Sezession
12. März 2015

„Wir müssen morgens extrem schnell arbeiten.“ – Eine Marginalie zum Thema Lügenpresse

Gastbeitrag / 4 Kommentare

von Jakob Altenburg

Von Montag bis Samstag veröffentlicht die Internetseite perlentaucher.de jeden Morgen einen "Rundblick durch die Feuilletondebatten", der auch auf Spiegel Online ("Heute in den Feuilletons") zu lesen ist. 2003 gab's dafür den Grimme Online Award, mit der Begründung:

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„Täglich ab 9 Uhr liefert der Perlentaucher dem Kulturinteressierten einen verlässlichen Zugewinn an Lebenszeit und Orientierung: 'Heute in den Feuilletons' destilliert in knapp kommentierter Form die Quintessenz aus den deutschsprachigen Feuilletons“. Mittlerweile liest der Perlentaucher am frühen Morgen auch ausländische Zeitungen und Magazine, und so war am 9. März 2015 unter der Überschrift Ideen folgendes zu lesen:

Der französische Premieminster (sic) Manuel Valls fällt mal wieder durch eine überraschend hellsichtige Äußerung auf. Der linke und populäre Philosoph Michel Onfray hat in Le Point - hier etwas verkürzt - gesagt, er habe lieber mit dem rechtsextremen Philosophen Alain de Benoist unrecht als mit dem linken Philosophen Bernard-Henri Lévy recht. Darauf Manuel Valls laut Huffpo.fr in einem Radiointerview: „Wenn ein bekannter, von vielen geschätzter Philosoph wie Michel Onfray sagt, dass Alain de Benoist, der die Neue Rechte in den Siebzigern und Achtzigern formte und in gewisser Hinsicht die ideologischen Grundlagen für den Front National legte, besser sei, als Bernard-Henri Lévy, dann muss man wohl sagen, dass hier die Maßstäbe verloren gehen.“

Nach der Anmerkung des Kommentators "Traduction Correcte"

Apropos Michel Onfray: Ihre Darstellung ist nicht „etwas verkürzt“, sondern schlicht falsch. Auch der hellsichtige Valls liegt völlig daneben, denn Onfray hat folgendes gesagt:

„... Concluez si vous voulez que je préfère une analyse juste d’Alain de Benoist à une analyse injuste de Minc, Attali ou BHL et que je préférais une analyse qui me paraisse juste de BHL à une analyse que je trouverais injuste d’Alain de Benoist … Les Papous vont hurler! Mais ils ne me feront pas dire que je préfère une analyse injuste de BHL sous prétexte qu’il dit qu’il est de gauche et que Pierre Bergé, Libération, Le Monde et le Nouvel Observateur, pardon, L’Obs affirment aussi qu’il le serait…“

änderte der Perlentaucher seinen Eintrag zuerst in (Änderungen fett):

(Ergänzt um 10.04 Uhr) Der französische Premieminster Manuel Valls fällt mal wieder durch eine überraschend hellsichtige Äußerung auf. Der linke und populäre Philosoph Michel Onfray hat in Le Point - hier etwas verkürzt - gesagt, er habe lieber mit dem rechtsextremen Philosophen Alain de Benoist unrecht als mit dem linken Philosophen Bernard-Henri Lévy recht. Darauf Manuel Valls laut Huffpo.fr in einem Radiointerview: „Wenn ein bekannter, von vielen geschätzter Philosoph wie Michel Onfray sagt, dass Alain de Benoist, der die Neue Rechte in den Siebzigern und Achtzigern formte und in gewisser Hinsicht die ideologischen Grundlagen für den Front national legte, besser sei, als Bernard-Henri Lévy, dann muss man wohl sagen, dass hier die Maßstäbe verloren gehen.“ Michel Onfray verwahrt sich in einem Blogeintrag gegen Valls' Darstellung.

und wenige Zeit später in (Änderungen fett)

