Bewegung im Überbau

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_171von Karlheinz Weißmann

Vor einiger Zeit hat Frank Schirrmacher die Grenzen des Konsens mit zwei Namen markiert: „Habermas" und „Stoiber". Habermas zur Abgrenzung nach links und als Symbol für die Integration der Achtundsechziger, Stoiber zur Abgrenzung nach rechts und als Symbol für das Erbe der Bonner Republik. Dem einen wird das Liebäugeln mit dem Marxismus nachgesehen, dem anderen das Unbehagen an einer „durchraßten" Bevölkerung, der eine wird anerkannt als Staatsphilosoph eines Gemeinwesens, das eigentlich nur „Gesellschaft" sein will, der andere als Verkörperung jener Praxis, die den westdeutschen Wiederaufstieg ermöglichte.

 Gastbeitrag

Nicht nur unsere Stammautoren tragen zu unserem Netztagebuch bei.


So zutref­fend Schirr­ma­chers Vor­schlag sein mag, er hat doch einen gra­vie­ren­den Man­gel: Haber­mas und Stoi­ber sind alt. Nach kon­ven­tio­nel­ler Auf­fas­sung gehö­ren sie in den Ruhe­stand. Ihre Prä­senz muß die Angriffs­lust der Nach­drän­gen­den rei­zen. Die Atta­cke auf Haber­mas im letz­ten Jahr hat­te des­halb nur vor­der­grün­dig mit ver­zehr­ten Mel­de­zet­teln oder der dunk­len Ver­gan­gen­heit eines „Pro­dukts der ree­du­ca­ti­on” (Haber­mas über Haber­mas) als Pimp­fen­füh­rer zu tun, son­dern mit der Mög­lich­keit, einen Mann von die­sem Ein­fluß über­haupt anzu­grei­fen, ohne dabei grö­ße­ren Scha­den zu neh­men. Noch offen­kun­di­ger als im Fall von Haber­mas ist die alters­be­ding­te Demon­ta­ge Stoi­bers. Gera­de war man dabei, die jäm­mer­li­che Vor­stel­lung zu ver­ges­sen, die er in Ber­lin als Aspi­rant auf einen Minis­ter­ses­sel gebo­ten hat­te, da wur­de sei­ne Stel­lung als Lan­des­va­ter und Par­tei­vor­sit­zen­der durch den Vor­stoß einer Pro­vinz­grö­ße in Fra­ge gestellt, und zwar so nach­hal­tig, daß alles nach einem bal­di­gen Ende sei­ner Lauf­bahn aussieht.
Sicher ist der Kon­flikt in der CSU vor allem ein inner­par­tei­li­cher, also Nor­ma­li­tät, und inso­fern uner­heb­lich für die Ein­schät­zung der grö­ße­ren Zusam­men­hän­ge. Das ist anders im Fall der Kam­pa­gne, die gegen Haber­mas geführt wur­de. Als der Cice­ro im ver­gan­ge­nen Novem­ber mit dem Titel „Ver­geßt Haber­mas” erschien, war das Pro­vo­ka­ti­on, eine Pro­vo­ka­ti­on, bei der die Sub­stanz der Argu­men­te kaum eine Rol­le spiel­te. Haber­mas kennt die­ses Spiel, er hat es oft genug insze­niert, und nimmt es ent­spre­chend ernst. Sei­ne und die Ver­tei­di­gung sei­ner Par­tei­gän­ger wirk­te rou­ti­niert, aber lust­los. Die Empö­rungs­be­reit­schaft ließ zu wün­schen übrig. Das zeigt auch: Haber­mas ist noch eine Grö­ße, aber das Inter­es­se an sei­ner Per­son und sei­nen Auf­fas­sun­gen schwindet.

