Autorenportrait Lenore Kühn

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_17von Detlef Kühn

Das hervorstechendste Merkmal Lenore Kühns (1878-1955) war wohl ihre Vielseitigkeit: In ihrer Jugend war sie eine begabte Pianistin. Später stellte sie ihr musikalisches Talent auch als Komponistin unter Beweis. Nach dem Abitur begann sie 1903 in Erlangen als eine der ersten Studentinnen dort das Studium der Philosophie, das sie in Freiburg fortsetzte und 1908 mit der Promotion abschloß. Ihr philosophisches Lebenswerk, die zweibändige Autonomie der Werte, hätte nach heutigen Maßstäben schon vom Volumen her zur Habilitation gereicht. In ihrem Brotberuf, dem Journalismus, den sie zeitlebens ausübte, widmete sie sich unter anderem kulturellen und Reisethemen, meist im Mittelmeerraum. Nach dem Ersten Weltkrieg verschrieb sie sich für einige Jahre der Politik. Als Mitarbeiterin und Schriftleiterin des Reichsfrauenausschusses der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) bemühte sie sich nach Einführung des Wahlrechts für Frauen um deren Stimmen für diese nationale, konservative und monarchistische Partei. Vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in zwei gescheiterten Ehen entwickelte sich ihr Interesse an der gesellschaftlichen und rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau, dem sie sich in der Zeit der Weimarer Republik mit vollem Einsatz als Rednerin, Publizistin und Vorstandsmitglied im Bund deutscher Frauenvereine widmete. Dabei war sie kein Blaustrumpf. Im Gegenteil - ihr theoretisches und praktisches Interesse an Fragen der Sexualität mündete in ihre erfolgreichste Buchpublikation, die mehrere Auflagen und Übersetzungen ins Holländische und Japanische erlebte, wenn auch ihr Pseudonym zu Lebzeiten nicht aufgedeckt werden durfte: Diotima - Die Schule der Liebe war das erste Aufklärungsbuch aus der Sicht der Frau. Schließlich beschäftigte sich Lenore Kühn auch mit religionsphilosophischen Fragen, unternahm Ausflüge in die Soziologie, Archäologie und Anthropologie und versuchte sich am Ende ihres Lebens sogar an Problemen der Quantenphysik. Daß diese Vielseitigkeit die Gefahr der Zersplitterung einschloß, darf im Zeitalter der Spezialisten nicht verschwiegen werden. Dennoch weisen zahlreiche Bücher, Aufsätze und ihre Lyrik Lenore Kühn als Schriftstellerin und vor allem Frauenrechtlerin aus, die noch heute Interesse beanspruchen kann, zumal sie dem Umfeld der „Konservativen Revolution" zuzuordnen ist.

 Gastbeitrag

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Leno­re Kühn wur­de in Riga gebo­ren. Sie stammt aus dem bal­ti­schen Deutsch­tum und hier aus dem Lite­ra­ten­stand, also der Schicht von Aka­de­mi­kern, die im Rus­si­schen Reich zwar nur sel­ten direk­ten poli­ti­schen Ein­fluß aus­üben konn­te, aber vor allem durch die evan­ge­li­schen Pfar­rer prä­gend auf die let­ti­sche und est­ni­sche Bevöl­ke­rung ein­wirk­te. Zu ihren Vor­fah­ren zähl­ten mit der Patri­zi­er­fa­mi­lie Schwartz auch die Groß­kauf­leu­te, die durch Selbst­ver­wal­tung die gro­ßen Städ­te regier­ten. Leno­re Kühn war sich die­ser eli­tä­ren Her­kunft bewußt.

