Aktive Verständnisbewältigung – »Das Lächeln der Alligatoren«

Nein, der skurril anmutende Titel ist wirklich kein Anlaß,...

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

Micha­el Wil­den­hains neu­en Roman in die Hand zu neh­men. Zumal die titel­ge­ben­den Alli­ga­to­ren im Buch selbst auch an kei­ner Stel­le lächeln; sie sind eher mit Bel­len beschäf­tigt. Wil­den­hain selbst eig­net offen­bar ein Fai­ble für selt­sa­me Sym­bol­ti­tel, wovon etwa Das Ticken der Stei­ne zeugt.

Wie also weckt das auf der Nomi­nie­rungs­lis­te für den dies­jäh­ri­gen Bel­le­tris­tik­preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se gelan­de­te Werk die Auf­merk­sam­keit, wenn schon der Titel ver­rät­selt bleibt und den Rück­ein­band neben einem etwas über­dra­ma­ti­schen tea­ser nur das Zitat »Viel­leicht ist Ver­ste­hen nichts ande­res als eine sub­ti­le Form von Gewalt« ziert?

Nun, Wil­den­hain hat das Kunst­stück hin­be­kom­men, ein angeb­lich »wich­ti­ges Buch über Lie­be, Fami­lie und Ver­rat« (Umschlag­text) zu schrei­ben, das in Wahr­heit vor allem den viel­be­schriee­nen Mythos von der bös­ar­tig-restau­ra­ti­ven Ade­nau­er­ä­ra in ein lite­ra­ri­sches Pos­tu­lat über­formt. Sein Prot­ago­nist Mat­thi­as wächst vater­los auf, nach­dem die­ser beim unbe­dach­ten Her­um­tol­len mit dem klei­nen Bru­der einen Hirn­scha­den erlei­det und fort­an in einer Kur­an­stalt auf Sylt dahinvegetiert.

Bei einem der unfrei­wil­li­gen Besu­che gemein­sam mit sei­ner Mut­ter dort wird Mat­thi­as Mar­ta tref­fen, die in der Anstalt ein Prak­ti­kum absol­viert und für zukünf­ti­ge Ereig­nis­se in sei­nem Leben von ent­schei­den­der Bedeu­tung sein wird – wenn sie nicht gera­de Kätz­chen das Genick bricht, Wes­pen den Kopf abbeißt oder sich in schwüls­ti­gen Selbst­ent­de­ckungs­spiel­chen mit ihrer Kol­le­gin Peg­gy ergeht. Man merkt: Die Sym­bol­spra­che die­ses Buchs ist nicht nur im Hin­blick auf Pan­zer­ech­sen etwas obskur.

Der vor der fami­liä­ren Belas­tung geflo­he­ne Erzeu­ger tritt erst auf der Beer­di­gung der früh­ver­stor­be­nen Mut­ter wie­der auf den Plan, um eine Aus­söh­nung zu suchen. Das Ergeb­nis fällt uner­war­tet aus: Mat­thi­as wird vom Halb­bru­der sei­nes Vaters, einem Neu­ro­anato­men und Ordi­na­ri­us des Uni­ver­si­täts­kli­ni­kums Char­lot­ten­burg, an Soh­nes statt ange­nom­men und schließt den Vater fort­an end­gül­tig aus sei­nem Leben aus. Sein neu­es Leben in einem geho­be­nen Ber­li­ner Bezirk ver­leiht der eige­nen Ent­wick­lung denn auch unge­ahn­ten Schub – und spä­tes­tens hier weiß der Leser denn auch schon, wohin die Rei­se geht:

Medi­zin, Muse­en, Phi­lo­so­phie und Kunst. Das rich­ti­ge Hal­ten von Mes­ser und Gabel, die Unter­schei­dung ver­schie­de­ner Gän­ge eines Menü genann­ten Essens. Aus­wahl und Vor­be­rei­tung eines The­mas für ein sonn­täg­li­ches Tisch­ge­spräch. Regeln, die ande­re Jun­gen in mei­nem Alter lächer­lich fin­den. Vor­ga­ben, die mir gefal­len. Kei­ne Gebe­te. Got­tes­be­wei­se und ihr Schei­tern. Will­kür pos­tu­lier­ter Prä­mis­sen. Die Lächer­lich­kei­ten des Libe­ra­lis­mus. Feh­len­de Letzt­be­grün­dung jeg­li­cher Moral. Geschicht­li­che Gewor­den­heit aller Din­ge. Ein Plu­ra­lis­mus, der Mei­nun­gen ver­bie­tet, ver­bie­ten muss, um die, ver­meint­li­che, Frei­heit nicht zu gefähr­den. […] Ein Raum mit Büchern. Die ver­lo­re­ne Uto­pie eines fina­len Nor­ma­ti­vis­mus. Im Gegen­satz zu der Ent­schei­dung, die du, gemäß Carl Schmitt, zu fäl­len hast. Eine neue Welt, die ich genieße.

