mädchen und Tiere offenbar auch eher verwahrlost. Die reine Oberfläche wirkt auf jeden Fall nicht sehr vertrauenerweckend. Selbst von IS Leuten hört man, dass sie Zigaretten rauchen, sich youtube und sonstige Videos reinziehen und auch sonst so einiges erlauben, was offiziell nicht erlaubt ist.

Von daher dürfte die Enttäuschung bei Leuten, die darin eine Alternative zum West- Globalismus sehen, vorprogrammiert sein. Ob ein Guénon heute noch zum Islam finden würde?

Im Übrigen ist der Islam eine universalistische, globalistische Weltanschauung, insbesondere in der jetzt aggressiv auftretenden Form des Salafismus.

Ich setze daher einmal sehr, sehr, sehr viele Fragezeichen hinter Ihre Argumentation und das völlig unabhängig davon, dass für mich ganz persönlich der Islam überhaupt nicht in Frage kommt und er für mich sowohl NICHT zu Deutschland als auch nicht zu den meisten Teilen von Europa gehört.

Monalisa
4. März 2015 23:04

Ich fand dieses Buch äußerst unterhaltsam und treffend. Trotz leichter Gewissensbisse habe ich mich sogar prächtig amüsiert. Der Kandidat der muslimischen Bruderschaft inszeniert sich als väterlicher Hüter aller Religionen, räumt den Katholiken weitgehende Privilegien ein, lässt die Medien einfach schwafeln, während er Tatsachen schafft und eine konservative Revolution in Gang setzt, zu der der abgefuckten liberalen Oberschicht nichts mehr einfällt.

Houellebecqs implizite Kritik an der französischen Rechten ist scharf und er spricht sehr wohl die großen Fragen an. Le Pen scheitert eben nicht nur an der Blockadehaltung der Systemlinge, sondern an ihrem ausgehöhlten Konzept von Republikanismus und Laizissmus. So habe ich ihn jedenfalls verstanden. In den Identitären scheint er reine Aufwiegler zu sehen, denen jegliches realistische Konzept fehlt. Der "Bürgerkrieg" wird entsprechend eher von ihrer Seite aus provoziert und vom Staatsapparat und der muslimischen Partei mittels Medienblockade einfach ausgesessen.

Ich denke dass H auch dieses richtig sieht. Die Mehrheit der Europäer sieht sich nicht in dem Maße von muslimischer Einwanderung und Ausdehnung bedroht, dass sie dazu gedrängt werden könnte, einen ethnischen Bürgerkrieg zu führen. Das Unwahrscheinlichste an H's Roman ist freilich die Figur des cleveren, geradezu integrativ tätigen Präsidenten, der die Kriminalität und Arbeitslosigkeit drastisch senkt, eine großzügige Herdprämie einführt und sich am Distributismus von Belloc und Chesterton orientiert. (Köstlich!)

H. versteht, dass wir in einer Übergangszeit leben, die sich rasch ihrem Ende nähert und fragt sich m. E. enrsthaft und aufrichtig was auf blutleeren Säkularimus und dekadente Verkommenheit schließlich folgen wird. Es liegt an uns, eine andere Antwort zu finden.

Gert H. Köster
5. März 2015 01:05

@Th.R.
zum kulturellen Higru des Skribenten (und seiner Bereitwilligkeit, Überkommenes aufzugeben) ist erhellend sein Sich-tummeln im Jargon; nicht nur die "reset"-Taste, sondern auch und vor allem das "Über-board-Werfen", als Beleg gegen die Ausrede Flüchtigkeit die Wiederholung.
Kevin on board?

Max Meier
5. März 2015 01:12

Gute Stellen:

"Europa ist fast wehrlos, weil es nicht mehr weiß, was zu verteidigen wäre."