Wenn der Angriff nicht stär­ker durch­schlug, hat­te das vor allem mit feh­len­der Vor­be­rei­tung zu tun, auch mit feh­len­der Ernst­haf­tig­keit. Ver­ant­wort­lich ist dafür Wolf­ram Wei­mer, Chef­re­dak­teur des Cice­ro. Offen­bar betrach­te­te er das Gan­ze als eine Art Expe­ri­ment, einen Test der Stim­mungs­la­ge. Daß die sich wan­delt, ist auch am Erfolg von Cice­ro zu erken­nen. Vie­le Beob­ach­ter hat­ten der Zeit­schrift kaum Chan­cen zuge­stan­den. Mitt­ler­wei­le erscheint sie fest eta­bliert und bil­det eine Brü­cke zwi­schen den poli­ti­schen Maga­zi­nen und Zeit­schrif­ten mit Bei­trä­gen essay­is­ti­schen Cha­rak­ters. Was die Posi­tio­nie­rung angeht, so lieb­äu­gelt Wei­mer mit dem Begriff „kon­ser­va­tiv”. Im Juni des ver­gan­ge­nen Jah­res ließ er etwa eine Umfra­ge zum The­ma „Wie kon­ser­va­tiv ist der Zeit­geist?” durch­füh­ren, aber die Aus­beu­te war mager, bis auf die klu­gen Erwä­gun­gen Jür­gen Busches. Die Zustim­mung hat­te atmo­sphä­ri­sche, kul­tu­rel­le, bio­gra­phi­sche Grün­de, aber kei­ne poli­ti­schen. Eine Posi­tio­nie­rung im rech­ten Spek­trum kam sowie­so nicht in Fra­ge. Die­sen Ruch hat Cice­ro von Anfang an gemie­den, unter den Mit­ar­bei­tern vor allem auch sol­che rekru­tiert, die im lin­ken oder links­li­be­ra­len Milieu ver­an­kert sind.
Wenn sich über­haupt so etwas wie eine Welt­an­schau­ung des Cice­ro erken­nen läßt, dann wäre die wohl am ehes­ten mit „neue Bür­ger­lich­keit” zu bezeich­nen. Der Begriff hat sei­ne Kar­rie­re par­al­lel zum Auf­stieg der Zeit­schrift erlebt und hängt mit PISA-Schock und Inte­gra­ti­ons­de­bat­te eben­so zusam­men wie mit der Wahr­neh­mung neu­er Zwän­ge, die aus Volks­tod und Staats­ver­schul­dung resul­tie­ren. Zu den wich­tigs­ten Prot­ago­nis­ten gehö­ren neben den Vete­ra­nen Arnulf Baring und Paul Kirch­hof jün­ge­re Intel­lek­tu­el­le wie der His­to­ri­ker Paul Nol­te, der regel­mä­ßig Bei­trä­ge für Cice­ro schreibt. Sie betrach­ten sich als Stich­wort­ge­ber des Zeit­geis­tes. Man fin­det Vor­be­hal­te gegen­über Ame­ri­ka, aber grund­sätz­lich ist die Ori­en­tie­rung pro­west­lich, euro­pä­isch, staats­skep­tisch und unter­neh­mer­freund­lich. In vie­lem erschei­nen die Auf­fas­sun­gen der „neu­en” wie die der „alten Mit­te”, nur berei­nigt um das Erbe des rhei­ni­schen Kapi­ta­lis­mus und gewis­se Fixie­run­gen des Kal­ten Krie­ges. Man ist auch smar­ter und welt­läu­fi­ger. Die Denk- und Hand­lungs­kon­zep­te wer­den nach angel­säch­si­schem Mus­ter geformt, was bedeu­tet, daß man dem Deut­schen als einem Spe­zi­fi­schen mit Reser­ve gegen­über­steht. Patrio­tis­mus mag sei­nen Zweck erfül­len – auch dafür bie­ten die USA das Modell -, aber er muß gegen­warts-und zukunfts­be­zo­gen sein, Ver­gan­gen­heit ist nicht erwünscht. Bezeich­nen­der­wei­se ist das Geschichts­bild des Cice­ro ganz konventionell.
Das alles kann nicht getrennt wer­den von der iro­ni­schen Atti­tü­de, die in den redak­tio­nel­len Bei­trä­gen gepflegt wird. Sie bestimmt aber auch die natür­li­che Gren­ze der Wirk­sam­keit. Das Pro­blem wird gele­gent­lich sogar den Iro­ni­kern bewußt. Im April 2004 hat Wei­mer sei­ne Kolum­ne mit der Über­schrift „Gibt es ein Jen­seits der Iro­nie?” ver­se­hen. Die Fra­ge stel­le sich, folgt man sei­ner Argu­men­ta­ti­on, weil die iro­ni­sche Kul­tur des Wes­tens zuneh­mend ganz und gar uniro­ni­schen Kon­kur­ren­ten gegen­über­tre­te: den sen­dungs­be­wuß­ten Ame­ri­ka­nern, den leis­tungs­star­ken Asia­ten, den zahl­rei­chen Afrikanern.