Ihre Kind­heit über­schat­te­ten die Fol­gen der Rus­si­fi­zie­rungs­po­li­tik in der zwei­ten Hälf­te des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts, die die füh­ren­de Rol­le der deut­schen Spra­che und Bil­dung in den Schu­len, in der Uni­ver­si­tät Dor­pat (jetzt Tar­tu) und in der Ver­wal­tung zuguns­ten des Rus­si­schen auf­he­ben soll­te, obwohl es in die­sen frü­her auch offi­zi­ell so genann­ten „Deut­schen Pro­vin­zen” des Rus­si­schen Rei­ches nur weni­ge Rus­sen gab. Leno­res dezi­dier­tes Natio­nal­ge­fühl, das in frü­he­ren Genera­tio­nen unter den bal­ti­schen Deut­schen durch­aus nicht selbst­ver­ständ­lich war, hat­te sei­ne Ursa­che in die­sen Erfah­run­gen ihrer Jugend. Im Ers­ten Welt­krieg schon in Deutsch­land lebend, gehör­te sie wie ihr Bru­der Alfred Kühn, der als Jour­na­list in Riga geblie­ben war, zu den Ver­tre­tern des bal­ti­schen Deutsch­tums, die für einen Anschluß des Bal­ti­kums an das Deut­sche Reich ein­tra­ten. Die Erfah­run­gen der Fami­lie mit dem bol­sche­wis­ti­schen Ter­ror im Bal­ti­kum im Jah­re 1919 bestärk­ten noch zusätz­lich ihre anti­kom­mu­nis­ti­sche Einstellung.
Leno­re Kühns Mut­ter Elly gebo­re­ne Gule­ke hat­te nicht nur einen star­ken Cha­rak­ter, son­dern war auch eine her­vor­ra­gend aus­ge­bil­de­te Pia­nis­tin, die unter ande­rem bei Hans von Bülow in Frank­furt am Main stu­diert hat­te. Sie war wegen eines gesund­heit­li­chen Zusam­men­bruchs ihres Man­nes fak­tisch die Ernäh­re­rin der Fami­lie und wuß­te daher den Wert einer beruf­li­chen Aus­bil­dung auch für ihre Töch­ter zu schät­zen. Dafür kam nor­ma­ler­wei­se nur die Gou­ver­nan­ten-Aus­bil­dung in Betracht oder – wie im Fal­le Leno­res, deren musi­ka­li­sche Bega­bung die Mut­ter erkann­te – eben­falls die pia­nis­ti­sche Kar­rie­re, die not­falls von einer Tätig­keit als Kla­vier­leh­re­rin gestützt wer­den konn­te. So stu­dier­te Leno­re nach der Aus­bil­dung durch die Mut­ter ab 1896 erst in Ber­lin an der König­li­chen Hoch­schu­le für Musik und dann am Kon­ser­va­to­ri­um in Paris bei dem damals schon berühm­ten, wesent­lich älte­ren fran­zö­si­schen Pia­nis­ten Raoul Pug­no. Der ver­hei­ra­te­te Künst­ler wur­de ihre gro­ße Lie­be. Er hat sie pro­te­giert, ihr zum Bei­spiel Auf­nah­men für das auto­ma­ti­sche Welt­eke-Kla­vier „Mignon” eben­so ermög­licht wie ein Solo-Kon­zert in Paris im bekann­ten Kon­zert­saal Pleyel noch im Jah­re 1906, als sie bereits in Frei­burg bei dem Neo-Kan­tia­ner Hein­rich Rickert Phi­lo­so­phie stu­dier­te und an ihrer Dis­ser­ta­ti­on arbeitete.
Bereits wäh­rend ihres Paris-Auf­ent­halts in den 1890er Jah­ren hat­te Leno­re Kühn an der Sor­bon­ne phi­lo­so­phi­sche Vor­le­sun­gen gehört. Schon vor­her war sie auf Fried­rich Nietz­sche auf­merk­sam gewor­den, wahr­schein­lich erst­ma­lig durch einen Vor­trag des pro­tes­tan­ti­schen Theo­lo­gen Pro­fes­sor Juli­us Kaf­tan in Ber­lin 1896, als der damals schon berühm­te, aber geis­tes­kran­ke Phi­lo­soph noch unter der Pfle­ge sei­ner Schwes­ter Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche sei­nem Ende in Wei­mar ent­ge­gen­däm­mer­te. Spä­ter wur­de Fried­rich Nietz­sche der Fix­punkt im phi­lo­so­phi­schen Den­ken Leno­re Kühns. Sei­nem Wir­ken wid­me­te sie zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen, die unter ande­rem vor und wäh­rend des Welt­kriegs in der von ihrem ers­ten Ehe­mann Axel Rip­ke her­aus­ge­ge­be­nen Zeit­schrift Der Pan­ther oder spä­ter in der von Ger­trud Bäu­mer her­aus­ge­ge­be­nen Zeit­schrift Die Frau erschienen.

