Davon haben wir nichts gewußt

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

pdf der Druck­fas­sung aus Sezes­si­on 17/April 2007

sez_nr_174von Frit­jof Meyer

Es enden die Ver­su­che nicht, eine Kol­lek­tiv­schuld der dik­ta­to­risch regier­ten Bevöl­ke­rung an den Staats­ver­bre­chen zu behaup­ten, natür­lich nur bei den Deut­schen, nicht etwa bei Rus­sen oder Chi­ne­sen, zu schwei­gen von demo­kra­tisch regier­ten Völ­kern. Das 1945 / 46 von den West­mäch­ten offi­zi­ell instal­lier­te Werk­zeug einer Gesamt­schuld aller Deut­schen an den Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten benutzt der­zeit noch die War­schau­er Regie­rung Kac­zyn­ski als „mora­li­schen Trumpf” Polens zur Recht­fer­ti­gung des (ohne­hin irrever­si­blen) Land­raubs. Die sub­ti­le­re Form des Anwurfs eines „Täter­vol­kes” ist aus der Mode gekom­men, neu­er­dings kommt mit Götz Aly die „Kon­sens­dik­ta­tur” auf. Da mel­det sich auch Dani­el Jonah Gold­ha­gen wie­der, der Erfin­der einer „vast majo­ri­ty”, die vom Juden­mord nicht nur gewußt, ihn auch gewünscht habe und zum eigen­hän­di­gen Voll­zug bereit gewe­sen sei. In Über­ein­stim­mung mit der Goe­b­bels-Pro­pa­gan­da befin­det Gold­ha­gen, daß „das Ver­hält­nis von Nazi­re­gime und deut­schem Volk … von gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung geprägt war”, und des­halb sei die Vor­stel­lung vom tota­li­tä­ren Ter­ror­staat größ­ten­teils fiktiv.
Gold­ha­gen schrieb das in der Welt vom 6. Mai 2006 in einer Rezen­si­on des neu­en Buches von Peter Lon­ge­rich, dem er „zutiefst feh­ler­haf­te Schluß­fol­ge­run­gen über die Reak­ti­on der Deut­schen auf die Ver­fol­gung und die Moti­ve des Regimes” vor­wirft. Lon­ge­rich, Pro­fes­sor in Lon­don, ist ein seriö­ser Wis­sen­schaft­ler, der in sei­nem frü­he­ren Werk Poli­tik der Ver­nich­tung fest­ge­stellt hat­te, das Pro­to­koll der Wann­see­kon­fe­renz habe nicht die Ermor­dung, son­dern die Ver­trei­bung der euro­päi­schen Juden vor­ge­se­hen. Nun hat er die Schick­sals­fra­ge unter­sucht, was die Deut­schen denn über­haupt vom mas­sen­haf­ten Mor­den zur Tat­zeit erfah­ren hätten.
Er distan­ziert sich dabei immer wie­der von der bis­her als Stan­dard­werk gel­ten­den Stu­die David Ban­kiers, der die „brei­te und grund­sätz­li­che Zustim­mung” der Bevöl­ke­rung zur Poli­tik des Regimes behaup­tet hat­te, wobei „wei­te Krei­se der deut­schen Bevöl­ke­rung, dar­un­ter Juden eben­so wie Nicht­ju­den, ent­we­der gewußt oder geahnt haben, was in Polen und Ruß­land vor sich ging”. Lon­ge­rich rügt, Ban­kier habe häu­fig Berich­te über Wider­spruch und mora­li­sche Beden­ken igno­riert und Schwei­gen schlicht als Zustim­mung gewertet.
Schwie­rig sei es, anhand münd­li­cher Berich­te, der vor­han­de­nen Mel­dun­gen der Gesta­po-Spit­zel, Doku­men­te aus dem Wider­stand, Beob­ach­tun­gen aus­län­di­scher Geheim­diens­te, Nach­kriegs­er­in­ne­run­gen und Pro­zeß­ak­ten ein Stim­mungs­bild zu gewin­nen, zumal eine herr­schen­de Stim­mung sich kaum gebil­det haben kön­ne, wie es auch Vic­tor Klem­pe­rer notiert hat­te: „Wer kann Volks­stim­mung beur­tei­len, bei acht­zig Mil­lio­nen, Unter­bin­dung der Pres­se und all­ge­mei­ner Angst vor dem Mund­auf­tun?” Immer­hin gelangt Lon­ge­rich zu dem Schluß: Einen brei­ten anti­se­mi­ti­schen Kon­sens gab es nicht, die Indif­fe­renz gegen­über der Juden­ver­fol­gung bedeu­te­te kei­ne Bil­li­gung, sonst hät­te das Regime kei­ne groß­an­ge­leg­ten Kam­pa­gnen ver­an­stal­ten müs­sen, um die äuße­re Zustim­mung vor­zu­täu­schen. Die anti­jü­di­schen Maß­nah­men waren kei­nes­wegs populär.