Damit keh­re der Ernst in die Debat­te zurück, und das sei „… gar nicht schlecht. Denn dann müß­te man sich wie­der anstren­gen, wie­der neu­gie­rig sein, wie­der fra­gen und ler­nen und wol­len. Etwas ernst neh­men, Respekt pfle­gen, den Kul­tur­pes­si­mis­mus wie­der als Klei­der­bü­gel begrei­fen, auf den man ein iro­ni­sches Gewand hän­gen kann, aber eben kei­ne Iden­ti­tät. Aus dem Schutt des Iro­ni­schen hie­ße es die Grund­mau­ern der Tra­di­ti­on wie­der frei­le­gen, das Poli­ti­sche wie­der als das Bür­ger­li­che begrei­fen, das Kul­tu­rel­le als das Eige­ne, viel­leicht sogar das Reli­giö­se als das Sinn­stif­ten­de ent­de­cken, das Wort jeden­falls wie­der als den Anfang und nicht als einen Witz am Ende.”
Man kann die­sen Sät­zen Hell­sich­tig­keit nicht bestrei­ten, indes weiß Wei­mer sehr genau, daß der iro­ni­sche Ges­tus Exis­tenz­be­din­gung sei­nes Organs ist. Den Erfolg am Markt ver­dankt er nicht nur außer­or­dent­li­chen finan­zi­el­len Mit­teln, son­dern auch der unge­schrie­be­nen Regel, erns­te Fra­gen zu mei­den, nicht nach den Ver­ant­wort­li­chen für die Mise­re zu suchen, die tat­säch­li­chen Män­gel der Poli­ti­schen Klas­se zu beschwei­gen und Mög­lich­kei­ten gründ­li­cher Abhil­fe undis­ku­tiert zu las­sen. Die Inkon­se­quenz des Angriffs auf Haber­mas paßt gut in die­ses Bild.
Viel­leicht wür­de Cice­ro auch Inkon­se­quenz als Vor­zug deu­ten, Aus­weis über­le­ge­ner Ein­sicht, Feh­len deutsch-idea­lis­ti­scher Belas­tung. Damit wäre man jeden­falls nahe an der The­se, die in einem der bemer­kens­wer­tes­ten Bücher des ver­gan­ge­nen Jah­res ver­tre­ten wird: Jens Hackes Phi­lo­so­phie der Bür­ger­lich­keit. Bemer­kens­wert ist das Buch übri­gens nicht wegen der Sub­stanz, son­dern wegen sei­nes Erschei­nens über­haupt. Es befaßt sich mit dem (angeb­li­chen) Ein­fluß der Schu­le des Phi­lo­so­phen Joa­chim Rit­ter auf die Debat­ten der Nach­kriegs­zeit. Der Autor ver­steht sei­ne Arbeit aber gleich­zei­tig als Ver­such, der „neu­en Mit­te” eine Geschich­te zu geben, eine Tra­di­ti­on, die sie mit frü­he­ren „libe­ral­kon­ser­va­ti­ven” Ansät­zen ver­bin­det. Als wich­tigs­te Trä­ger sol­cher Über­lie­fe­rung gel­ten ihm Her­mann Lüb­be und Odo Mar­quard, dane­ben noch Ernst-Wolf­gang Böcken­för­de und Mar­tin Krie­le. Die Aus­wahl ist will­kür­lich und ori­en­tiert sich fak­tisch an dem Ein­fluß, den die betref­fen­den gewon­nen haben. Was Hacke non­cha­lant über­geht, ist nicht nur die Tat­sa­che, daß kei­ner von den Genann­ten je als „kon­ser­va­tiv” gel­ten woll­te, son­dern auch, daß die kon­ser­va­ti­ven Prot­ago­nis­ten des Rit­ter-Krei­ses – Gün­ter Rohr­mo­ser, Rein­hart Mau­rer und Ber­nard Will­ms – voll­stän­dig aus­ge­spart wer­den. Das führt nicht nur zu einer Ver­zeich­nung, son­dern auch dazu, daß etwas als Erfolgs­ge­schich­te prä­sen­tiert wird, was nichts weni­ger war, als das. Die von Hak­ke vor­ge­stell­ten „Libe­ral­kon­ser­va­ti­ven” kenn­zeich­ne­te ein Rie­cher für Kar­rie­rehemm­nis­se und die Ent­schlos­sen­heit, sich etwas vor­zu­ma­chen. Wäh­rend die „Rechts­kon­ser­va­ti­ven” immer­hin für sich in Anspruch neh­men kön­nen, den Kampf auf­ge­nom­men zu haben, der dann ver­lo­ren ging, zogen sie es alle­mal vor, im Ernst­fall ein ruhi­ges Plätz­chen zu suchen, am Boden­see etwa, am bes­ten auf der schwei­ze­ri­schen Seite.