"selbstreferentieller Toleranz-Diskurs der Eliten"
- oder eher der Wahn der Selbstaufgabe

Die letzte verbliebene politische "Legitimationsformel" ist die "'Gegen Rechts'".
Die (Kultur)Kommunisten haben den strategischen Vorteil, dass der Kommunismus in Westeuropa (incl. Alt-BRD) nicht zur Herrschaft kam und daher hier sein verbrecherisches Wesen nicht zur Geltung kam. Politische Gedenkstätten, die in Westeuropa (incl. BRD) zu finden und nutzbar sind, sind Gedenkstätten in Bezug auf den Extremismus der Rechten, den Nationalsozialismus usw.
Die 100 Millionen Opfer der kommunistischen Gewaltgeschichte sind leicht verdrängbar, da sie in Russland, seinen Randstaaten und in Asien verzeichnet wurden.

Nötig ist eine aktionistische Bewegung, die den Kommunismus symbolisch auch in Europa als das Monstrum zeigt, das er war und ist - als Monstrum schlechthin. Sein alter und neuer Fanclub muss in der Öffentlichkeit damit belastet und in die Defensive gedrängt werden.
Kommunismus 1.0 (Abschaffung der Klassen): 100 Mio. Tote
Kommunismus 2.0 (Abschaffung der Familie und Völker): ?

"Toleranz" ist heute Synonym für Zwang und Intoleranz:
Wer den Begriff im Munde führt, will Macht ausüben - gegen die Eigenheit der europäischen Völker - gegen jeden Widerspruch.

Czernitz
5. März 2015 08:08

Noch etwas zu Michel Houellebecq und seiner Unterwerfung.

Francois sieht das Frankreich des Jahres 2022 aus der Perspektive eines Literaturwissenschaftlers der Universität Paris. Hemungslos versorgt er uns mit akademischem Klatsch. Und man gewinnt den Eindruck, allein seine sexualmechanischen Übungen, sein Stabhochsprung mittels eigener Stange auf eigener Matratze, sollen genügen, das Buch als Roman schubladisieren zu dürfen. Was aber ist romanhaft an diesem Buch? Über weite Strecken frönt es der akademisch-literarischen Onanie. Wohl aus persönlicher Betroffenheit dürfte Houellebecq diesen Duktus gewählt haben. Könnte er doch selbst schon oft genug Opfer des akademischen Literarismus geworden sein.- Wenn da nicht noch was anderes wäre.

Die schleichende Islamisierung Europas als subkutane Zoonose, etwa nach Art einer Krätze, ist für Deutschland durchaus glaubhaft. Weniger glaubhaft ist sie für Frankreich. Dort sollte man den Schwindel rechtzeitig erkannt haben. Denn dort liegen die Anfänge im Kolonialismus, der im 19. Jahrhundert seinen Höhpunkt erreicht. Hat Huysmans, der geistige Begleiter des Protagonisten, die Gefahr nicht gesehen? Hat sie der ebenfalls auftauchende Jean Paulhan, der muslimische Söldner über die Felder des Ersten Weltkriegs führte, nicht sehen wollen? Will man die Banlieues nicht sehen? Und wo bannt der Autor die medialen Priesterschaften, die uns mit ihrer Moral aufzublasen versuchen? Wo dekuvriert er den medialen Komplex, außer in einem kleinen Nachrichtenstopp?

Wie sein geistiger Begleiter Huysmans klopft Francois nun den Katholizismus auf Möglichkeiten der Rettung ab. Das Bier in Leffe und der Wein aus Meursault schmecken auch wirklich sehr katholisch. Allerdings darf Francois im Kloster Ligugé nicht rauchen. Und in Rocamadour ist die Madonna nichts anderes denn schwarzes Holz. Meint der Autor das ernst? Ein Phänomen, das offensichtlich auch Michel Houellebecq nicht verstehen will, ist das Paradoxon der Aufklärung. Das Christentum, wenn auch nur das lateinische, hat die Aufklärung geboren und sich damit selbst ad absurdum geführt. Die Orden, die Houellebecq sachte berührt, die Benediktiner von Ligugé, die Zisterzienser von Citeaux und Meuresault, die Prämonstratenser von Leffe, die Dominikaner von Paris, haben die Alphabetisierung und Intellektualisierung Europas initiiert und sie, wenn auch mit ganz anderen Absichten, zugunsten der Befreiung von religiöser Knebelung exekutiert. Daß die Aufklärung viele Rückschläge erlitten hat und derzeit wieder erleidet, ändert nichts an der Tatsache, daß Europa allein durch die Aufklärung anderen Kontinenten überlegen ist. Die Aufklärung ist Bestandteil unserer Kultur. Ohne Auflärung wären wir Araber, die einen Gott projizieren, der auf einen Lall-Namen hört, für den man lallend in den Tod geht.