Lon­ge­rich prüft die Reak­ti­on auf den ein­tä­gi­gen NS-Boy­kott jüdi­scher Geschäf­te im April 1933 – tat­säch­lich eine Reak­ti­on auf den von US-Juden aus­ge­ru­fe­nen Boy­kott deut­scher Waren, die ihrer­seits mit Über­grif­fen auf Juden in Deutsch­land begrün­det wur­den. Die Schil­de­rung die­ser Über­grif­fe war jedoch maß­los über­trie­ben, und Lon­ge­rich kommt zu dem Resul­tat: „Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung war offen­sicht­lich nicht bereit, ihr Ein­kaufs­ver­hal­ten nach ‚ras­sen­po­li­ti­schen‘ Gesichts­punk­ten auszurichten.”
Zum Kris­tall­nacht-Pogrom 1938 – an dem sich die Bevöl­ke­rung nicht betei­ligt hat – beruft sich Lon­ge­rich auf das ein­hel­li­ge Urteil der His­to­ri­ker wie auch der Gesta­po und des Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­ums (sowie der von Lon­ge­rich nicht zitier­ten US-Kon­suln in meh­re­ren Städ­ten): Mehr­heit­lich habe die Bevöl­ke­rung nega­tiv auf die Aus­schrei­tun­gen reagiert, haupt­säch­lich wegen der ange­rich­te­ten Zer­stö­run­gen. Doch selbst Ban­kier regis­trier­te bei vie­len Men­schen Scham­ge­füh­le, auch Angst sei aufgekommen.
Nach dem mit all­ge­mei­ner Besorg­nis auf­ge­nom­me­nen Kriegs­aus­bruch spiel­te die anti­se­mi­ti­sche Pro­pa­gan­da kei­ne wesent­li­che Rol­le, erst Mit­te 1941 geriet das jüdi­sche The­ma zur zen­tra­len Fra­ge des Krie­ges – wohl zur Recht­fer­ti­gung des nicht mehr gewinn­ba­ren Zwei­fron­ten­krie­ges, ein von Lon­ge­rich nicht erwo­ge­ner Gesichts­punkt: „Die Juden”, reprä­sen­tiert durch die wir­ren Pro­pa­gan­dis­ten Kauf­man (spä­ter auch Mor­gent­hau) und Ehren­burg wur­den hin­ter bei­den Fron­ten als Kriegs­trei­ber zur Ver­nich­tung aller Deut­schen aus­ge­ge­ben. Lon­ge­rich stellt fest, daß in der Goe­b­bels-Pro­pa­gan­da gewalt­tä­ti­ge Aus­schrei­tun­gen gegen Juden in Deutsch­land ver­schwie­gen, anti­se­mi­ti­sche Über­grif­fe ver­harm­lost, das wah­re Aus­maß der „Kris­tall­nacht” ver­heim­licht wur­den. Die For­meln „Ver­nich­tung und Aus­rot­tung” der Juden wur­den pro­pa­giert, ohne daß man auch nur andeu­te­te, was das kon­kret bedeutete.
Weil Hit­ler bestän­dig eine neue Novem­ber­re­vo­lu­ti­on wie 1918 und dem­entspre­chend den Ein­fluß der deut­schen Juden („Mecke­rer und Mies­ma­cher”) auf die deut­schen Nicht­ju­den fürch­te­te, betrieb Goe­b­bels ihre Iso­lie­rung und ihre Abschie­bung, eben weil sie eine „nega­ti­ve Stim­mung erzeu­gen”. Die Ver­ord­nung zum Tra­gen des David­sterns erging im Sep­tem­ber 1941, zum Zeit­punkt eines all­ge­mei­nen Stim­mungs­ein­bruchs. Goe­b­bels kon­sta­tier­te eine reser­vier­te bis ableh­nen­de Auf­nah­me, Par­tei­in­stan­zen regis­trier­ten durch die Kenn­zeich­nung her­aus­ge­for­der­te „Mit­leid­äu­ße­run­gen”, Lon­ge­rich die „ganz über­wie­gend nega­ti­ve Reak­ti­on … zumin­dest in Tei­len der Bevölkerung”.

Gold­ha­gen hat die Ver­folg­ten als „abso­lut ent­schei­den­de Quel­len” ange­se­hen, und so sei denn die Stern­trä­ge­rin Eli­sa­beth Freund zitiert: „Die Juden­ster­ne sind nicht popu­lär. Das ist ein Mißer­folg der Par­tei, und dazu kom­men die Mißer­fol­ge an der Ost­front.” Ein US-Kor­re­spon­dent rap­por­tier­te einen „monu­men­ta­len Mißer­folg.” Kei­ner­lei Über­grif­fe gegen die Gekenn­zeich­ne­ten fan­den statt. Vic­tor Klem­pe­rer notier­te, daß Nicht­ju­den sich ihm, dem nun­mehr erkenn­ba­ren Juden, gegen­über offe­ner äußer­ten als gegen­über den alle­mal denun­zia­ti­ons­ver­däch­ti­gen Nicht-Stern­trä­gern – die Kenn­zeich­nung war im Sin­ne ihrer Erfin­der kon­tra­pro­duk­tiv. Eine Fül­le wei­te­rer jüdi­scher Zeug­nis­se mit ähn­li­chem Tenor hat Kon­rad Löw in sei­nem Buch Das Volk ist ein Trost zusam­men­ge­tra­gen – und muß sich seit­her sei­nen Bei­trag zur dif­fe­ren­zier­ten Sicht auf die Stim­mungs­la­ge vor­hal­ten lassen.
