Sezession
5. März 2015

Houellebecq: „Unterwerfung“ – Leserrezension III

Gastbeitrag / 3 Kommentare

michel-houellebecq_unterwerfung_720x600Nach den vorangegangenen Einlassungen von Peter Marselis und Tobias Fembacher veröffentlichen wir hiermit die dritte und letzte Leserrezension zu Michel Houellebecqs Unterwerfung (hier zur Bestellung). Sie widmet sich einer eingehenderen Betrachtung der – in diesem Netztagebuch bereits in Kommentaren kontrovers diskutierten – scheinbaren Sexualfixierung Houellebecqs; Verfasser ist unser Leser E.B.:

Befriedung der Kampfzone

Es fällt nicht schwer, sich grob den Inhalt des neuen Romans von Michel Houellebecq aus den zahlreichen Besprechungen im Internet zusammenzureimen. Die folgende Rezension bietet daher keine Inhaltsangabe. Sie geht auch nicht auf die Vorstellungen oder „Visionen“ ein, die H. vom islamisierten Frankreich der Zukunft hat. Hierzu einen Kommentar abzuliefern, sind andere berufener. Vielmehr geht es im folgenden darum, die Stellung von „Unterwerfung“ im gesamten (Prosa-)Werk H.s zu verorten und in diesem Rahmen auf H.s Diagnose bezüglich der Krankheit des Abendlandes aufmerksam zu machen.

In seinem Erstlingswerk „Ausweitung der Kampfzone“ thematisierte H. die Sexuelle Revolution. Die derben Sexszenen, die er bereits in diesem Roman einbaute, dürfen den Leser dabei nicht darüber hinwegtäuschen, daß H. im Grunde genommen einzig und allein die Schattenseiten dieser Revolution aufzeigte. Der Ich-Erzähler im genannten Roman ist ein Mann, der nach den post-revolutionären Regeln der Paarbildung durch das Raster fällt und im wesentlichen leer ausgeht. Er ist weder attraktiv, noch geistreich im Umgang, noch extrovertiert – also nicht in der Lage, auf dem Markt für den sexuellen Austausch zwischen den Geschlechtern ausreichend Werbung für sich zu machen. Stattdessen beobachtet er neidisch die Erfolge attraktiverer Männer, die in dieser sexuell liberalisierten Welt allenfalls noch die eine Qual, nämlich die der Wahl, haben.

Diese Grundthematik taucht mehr oder weniger in allen Romanen H.s wieder auf. Die Partnersuche findet in einer Kampfzone statt, wo sich diejenigen durchsetzen, die auf sexueller Ebene am meisten zu bieten haben. Die Sehnsucht nach Liebe, Zweisamkeit und Sexualität läßt sich in der von H. geschilderten Welt nur befriedigen, indem man bei diesem Kampf mitmacht. Die traditionellen Regeln, wonach sich der Erfolg bei der Partnerwahl nicht nach Aussehen, Eloquenz, Potenz oder ähnlichen Kriterien richtet, sondern nach der Fähigkeit, eine Familie zu ernähren, haben ihre Geltung verloren. Dementsprechend drehen sich die Gedanken der meisten Romanfiguren H.s nicht um die Frage, wie man im Beruf oder im Leben reüssieren kann, um somit die Voraussetzung für den „Besitz“ einer Frau zu erfüllen, sondern umgekehrt darum, wie man eine Frau erobert, um den anderen Bestandteilen der eigenen Existenz ex post einen Sinn zu geben. Erfolgreich sind die Versuche der Protagonisten in H.s früheren Romanen, dauerhaft eine Frau an sich zu binden, übrigens nie. Eine Folge der Fokussierung auf die (vergebliche) Suche nach Glück in einer Partnerschaft ist dann natürlich, daß sich die von H. geschilderten Männer für nichts anderes mehr interessieren. Sie sind gelangweilt und angewidert von der Welt und sich selbst, und weder Beruf, noch Hobby, noch sonst irgendetwas bringt ihnen Erfüllung in einer Gesellschaft, die einerseits die sexuelle Liebe vergöttert, sie andererseits aber nicht jedem ermöglicht.