Erich Fromm, ick hör’ Dir trap­sen – der “auto­ri­tä­re Cha­rak­ter” weht in der Tat ziem­lich hef­tig durch die Buch­sei­ten. Und unser (mit Schelsky) “skep­ti­scher” Prot­ago­nist Mat­thi­as darf stell­ver­tre­tend für die gan­ze west­deut­sche Nach­kriegs­ge­nera­ti­on her­hal­ten: Ein biß­chen Wirt­schafts­wun­der, ein biß­chen Wohl­stands­tech­no­kra­tie eisen ihn pro­blem­los aus sei­nen ver­blie­be­nen, ohne­hin brü­chi­gen Fami­li­en­ban­den her­aus, die bei sei­nem Zieh­va­ter, der bald gedank­lich und emo­tio­nal mit dem bio­lo­gi­schen ver­schmilzt, ohne­hin nicht stattfinden:

Die bes­se­re Schu­le, Oper, Thea­ter, rasches Absol­vie­ren der Ober­stu­fe, hier noch Pri­ma und Ober­pri­ma, nie mei­nen Bru­der auch nur erwähnt – gar nicht dar­an zu den­ken, ihn auf Sylt zu besuchen.

Nun fehlt ein autoren­bio­gra­phi­scher Anhauch natür­lich auch nicht die­sem Roman. Aller­dings kann eben nicht jeder­mann in der Divi­si­on Frund­s­berg gedient haben; Micha­el Wil­den­hain hat es sei­ner­zeit nur zum Teil­zeit-Haus­be­set­zer gebracht. So wird der Kon­tra­punkt zum in einem Sud aus ade­naue­r­es­ker Restau­ra­ti­on und Ver­gan­gen­heits­be­schwei­gung köcheln­den Mat­thi­as in die­sem Fall von Mar­ta gesetzt. Die taucht nach Jah­ren plötz­lich an der Frei­en Uni­ver­si­tät auf, bemüht sich ver­geb­lich um die Auf­wie­ge­lung einer Vor­le­sung in Kogni­ti­ons­wis­sen­schaf­ten, bemüht außer­dem Fanon und Paso­li­ni als Stich­wort­ge­ber, lockt den ahnungs­lo­sen Mat­thi­as in eine Spät­vor­stel­lung der 120 Tage von Sodom. Letzt­lich führt sie den Freund aus Jugend­ta­gen auch in ihre Wohn­ge­mein­schaft ein, zu Georg und Gre­gor, wo die Fron­ten klar abge­steckt sind –

Gre­gor, schlep­pend: »Faschis­ten haben nie­mals recht, mein Klei­ner. Faschis­ten sind immer Säcke. Das ist die Definition.«
Georg ergänzt: »Und Hei­deg­ger ist ein beson­de­rer Lump. Pures Gift, das Arsch­loch. Mit sei­ner ver­schwie­mel­ten Kacke. Über­aus fein­zi­se­lier­ter Scheiß. Kla­rer Konterrevolutionär.«

– und sich ab und an der “sel­te­ne Besu­cher” bli­cken läßt, um mit Mar­ta über Kar­ten und Plä­nen zu brü­ten. Auch hier ist das Rei­se­ziel schnell aus­zu­ma­chen: Schon um Mat­thi­as auf der Beer­di­gung sei­ner Mut­ter zu trös­ten, hat­te Mar­ta gesagt: »Beweint nicht die Toten, ersetzt sie.« Das ist die Paro­le ange­sichts toter RAF-Ter­ro­ris­ten aus dem Pam­phlet kamalat­ta des infa­men Ter­rora­po­lo­ge­ten Chris­ti­an Geiss­ler. Und tauch­te bereits aus­gie­big in Wil­den­hains 1991er Roman Die kal­te Haut der Stadt auf. Stil­les Ver­nei­gen in alle Richtungen.