Ende 1941 befahl Hit­ler, wohl wegen der Ernäh­rungs­la­ge („unnüt­ze Esser”) und sti­mu­liert von der sowje­ti­schen Depor­ta­ti­on der Wol­ga­deut­schen, die deut­schen Juden in den Osten sei­nes Macht­be­reichs zu ver­trei­ben. Goe­b­bels bemerk­te, daß die – anfangs von Mit­bür­gern beob­ach­te­ten – Ver­schlep­pun­gen kein güns­ti­ges Echo fan­den: „Unse­re intel­lek­tu­el­len und gesell­schaft­li­chen Schich­ten haben plötz­lich wie­der ihr Huma­ni­täts­ge­fühl für die armen Juden ent­deckt.” Der schwe­di­sche Ban­kier Jacob Wal­len­berg berich­te­te nach einem Ber­lin-Besuch, daß vie­le Deut­sche „ange­wi­dert sei­en über die Art und Wei­se, in der Juden von deut­schen Städ­ten in Ghet­tos in Polen depor­tiert wer­den würden.”
Lon­ge­rich doku­men­tiert auch aus sei­ner Sicht „recht deut­li­che Hin­wei­se” auf das wirk­li­che Los der Depor­tier­ten, die jeder deut­sche Nor­mal­bür­ger hät­te wahr­neh­men kön­nen: Nach­rich­ten über rumä­ni­sche und slo­wa­ki­sche Depor­ta­tio­nen in der deut­schen Pres­se, Hit­lers wie­der­hol­te Pro­phe­zei­ung vom Janu­ar 1939 einer Ver­nich­tung der Juden im Fall eines Welt­krie­ges (und eines eige­nen Ter­ri­to­ri­ums für sie im Frie­dens­fall), schließ­lich eine Mit­tei­lung der Münch­ner Neu­es­ten Nach­rich­ten, trotz der „eiser­nen Hand” der Besat­zungs­be­hör­den har­re die Juden­fra­ge in der Sowjet­uni­on noch der Lösung. Am 16. Novem­ber 1941 schrieb Goe­b­bels in der Zei­tung Das Reich („Die Juden sind schuld”), „wir erle­ben eben den Voll­zug” der Pro­phe­zei­ung Hit­lers, das „Welt­ju­den­tum” – also nicht oder nicht nur die deut­schen Depor­tier­ten – erlei­de „nun einen all­mäh­li­chen Ver­nich­tungs­pro­zeß”. Hit­lers Sekre­tär Bor­mann aber gab die Sprach­re­ge­lung her­aus, es sei zu ver­brei­ten, daß die Juden in Arbeits­la­ger kämen.
Was mit den Juden geschah, ver­schwieg das Regime kon­se­quent, in der Pro­pa­gan­da fan­den die Depor­ta­tio­nen nicht statt und der Anti­se­mi­tis­mus trat 1942 in den Hin­ter­grund; der Reichs­pres­se­chef erteil­te am 11. Juni 1942 – nach dem Heyd­rich-Atten­tat – die gene­rel­le Wei­sung: „Ver­öf­fent­li­chun­gen über Maß­nah­men gegen die Juden sind verboten.”

Lon­ge­rich wid­met ein Kapi­tel die­ser „‚End­lö­sung‘ als öffent­li­ches Geheim­nis”. Der Mas­sen­mord an den Juden war eine „Gehei­me Reichs­sa­che”, deren Offen­le­gung mit dem Tod bedroht war. „Mas­sen­haft”, so Lon­ge­rich, brach­ten Sol­da­ten Infor­ma­tio­nen über Erschie­ßun­gen in Ost­eu­ro­pa ins Reich, so daß die Stim­mungs­be­rich­te der Gesta­po, Lon­ge­richs Quel­le für ent­spre­chen­des Wis­sen im Volk oder wenigs­tens für Gerüch­te, sie nicht igno­rie­ren konn­ten. Die­se Spit­zel­be­rich­te hält er selbst für unzu­ver­läs­sig, da sie instru­men­ta­li­siert wor­den sei­en – von den Bericht­erstat­tern wie den Redak­teu­ren, die sie den füh­ren­den Stel­len zulei­te­ten. Lon­ge­rich führt nicht „mas­sen­haft”, son­dern weni­ge dün­ne Bele­ge an, zwei Bei­spie­le sei­en zitiert:
– SD-Außen­stel­le Erfurt, April 1942, über einen Zei­tungs­ar­ti­kel betref­fend SD-Par­ti­sa­nen­be­kämp­fung: In der Bevöl­ke­rung wer­de kol­por­tiert, „daß der Sicher­heits­po­li­zei die Auf­ga­be gestellt sei, das Juden­tum in den besetz­ten Gebie­ten aus­zu­rot­ten. Zu Tau­sen­den wür­den die Juden zusam­men­ge­trie­ben und erschos­sen, wäh­rend sie erst zuvor ihre Grä­ber gegra­ben hätten.”