Mehr als naiv ist es, mit einem kaputten Katholizismus gegen den Islam vorgehen zu wollen. Hier rächt sich die Affinität des Protagonisten - auch des Autors? - zu den schwankenden Gestalten des französischen Symbolismus, die sich insgeheim nach dem kraftvollen Gott des Hochmittelalters sehnen, letztlich aber in den katholischen Kulissen ihrer jeweiligen Gegenwart verdämmern.

Zuviel Kritik? Michel Houellebecq zeigt Mut. Vergleichbar mutige und dennoch renommierte Autoren gibt es in Deutschland nicht.

Waldgänger (e.B.) aus Schwaben
5. März 2015 08:33

@Th.R.

Ein deutsches Volk islamischen Glaubens wäre in der Eigen- und Fremdwahrnehmung ein besiegtes, unterworfenes Volk, mal wieder. Und sonst gar nichts.

Und es hülfe nichts:

Geburtenrückgang Iran

Es wurde bis lang noch nirgends ein so schneller und so drastischer Geburtenrückgang gemessen, wie in der Islamischen Republik Iran. Der Rückgang der Geburtenzahl von über sechs Kindern auf weniger als zwei Kinder hat in Deutschland etwa hundert Jahre gedauert. Der Iran durchlief diese Entwicklung nur etwa in einem Vierteljahrhundert. Noch in den achtziger Jahren besetzte der Iran mit einer Geburtenrate von über sechs Kindern pro Frau international einen Spitzenplatz, nach der Jahrtausendwende sank die Zahl auf unter 2,0 und jetzt hat der Iran mit einer Geburtenrate von 1,7 das Niveau vieler europäischer Staaten erreicht.

Th.R.
5. März 2015 11:08

@Rautenklausner

Diese Diskussion ist eigentlich keine neue. Houellebecq bringt Gedanken, die andere schon vor ihm hatten.

Zu nennen ist hier unbedingt der "Antichrist" von Nietzsche , der die Sache damals schon hinsichtlich der Entwicklung, die der Westen nimmt, vorausgesehen hatte.

https://www.youtube.com/watch?v=Zh6VXvBMZQE

@ Heinrich Brück und @ Martin

"Das „materialistisch-liberale Inferno“ ist kein richtiger Gegner für unsere
deutsche Kultur, vorausgesetzt diese Kultur würde angewandt.
Das klassische deutsche System war bis 1914 überlegen, und danach…"

Auch das deutsche System von vor 1914 würde uns nicht retten. Die Probleme, Ausgangslagen und Ursachen, die uns den Niedergang bringen, sind heute vollkommen andere und mit einer therapeutischen Behandlung mit "deutscher Kultur von vor 1914" nicht kurierbar. Das, was heute ist, ist eine andere Krankheit, die mit entsprechend anderer Medizin behandelt werden muß.

Die durch den Liberalismus hervorgerufenen Zersetzungsprozesse sind sicherlich ein Übel, sie sind jedoch nicht der eigentliche Krankheitsherd.

Denn letztendlich ist die tiefste Ursache das "große schwarze Loch", das früher durch die Religion, Überlieferung, Tradition, Identität und Sitte ausgefüllt worden ist. Der DDR-Bürgerrechtler Lutz Rathenow hatte im DLF einmal den Begriff "metaphysische Obdachlosigkeit" gebraucht, um eben dieses schwarze Loch, das im geistigen Äther der Deutschen klafft, zu bezeichnen. Treffend, wie ich meine.

