Sezession
1. April 2007

Davon haben wir nichts gewußt

Gastbeitrag

Seine Quellen sind:
- Tagebücher, Briefe, Memoiren: Victor Klemperer hatte vom Gasmord nichts Zutreffendes gehört. Longerich zitiert nur einen Beleg, dessen Quelle eine Schweizer Zeitung ist, die sich wiederum auf den unzuverlässigen Bericht der Auschwitz-Flüchtlinge Vrba und Wetzler gestützt haben wird, sowie das Tagebuch der Ursula von Kardorff, die dem Bericht denn auch kaum Glauben schenkte (obwohl einer ihrer Verwandten zu den Wissenden gehört hatte). Der bekannte Informationssammler Karl Dürkefälden stützt sich auf den Sender BBC - Longerich stellt fest, daß die alliierte Propaganda keine zuverlässige Quelle gewesen ist, die Wahrheit jedenfalls „für den durchschnittlichen deutschen BBC-Hörer nicht ohne weiteres zu erkennen war". Er verzichtete dabei auf einen Verweis auf die alliierte Greuelpropaganda des Ersten Weltkriegs - die beispielsweise hinsichtlich der Seife aus Leichen fortgesetzt worden war.
- Gerichtsakten: Ein Berliner Kaufmann erzählte im November 1943 über die Ermordung von Juden in Gaswagen, und eine Frau hatte 1943 Meldungen ausländischer Sender über Gasmorde an Juden weitergegeben.
- Schriftstücke des Widerstands: Longerich nennt Ruth Andreas-Friedrich, die aber nichts vom Gasmord gehört hat, und Helmuth James von Moltke, der seiner Frau schrieb, ihm habe ein Mann, der aus dem Generalgouvernement kam, „authentisch über den ‚SS-Hochofen‘ berichtet", in dem „täglich 6000 Menschen ‚verarbeitet‘ werden". Moltke: „Ich habe es bisher nicht geglaubt", wobei er hätte bleiben können, da es diesen Hochofen nicht gegeben hat. Longerich hätte auch Moltkes Äußerung zitieren können, nach der neunzig Prozent der Deutschen von der Ermordung der Juden nichts wußten, oder auch die Befürchtung Goerdelers in der Haft, 100.000 Juden seien ermordet worden.
- Interviews des britischen Geheimdienstes mit Reisenden aus Deutschland: Ein Berliner Philharmoniker erzählte im Juni 1943 einem jüdischen Freund in Lissabon, „daß Juden mit Hilfe von Gas getötet wurden".
Selbst Bankier stellte fest, daß sich aus solchen subjektiven Quellen kein allgemeiner Schluß auf die Einstellung „der Deutschen" ziehen läßt. Natürlich gab es Gerüchte, doch ihre Quellen sind unbekannt, sie lagen offenkundig - mangels zutreffender Details - nicht in den Vernichtungslagern, sondern gingen eher auf das verbreitete, auch von Kurt Tucholsky gepflegte Trauma des Gastods im Ersten Weltkrieg und auf Nachrichten über die „Euthanasie" an nichtjüdischen Behinderten in deutschen Anstalten zurück. Die tatsächlich umlaufenden Gas-Gerüchte betrafen auch die Tötung von Verwundeten, Bombenopfern, Flüchtlingen. Selbst alliierte Geheimdienste verfügten über keinerlei gesicherte, zutreffende Informationen.
Eine von Longerich als Quelle herangezogene Lehrerin aus der Stadt Auschwitz erzählte später, warum sie über ihre Beobachtungen geschwiegen habe: „Ein Weitererzählen hätte damals nur noch mehr Leute unglücklich gemacht, sie in größte Gefahr gebracht. Und hier konnte leider niemand helfen." Die Anweisung der BBC-Leitung vom 14. Dezember 1942 zum Herausstellen der Massenmorde an den Juden enthält denn auch den Satz: „Auch wenn die Deutschen nichts gegen die Massaker tun könnten, so sei es doch gut, wenn sie sich beunruhigt und beschämt fühlten."


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