Durch die­se Publi­ka­tio­nen wur­de Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche auf die Bewun­de­rin des Werks ihres Bru­ders auf­merk­sam. Die per­sön­li­che Bekannt­schaft der bei­den Frau­en ist über zwan­zig Jah­re, von 1915 bis zum Tode Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sches im Jah­re 1935, durch eine Fül­le von Brie­fen und Post­kar­ten im Nietz­sche-Archiv in Wei­mar belegt. Frau Förs­ter-Nietz­sche hat Leno­re Kühn, die als Frei­be­ruf­le­rin immer in Geld­nö­ten war, auch mate­ri­ell unter­stützt. Die­se revan­chier­te sich mit Lite­ra­tur­hin­wei­sen und ‑exzerp­ten sowie Über­set­zun­gen ein­schlä­gi­ger Auf­sät­ze in aus­län­di­schen Zeit­schrif­ten. 1927 / 28 arbei­te­te Leno­re Kühn eini­ge Mona­te als wis­sen­schaft­li­che Hilfs­kraft im Nietz­sche-Archiv. Daß das gute Ver­hält­nis zwi­schen den bei­den Frau­en noch kurz vor Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sches Tod fak­tisch zer­stört wur­de, ist aus den Ver­hält­nis­sen im Drit­ten Reich zu erklä­ren. Dar­auf ist noch zurückzukommen.
Der Ein­stieg in die poli­ti­sche Tages­ar­beit, den Leno­re Kühn ursprüng­lich sicher nicht ange­strebt hat­te, war eine Fol­ge des von Deutsch­land ver­lo­re­nen Krie­ges. Im Osten wie im Wes­ten wur­den Tei­le des Reichs­ge­bie­tes von Feind­mäch­ten und ande­ren Nach­barn annek­tiert. Die prak­tisch rein deut­sche Stadt Dan­zig wur­de von Polen begehrt. In den Abstim­mungs­kampf schal­te­te sich die Poli­ti­ke­rin Käthe Schirma­cher ein. Leno­re Kühn ver­ließ ihr Domi­zil in Mün­chen und unter­stütz­te sie vor Ort nach Kräf­ten. Es nütz­te zwar alles nichts, denn Dan­zig wur­de trotz eines Votums für Deutsch­land vom Reich abge­trennt und zu einer Frei­en Stadt erklärt. Die inzwi­schen gegrün­de­te DNVP hat­te aber erkannt, daß sie sich den neu­en Her­aus­for­de­run­gen stel­len muß­te. Dazu gehör­te auch der Kampf um Wäh­le­rin­nen, die erst­mals bei all­ge­mei­nen Wah­len stimm­be­rech­tigt waren. Die DNVP und ihre Vor­läu­fer­or­ga­ni­sa­tio­nen hat­ten sich zwar nie als Vor­kämp­fer des Frau­en­wahl­rechts pro­fi­liert. Jetzt such­te sie aber ihre Chan­ce unter kon­ser­va­ti­ven und vor­wie­gend evan­ge­li­schen Frau­en und bau­te den Reichs­frau­en­aus­schuß als wich­ti­gen Teil des Par­tei­ap­pa­rats aus. Meh­re­re Frau­en, dar­un­ter auch Käthe Schirma­cher, wur­den aus­sichts­reich für die Wei­ma­rer Natio­nal­ver­samm­lung und dann den Reichs­tag auf­ge­stellt. Käthe Schirma­cher dürf­te auf Leno­re Kühn hin­ge­wie­sen haben, die nach Been­di­gung ihrer Auf­ga­be in Dan­zig im Juli 1919 haupt­amt­lich in die Diens­te der Par­tei trat.
Neben den übli­chen Auf­ga­ben der Mit­glie­der­be­treu­ung und Kor­re­spon­denz mit Inter­es­sen­tin­nen über­nahm sie hier im Herbst 1919 den Pres­se­dienst Frau­en­kor­re­spon­denz für natio­na­le Zei­tun­gen. 1921 folg­te die Schrift­lei­tung der Mit­glie­der­zeit­schrift Die Deutsch­na­tio­na­le Frau. Damit war sie in eine Posi­ti­on gekom­men, „ohne eigent­lich poli­ti­sche Funk­ti­on … in den kom­men­den Jah­ren maß­geb­lich die Hal­tung der DNVP in der Frau­en­po­li­tik” (Süch­t­ing-Hän­ger) zu defi­nie­ren. Neben Kuno Graf Westarp und Walt­her Gra­ef gehör­te sie 1920 zu den Redak­teu­ren des Parteiprogramms.