– SD-Außen­stel­le Schwa­bach, Dezem­ber 1942: eine der „stärks­ten Beun­ru­hi­gun­gen in kirch­lich gebun­de­nen Krei­sen und in der Land­be­völ­ke­rung bil­den zur Zeit Nach­rich­ten aus Ruß­land, in denen von Erschie­ßung und Aus­rot­tung der Juden die Rede ist.”
Man muß davon aus­ge­hen, daß in der zwei­ten Jah­res­hälf­te 1941 im deutsch besetz­ten Ost­eu­ro­pa min­des­tens eine hal­be Mil­li­on Juden erschos­sen wur­de, aller­dings haupt­säch­lich von den zu strengs­tem Still­schwei­gen ver­pflich­te­ten SD-Ein­satz­grup­pen. Es fällt auf, daß Lon­ge­rich nur einen ver­bürg­ten Fall (Mein­berg) schil­dert, in dem ein zu iden­ti­fi­zie­ren­der Sol­dat als Augen­zeu­ge einer Juden-Exe­ku­ti­on davon in der Hei­mat einer kon­kre­ten Per­son erzählt hat – die bereits nur noch ein Zeu­ge vom Hören­sa­gen ist. Die Aus­wer­tung Zehn­tau­sen­der Feld­post­brie­fe (die der Zen­sur unter­la­gen) ergab, daß die Juden­fra­ge dar­in kei­ne beson­de­re Rol­le spiel­te und Berich­te über die „End­lö­sung” eher sel­ten auf­tau­chen. Die von Lon­ge­rich ange­führ­ten Quel­len rei­chen mit­hin nicht als Beleg, daß auch nur eine Min­der­heit in Deutsch­land über siche­res Wis­sen um die Mas­sen­mor­de ver­fügt habe, die End­lö­sung inso­weit ein „öffent­li­ches Geheim­nis” gewe­sen sei.
Doch Lon­ge­rich bemerkt auch: „Hin­ge­gen sind kon­kre­te Ein­zel­hei­ten über den Ein­satz von Gas zur Ermor­dung von Juden, geschwei­ge denn über Ver­nich­tungs­la­ger, in den offi­zi­el­len Stim­mungs­be­rich­ten nicht zu fin­den.” Für das The­ma Mord durch Gas beschränkt sich Lon­ge­rich auf Zeug­nis­se dafür, daß es mög­lich war, Zutref­fen­des zu erfah­ren; über das Maß der Ver­brei­tung und den Grad der Glaub­wür­dig­keit kann er nichts aussagen.

Sei­ne Quel­len sind:
– Tage­bü­cher, Brie­fe, Memoi­ren: Vic­tor Klem­pe­rer hat­te vom Gas­mord nichts Zutref­fen­des gehört. Lon­ge­rich zitiert nur einen Beleg, des­sen Quel­le eine Schwei­zer Zei­tung ist, die sich wie­der­um auf den unzu­ver­läs­si­gen Bericht der Ausch­witz-Flücht­lin­ge Vrba und Wetz­ler gestützt haben wird, sowie das Tage­buch der Ursu­la von Kar­dorff, die dem Bericht denn auch kaum Glau­ben schenk­te (obwohl einer ihrer Ver­wand­ten zu den Wis­sen­den gehört hat­te). Der bekann­te Infor­ma­ti­ons­samm­ler Karl Dür­ke­fäl­den stützt sich auf den Sen­der BBC – Lon­ge­rich stellt fest, daß die alli­ier­te Pro­pa­gan­da kei­ne zuver­läs­si­ge Quel­le gewe­sen ist, die Wahr­heit jeden­falls „für den durch­schnitt­li­chen deut­schen BBC-Hörer nicht ohne wei­te­res zu erken­nen war”. Er ver­zich­te­te dabei auf einen Ver­weis auf die alli­ier­te Greu­el­pro­pa­gan­da des Ers­ten Welt­kriegs – die bei­spiels­wei­se hin­sicht­lich der Sei­fe aus Lei­chen fort­ge­setzt wor­den war.
– Gerichts­ak­ten: Ein Ber­li­ner Kauf­mann erzähl­te im Novem­ber 1943 über die Ermor­dung von Juden in Gas­wa­gen, und eine Frau hat­te 1943 Mel­dun­gen aus­län­di­scher Sen­der über Gas­mor­de an Juden weitergegeben.
– Schrift­stü­cke des Wider­stands: Lon­ge­rich nennt Ruth Andre­as-Fried­rich, die aber nichts vom Gas­mord gehört hat, und Hel­muth James von Molt­ke, der sei­ner Frau schrieb, ihm habe ein Mann, der aus dem Gene­ral­gou­ver­ne­ment kam, „authen­tisch über den ‚SS-Hoch­ofen‘ berich­tet”, in dem „täg­lich 6000 Men­schen ‚ver­ar­bei­tet‘ wer­den”. Molt­ke: „Ich habe es bis­her nicht geglaubt”, wobei er hät­te blei­ben kön­nen, da es die­sen Hoch­ofen nicht gege­ben hat. Lon­ge­rich hät­te auch Molt­kes Äuße­rung zitie­ren kön­nen, nach der neun­zig Pro­zent der Deut­schen von der Ermor­dung der Juden nichts wuß­ten, oder auch die Befürch­tung Goe­rdelers in der Haft, 100.000 Juden sei­en ermor­det worden.
