Sezession
1. April 2007

Autorenportrait Lenore Kühn

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_17von Detlef Kühn

Das hervorstechendste Merkmal Lenore Kühns (1878-1955) war wohl ihre Vielseitigkeit: In ihrer Jugend war sie eine begabte Pianistin. Später stellte sie ihr musikalisches Talent auch als Komponistin unter Beweis. Nach dem Abitur begann sie 1903 in Erlangen als eine der ersten Studentinnen dort das Studium der Philosophie, das sie in Freiburg fortsetzte und 1908 mit der Promotion abschloß. Ihr philosophisches Lebenswerk, die zweibändige Autonomie der Werte, hätte nach heutigen Maßstäben schon vom Volumen her zur Habilitation gereicht. In ihrem Brotberuf, dem Journalismus, den sie zeitlebens ausübte, widmete sie sich unter anderem kulturellen und Reisethemen, meist im Mittelmeerraum. Nach dem Ersten Weltkrieg verschrieb sie sich für einige Jahre der Politik. Als Mitarbeiterin und Schriftleiterin des Reichsfrauenausschusses der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) bemühte sie sich nach Einführung des Wahlrechts für Frauen um deren Stimmen für diese nationale, konservative und monarchistische Partei. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in zwei gescheiterten Ehen entwickelte sich ihr Interesse an der gesellschaftlichen und rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau, dem sie sich in der Zeit der Weimarer Republik mit vollem Einsatz als Rednerin, Publizistin und Vorstandsmitglied im Bund deutscher Frauenvereine widmete. Dabei war sie kein Blaustrumpf. Im Gegenteil - ihr theoretisches und praktisches Interesse an Fragen der Sexualität mündete in ihre erfolgreichste Buchpublikation, die mehrere Auflagen und Übersetzungen ins Holländische und Japanische erlebte, wenn auch ihr Pseudonym zu Lebzeiten nicht aufgedeckt werden durfte: Diotima - Die Schule der Liebe war das erste Aufklärungsbuch aus der Sicht der Frau. Schließlich beschäftigte sich Lenore Kühn auch mit religionsphilosophischen Fragen, unternahm Ausflüge in die Soziologie, Archäologie und Anthropologie und versuchte sich am Ende ihres Lebens sogar an Problemen der Quantenphysik. Daß diese Vielseitigkeit die Gefahr der Zersplitterung einschloß, darf im Zeitalter der Spezialisten nicht verschwiegen werden. Dennoch weisen zahlreiche Bücher, Aufsätze und ihre Lyrik Lenore Kühn als Schriftstellerin und vor allem Frauenrechtlerin aus, die noch heute Interesse beanspruchen kann, zumal sie dem Umfeld der „Konservativen Revolution" zuzuordnen ist.

Lenore Kühn wurde in Riga geboren. Sie stammt aus dem baltischen Deutschtum und hier aus dem Literatenstand, also der Schicht von Akademikern, die im Russischen Reich zwar nur selten direkten politischen Einfluß ausüben konnte, aber vor allem durch die evangelischen Pfarrer prägend auf die lettische und estnische Bevölkerung einwirkte. Zu ihren Vorfahren zählten mit der Patrizierfamilie Schwartz auch die Großkaufleute, die durch Selbstverwaltung die großen Städte regierten. Lenore Kühn war sich dieser elitären Herkunft bewußt.


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