Daß sol­che Hal­tun­gen unter Intel­lek­tu­el­len durch­aus auf Sym­pa­thie rech­nen dür­fen, kann man auch dar­auf zurück­füh­ren, daß sie all­ge­mei­ne­ren Ver­hal­tens­mus­tern ent­spre­chen: gespiel­te Über­le­gen­heit, ruch­lo­ser Opti­mis­mus, Wei­ge­rung, auf den Kern zu kom­men. In einer bemer­kens­wer­ten Ana­ly­se hat Ste­phan Grü­ne­wald die The­se auf­ge­stellt, daß die deut­sche Men­ta­li­tät vor allem durch sol­che Züge bestimmt sei. Grü­ne­wald, von Hau­se Psy­cho­lo­ge und Lei­ter eines pri­va­ten Insti­tuts für Kultur‑, Marktund Medi­en­for­schung, beschäf­tigt sich nor­ma­ler­wei­se nicht mit dem gro­ßen Gan­zen. Aber in Deutsch­land auf der Couch geht es genau dar­um: um den „Ver­lust des wirk­li­chen Lebens”, gekenn­zeich­net durch vier Fak­to­ren: „Das ver­tag­te Leben”, „Der zer­stü­ckel­te All­tag”, „Das schick­sal­lo­se Leben”, „Das Schwin­den der All­tags­kom­pe­tenz”. Grü­ne­wald erklärt die kol­lek­ti­ve Nei­gung, alle Erwar­tun­gen einer grund­sätz­lich bes­se­ren Zukunft zuzu­wei­sen, die Frag­men­tie­rung von Zeit in (läs­ti­ge) Arbeits­zeit und (arbeits­ar­tig gestal­te­te) Frei­zeit, die Illu­si­on eines ganz beherrsch­ba­ren Daseins und den dra­ma­ti­schen Ver­lust jener Fähig­kei­ten, die frü­her der gesun­de Men­schen­ver­stand garan­tier­te, zu Ursa­chen für den „rasen­den Still­stand”, der unse­re Lage kenn­zeich­net, die all­seits als pro­ble­ma­tisch emp­fun­den wird, die aber nie­mand zu ändern ver­mag. Die Deut­schen reagier­ten mit „Cool­ness” oder „Simu­la­ti­on”, aber der Anschein von Distanz oder die Flucht in eksta­ti­sche Aus­nah­me­si­tua­tio­nen schaff­ten kei­ne Abhilfe.
Vie­les von dem, was Grü­ne­wald anspricht, fin­det man auch bei ande­ren Trend­for­schern, Unter­neh­mens- oder Poli­tik­be­ra­tern. Was ihn von die­sen unter­schei­det, ist das Feh­len der auf­ge­setz­ten Fröh­lich­keit. „Mut zum wirk­li­chen Leben”, so sei­ne Posi­ti­on, bedeu­te auch Hin­nah­me der prin­zi­pi­el­len Beschrän­kung mensch­li­cher Exis­tenz durch „Schick­sal” und „Ver­gäng­lich­keit”. Nur wenn man bei­des ein­be­zie­he, gebe es die Mög­lich­keit sinn­vol­ler Exis­tenz – für den ein­zel­nen wie die Gemein­schaft – und ent­ste­he jene Span­nung, die den Men­schen dazu brin­ge, sich den Her­aus­for­de­run­gen des Daseins zu stel­len und Selb­stän­dig­keit zu gewinnen.
Die Vor­stel­lun­gen Grü­ne­walds erin­nern nicht zufäl­lig an eine welt­an­schau­li­che Posi­ti­on, die man als „kon­se­quent libe­ral” oder als „liber­tär” bezeich­nen könn­te. Auf­fäl­lig ist auch, daß hier­zu­lan­de das Inter­es­se an einer Denk­schu­le wächst, deren Ein­fluß in den USA oder Groß­bri­tan­ni­en seit lan­gem gro­ße Bedeu­tung hat. Ein ers­tes Indiz dafür war schon der Erfolg des Buches Demo­kra­tie. Der Gott, der kei­ner ist von Hans-Her­mann Hop­pe. Aber für den deut­schen Geschmack war dar­an vie­les zu exzen­trisch. Eigent­lich hät­te von Anfang an die Rezep­ti­on sol­cher Autoren wie Fried­rich August von Hayek, Wil­helm Röp­ke oder Lud­wig von Mises näher gele­gen. Hayek und Röp­ke hat Hans Jörg Hen­ne­cke, ein jun­ger Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, in den letz­ten Jah­ren umfang­rei­che Bio­gra­phien gewid­met. Sein Inter­es­se ist aller­dings kei­nes­wegs anti­qua­risch, viel­mehr sucht er nach Mög­lich­kei­ten, die Posi­ti­on des „wah­ren Neo­li­be­ra­lis­mus” auch prak­tisch umzusetzen.