Es fehlt die verbindliche identitätsstiftende sittliche Idee. Die eindeutigen Gewissheiten und Wahrheiten, die Ziel, Sinn und Orientierung zu geben fähig sind. Polar geladene Vorstellungswelten und Antworten fehlen heute, die das menschliche metaphysische Bedürfnis befriedigen. Kurzum, ein geschlossenes religiöses Lehrsystem, das es dem Einzelnen ermöglicht, die Reise durchs Irdische mit Zuversicht und motiviert zu durchschreiten. Eine Vorstellungswelt mit Charisma, die die Fähigkeit hat, bis auf die tiefsten Willensgründe des Einzelnen vorzustoßen und ihn dort zu packen und an sich zu binden. Antworten auf die zentralen Lebensfragen "Wer bin ich, wohin gehe ich, was ist Sinn und Ziel?"

Der deutsche Nationalismus hat es leider nie zustande gebracht, die Masse des Volkes derart tief zu durchdringen, und es blieb ihm darum verwehrt, dort unten, in den Katakomben des menschlichen Willen, seine Heilsbotschaft an die dort wirkenden Heilssehnsüchte zu binden.

Immer nur bei Einzelnen ist das geglückt.

@ nochmal Herr Brück

"Abgesehen davon, es gibt bessere Traditionen als den Islam."

Mag vielleicht so sein. Jedoch die Frage, die sich stellt, ist, was ist eine "bessere" Tradition? Welcher Maßstab und welche Kriterien sollen hier angelegt werden, die eine Tradition etc pp. als "besser" oder schlechter einstufen?

Für die Deutschen, die ohnehin keinen Plan mehr haben, wie es mit ihnen weitergehen soll, würde es besser anstehen, als Maßstab die Fragen heranzuziehen "Macht es uns stärker, und kann es uns im Dasein halten? Oder macht es uns schwach, kaputt, krank und niedrig?"

Gerade auch hinsichtlich der düsteren Zukunftsaussichten, die ansatzweise schon Realität zu werden beginnen, sollten die Deutschen sich diese Fragen heute um so unnachgiebiger und drängender stellen!

Eine totale strategische Neuausrichtung unseres Denken und Fühlens bzw. unseres Geisteslebens muß her, wenn wir als Volk den kommenden Sturm überleben wollen!

Sowas hier zum Beispiel meine ich. Warum eigentlich haben wir Deutschen solche Traditionen und Rituale nicht? Und müßten wir solche nicht eigentlich haben, um geistig-kulturell für das Kommende gerüstet zu sein?

https://www.youtube.com/watch?v=Nz3V439vCK8

Heinrich Brück
5. März 2015 13:58

@ Th.R.

Hübsches Video, aber auf der Handlungsebene möchte ich mit diesen
Behinderten nichts zu tun haben. Und über mir, als Herrschende, möchte
ich sie schon gar nicht haben.
Sobald der Tanz wirklich losgeht, früher oder später wird immer getanzt,
werden diejenigen zuerst aufgehängt, die diese Leute ins Land holten. Wenn das Geld zur Neige geht, eine Armutsrevolution sich Bahn bricht,
werden die Hungernden plündernd durch das Land ziehen. Die ersten Opfer an diesem Desaster, also die Unbewaffneten, werden spätestens dann die Schuldigen erkennen.
Deshalb sollten die clevereren Leute, besonders in den Dörfern, sich
zusammenschließen, regelmäßige Treffen freundschaftlich organisieren,
und etwas Urlaubsgeld in einen Jagdschein investieren. Gute Jagdwaffen
gibt es zu kaufen.

Wenn unsere eigene Kultur uns unterworfen hätte, im negativen Sinne,
dann kann es nicht unsere Kultur gewesen sein.
Welches Leben will die Krankheit? Spaß an der Krankheit wäre pervers (und besonders die Frauen bekommen hier eine Breitsalve ab). Eine perverse Veranlagung, also eine seelenlose Vertierung als Disposition und
Genugtuung? Das Leben an sich will überleben.

Argumentationen aus der Defensivrolle bringen uns nicht weiter.

