Sezession
1. April 2007

Polnischer Nationalismus

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_173von Stefan Scheil

„Nach dem bevorstehenden Krieg sollte Polen Danzig, Ostpreußen, Ober- und Zentral-Schlesien einschließlich Breslau und Zentral-Pommern einschließlich Kolberg annektieren; Polen sollte außerdem eine Reihe von Pufferstaaten unter seiner Protektion und Herrschaft entlang von Oder und Neiße gründen." Mit diesem formidablen Programm trat der polnische Nationaldemokrat und Publizist Jedrzej Giertych im Sommer 1939 auf den Plan. Er war nicht der einzige, der mit diesen aggressiven Expansionsforderungen das antideutsche Klima zusätzlich anheizte. Diese Forderungen wurden mehr oder weniger laut auch in Regierungskreisen erhoben. Sie standen am Ende einer langen Entwicklung, die den polnischen Nationalismus mehr und mehr auf einen territorial revisionistischen Kurs getrieben hatte, der nicht nur die Grenzen des Jahres 1772 ins Visier nahm. Man wollte es um jeden Preis besser machen als das untergegangene Königreich und die Adelsrepublik. Dazu schien gegenüber Deutschland nicht weniger als eine Totalrevision der Geschichte der letzten anderthalb Jahrtausende angemessen - wie man sie in Polen ausdeutete.

Dieser moderne polnische Nationalismus ist erst sehr spät mit all seinen Aspekten ins Blickfeld der Forschung geraten. Vor einigen Jahren veröffentlichte etwa Werner Benecke eine fundierte Untersuchung über die Polonisierungspolitik in den Ostgebieten der Zweiten Polnischen Republik zwischen 1919 und 1939. Wenig später deutete Brian Porter den polnischen Nationalismus des neunzehnten Jahrhunderts als Extrembeispiel und Vorreiter für eine europäische Entwicklung: Als der Nationalismus zu hassen begann erschien in der renommierten Oxford University Press. Roland Gehrke widmete sich in seiner Dissertation einem ganz besonderen Aspekt des polnischen Nationalismus: dem sogenannten Westgedanken. Gehrke wollte klären, wie es möglich war, daß im Lauf des neunzehnten Jahrhunderts Teile Deutschlands zum Gegenstand polnischer Ansprüche werden konnten, die entweder niemals oder nur vor Jahrhunderten für kurze Zeit zu Polen gehört hatten. West- und Ostpreußen, Pommern und Schlesien waren die meistgenannten Ziele polnischer Agitation. Aber auch Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen gerieten ins Blickfeld, ja vereinzelte Stimmen orteten gar das Rheinland und Schwaben als Bereiche polnischer Tradition.


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