In die­sen Zusam­men­hang gehört ein Auf­satz, den er zum Ende des zwei­ten Kabi­netts Schrö­der unter dem Titel „Regie­ren ohne inne­ren Kompaß” ver­öf­fent­lich­te. Die Auf­zäh­lung der Fehl­leis­tun­gen und Struk­tur­schwä­chen war nicht neu, sowe­nig wie die Bemer­kun­gen über die Defi­zi­te des poli­ti­schen Per­so­nals, was aber auf­fiel, war die Stoß­rich­tung der Argu­men­ta­ti­on: „Die Kri­se kam nicht über Nacht, son­dern ist haus­ge­macht: Längst haben sich die gro­ßen Reform­wer­ke von einst – Ade­nau­ers Ren­ten­re­form, die Neu­ord­nung des Föde­ra­lis­mus zu Zei­ten der Gro­ßen Koali­ti­on, die Aus­deh­nung der Staats­tä­tig­keit unter sozi­al­li­be­ra­ler Ägi­de, die Ein­füh­rung einer umla­ge­fi­nan­zier­ten Pfle­ge­ver­si­che­rung in der Ära Blüm – als ver­häng­nis­vol­le Fehl­ent­schei­dun­gen ent­puppt.” Die Kri­se ist aus der Sicht Hen­ne­ckes vor allem eine „ord­nungs­po­li­ti­sche”, beru­hend auf Staats­in­ter­ven­tio­nis­mus, Über­re­gu­lie­rung, Phleg­ma und einer feh­len­den „Kul­tur der Freiheit”.
In einen grö­ße­ren Rah­men ein­ge­fügt erscheint die­se Ana­ly­se in sei­nem 2003 ver­öf­fent­lich­ten Buch Die drit­te Repu­blik. Es han­delt sich dabei weni­ger um Geschichts­schrei­bung mit dem Zweck, die letz­ten zehn Jah­re zu his­to­ri­sie­ren, eher um eine Dar­stel­lung in prak­ti­scher Absicht, die vor allem die Unzu­läng­lich­keit der rot-grü­nen Ansät­ze nach­weist. Die drit­te, also die „Ber­li­ner Repu­blik”, habe, so Hen­ne­cke, nur eine Chan­ce, wenn sie den rot-grü­nen Irr­weg ver­las­se und an den „Grün­dungs­er­folg der Bon­ner Repu­blik” anschlie­ße. Der war nach Mei­nung des Ver­fas­sers bestimmt durch die Tri­as West­bin­dung (vor Wie­der­ver­ei­ni­gung) – Markt­wirt­schaft – Leis­tungs­be­reit­schaft. Von den drei­en inter­es­sie­ren ihn vor allem die bei­den letz­ten Fak­to­ren. Das ist auch einer „Agen­da 2020” zu ent­neh­men, die Hen­ne­cke mit Dani­el Dett­ling, Vor­stands­vor­sit­zen­der des think tanks ber­lin­po­lis, for­mu­liert hat. Die dar­in ver­tre­te­nen Posi­tio­nen wir­ken aber nur poin­tiert, wenn es um Dere­gu­lie­rung und die For­de­rung nach grö­ße­rer Risi­ko­be­reit­schaft geht, sie ver­blas­sen, wenn man einen Blick auf die Bestim­mung des poli­ti­schen oder meta­po­li­ti­schen Rah­mens wirft.
Immer­hin hat Hen­ne­cke unlängst her­vor­ge­ho­ben, daß es ent­schei­dend auf die „Erneue­rung der kon­ser­va­ti­ven und libe­ra­len Prin­zi­pi­en” – in die­ser Rei­hen­fol­ge – ankom­me, aber inhalt­lich bleibt das unscharf. Es stellt sich die Fra­ge, ob das eher als Klug­heit oder als Feig­heit zu wer­ten ist. Nimmt man wohl­wol­lend Klug­heit an, so darf man wei­ter ver­mu­ten, daß hier alles wei­te­re aus­ge­spart bleibt, weil die Erfah­rung lehrt, daß sei­ne The­ma­ti­sie­rung mit einer Wucht zurück­schlägt, der der ein­zel­ne nicht gewach­sen ist.