– Inter­views des bri­ti­schen Geheim­diens­tes mit Rei­sen­den aus Deutsch­land: Ein Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker erzähl­te im Juni 1943 einem jüdi­schen Freund in Lis­sa­bon, „daß Juden mit Hil­fe von Gas getö­tet wurden”.
Selbst Ban­kier stell­te fest, daß sich aus sol­chen sub­jek­ti­ven Quel­len kein all­ge­mei­ner Schluß auf die Ein­stel­lung „der Deut­schen” zie­hen läßt. Natür­lich gab es Gerüch­te, doch ihre Quel­len sind unbe­kannt, sie lagen offen­kun­dig – man­gels zutref­fen­der Details – nicht in den Ver­nich­tungs­la­gern, son­dern gin­gen eher auf das ver­brei­te­te, auch von Kurt Tuchol­sky gepfleg­te Trau­ma des Gas­tods im Ers­ten Welt­krieg und auf Nach­rich­ten über die „Eutha­na­sie” an nicht­jü­di­schen Behin­der­ten in deut­schen Anstal­ten zurück. Die tat­säch­lich umlau­fen­den Gas-Gerüch­te betra­fen auch die Tötung von Ver­wun­de­ten, Bom­ben­op­fern, Flücht­lin­gen. Selbst alli­ier­te Geheim­diens­te ver­füg­ten über kei­ner­lei gesi­cher­te, zutref­fen­de Informationen.
Eine von Lon­ge­rich als Quel­le her­an­ge­zo­ge­ne Leh­re­rin aus der Stadt Ausch­witz erzähl­te spä­ter, war­um sie über ihre Beob­ach­tun­gen geschwie­gen habe: „Ein Wei­ter­erzäh­len hät­te damals nur noch mehr Leu­te unglück­lich gemacht, sie in größ­te Gefahr gebracht. Und hier konn­te lei­der nie­mand hel­fen.” Die Anwei­sung der BBC-Lei­tung vom 14. Dezem­ber 1942 zum Her­aus­stel­len der Mas­sen­mor­de an den Juden ent­hält denn auch den Satz: „Auch wenn die Deut­schen nichts gegen die Mas­sa­ker tun könn­ten, so sei es doch gut, wenn sie sich beun­ru­higt und beschämt fühlten.”

Lon­ge­rich meint, die Ankunft der Mas­sen­trans­por­te in Ausch­witz (wobei Hun­dert­tau­sen­de Häft­lin­ge auch das Lager ver­lie­ßen), die weit­hin sicht­ba­ren hohen Flam­men (die von Kre­mie­rungs­ex­per­ten bestrit­ten wer­den) und der Geruch ver­brann­ter Lei­chen (eher der IG-Far­ben-Che­mie­fa­bri­ken) hät­ten beob­ach­tet wer­den kön­nen. Auch sei unter den Häft­lin­gen, die in ande­re Lager über­stellt wur­den, der Mas­sen­mord eben­so bekannt gewe­sen wie den Zivil­ar­bei­tern deut­scher Fir­men und den Bewoh­nern der benach­bar­ten Städte.
Doch drei Jugend­li­che aus der Umge­bung von Ausch­witz, die spä­ter der Redak­ti­on des Nach­rich­ten­ma­ga­zins Der Spie­gel ange­hör­ten, erin­ner­ten sich dar­an, daß Ausch­witz als etwas Schreck­li­ches galt, doch vom Gas­mord nicht die Rede war: Hell­muth Kara­sek, des­sen Vater Orts­grup­pen­lei­ter in Bie­litz war, Klaus Rein­hardt, der in Kat­to­witz gegen die SS-Lager­mann­schaft Fuß­ball spiel­te, und Karl-Heinz Vater, der mit dem Dresd­ner Kreuz­chor vor der Beleg­schaft (ein­schließ­lich Häft­lin­gen) von Mono­witz gesun­gen hatte.
Lon­ge­rich meint, Gerüch­te über die „End­lö­sung” hät­ten auch Minis­te­ri­al­be­am­te, Par­tei­pro­pa­gan­dis­ten und die Teil­neh­mer der Wann­see­kon­fe­renz (die das aus­nahms­los bestrit­ten haben) gehört, und kommt den­noch zu dem Schluß: „Ange­sichts der gro­ßen Zahl poten­ti­el­ler Quel­len über den Ver­nich­tungs­pro­zeß muß es eigent­lich erstau­nen, daß die heu­te noch fest­stell­ba­ren Gerüch­te über die Ver­wen­dung von Gas und ins­be­son­de­re über die Exis­tenz von Ver­nich­tungs­la­gern so vage bezie­hungs­wei­se so rar sind.”