Als berufs­tä­ti­ge Frau ohne Kin­der stell­te sie dabei die Mit­ar­beit der Frau im öffent­li­chen Leben und in der Erwerbs­ar­beit beson­ders her­aus. Ihr Text­ent­wurf „Die deut­sche Frau ist als Hüte­rin der sitt­li­chen und reli­giö­sen Grund­la­gen des Fami­li­en­le­bens wie auch des Volks­le­bens beim Wie­der­auf­bau unent­behr­lich. Ihr steht die gleich­be­rech­tig­te Mit­ar­beit am öffent­li­chen Leben zu. Die Rech­te der Frau als ver­ant­wort­li­che Per­sön­lich­keit in der Erzie­hung des künf­ti­gen Geschlechts und im Berufs- und Fami­li­en­le­ben sind aus­zu­ge­stal­ten” wur­de nach inten­si­ver Dis­kus­si­on mit Westarp um fol­gen­den Satz ergänzt: „Die uner­setz­li­chen Wer­te, die durch die Arbeit der Haus­frau und Mut­ter geschaf­fen wer­den, sind sozi­al und wirt­schaft­lich anzu­er­ken­nen.” Die His­to­ri­ke­rin Andrea Süch­t­ing-Hän­ger bezeich­net es zu Recht als bemer­kens­wert, daß eine Frau an so maß­geb­li­cher Stel­le an dem Par­tei­pro­gramm der DNVP mit­ge­ar­bei­tet hat, was bis­her in ein­schlä­gi­gen Arbei­ten ein­fach über­gan­gen wor­den sei. Ansons­ten, was den Inhalt die­ser Pro­gramm­aus­sa­ge anbe­langt: Was hat sich eigent­lich in den letz­ten hun­dert Jah­ren geän­dert? Die­ser Teil der Frau­en- und Fami­li­en­po­li­tik beschäf­tigt uns noch heute.
1923 schied Leno­re Kühn aus dem Arbeits­ver­hält­nis mit der DNVP aus, wohl um ihre Unab­hän­gig­keit zu ret­ten und den unver­meid­li­chen Zwän­gen der Par­tei­ar­beit zu ent­ge­hen. Immer­hin war sie in den ver­gan­ge­nen fast fünf Jah­ren zu einer Auto­ri­tät in der Frau­en­po­li­tik vor kon­ser­va­ti­vem Hin­ter­grund her­an­ge­wach­sen. Das sicher­te ihr auch wei­ter­hin als Publi­zis­tin Auf­merk­sam­keit und Ein­fluß. 1924 / 25 ver­such­te sie, zusam­men mit Walt­her Schot­te, durch Grün­dung der Zeit­schrift Frau und Nati­on auch die ver­le­ge­ri­sche Unab­hän­gig­keit zu errei­chen. Die Finanz­mit­tel stamm­ten wohl aus der Umge­bung des Juni-Klubs bezie­hungs­wei­se Deut­schen Her­ren­klubs, viel­leicht auch vom Ver­le­ger Eugen Diede­richs in Jena. Die Reso­nanz der Zeit­schrift mit Niveau reich­te aber nicht aus, um sie dau­er­haft zu eta­blie­ren. Nach sechs Aus­ga­ben wur­de sie eingestellt.
Leno­re Kühn bewahr­te sich wei­ter­hin ihre eige­ne Mei­nung, not­falls auch im Gegen­satz zu ihrer Par­tei. So unter­stütz­te sie die (zustim­men­de) Reso­lu­ti­on deut­scher Frau­en, die Anfang 1932 der Abrüs­tungs­kon­fe­renz in Genf über­ge­ben wer­den soll­te, nach­dem die Welt-Peti­ti­on mit einer Klau­sel ver­se­hen wor­den war, die die unbe­ding­te Rechts­gleich­heit zwi­schen den bereits abge­rüs­te­ten Natio­nen, also Deutsch­land, und den übri­gen for­der­te, obwohl deutsch­na­tio­na­le Medi­en die Zustim­mung selbst mit die­ser Klau­sel kri­ti­siert hat­ten. Leno­re Kühn stell­te öffent­lich klar: „Die Idee des Welt­frie­dens sogar ver­leug­nen und die Anstre­bung durch die Frau­en für eine ‚unge­heu­er­li­che Selbst­über­schät­zung der Frau‘ zu hal­ten, heißt für mich aller­dings den Geist einer ‚müt­ter­li­chen Welt­kul­tur‘ ver­leug­nen. … Daß Wehr­haf­tig­keit (als Gesin­nung) und Fried­haf­tig­keit (als Grund­hal­tung) nicht ver­ein­bar sein sol­len, scheint mir das Miß­ver­ständ­nis einer völ­lig ermat­te­ten Welt­stim­mung und eines über­reiz­ten Pes­si­mis­mus zu sein …” Ande­rer­seits kri­ti­sier­te sie die libe­ra­le Vor­sit­zen­de des Deut­schen Staats­bür­ge­rin­nen-Ver­bands, Doro­thee von Vel­sen, 1930 herb, die zum Bei­spiel den 30.000 Frau­en, die 1929 bei der Reich­tags­wahl allein in Köln NSDAP gewählt hat­ten, die staats­bür­ger­li­che Gesin­nung abge­spro­chen hatte.