Wer nicht bereit ist, sol­che Klug­heit wal­ten zu las­sen, hat ein höhe­res Maß an Unab­hän­gig­keit gewon­nen, oder wird durch sein Tem­pe­ra­ment gezwun­gen, unan­ge­neh­me Wahr­hei­ten aus­zu­spre­chen. Für den ers­ten Fall steht hier Peter Slo­ter­di­jk, von dem man spä­tes­tens seit dem Skan­dal um sei­ne „Menschenpark”-Rede wis­sen kann, daß er zum Tabu­bruch neigt. Die­ser Nei­gung bleibt er auch in sei­nem neu­es­ten Buch Zorn und Zeit treu. Es han­delt sich vor­der­grün­dig um die phi­lo­so­phi­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit einem ver­nach­läs­sig­ten Fak­tor des Welt­ge­sche­hens, eben dem „Zorn”. Slo­ter­di­jk weist auf die uns fremd­ar­ti­ge Anschau­ung der Anti­ke von der Macht des Zorns hin und reha­bi­li­tiert des­sen pro­duk­ti­ve Aspek­te. Das geschieht in Aus­ein­an­der­set­zung mit zwei Posi­tio­nen: der christ­li­chen und der auf­klä­re­ri­schen. Der Vor­stoß gegen die bibli­sche Leh­re dürf­te zu den schärfs­ten der neue­ren Zeit gehö­ren. Jeden­falls hält sich Slo­ter­di­jk nicht lan­ge mit irgend­wel­chen Neben­sa­chen auf, son­dern atta­ckiert das Chris­ten­tum in sei­nem Kern. Er betrach­tet es als eine welt­frem­de, struk­tu­rell ver­lo­ge­ne Leh­re, die nur mit Hil­fe absur­der Zusatz­an­nah­men ihre Prin­zi­pi­en auf­recht­erhal­ten kön­ne. Vor allem erscheint ihm das Gott zuge­stan­de­ne Zorn­mo­no­pol indis­ku­ta­bel. Es habe wesent­lich dazu bei­getra­gen, den Wert des Zorns in den Augen der Euro­pä­er zu negie­ren. Eine Ten­denz, die aber erst in der Neu­zeit voll­stän­dig zur Gel­tung gekom­men sei, da die Auf­klä­rung ihrer­seits Affekt­kon­trol­le pro­pa­gier­te und einem unrea­lis­ti­schen Men­schen­bild anhing. Die gro­ßen radi­ka­len Bewe­gun­gen des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts – Kom­mu­nis­mus und Faschis­mus – erschei­nen inso­fern wie Ven­ti­le eines unge­heu­ren Zornstaus, der sich im Lau­fe der Zeit auf­ge­baut hatte.
Die Schwä­chen von Slo­ter­di­jks Argu­men­ta­ti­on sind unver­kenn­bar, vor allem das Schie­fe der his­to­ri­schen und theo­lo­gi­schen Bezü­ge, aber man darf ihre Stär­ken nicht über­se­hen. Was ihn antreibt, ist neben dem Bemü­hen, Anhalts­punk­te für die Rich­tig­keit einer ori­gi­nel­len The­se zu fin­den, die Klä­rung der Fra­ge, wel­che Zukunfts­per­spek­ti­ven eröff­net wer­den, wenn neue „Zorn­ban­ken” mit gigan­ti­schen „Gut­ha­ben” ent­ste­hen, in den Län­dern Asi­ens und Afri­kas, in deren isla­misch gepräg­ten Gebie­ten vor allem, mit ihrem Men­schen- bezie­hungs­wei­se Män­ner­über­schuß und einer Welt­an­schau­ung, in der Zorn und zor­ni­ge Pra­xis als legi­tim betrach­tet wer­den. Aller­dings glaubt Slo­ter­di­jk nicht dar­an, daß der Islam imstan­de sein wer­de eine „Welt­op­po­si­ti­on” nach dem Mus­ter der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung zu bil­den. Sei­ne „pas­sé­is­ti­sche” Grund­struk­tur mache das unmög­lich, auch das Feh­len eines Zen­trums; die Gefahr sei im Ein­zel­fall groß, ins­ge­samt aber zu bewältigen.

