Sezession
19. Mai 2015

Aktive Verständnisbewältigung – »Das Lächeln der Alligatoren«

Nils Wegner

Nein, der skurril anmutende Titel ist wirklich kein Anlaß, Michael Wildenhains neuen Roman in die Hand zu nehmen. Zumal die titelgebenden Alligatoren im Buch selbst auch an keiner Stelle lächeln; sie sind eher mit Bellen beschäftigt. Wildenhain selbst eignet offenbar ein Faible für seltsame Symboltitel, wovon etwa Das Ticken der Steine zeugt.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

Wie also weckt das auf der Nominierungsliste für den diesjährigen Belletristikpreis der Leipziger Buchmesse gelandete Werk die Aufmerksamkeit, wenn schon der Titel verrätselt bleibt und den Rückeinband neben einem etwas überdramatischen teaser nur das Zitat »Vielleicht ist Verstehen nichts anderes als eine subtile Form von Gewalt« ziert?

Nun, Wildenhain hat das Kunststück hinbekommen, ein angeblich »wichtiges Buch über Liebe, Familie und Verrat« (Umschlagtext) zu schreiben, das in Wahrheit vor allem den vielbeschrieenen Mythos von der bösartig-restaurativen Adenauerära in ein literarisches Postulat überformt. Sein Protagonist Matthias wächst vaterlos auf, nachdem dieser beim unbedachten Herumtollen mit dem kleinen Bruder einen Hirnschaden erleidet und fortan in einer Kuranstalt auf Sylt dahinvegetiert.

Bei einem der unfreiwilligen Besuche gemeinsam mit seiner Mutter dort wird Matthias Marta treffen, die in der Anstalt ein Praktikum absolviert und für zukünftige Ereignisse in seinem Leben von entscheidender Bedeutung sein wird – wenn sie nicht gerade Kätzchen das Genick bricht, Wespen den Kopf abbeißt oder sich in schwülstigen Selbstentdeckungsspielchen mit ihrer Kollegin Peggy ergeht. Man merkt: Die Symbolsprache dieses Buchs ist nicht nur im Hinblick auf Panzerechsen etwas obskur.

Der vor der familiären Belastung geflohene Erzeuger tritt erst auf der Beerdigung der frühverstorbenen Mutter wieder auf den Plan, um eine Aussöhnung zu suchen. Das Ergebnis fällt unerwartet aus: Matthias wird vom Halbbruder seines Vaters, einem Neuroanatomen und Ordinarius des Universitätsklinikums Charlottenburg, an Sohnes statt angenommen und schließt den Vater fortan endgültig aus seinem Leben aus. Sein neues Leben in einem gehobenen Berliner Bezirk verleiht der eigenen Entwicklung denn auch ungeahnten Schub – und spätestens hier weiß der Leser denn auch schon, wohin die Reise geht:

Medizin, Museen, Philosophie und Kunst. Das richtige Halten von Messer und Gabel, die Unterscheidung verschiedener Gänge eines Menü genannten Essens. Auswahl und Vorbereitung eines Themas für ein sonntägliches Tischgespräch. Regeln, die andere Jungen in meinem Alter lächerlich finden. Vorgaben, die mir gefallen. Keine Gebete. Gottesbeweise und ihr Scheitern. Willkür postulierter Prämissen. Die Lächerlichkeiten des Liberalismus. Fehlende Letztbegründung jeglicher Moral. Geschichtliche Gewordenheit aller Dinge. Ein Pluralismus, der Meinungen verbietet, verbieten muss, um die, vermeintliche, Freiheit nicht zu gefährden. [...] Ein Raum mit Büchern. Die verlorene Utopie eines finalen Normativismus. Im Gegensatz zu der Entscheidung, die du, gemäß Carl Schmitt, zu fällen hast. Eine neue Welt, die ich genieße.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

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