Sezession
1. April 2007

Davon haben wir nichts gewußt

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_174von Fritjof Meyer

Es enden die Versuche nicht, eine Kollektivschuld der diktatorisch regierten Bevölkerung an den Staatsverbrechen zu behaupten, natürlich nur bei den Deutschen, nicht etwa bei Russen oder Chinesen, zu schweigen von demokratisch regierten Völkern. Das 1945 / 46 von den Westmächten offiziell installierte Werkzeug einer Gesamtschuld aller Deutschen an den Verbrechen der Nationalsozialisten benutzt derzeit noch die Warschauer Regierung Kaczynski als „moralischen Trumpf" Polens zur Rechtfertigung des (ohnehin irreversiblen) Landraubs. Die subtilere Form des Anwurfs eines „Tätervolkes" ist aus der Mode gekommen, neuerdings kommt mit Götz Aly die „Konsensdiktatur" auf. Da meldet sich auch Daniel Jonah Goldhagen wieder, der Erfinder einer „vast majority", die vom Judenmord nicht nur gewußt, ihn auch gewünscht habe und zum eigenhändigen Vollzug bereit gewesen sei. In Übereinstimmung mit der Goebbels-Propaganda befindet Goldhagen, daß „das Verhältnis von Naziregime und deutschem Volk ... von gegenseitiger Unterstützung geprägt war", und deshalb sei die Vorstellung vom totalitären Terrorstaat größtenteils fiktiv.
Goldhagen schrieb das in der Welt vom 6. Mai 2006 in einer Rezension des neuen Buches von Peter Longerich, dem er „zutiefst fehlerhafte Schlußfolgerungen über die Reaktion der Deutschen auf die Verfolgung und die Motive des Regimes" vorwirft. Longerich, Professor in London, ist ein seriöser Wissenschaftler, der in seinem früheren Werk Politik der Vernichtung festgestellt hatte, das Protokoll der Wannseekonferenz habe nicht die Ermordung, sondern die Vertreibung der europäischen Juden vorgesehen. Nun hat er die Schicksalsfrage untersucht, was die Deutschen denn überhaupt vom massenhaften Morden zur Tatzeit erfahren hätten.
Er distanziert sich dabei immer wieder von der bisher als Standardwerk geltenden Studie David Bankiers, der die „breite und grundsätzliche Zustimmung" der Bevölkerung zur Politik des Regimes behauptet hatte, wobei „weite Kreise der deutschen Bevölkerung, darunter Juden ebenso wie Nichtjuden, entweder gewußt oder geahnt haben, was in Polen und Rußland vor sich ging". Longerich rügt, Bankier habe häufig Berichte über Widerspruch und moralische Bedenken ignoriert und Schweigen schlicht als Zustimmung gewertet.
Schwierig sei es, anhand mündlicher Berichte, der vorhandenen Meldungen der Gestapo-Spitzel, Dokumente aus dem Widerstand, Beobachtungen ausländischer Geheimdienste, Nachkriegserinnerungen und Prozeßakten ein Stimmungsbild zu gewinnen, zumal eine herrschende Stimmung sich kaum gebildet haben könne, wie es auch Victor Klemperer notiert hatte: „Wer kann Volksstimmung beurteilen, bei achtzig Millionen, Unterbindung der Presse und allgemeiner Angst vor dem Mundauftun?" Immerhin gelangt Longerich zu dem Schluß: Einen breiten antisemitischen Konsens gab es nicht, die Indifferenz gegenüber der Judenverfolgung bedeutete keine Billigung, sonst hätte das Regime keine großangelegten Kampagnen veranstalten müssen, um die äußere Zustimmung vorzutäuschen. Die antijüdischen Maßnahmen waren keineswegs populär.


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