Viel­leicht ist des­halb das „Axi­om”, das Slo­ter­di­jk auf­stellt, wich­ti­ger als eine Rei­he von Ein­sich­ten, zu denen mitt­ler­wei­le auch ande­re gekom­men sind: „In der glo­ba­li­sier­ten Situa­ti­on ist kei­ne Poli­tik des Lei­dens­aus­gleichs im Gro­ßen mehr mög­lich, die auf dem Nach­tra­gen von ver­gan­ge­nem Unrecht auf­baut, unter wel­chen welt­erlö­se­risch, sozi­al­mes­sia­nisch oder demo­kra­tie­mes­sia­nisch codier­ten Ver­brä­mun­gen auch immer.” Slo­ter­di­jk hütet sich wohl­weis­lich, dar­aus kon­kre­te­re Fol­ge­run­gen zu zie­hen und kommt uns allen Erns­tes mit der „Welt­kul­tur”, aber die Durch­füh­rung einer „hygie­ni­schen” Maß­nah­me, die den „Vor­wurfs­be­we­gun­gen” schlech­ter­dings das Exis­tenz­recht absprä­che, hät­te unab­seh­ba­re Fol­gen für das Selbst­ver­ständ­nis des Wes­tens, Deutsch­lands vor allem.
Die Argu­men­ta­ti­on Slo­ter­di­jks hat einen deut­lich nietz­schea­ni­schen Zug. Das ver­bin­det sie mit der­je­ni­gen Wolf­gang Sof­skys, der hier der zwei­ten oben ange­spro­che­nen Kate­go­rie zuge­rech­net wird, also der Grup­pe der­je­ni­gen, die nicht anders kön­nen. Als 1993 sein Buch Die Ord­nung des Ter­rors ver­öf­fent­licht wur­de, haben vie­le eine glän­zen­de aka­de­mi­sche Kar­rie­re erwar­tet. Die Arbeit über die Struk­tur des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers schien in jeder Hin­sicht zu pas­sen: Das The­ma war poli­tisch kor­rekt, der Erschei­nungs­ort auch und gegen die Ten­denz gab es kei­ne Ein­wän­de. Manch­mal äußer­te sich aber ein gewis­ses Unbe­ha­gen über das abgrün­dig pes­si­mis­ti­sche Men­schen­bild, das der Dar­stel­lung Sof­skys zugrun­de lag. Seit­dem sind fast fünf­zehn Jah­re ver­gan­gen, und es wird zu den ewi­gen Geheim­nis­sen der Rekru­tie­rung deut­scher Pro­fes­so­ren gehö­ren, daß Sof­sky kei­nen Lehr­stuhl erhielt. Immer­hin hat ihm das die Gele­gen­heit gege­ben, wei­ter zu schrei­ben und sich je län­ger je weni­ger an die Vor­ga­ben zu hal­ten, die das aka­de­mi­sche Milieu sonst macht. Wie man den Titeln sei­ner letz­ten Bücher unschwer ent­neh­men kann – Trak­tat über die Gewalt – Zei­ten des Schre­ckens – Das Prin­zip Sicher­heit – kon­zen­triert sich sein Inter­es­se im wesent­li­chen auf zwei Fra­gen: Was fürch­ten wir am meis­ten?, und: Läßt sich dage­gen ein Mit­tel finden?
Die ers­te Fra­ge bean­wor­tet Sof­sky mit einem Ver­weis auf den Schrek­ken der Gewalt und des Schmer­zes. Sei­ner Mei­nung nach gehört das Abse­hen von die­sen Fak­to­ren zu den Defi­zi­ten moder­ner poli­ti­scher Theo­rien, deren Annah­men und Ent­wür­fe des­halb einen illu­sio­nä­ren Cha­rak­ter haben. Um sol­cher Täu­schung zu ent­ge­hen, ist Sof­sky sehr vor­sich­tig, was die Beant­wor­tung der zwei­ten Fra­ge betrifft. Im Grun­de sieht er aber nur die Schaf­fung einer Insti­tu­ti­on, die mit­tels Gewalt die Gewalt ein­dämmt, als Mög­lich­keit an. In einem Essay über das Wesen der Macht heißt es: „In der Befug­nis zum Ver­let­zen und Töten liegt die Wur­zel poli­ti­scher Macht. Dies mag in Frie­dens­zei­ten zeit­wei­lig in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Doch ist die Ver­leug­nung des Aus­nah­me­zu­stands his­to­risch kurz­sich­tig und naiv. Auch die demo­kra­ti­sche Eli­teherr­schaft währt nicht ewig. Auch sie greift im Ernst­fall auf die Waf­fen zurück, wel­che die Ord­nungs­hü­ter in den Depots bewah­ren. Die letz­te Grund­la­ge poli­ti­scher Macht, sei sie demo­kra­tisch oder olig­ar­chisch ver­faßt, ist die Ver­let­zungs­macht, die jeder Unter­tan am eige­nen Leib zu spü­ren bekommt.” In einem sei­ner jüngs­ten Tex­te geht Sof­sky sogar noch einen Schritt wei­ter und erklärt, daß zu den Vor­aus­set­zun­gen poli­ti­scher Hand­lungs­fä­hig­keit die Fähig­keit gehört, über den Feind zu entscheiden.