Die eigene Identität schließt die fremde Identität aus. Und jetzt die eigene
Existenz zu retten, indem die fremde angenommen würde, wäre eine
Kapitulation und Selbstvernichtung ohnegleichen.
Wenn betrunkene Handwerker auf einem Gerüst ein Haus schief bauen,
dann muß nicht das Gerüst ausgetauscht werden. Unser kulturelles Gerüst
ist nicht in einem schwarzen Loch verschwunden, aber unsere sogenannte
Elite wird historisch darin begraben werden.
Die deutsche Volkspsychologie scheint etwas anderes verkünden zu wollen, nämlich die Demokratieunfähigkeit bzw. das richtige Verständnis
eines aberzogenen Volksbewußtseins durch die Entdeutschung
nach 1945. Politik und Theologie erlauben keinen Gottesstaat, aber im
Prinzip lebt jedes Volk in einem metaphysischen Gottesstaat.
Die deutschen Synapsen müssen aus der Defensive in die praktische
Umsetzung geführt werden. Die Handlungsgelähmtheit muß überwunden
werden.
Die Starre in den gefälschten Verbindungen ist das Ergebnis einer
geschichtspolitisch vorbereiteten Traumatisierung, die nur durch Standhaftigkeit einer Korrektur zugeführt werden kann.
Das Geschichtsbild wurde der zu verwirklichenden Utopie angepaßt, also mit der Lüge zur Wahrheit. Auch nur ein weiteres Herrschaftsinstrument. Die Lüge durch eine falsche Wahrheit zu ersetzen, würde der Freiheit endgültig den Todesstoß versetzen.
H. scheint nur die besoffenen Handwerker lächerlich gemacht zu haben.

Martin
5. März 2015 17:36

@czernitz

Über weite Strecken frönt es der akademisch-literarischen Onanie.

Das ist eine gute Definition für das, was man noch Anfang der 90er Jahre (das war die Zeit, als ich mich mit so etwas noch beschäftigt habe) "postmodernen Roman" genannt hat. Und genau daran musste ich auch streckenweise denken, als ich das Buch gelesen habe, schaut her, ich beherrsche Euer Handwerk.

Hühnerbaron
5. März 2015 19:08

Oha. Der Islam hat doch spirituell nichts, wirklich gar nichts, zu bieten. Man müsste intellektuell abrüsten und den Durchschnitts-IQ gehörig senken um für den Islam bereit zu sein. Die Attraktivität des Islam speist sich aus seinem simplen Gehalt, der viel animalischer ist als etwa das Christentum. Unterwerfe dich und folge - dem größten Quatsch. Dazu ist noch jeder Idiot in der Lage. Dann erlaubt der Islam, wenn man bestimmte unsinnige Rituale einhält (moralische Leistungen müssen nicht erbracht werden), dass man gesellschaftlich anerkannt ist. Mann kann sich mehrere Frauen besorgen, so man sich diese Leisten kann. Das wird nur bei einem Harem von 4 weitgehend rechtlosen Weibern gedeckelt. So weit so darwinistisch. Im Islam gäbe es wieder Kinder (die gute Nachricht aus dem Iran - weniger Kinder - erklärt sich aus der Zentralstellung des schiitischen Klerus, die es im sunnitischen Islam nicht gibt). Die Herde der unzufriedenen Unbeweibten bleibt so übersichtlich und kann im Rahmen eines Schneebalsystems gegen Ungläubige zu Felde ziehen. Ehe und Familie sind im Übrigen nicht besonders heilig, da man als Mann jederzeit durch einfache Verstoßung (weder amtlich noch klerikal beglaubigt) scheiden und für das Fremdgehen eine Eintagesehe eingehen kann.
Das steht aber nicht im Gegensatz zu Dekadenz, sondern dreht die Schraube noch ein paar Umdrehungen weiter.

Waldgänger (e.B.) aus Schwaben
5. März 2015 22:09

@Hühnerbaron

In der sunnitischen Türkei sieht ähnlich aus:

Demografie der Türkei

Momentan 1,87 Kinder pro Frau (TFR) in der Türkei 1950 waren es noch ca 7.

Irland, Island, Frankreich, USA und Norwegen z.B. liegen da heute schon besser. TFR über 2,0.
Und das sind nicht nur die dortigen Moslems.