Der Ich-Erzähler in H.s neuem Roman „Unterwerfung“, ein Professor für Literatur an einer Pariser Universität, ist ein typischer Vertreter der von H. immer wieder beschriebenen Sorte Mann. Auf der einen Seite ist er intelligent und, nach oberflächlichen Maßstäben gemessen, erfolgreich im Beruf, auf der anderen Seite ist er trotzdem verzweifelt auf der Suche nach Sinn in seinem Leben, was insbesondere bedeutet: nach einer Partnerin. Aus zwei Gründen ist er nicht in der Lage, eine Frau dauerhaft an sich zu binden. Zum einen verlassen ihn seine jeweiligen Liebschaften nach zumeist nur wenigen Monaten, weil sie „jemanden getroffen“ haben. Zum anderen hat er selbst schon den Glauben an die Möglichkeit einer dauerhaften Beziehung mit einer Frau – im Grunde genommen mit überhaupt irgendeinem Menschen – verloren. Eine bürgerliche Ehe ist für ihn weniger etwas, das er ablehnen würde, als vielmehr eine Angelegenheit, die er gar nicht mehr nachvollziehen kann. Er spricht darüber wie ein Wissenschaftler, der etwas außer ihm Liegendes begreifen möchte, etwas, das er aus sich selber heraus gar nicht verstehen kann.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (3)

Martin
5. März 2015 18:43

Zuerst:

Das Buch "Unterwerfung" bietet sehr viele Ebenen, die es Wert sind, auch einzeln zu betrachten und zu diskutieren, daher begrüße ich es, dass eine Rezension veröffentlicht wird, die sich im Schwerpunkt einer Ebene widmet, hier das Thema Sex und Beziehungen.

Aber:
Ich habe es etwas anders empfunden, als der Rezensent. Francois ist keiner, der grundsätzlich auf der Suche nach Ehe und Familie ist, obwohl man Scheidungskindern, wie er auch eines ist, oftmals unterstellt, sie würden dann gerade versuchen, das Gescheiterte ihrer Eltern besser zu machen.

Francois ist auch kein Versager und bietet alle finanziellen Rahmenbedingungen für eine Familiengründung, wenn er nur ernsthaft wollte.

Francois ist vielmehr ein typisch moderner, egoistischer und leicht übergriffiger Kerl, der seine Stellung als Dozent ohne jegliche Selbstzweifel oder Skrupel ausnutzt, um regelmäßig sexuelle Beziehungen zu Studentinnen zu beginnen. Dass diese nach einiger Zeit weg sind, ist ihm oder war ihm zumindest in der Vergangenheit ziemlich egal, da mit jedem neuem Semester der neue Nachschub an Studentinnen anrollt und da findet sich dann schon eine neue, die sich irgendetwas davon verspricht, mit dem Professor ins Bett zu gehen, bis sie eben merkt, dass "jemand anderes" dann doch interessanter für eine Beziehung ist. Francois ist also gerade kein Verlierer in der Kampfzone, wie der in dem Roman "Ausweitung der Kampfzone" geschilderte Tisserand.

Francois ist eigentlich schamlos und nutzt seine Stellung als Professor aus. Wäre er Lehrer von Schülerinnen, würde er sich vermutlich strafbar machen bzw. würde ein solches Verhalten nicht mehr "als in Ordnung" angesehen werden. Da die Studentinnen aber über 18 sind und "ja" dazu sagen, scheint es überhaupt kein Thema oder Problem zu sein, mit ihnen ins Bett zu gehen.

M.H. stellt dieses eigentlich "übergriffige" Verhalten bewusst in diesem Roman dar, auch um dem Leser ein Stück weit den Spiegel vor zuhalten. Ein Typ, also, der seine Stellung ausnutzt, der, als es mal eine Ernst mit ihm meint und die auch noch "gut im Bett" zu sein scheint, natürlich keinen Anlass dazu sieht, diese Frau zu ehelichen oder ihr gar zu folgen, als diese aus berechtigtem Anlass das Land verlässt. Nein, Francois bleibt lieber in seiner Komfortzone, seinem schön eingerichteten Solipsimus und seiner Verantwortungslosigkeit gegenüber Frauen. Wenn sich unten rum was regt, dann kann er eben zu Prostituierten gehen und im Übrigen gibt es Pornos für Zwischendurch. Seine Pension als Professor ermöglicht ihm das und damit ist auch der Wegbruch der Zugriffsmöglichkeit auf Studentinnen nach seiner Zwangspensionierung verkraftbar .