(Ergänzt und korrigiert um 10.04 Uhr) Der französische Premieminster Manuel Valls fällt mal wieder durch eine überraschend hellsichtige Äußerung auf. Der linke und populäre Philosoph Michel Onfray hat in Le Point - hier etwas verkürzt - gesagt, er ziehe zur Not eine korrektre (sic) Analyse des rechtsextremen Philosophen Alain de Benoist einer inkorrekten des Bernard-Henri Lévys vor. Darauf Manuel Valls laut Huffpo.fr in einem Radiointerview: „Wenn ein bekannter, von vielen geschätzter Philosoph wie Michel Onfray sagt, dass Alain de Benoist, der die Neue Rechte in den Siebzigern und Achtzigern formte und in gewisser Hinsicht die ideologischen Grundlagen für den Front national legte, besser sei, als Bernard-Henri Lévy, dann muss man wohl sagen, dass hier die Maßstäbe verloren gehen.“ Michel Onfray verwahrt sich in einem Blogeintrag gegen Valls' Darstellung.

und antwortete dem genannten Kommentator:

Hier der Link zu den vollständigen Zitaten bei Michel Onfray: https://mo.michelonfray.fr/tele...

So kann sich jeder selbst ein Bild machen. Den Link fürgen (sic) wir auch oben in der Presseschau ein.

Der hakte erneut nach:

Mir ist der Streit zwischen Onfray und Valls („Manuel Valls est un crétin“) herzlich egal, aber mich stört, daß der Perlentaucher, mein täglich Brot in Sachen Feuilleton, nicht sauber recherchiert und übersetzt: Wo bitte bezeichnet Onfray de Benoist als „rechtsextrem“, wo bitte spricht er davon, dessen Analysen „zur Not“ vorzuziehen?

Daraufhin der Perlentaucher:

Dass Benoist ein Autor der extremen Rechten ist, dürfte als verbürgt gelten. Onfray hat es nicht dazugesagt, weil es in Frankreich allgemein bekennt (sic) ist. Das „zur Not“ steht in unserer Paraphrase, wir schreiben es ncht (sic) Onfray zu,. (sic) Wir müssen morgens extrem schnell arbeiten, da passieren auch Fehler. Danke für die Korrektur.

Den Schlußpunkt setzte "Traduction Correcte":

Dann arbeiten Sie doch bitte ein wenig langsamer, so langsam, daß Ihre Sorgfalt und Redlichkeit nicht darunter leiden! ;)


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Kommentare (4)

Unke
13. März 2015 11:24

Großartig, vielen Dank!
Es ist DDR 2.0: die "richtige" Gesinnung diffundiert bis in die kleinsten Verästelungen. Man fragt sich was die Eleven auf der Journalistenschule so lernen... vermutlich nichts.

Steffen
13. März 2015 15:51

Die gesamte Kaskade an Lächerlichkeiten des Kulturbetriebs "in a nutshell", wie es der Angelsachse zu sagen pflegt.
Schlecht recherchierte "instant" Informationen für oberflächlich Schnelllebige, moralisches Vorkauen (oder doch eher Verdauen) samt der Markierung unbeliebter Objekte mit einschlägigem Vokabular - und um dem ganzen die Krone aufsetzen zu können, der "Grimme Online Award" für diese Farce.

Stephan
14. März 2015 03:09

Das „zur Not“ steht in unserer Paraphrase, wir schreiben es ncht (sic) Onfray zu,. (sic)

Auch in indirekter Rede darf das Originalzitat selbstverständlich nicht verfälscht werden. Und wer "extrem schnell" arbeitet, lässt Dinge aus, und er verschreibt sich von mir aus. Er dichtet aber keine Details ("zur Not", "rechtsextrem") hinzu.

Mein Gott, kann man nicht einfach einmal intellektuell ehrlich sein? Hat denn heutzutage jeder so einen Bekehrungswunsch und Bevormundungsdrang - frei nach dem Motto: "die Wahrheit trau' ich mir selbst zu und niemandem sonst"?

Kreuzweis
14. März 2015 12:56

Sehr erhellend, sehr musterhaft!
Daß hier Übersetzungsfehler vorlägen halte ich für wenig glaubhaft. Eher dürfte es ein zwanghafter Drang zum Lügen und Verleumden sein. Aus dem Impressum:

"Thierry Chervel, geboren 1957, hat Musikwissenschaften studiert. Er war Redakteur bei der taz (Film, Musik, Tagesthemen), Kulturkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung in Paris und Redakteur auf der Berliner Seite der Süddeutschen. Mitbegründer des Perlentauchers.
Er hat auch an der Website für seinen jüngst verstorbenen Vater Marc Chervel (https://www.marc-chervel.fr) mitgearbeitet."

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