Nach noch aller­lei fröh­li­chen Kom­mu­ne­trei­bens und dem Vor­bei­zug wei­te­rer lin­ker Iko­nen geht es dann end­lich ans Ein­ge­mach­te. Der Arzt will ins Aus­land rei­sen; da der ange­nom­me­ne Sohn beginnt, Fra­gen nach “den Mili­tan­ten” zu stel­len, gibt es als Lek­tü­re für die Zwi­schen­zeit die Theo­rie des Par­ti­sa­nen (was auch sonst?). Weni­ge Tage spä­ter ist der Stief­va­ter tot, liqui­diert von einer RAF-Troi­ka (Sie ahnen es sicher: Mar­ta, Georg und Gre­gor); es gibt einen Pro­zeß und aller­lei “Auf­klä­rung”: Der Ermor­de­te wur­de von der “Stadt­gue­ril­la” auf­grund sei­ner Funk­ti­on als Kom­mis­si­ons­lei­ter für Zwangs­er­näh­rung für den Tod Hol­ger Meins’ mit­schul­dig gemacht. Da das aber zur Her­stel­lung des wohl zwin­gen­den mora­li­schen Gefäl­les nicht aus­reicht, stellt er sich im Anschluß auch noch als Mit­voll­stre­cker der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen T4-Akti­on und Men­schen­ver­suchs­lei­ter her­aus. Inwie­weit das etwas erklä­ren oder begrün­den soll, erfährt der Leser weder von Mar­ta, die im Pro­zeß schweigt, noch von Micha­el Wil­den­hain, der trotz etli­cher auto­bio­gra­phi­scher Bezü­ge wohl­weis­lich lie­ber im Sta­tus des (selbst-)beobachtenden Erzäh­lers verbleibt.

Wie oben ange­merkt, hat der Ver­lag das Buch unter das Mot­to »Viel­leicht ist Ver­ste­hen nichts ande­res als eine sub­ti­le Form von Gewalt« gestellt. Das klingt ja auch bes­ser als der xte auf­ge­wärm­te Klas­sen­kampf­slo­gan. Ob der Roman bzw. sein Autor nun aber das Ver­ste­hen aktiv ver­mei­det oder es schlicht nicht ver­mag, das bleibt nach abge­schlos­se­ner Lek­tü­re offen. Eben­so wie die Fra­ge, wes­we­gen die Jury des Prei­ses der Leip­zi­ger Buch­mes­se es für gebo­ten hielt, Das Lächeln der Alli­ga­to­ren auf die dies­jäh­ri­ge short­list zu hie­ven. Viel­leicht trifft eine dama­li­ge Bemer­kung Kubit­scheks es ganz gut, wonach ein für Buch­mes­sen­prei­se nomi­nier­tes Buch sich des­sen nur »wür­dig« erwei­sen kön­ne, wenn es einen gewis­sen »geschichts­po­li­ti­schen Zun­gen­schlag« habe.

Viel­leicht soll der Spruch auf dem Ein­band ein­fach dazu auf­for­dern, das Han­deln der ter­ror­spie­len­den Bür­ger­söh­ne nicht mehr ver­ste­hen zu wol­len, also nicht mehr die Fra­ge nach dem »War­um?« zu stel­len. Die berüch­tig­te Schluß­strich­men­ta­li­tät also. Viel­leicht läßt es sich gera­de im Sin­ne die­ser Aus­deu­tung am bes­ten lesen: Als Gegen­ent­wurf zum letz­ten und zum – sicher kom­men­den – nächs­ten Teil­zeit-Zwie­bel­häu­ter. »Es gibt […] Din­ge, die wich­ti­ger sind als dei­ne schreck­lich roman­ti­sche Vor­stel­lung von der Lie­be«, sagt Mar­ta. Das stimmt schon. Die noch­ma­li­ge Wie­der­be­le­bung des mit Recht ver­we­sen­den Leich­nams RAF gehört sicher nicht dazu, beson­ders nicht aus Grün­den der aukt­o­ria­len Selbsttherapie.

Micha­el Wil­den­hain: “Das Lächeln der Alligatoren”.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker, lektorierte 2015–2017 bei Antaios, IfS und Sezession und arbeitet als Übersetzer.

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