Francois jagt zwar dem ultimativen Orgasmus nach, der sich leider nur einmal bei einem prostituiertem Pärchen einstellen will, aber damit verhält er sich eben beispielhaft für die heutige Zeit und viele seiner Zeitgenossen. Der Orgasmus als Ersatzreligion und als Ersatzmystik - auch das ist eher typisch modern/postmodern.

Die Verlockung, durch den Islam dieses übergriffige Verhalten nun auch noch institutionalisieren zu können, durch Heirat mehrerer Frauen, die ihn dann auch noch im anstehenden Alter "versorgen" müssten, erscheint daher Francois attraktiv. Und jetzt kommt das oben bereits erwähnte "Spiegel vorhalten":

Die meisten Leser finden vermutlich dieses übergriffige Kerlchen und sein Sexualverhalten auch noch sympathisch und irgendwie nett bzw. haben dagegen wenig einzuwenden, aber bei der Vorstellung einer 15- jährigen Ehefrau, da geht das Näschen dann hoch, da zuckt die Augenbraue des Durchschnittslesers ... Das ist wohl einer der Effekte, die M.H. mit diesen Darstellungen erzielen will.

Der Westen hat als degenerierter, sexuell verwahrloster Raum mit akzeptierter Pornografie und Prostitution, bei dem ein Professor sanktionslos Jagd auf Studentinnen machen darf, solange die nur "ja" sagen, keinerlei moralische Legitimation mehr, einen Islam für dessen Behandlung der Frau und für dessen Polygamie zu kritisieren. Im Gegenteil, eigentlich erscheint der Islam diesen Zuständen fast eher moralisch überlegen.

Die Degeneration des Abendlandes auch auf diesem Gebiet eben.

Monalisa
5. März 2015 22:53

Sehr guter Kommentar, Martin.

wenigstens dürfte Francois dann noch feststellen, dass einige seiner ekligen Sexpraktiken im Islam haram sind und er auch den ach so unterwürfigen Araberinnen gegenüber verpflichtet ist, Kinder zu zeugen.

Andererseits scheint die Figur Francois so angelegt zu sein, dass er vermutlich zu einem halbwegs normalen Familienleben zurückfinden könnte. Über den islamischen Umweg und unter äußerem Druck zwar, aber widerspruchslos, schlussendlich erleichtert.

Keats
7. März 2015 16:58

Eine Gesellschaft, in der ein Mann bis zu vier Frauen heiraten kann, funktioniert nur, wenn durch Krieg und Eroberung ein permanenter Überschuß an jungen Frauen erzeugt wird. In Friedenszeiten gehen viele Männer notwendigerweise leer aus, zumal in Gegenden mit hoher Müttersterblichkeit. "Die Ausweitung der Kampfzone" ist im Islam systemimmanent. Nordafrika war nicht zufällig lange das Traumziel europäischer Homosexueller.

Der Westen hat sich auf den Islam zubewegt. An den Universitäten wird die Wissenschaft durch Glaubensdoktrinen be- und verdrängt (Genderismus etc.), ein "par ordre du mufti"-Stil hat sich auch in der deutschen Politik breitgemacht. Für eine Gesellschaft, in der wenige im Reichtum leben und sich die Mehrheit ergeben in ihr Schicksal fügen soll, bietet der Islam die ideale Herrschaftsideologie.

Aber Moslems und grüne Neolinke sind nur Bauern, die nach Belieben vorgeschoben und geschlagen werden. Bei Houellebecq schlägt der Islam-Bauer den mit Damen-Insignien angemalten Power-Frauen-Bauer vom Feld. Das Spiel ist noch lange nicht zu Ende. Schach und Schicksal sind nicht verwandt. In "Unterwerfung" waltet das Schicksal. Das ist eine gefährliche Illusion. Weder islamische noch die lebensuntüchtigen Genderismus-Funktionäre hätten, auf sich allein gestellt, in Europa irgendeine Bedeutung.

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