Das läßt sich erklä­ren. Auch der Gas­mord in Ausch­witz war eine „Gehei­me Reichs­sa­che”, deren Ver­rat mit der Todes­stra­fe bedroht war. Das in der deut­schen Geschich­te uni­ka­le Ver­bre­chen ver­moch­ten denn auch die Voll­stre­cker vor Ort und ihre Befehls­ge­ber in Ber­lin so total zu ver­hül­len, daß nur sie selbst über exak­te Kennt­nis­se ver­füg­ten. Zu dem kon­tro­ver­sen The­ma erklärt jetzt wie­der der His­to­ri­ker Ahl­rich Mey­er das Nicht­wis­sen zum „Kern der Selbst­ent­las­tung einer gan­zen Genera­ti­on” und behaup­tet, „daß seit Ende des Jah­res 1942 auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne ein gesi­cher­tes Wis­sen um den Stand der ‚End­lö­sung‘ vor­han­den und öffent­lich zugäng­lich war”, aller­dings fehl­te „lan­ge Zeit fast jeder Hin­weis auf den Lager­kom­plex Auschwitz-Birkenau”.
Bis in die Gegen­wart hat sich über Dimen­si­on und wich­ti­ge Details des Ver­bre­chens vor allem in Ausch­witz die letz­te Klar­heit nicht fin­den las­sen. Neben der fort­ge­setz­ten Mul­ti­pli­ka­ti­on der Opfer­zah­len gibt es auch ein selt­sa­mes Dimi­nu­tiv, etwa bei Rita Sere­ny, die Ausch­witz gar nicht für ein Ver­nich­tungs­la­ger hält, oder Dani­el Gold­ha­gen, der den Gas­mord als „epi­phe­no­me­nal” im Holo­caust, als neben­säch­lich ein­stuft. Doku­men­te sind rar, eben­so zuver­läs­si­ge Zeugen.
Den gesam­ten Tat­her­gang in sei­nen drei sicht­ba­ren Schrit­ten (des Ein­sper­rens der Opfer in einer Kam­mer, des Ein­schüt­tens von Zyklon‑B und des Her­aus­ho­lens der Lei­chen) konn­ten gleich­zei­tig nur die SS-Lager­funk­tio­nä­re beob­ach­ten, nur sie kön­nen als Augen­zeu­gen gel­ten – und sie haben auch, zumeist unter rechts­staat­li­chen Bedin­gun­gen, den bei­spiel­lo­sen mas­sen­haf­ten Gas­mord bezeugt (in Son­der­heit die SS-Ärz­te Fischer, Frank, Kre­mer, Lucas, Münch, Schatz sowie – mit stär­ke­ren Ein­schrän­kun­gen – die Häft­lings­ärz­te Let­tich, Ben­del, Nyiszli).

Doch schon die Dienst­auf­sicht im Wirt­schafts- und Ver­wal­tungs­haupt­amt der SS in Ora­ni­en­burg wuß­te nichts Genaue­res. Am 4. Sep­tem­ber 1943 rich­te­te der für den KL-Arbeits­ein­satz zustän­di­ge SS-Ober­sturm­bann­füh­rer Mau­rer eine Anfra­ge an den (gleich­ran­gi­gen) Lager­kom­man­dan­ten Höß, was denn 21.500 ein­sit­zen­de, nicht arbeits­fä­hi­ge Juden mach­ten: „Irgend etwas kann hier nicht stim­men!” Wach­pos­ten, wel­che die Juden ins Lager beglei­te­ten, kann­ten nicht das Los ihrer Trans­por­te, wie Gold­ha­gen festhielt.
Die Opfer wur­den fast aus­nahms­los bei­na­he bis zum letz­ten Atem­zug über ihr Schick­sal getäuscht, nur Gerüch­te über den kon­kre­ten Tat­her­gang hör­ten sogar die Häft­lin­ge, die täg­lich die „Aus­mus­te­rung” für die Gas­kam­mern erleb­ten; jene im Son­der­kom­man­do zur Ver­bren­nung der Lei­chen waren wäh­rend des Tötungs­vor­gangs im Sek­ti­ons­raum oder Koh­len­raum des Kre­ma­to­ri­ums eingeschlossen.
Die pol­ni­sche Wider­stands­be­we­gung erfuhr trotz stän­di­ger Kon­tak­te ins Lager und aus dem Lager nichts Zutref­fen­des über Metho­den und Umfang des mas­sen­haf­ten Ster­bens im Gas. Die sowje­ti­schen Befrei­er des Lagers 1945 tra­fen völ­lig unvor­be­rei­tet auf das zu beset­zen­de Ter­rain, obwohl die kom­mu­nis­ti­sche Wider­stands­grup­pe im Lager über hin­rei­chend Kon­tak­te zur Außen­welt ver­füg­te und ein öster­rei­chi­scher Kom­mu­nist nach sei­ner Flucht aus Ausch­witz Mos­kau erreicht hat­te. Die UdSSR-Füh­rung gab das Resul­tat der Fest­stel­lun­gen vor Ort – außer einer mär­chen­haf­ten Praw­da-Repor­ta­ge – vier Mona­te lang nicht preis, danach beharr­lich mit der Phan­ta­sie­zahl von min­des­tens vier Mil­lio­nen Opfern.