Leno­re Kühn: „Das zeit­wei­se Hint­an­stel­len von Son­der­in­ter­es­sen [gemeint ist: der Frau­en; D.K.] gegen­über dem natio­na­len Staats­in­ter­es­se ist … kein Zei­chen der poli­ti­schen Unrei­fe, son­dern der Rei­fe, und ich möch­te zum Bei­spiel eben­so wenig etwa mei­ne Ein­stel­lung zur Deutsch­na­tio­na­len Volks­par­tei – wo die Frau­en anfangs wirk­lich nicht auf Rosen gebet­tet waren, bis sie sich durch Arbeit eine geach­te­te Stel­lung erran­gen – ein­fach als ein fei­ges oder blö­des Unter­du­cken unter ‚männ­li­che Macht­po­li­tik‘ (immer noch lie­ber als unter männ­li­che Ohn­macht­po­li­tik) von sol­cher ein­sei­ti­gen Betrach­te­rin gewer­tet wis­sen, son­dern als die kla­re staats­bür­ger­li­che Über­zeu­gung: seht ihr in der Frau­en­fra­ge und man­cher ande­ren Son­der­fra­ge auch anders als ich, so ficht es mich nicht an, da ich wirk­lich das Wohl der Nati­on und nicht das ‚Frau­en­wohl‘ in ers­ter Linie bei euch suche. … Viel­leicht wür­den aber sogar jene 30.000 Frau­en von Köln sich sehr gern auf eine Par­tei, wel­che die Belan­ge der Frau wei­ter und gerech­ter faßt, gestützt haben, wenn sie nur in jenen Par­tei­en eine ihrer Ansicht nach genü­gend kraft­vol­le Behaup­tung des natio­na­len Gedan­kens, nach innen wie nach außen, gese­hen hätten …”
Dies führt uns zur Fra­ge aller Fra­gen, zumin­dest aus heu­ti­ger Sicht: Wie hielt es Leno­re Kühn mit den Juden? Kein Zwei­fel: In ihrer Tages­pu­bli­zis­tik der zwan­zi­ger Jah­re fin­den sich For­mu­lie­run­gen, die heu­te als ein­deu­tig anti­se­mi­tisch defi­niert sind. So sieht sie zwi­schen Juden und Deut­schen eine grund­le­gen­de Gefühls­ver­schie­den­heit in bezug auf natio­na­les Ehr­ge­fühl und den natio­na­len Gedan­ken. 1923 erklärt sie die Schlie­ßung der Gren­zen gegen jüdi­sche Ein­wan­de­rer für eine selbst­ver­ständ­li­che Not­wehr­maß­re­gel des deut­schen Staa­tes gegen dro­hen­de Über­frem­dung von Blut und Kul­tur des deut­schen Vol­kes. Jüdi­sche Jour­na­lis­ten, die 1926 die Poli­tik der deut­schen Regie­rung kri­ti­sier­ten, nann­te sie „Schäd­lin­ge im deut­schen Volks­kör­per” oder „para­si­ti­sche Quäl­geis­ter”. Noch nach dem Krie­ge bean­stan­de­te sie, jüdi­sche Regis­seu­re sei­en im Kul­tur­be­reich völ­lig über­re­prä­sen­tiert gewe­sen. Den­noch kann man Leno­re Kühn wohl nicht als ras­sis­tisch bezeich­nen. Mit assi­mi­lier­ten Juden, die sich als Bestand­teil der deut­schen (Kul­tur-) Nati­on betrach­te­ten, hat­te sie über­haupt kei­ne Pro­ble­me. Dafür ste­hen drei Namen, deren Trä­ger noch nach 1945 aus dem Exil enge Kon­tak­te zu ihr unter­hiel­ten, wie sich aus zahl­rei­chen Zeug­nis­sen in ihrem Nach­laß im Bun­des­ar­chiv ergibt. Mar­tha Kas­sel, eine spä­te­re Ber­li­ner Ärz­tin, die vor 1933 zum (evan­ge­li­schen) Chris­ten­tum kon­ver­tier­te, just als Leno­re Kühn aus der Kir­che aus­trat, war eine ihrer ältes­ten und sozu­sa­gen „dicken” Freun­din­nen; bei­de kann­ten sich seit der gemein­sa­men Auf­nah­me