Kreuzweis
5. März 2015 22:17

Hühnerbaron: Oha. Der Islam hat doch spirituell nichts, wirklich gar nichts, zu bieten. Man müsste intellektuell abrüsten und den Durchschnitts-IQ gehörig senken um für den Islam bereit zu sein. Die Attraktivität des Islam speist sich aus seinem simplen Gehalt, der viel animalischer ist als etwa das Christentum.

Ach, wie hoch doch auf der Hühnerleiter! Ist das nicht Hühnerkacke, mit der Einbildung auf den IQ, wenn der Instikt flöten gegangen ist? Genau der Mangel an Istinkt macht uns doch zu intellektuellen Waschweibern, die sich von allerlei Nannies das Leben diktieren lassen. Was macht denn der "primitive" Islam falsch in der Frauenfrage?

Es ist gesunder animalischer Instinkt, Fremde wegzubeißen, Häßliches häßlich und Krankes abstoßend zu finden. Und zuviel IQ und zuviel "christliche Spiritualität" führt zur Umwertung aller Werte!

(...)

Hühnerbaron
6. März 2015 11:01

@Waldgänger (e.B.) aus Schwaben: Danke für den Hinweis. Auch in anderen tendenziell verwestlichten muslimischen Ländern wie Tunesien geht die Wachstumsrate glücklicherweise zurück.
Aber: Nach der unbenannten Wiki-Quelle ist die Kinderzahl 2008 bei 1,87 in der Türkei. In 2010 nach der Weltbank aber noch über 2.0 https://www.google.de/publicdata/explore?ds=d5bncppjof8f9_&met_y=sp_dyn_tfrt_in&idim=country:TUR:TUN:GRC&hl=de&dl=de Die Kinderquote in Ostanatolien ist viel höher https://www.welt.de/politik/deutschland/article110793334/Die-Kurden-und-das-Geburtenproblem-in-der-Tuerkei.html
Die Bevölkerung wächst zudem linear bis wenigstens 2050 auf fast 100 Mio, was wohl über die natürlichen Ressourcen des semi-ariden Landes geht, um dann nach dem Scheitelpunkt bis 2075 auf 89 -also 10 Mio mehr als heute - zu sinken.
https://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/02/468602/babyboom-ade-bis-2050-faellt-die-tuerkei-auf-platz-20-zurueck/
Allein am heutigen Tag wächst die türkische Bevölkerung in der Türkei um über 1000 Menschen. Das ist eine neue Kleinstadt alle 10 Tage.
Bevölkerungsentwicklung ist ein sehr träger Tanker. Jedes Land der Welt wird irgendwann ein Bevölkerungswachstum von 0 aufweisen müssen oder die Bevölkerung wird sich sogar gesund schrumpfen. Das ist eine physikalische Gesetzmäßigkeit. Ob das nun durch äußere Ereignisse wie Krieg, Hunger und Seuchen oder durch Enthaltsamkeit erfolgen wird ist egal. Suchen Sie sich aus, was ihnen besser gefällt.
Selbst in Nigeria sinkt die Wachstumsrate (mann macht langsamer mehr), aber die Bevölkerung wächst immer noch mit derzeit über 0,5 Mio im Jahr. Hier kann man beim Wachsen zugucken: https://countrymeters.info/de/Nigeria

Natürlich ist eine völlig Negation der animalischen Natur des Menschen für die entsprechende Gruppe ungünstig, man kann das gut am geschichtlichen Beispiel des Aufstiegs und Falls der Katharer sehen, die Fortpflanzung in ihrem überzogenen Christentum als teuflisch ablehnten. Der Islam ist aber die Rückkehr zur Triebhaftigkeit ohne Intelligenz. Dass muss nicht so sein. Man kann durchaus Triebstark und klug sein.

Leo Naphta
6. März 2015 14:50

@ Th.R.

Zumindest ist nicht zu leugnen, daß die deutsche Kultur gerade in ihrer Glanzzeit an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert eine starke Affinität zum Islam erkennen läßt. Auf die in der deutschen Geistesgeschichte immer wieder zutage tretende Islamophilie berufen sich ja jene liberalextremistischen Freunde US-geführter Weltordnungskriege, wenn sie den Deutschen eine heimliche Verstocktheit gegen Aufklärung und "westliche Werte" unterstellen wollen.

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