Sezession
1. April 2007

Bewegung im Überbau

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_171von Karlheinz Weißmann

Vor einiger Zeit hat Frank Schirrmacher die Grenzen des Konsens mit zwei Namen markiert: „Habermas" und „Stoiber". Habermas zur Abgrenzung nach links und als Symbol für die Integration der Achtundsechziger, Stoiber zur Abgrenzung nach rechts und als Symbol für das Erbe der Bonner Republik. Dem einen wird das Liebäugeln mit dem Marxismus nachgesehen, dem anderen das Unbehagen an einer „durchraßten" Bevölkerung, der eine wird anerkannt als Staatsphilosoph eines Gemeinwesens, das eigentlich nur „Gesellschaft" sein will, der andere als Verkörperung jener Praxis, die den westdeutschen Wiederaufstieg ermöglichte.

So zutreffend Schirrmachers Vorschlag sein mag, er hat doch einen gravierenden Mangel: Habermas und Stoiber sind alt. Nach konventioneller Auffassung gehören sie in den Ruhestand. Ihre Präsenz muß die Angriffslust der Nachdrängenden reizen. Die Attacke auf Habermas im letzten Jahr hatte deshalb nur vordergründig mit verzehrten Meldezetteln oder der dunklen Vergangenheit eines „Produkts der reeducation" (Habermas über Habermas) als Pimpfenführer zu tun, sondern mit der Möglichkeit, einen Mann von diesem Einfluß überhaupt anzugreifen, ohne dabei größeren Schaden zu nehmen. Noch offenkundiger als im Fall von Habermas ist die altersbedingte Demontage Stoibers. Gerade war man dabei, die jämmerliche Vorstellung zu vergessen, die er in Berlin als Aspirant auf einen Ministersessel geboten hatte, da wurde seine Stellung als Landesvater und Parteivorsitzender durch den Vorstoß einer Provinzgröße in Frage gestellt, und zwar so nachhaltig, daß alles nach einem baldigen Ende seiner Laufbahn aussieht.
Sicher ist der Konflikt in der CSU vor allem ein innerparteilicher, also Normalität, und insofern unerheblich für die Einschätzung der größeren Zusammenhänge. Das ist anders im Fall der Kampagne, die gegen Habermas geführt wurde. Als der Cicero im vergangenen November mit dem Titel „Vergeßt Habermas" erschien, war das Provokation, eine Provokation, bei der die Substanz der Argumente kaum eine Rolle spielte. Habermas kennt dieses Spiel, er hat es oft genug inszeniert, und nimmt es entsprechend ernst. Seine und die Verteidigung seiner Parteigänger wirkte routiniert, aber lustlos. Die Empörungsbereitschaft ließ zu wünschen übrig. Das zeigt auch: Habermas ist noch eine Größe, aber das Interesse an seiner Person und seinen Auffassungen schwindet.


 Gastbeitrag

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