Trotz­dem ist es bis­her nicht dahin gekom­men, daß mit Nach­druck auf die Par­al­le­li­tät der Argu­men­ta­ti­on zwi­schen Sof­sky und Carl Schmitt hin­ge­wie­sen wur­de. Wahr­schein­lich hängt das damit zusam­men, daß er viel tut, um die Ästhe­tik des Ernst­falls zu mei­den. Für Sof­sky ist unbe­streit­bar, daß der Staat der Neu­zeit mit sei­nem Gewalt­mo­no­pol die Gewalt gera­de nicht besei­tigt, son­dern unge­heu­er gestei­gert hat. Dar­aus die übli­chen Fehl­schlüs­se zu zie­hen, ver­sagt er sich aber eben­falls. Frei­heit bleibt für ihn ein hohes Gut, und die wird eben nicht geschützt durch Gleich­heit oder Betei­li­gung aller an allem, son­dern ist zu mes­sen „an der Stär­ke der Bar­rie­ren, die den ein­zel­nen vor den Maß­nah­men der Obrig­keit, den Über­grif­fen der Nach­barn und den Atta­cken der Fein­de schützen”.
Man kann Sof­skys Kon­zept als Über­tra­gung von Hob­bes auf das ein­und­zwan­zigs­te Jahr­hun­dert betrach­ten, aber wei­ter führt viel­leicht, wenn man sei­ne The­sen mit ähn­li­chen von Her­fried Münk­ler oder Karl Otto Hond­rich zusam­men­stellt. Sie alle haben in den letz­ten zehn, fünf­zehn Jah­ren vor­sich­tig, nie­mals ohne Camou­fla­ge, begon­nen, die Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten der Nach­kriegs­po­li­to­lo­gie in Fra­ge zu stel­len und eine neue, wenn man so will „veris­ti­sche” Kon­zep­ti­on zu ent­wi­ckeln, die ohne kon­ven­tio­nel­le Lügen arbei­ten will. Was ihnen dabei ent­ge­gen­kam, war das Erlah­men der uto­pi­schen Ener­gien, die Mög­lich­keit, auf ähn­li­che Ansät­ze in Nach­bar­län­dern hin­zu­wei­sen, und – vor allem ande­ren – die Ver­än­de­rung der Lage. Seit 1945 litt das Nach­den­ken über Poli­tik hier­zu­lan­de unter der Men­ge nor­ma­ti­ver Vor­ga­ben, die zwar ver­schie­den moti­viert waren, aber immer Rea­li­täts­ver­lust zur Fol­ge hat­ten. Es war inso­fern gleich­gül­tig, ob der Rah­men durch die Umer­zie­hung, das west­li­che Wer­te­be­wußt­sein oder die Ideo­lo­gien der Neu­en Lin­ken bestimmt war, es ging immer um ein Abse­hen von kon­kre­ten Bedin­gun­gen. Nur Außen­sei­ter beharr­ten auf der Anschau­ung, daß die poli­ti­sche „Wirk­lich­keit … in aller bis­he­ri­gen Geschich­te die kon­kre­ter poli­ti­scher Sub­jek­te in kon­kre­ten Lagen” (Hans-Joa­chim Arndt) war und daß es dabei blei­ben wer­de, solan­ge die Geschich­te andauere.
Wenn nicht alles täuscht, dann wird die­ser Tat­be­stand erst jetzt wie­der all­ge­mei­ner aner­kannt. Daß man­cher Neo­phyt dabei zu Ein­sich­ten kommt, die man außer­halb des offi­zi­ell aner­kann­ten Bereichs immer bewahr­te, ist nicht gerecht, muß aber hin­ge­nom­men wer­den. Auch die­se – fall­wei­se bit­te­re – Ein­sicht gehört zu den Bedin­gun­gen lage­ge­rech­ten poli­ti­schen Denkens.

 Gastbeitrag

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