Trotz umfas­sen­der geheim­dienst­li­cher Akti­vi­tä­ten ein­schließ­lich der Sta­tio­nie­rung eines per Fall­schirm abge­setz­ten Beob­ach­ters („Urban”) in der Nähe des Lagers, trotz schar­fer Luft­bild­auf­nah­men und gelun­ge­ner Flucht von meh­re­ren hun­dert Häft­lin­gen gewan­nen die alli­ier­ten Regie­run­gen kei­ne Vor­stel­lung von der auf Erden instal­lier­ten Höl­le. Sie schenk­ten der Ankün­di­gung des deut­schen Infor­man­ten Edgar Schul­te vom Som­mer 1942 eben­so­we­nig Glau­ben wie 1944 den frei­lich arg über­trie­be­nen Berich­ten der Flücht­lin­ge Vrba und Wetz­ler: Selbst US-Prä­si­dent Roo­se­velt und Bri­ten­pre­mier Chur­chill fan­den es zunächst schwie­rig zu akzep­tie­ren, daß jemand sol­che Greu­el in solch gro­ßem Aus­maß began­gen haben könn­te. Bis zu die­sem Zeit­punkt, so Filip von Freu­di­ger, ein Reprä­sen­tant der Buda­pes­ter Ortho­do­xen Jüdi­schen Gemein­de, hat­te „nie­mand irgend­ei­ne Vor­stel­lung von Auschwitz”.
Doch eine zutref­fen­de Dar­stel­lung lie­fer­te im Novem­ber 1943 den Zio­nis­ten in Buda­pest ein Mit­tels­mann, wahr­schein­lich war es Oskar Schind­ler, Trink­part­ner von Amon Goe­th, dem Kom­man­dan­ten eines nahe Ausch­witz gele­ge­nen Arbeits­la­gers. Auf die Fra­ge, ob Ausch­witz ein Ver­nich­tungs­la­ger sei, ant­wor­te­te er: „Das kann sein für Alte und Kin­der. Ich habe auch gehört, daß dort Juden ver­gast und ver­brannt wer­den.” Sei­ner Mei­nung nach habe es kei­nen all­ge­mei­nen Befehl zur Juden­ver­nich­tung gege­ben, son­dern: „wahr­schein­lich gefähr­li­che oder nutz­lo­se Juden zu ver­nich­ten. Sie [die Lager-SS] haben die­sen Auf­trag mit der Bru­ta­li­tät voll­streckt, an die sie schon zu Hau­se gewöhnt waren …” Die Fra­ge, ob die bis­her Ver­schon­ten eine Chan­ce hät­ten, das Kriegs­en­de zu über­le­ben, bejah­te er prompt: „Vor eini­gen Wochen [rec­te: Mona­ten, näm­lich April 1943, F.M.] ist eine Ver­ord­nung von Himm­ler in die­sem Sin­ne aus­ge­ge­ben wor­den. Die Ten­denz ist sicht­bar. Man will die jüdi­schen Arbeits­kräf­te scho­nen.” Doch die Lager-SS kön­ne sich „schwer abge­wöh­nen, täg­lich eini­ge 10 oder 100 Juden zu erschießen …”

So kon­sta­tier­te denn der ehe­ma­li­ge Ausch­witz-Häft­ling und spä­te­re pol­ni­sche Außen­mi­nis­ter Bart­o­szew­ski, die Mehr­heit der deut­schen Bevöl­ke­rung habe sich – was immer sie im Krieg über die NS-Ver­bre­chen hat­te wis­sen kön­nen – von dem Auschwit­zer Mas­sen­mord erst durch den Frank­fur­ter Pro­zeß 1963/64 über­zeu­gen las­sen. Lon­ge­rich sieht das an ders: Als im Früh­jahr 1943 die sowje­ti­schen Mas­sen­mor­de an pol­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen in Katyn bekannt wur­den, ord­ne­te Hit­ler eine Pro­pa­gan­da­kam­pa­gne an, mit der die Schuld an dem Mas­sa­ker Juden zuge­scho­ben wur­de. Kon­kre­te Täter konn­ten gar nicht benannt wer­den, es han­del­te sich um die Obses­si­on, irgend­wie steck­ten hin­ter allem Bösen „die” Juden, kol­lek­tiv. Mög­li­cher­wei­se muß­te Hit­ler einen ande­ren Schul­di­gen als Sta­lin benen­nen, weil er gera­de zu die­sem Zeit­punkt, nach der Nie­der­la­ge von Sta­lin­grad, sich mit Sta­lin zu arran­gie­ren erwog.