ihrer Stu­di­en 1903 in Erlan­gen. Juli­us Bab, der bekann­te Schrift­stel­ler, Dra­ma­turg und Thea­ter­kri­ti­ker, leg­te gro­ßen Wert dar­auf, mit Leno­re Kühn 1948, als er im Rah­men einer Vor­trags­rei­se durch das zer­stör­te Deutsch­land nach Mün­chen kam, zusam­men­zu­tref­fen. Und schließ­lich Fritz Wert­hei­mer, Gene­ral­se­kre­tär des Deut­schen Aus­lands­in­sti­tuts in Stutt­gart, der der unschul­di­ge Anlaß dafür wur­de, daß das jah­re­lang gute Ver­hält­nis zwi­schen Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche und Leno­re Kühn 1934 zerbrach.

Das kam so: Fritz Wert­hei­mer kann­te Leno­re Kühn eben­falls seit gemein­sa­men Stu­di­en­ta­gen in Frei­burg. Sie blie­ben auch danach in Ver­bin­dung. Als Wert­hei­mer die Lei­tung des Deut­schen Aus­lands­in­sti­tuts über­nahm, ver­öf­fent­lich­te Leno­re Kühn mehr­fach in des­sen Zeit­schrift Der Aus­lands­deut­sche, 1928 zum Bei­spiel einen Bericht über „Deutsch­tums­ar­beit in Spa­ni­en”. Im Som­mer 1933 wur­de Wert­hei­mer von den Natio­nal­so­zia­lis­ten ent­las­sen. In ihrer spon­ta­nen Art über­leg­te Leno­re Kühn, wie man ihm und sei­ner Fami­lie hel­fen kön­ne. Ihr fiel Eli­sa­beth-Förs­ter-Nietz­sche ein, von der sie wuß­te, daß sie mit dem nun­meh­ri­gen Reichs­in­nen­mi­nis­ter Wil­helm Frick seit des­sen Zeit als Innen- und Volks­bil­dungs­mi­nis­ter in Thü­rin­gen ein freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis unter­hielt. In meh­re­ren Brie­fen ver­such­te Leno­re Kühn die Schwes­ter Nietz­sches für das Schick­sal Wert­hei­mers zu inter­es­sie­ren, des­sen erfolg­rei­che Arbeit in Stutt­gart sie unter­strich. Sie bedräng­te Frau Förs­ter, anders kann man es nicht bezeich­nen, bei Frick zuguns­ten von Wert­hei­mer zu inter­ve­nie­ren. Deren unlus­ti­ge und eigent­lich ableh­nen­de Hal­tung woll­te sie nicht zur Kennt­nis neh­men, bis Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche ihr schließ­lich eine schrof­fe Absa­ge erteil­te, was die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen bei­den Frau­en end­gül­tig beendete.
Leno­re Kühn hat­te in einer für sie nicht unty­pi­schen Nai­vi­tät das grund­sätz­li­che Ele­ment in der Ent­las­sung Wert­hei­mers ver­kannt. Sie betrach­te ihren Stu­di­en­freund als einen guten Deut­schen. Die unge­rech­te Behand­lung sei­ner Per­son empör­te sie. Des­halb sprang sie ihm bei. Das war für sie selbst­ver­ständ­lich. Ähn­lich ver­hielt sie sich nach 1945 in einem ganz anders gela­ger­ten Fall von Unge­rech­tig­keit, als näm­lich die Wit­we des Feld­mar­schalls Erich Luden­dorff, Dr. Mat­hil­de Luden­dorff, in Bay­ern mit einem lang­wie­ri­gen Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren über­zo­gen wur­de, obwohl das Ehe­paar und die von ihm gelei­te­te Bewe­gung, der „Bund für Gotterkennt­nis (L.)”, sich früh­zei­tig mit Adolf Hit­ler und dem Natio­nal­so­zia­lis­mus über­wor­fen hat­ten. Auch in die­sem Fall erhob Leno­re Kühn ihre Stim­me zuguns­ten der Unterlegenen.