Goe­b­bels schrieb im Reich einen Kom­men­tar, in dem die Juden („Leit­ar­tik­ler, Rund­funk­spre­cher, Ban­kiers und GPU-Kom­mis­sa­re”) als Urhe­ber des Krie­ges und „Kitt” der feind­li­chen Koali­ti­on bezeich­net wur­den, ihr Ziel sei es – unter Beru­fung auf Kauf­mans Ste­ri­li­sie­rungs-Phan­ta­sien Ger­ma­ny must perish – Deutsch­land zu ver­nich­ten: Als sie die­sen Plan faß­ten, „unter­schrie­ben sie damit ihr eige­nes Todes­ur­teil”. Die badi­sche Gau­zei­tung schloß sich an: „Es geht zwi­schen uns und den Juden dar­um, wer wen über­lebt … dann dür­fen wir das Juden­tum zwi­schen uns nicht exis­tie­ren las­sen.” Klem­pe­rer fol­ger­te aus die­sem Arti­kel: „1. Sie haben ange­fan­gen. 2. Unse­re Juden­ver­til­gung ist in Deutsch­land sel­ber gar nicht popu­lär.” Im nächs­ten Arti­kel die­ser Zei­tung hieß es, die Juden sei­en für den Luft­krieg gegen die Zivil­be­völ­ke­rung haft­bar zu machen, wes­halb „ihre Ver­nich­tung die allein not­wen­di­ge Süh­ne für die­ses Ver­bre­chen sein kann.”
Das reicht Lon­ge­rich für sein Urteil: „Nach der dras­ti­schen Art und Wei­se, in der im Zuge der Katyn-Kam­pa­gne über die Besei­ti­gung der Juden gespro­chen wur­de, soll­te nie­mand mehr behaup­ten kön­nen, er habe von die­sen Vor­gän­gen nichts gewußt.” Lon­ge­rich spe­ku­liert sogar, die Kam­pa­gne habe der­art „die deut­sche Bevöl­ke­rung zu Zeu­gen und Mit­wis­sern des Mas­sen­mords an den Juden” machen wol­len. Des­halb nennt er das ent­spre­chen­de Kapi­tel, wie bereits erwähnt: „Die End­lö­sung als öffent­li­ches Geheimnis”.

Eine gan­ze Rei­he der – instru­men­ta­li­sier­ten – Spit­zel­be­rich­te mel­det vor allem aus intel­lek­tu­el­len und kirch­li­chen Krei­sen, es wür­den Par­al­le­len zwi­schen Katyn und der (immer­hin öffent­lich ange­kün­dig­ten) Ermor­dung der Juden gezo­gen. Schon nach acht Wochen wur­de die Kam­pa­gne gegen den „jüdi­schen Bol­sche­wis­mus” Ende Mai /Anfang Juni ein­ge­stellt und auch nicht mehr auf­ge­nom­men. Andeu­tun­gen füh­ren­der Natio­nal­so­zia­lis­ten über eine „Aus­rot­tung” der Juden ver­stumm­ten. Der Juden­mord wur­de zum „Un-The­ma”, so Lon­ge­rich. Tat­säch­lich erging im April /Mai 1943 Himm­lers Befehl, den Gas­mord wie­der auf Geis­tes­kran­ke zu beschrän­ken; die Ver­nich­tungs­la­ger an der deutsch-sowje­ti­schen Inter­es­sen­gren­ze wur­den geschlossen.
Und dann zieht Lon­ge­rich ein Resü­mee, das sich aus sei­ner gesam­ten Dar­stel­lung gera­de nicht ergibt, son­dern nach sei­nen vie­len unkon­ven­tio­nel­len Erkennt­nis­sen mit einer über­ra­schen­den Vol­te der poli­ti­schen Kor­rekt­heit geschul­det erscheint. Es ist sei­ne Vor­stel­lung „von der Grö­ßen­ord­nung des Bevöl­ke­rungs­an­teils, der sei­ner­zeit in irgend­ei­ner Form vom Holo­caust wuß­te: Nicht die Mehr­heit, aber doch ein erheb­li­cher Anteil der Bevöl­ke­rung und nicht etwa nur eine klei­ne, auf eine bestimm­te Regi­on, Berufs­spar­te oder auf ein sozia­les Milieu beschränk­te Min­der­heit.… In der deut­schen Bevöl­ke­rung waren gene­rell Infor­ma­tio­nen über den Mas­sen­mord an den Juden weit verbreitet.”
Allein die­ser Satz genügt man­chen Lesern, etwa dem Rezen­sen­ten der Zeit, zum übli­chen Ver­dikt des deut­schen Volks zu gelan­gen. Saul Fried­län­der etwa äußert unter Beru­fung auf Lon­ge­rich: „Anfang 1943 waren die Infor­ma­tio­nen über die mas­sen­haf­te Ver­nich­tung von Juden im Reich so weit ver­brei­tet (auch wenn man von den ‚tech­ni­schen Ein­zel­hei­ten‘ meist kei­ne genaue Kennt­nis hat­te), daß sie wahr­schein­lich die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung erreicht hat­ten.” Zum Beleg fügt er auch noch das – von Tho­mas Mann über BBC gestreu­te, frei erfun­de­ne – „Gerücht” über Ver­ga­sung im Eisen­bahn­tun­nel an. Und: „Ganz all­ge­mein ent­larvt die neue­re his­to­ri­sche For­schung die deut­sche Unkennt­nis über das Schick­sal der Juden als mythi­sches Kon­strukt der Nachkriegszeit.”
Das aber hat Lon­ge­rich eben nicht belegt, viel­mehr – indem er es nicht hat bele­gen kön­nen – das Gegen­teil glaub­haft gemacht: Davon haben wir wirk­lich nichts gewußt.

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