Trotz ihrer deutsch­na­tio­na­len Ein­stel­lung fand Leno­re Kühn im Drit­ten Reich vor allem wegen ihrer kämp­fe­risch-frau­en­recht­le­ri­schen Hal­tung kaum noch Publikationsmöglichkeiten.
Nach­dem auch die natio­na­le Frau­en­zeit­schrift Die deut­sche Kämp­fe­rin 1937 ihr Erschei­nen ein­stel­len muß­te, blieb ihr nur noch die Zuar­beit für Arti­kel­diens­te wie dem des Kor­re­spon­denz­ver­la­ges Sei­fert in Ber­lin, dem sie Rei­se- und Kul­tur-Arti­kel, Gedich­te und Buch­be­spre­chun­gen lie­fer­te. Auch Ger­trud Bäu­mer, die Die Frau noch bis 1944 her­aus­brin­gen konn­te, druck­te ab und an Bei­trä­ge von ihr. Welt­an­schau­lich enga­gier­te sich Leno­re Kühn in der „Deut­schen Glau­bens­be­we­gung”, die 1933 von dem Indo­lo­gen und Reli­gi­ons­his­to­ri­ker Jakob Wil­helm Hau­er gegrün­det wor­den war, aber weder Bei­fall noch gar Unter­stüt­zung der Natio­nal­so­zia­lis­ten fand. Für die­se Orga­ni­sa­ti­on ver­öf­fent­lich­te Leno­re Kühn-Fro­be­ni­us, wie sie seit ihrer zwei­ten Ehe mit dem Maler Her­mann Fro­be­ni­us, einem Bru­der des Afri­ka­for­schers Leo Fro­be­ni­us, hieß, in den drei­ßi­ger Jah­ren drei bes­se­re Flug­schrif­ten – ihre ein­zi­gen selb­stän­di­gen Publi­ka­tio­nen im Drit­ten Reich. Eine ande­re in die­ser Zeit ent­stan­de­ne völ­ker­psy­cho­lo­gi­sche Arbeit, Asi­en über Dir, konn­te nicht erschei­nen, weil zum Bei­spiel der Ver­lag Jun­ker und Dünn­haupt die Zen­sur fürch­te­te. Dr. Paul Jun­ker schrieb Leno­re Kühn 1943: „Sie wis­sen ja selbst, was die Zen­sur ver­bie­ten wür­de. Es ist die all­zu star­ke Par­al­le­le, die Sie zwi­schen dem Osten und uns in gewis­sen welt­an­schau­li­chen Erschei­nungs­for­men zie­hen.” Das Werk erschien nach dem Krieg im Ver­lag der Luden­dorff-Bewe­gung. Auch ein ande­res längst fer­ti­ges Buch, Das Indi­vi­du­um im Welt­bild Goe­thes und Nietz­sches, kam erst 1948 aus der Schublade.
Nach­dem sich die Erfor­schung der Geschich­te der Frau­en­be­we­gung in der zwei­ten Hälf­te des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts fast völ­lig auf deren lin­ken Flü­gel und das libe­ra­le Bür­ger­tum (natür­lich auch auf die Rol­le der Frau im Natio­nal­so­zia­lis­mus) kon­zen­triert hat, haben eini­ge jün­ge­re His­to­ri­ke­rin­nen nun auch die deutsch­na­tio­na­len und kon­ser­va­ti­ven Frau­en als loh­nen­des For­schungs­ob­jekt ent­deckt. Was bis­lang noch auf sich war­ten läßt, ist die genaue­re Betrach­tung spe­zi­ell der Frau­en, die zum Umfeld der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on” gerech­net wer­den kön­nen. Hier wie schon im poli­ti­schen Bereich hat Leno­re Kühn, eben­so wie ihre Mit­strei­te­rin­nen Pia Sophie Rog­ge-Bör­ner, Ger­da von Butt­lar-Below, Beda Pril­ipp und ande­re, einen nicht uner­heb­li­chen Ein­fluß ausgeübt.

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