16. April 2015

Von PEGIDA bis zur Innerlichkeit – 65. Sezession erschienen

Nils Wegner / 3 Kommentare

umschlag_65.inddDie zweite Sezession des 2015er Jahrgangs ist ein offenes Heft und vereint eine große Bandbreite an Themen. Hatte Götz Kubitschek im Editorial der vorangegangenen Ausgabe noch die Eigendynamik im Umfeld PEGIDAs sowie die Wechselwirkung zwischen Demonstration (Aktion) und Lektüre (Theorie) beleuchtet, so widmet er sich nun dem gegensätzlichen Typus des Parteitechnokraten – beispielhaft am »Typ Lucke«. Die 65. Sezession wird seit einer Woche ausgeliefert und ist hier zu bestellen.

Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.

+ Im Anschluß widmet sich Falko Baumgartner – ergänzend zum PEGIDA-Sonderheft – einer strategischen Analyse des "zweiten Atems" des deutschen Bürgerprotests und stellt klar, daß es vor allem beharrlicher Geschlossenheit und einer konsequenten Ausnutzung der gegebenen "Palette zivilgesellschaftlicher Druckmittel" bedürfe, um die berechtigte Ablehnung des hiesigen politischen Geschehens in konkrete Abhilfe umzusetzen.

+ Im Autorenportrait beleuchtet Lutz Meyer die Lebens- und Werksgeschichte des noch kurz vor Kriegsende im KL Dachau verstorbenen, heute weitgehend vergessenen Geistesaristokraten und Konservativen Revolutionärs Friedrich Reck, genannt Reck-Malleczewen. Reck war ein exzentrischer Typ, der sich gern als Dandy inszenierte, aber dabei weit über seine Verhältnisse lebte. Die Schriftstellerei (darunter die Vorlage für den späteren Film »Bomben auf Monte Carlo« und Aufsätze für Ernst Niekischs Widerstand) diente ihm lange Zeit als reiner Lebensunterhalt. Dennoch gibt Meyer zu bedenken, daß Recks Spätwerk nicht zu unterschätzen sei: Das posthum erschienene »Tagebuch eines Verzweifelten« und vor allem sein »Bockelson – Geschichte eines Massenwahns« über das kurzlebig-blutrünstige Wiedertäuferreich in Münster legen beredt Zeugnis ab über das Spannungsfeld zwischen Verachtung und Verzweiflung, in dem sich der elitäre Schöngeist im Massenstaat der 1930er wiederfand.

+ Thor v. Waldstein behandelt in seinem Grundlagenbeitrag das skurrile Verhältnis der gegenwärtigen vielen verstreuten Ich-Monaden zu ihrer Gesamtheit – dem "falschen Wir". Hierbei wird verschiedenen Ableitungsformen einer wie auch immer gearteten Gesellschaft nachgegangen und deren Diskrepanz zu tatsächlichem Gemeinschaftsgefühl herausgestellt. Wenn heute – gerade bei politischen Vorgängen mit absehbar drastischen Auswirkungen – ununterbrochen das »Wir« bemüht wird, wie just Volker Kauder mustergültig vorexerziert hat, handele es sich um den durchsichtigen Versuch, "unterschwellig an den [...] verfemten Geist der Volksgemeinschaft zu appellieren, wenn es beim Transport liberalistischer Lebenslügen eng zu werden droht". Die Lösung könne nur eine klare Enttarnung der politischen Phraseologie sein – und der »Wir«-Wandel von einer schweigenden hin zur handelnden Mehrheit.

+ Heinrich Schoell, Alter Herr der Wiener akademischen Burschenschaft Moldavia, widmet einige tiefergehende Gedankengänge der studentischen Mensur als einer der "letzten Techniken deutscher Eigenart [...], die einer globalisierten, westlich-hedonistischen Ethik entgegensteht". Diese "Hiebe der Eigentlichkeit" dienten gleichsam als ein memento mori der Neuzeit und Gegenstandpunkt zur Seinsvergessenheit in unserer Konsumgesellschaft.

+ "Mitteleuropa als Option" ist das Thema des Aufsatzes von Thorsten Hinz. Nach einem knappen Umriß der geschichtlichen Entwicklungen, die zur gegenwärtigen – keineswegs befriedeten – Ukrainekrise geführt haben, beschäftigt sich Hinz mit der zugrundeliegenden Problematik eines machtlosen und nur als abstraktes Konzept existierenden (Mittel-)»Europa«, das als realer Machtfaktor eine stabilisierende und sichernde Wirkung entfalten könnte. Dergleichen hat Friedrich Naumann bereits im Herbst 1915 dargelegt; seine Schrift Mitteleuropa wurde rasch zur meistgelesenen Kriegszielpublikation des Kaiserreichs und war damals allgemein bekannt. Für Hinz sind Naumanns Überlegungen heute, nach dem Ende der Blockteilung der Welt, wieder "von bestechender Aktualität und eine deutsche und europäische Chance zur Selbstbehauptung".

+ Norbert Borrmann skizziert "Englische Neurosen", die nach der deutschen Reichseinigung hinsichtlich der wankenden Vormachtstellung Großbritanniens aufkamen und spätestens ab 1887 zu einer immer schärferen Presse- und Politagitation gegen Deutschland führten. Dabei liegt besonderes Augenmerk auf dem Psychogramm Winston Churchills und dessen Idolisierung trotz faktischen Zuschandereitens des britischen Empires.

+ Der Islamwissenschaftler an der Universität Bayreuth und Sprecher der »Patriotischen Plattform« der AfD, Hans-Thomas Tillschneider, nimmt das Problem der Relativierbarkeit von »Werten« gegenüber der Tradition unter die Lupe und warnt – "Vorsicht: Wertkonservative".

+ Anton Weißer rückt anhand aktueller Beispiele die bedrückende Realität und das "dystopische Potential" der gesellschaftlich exekutierten "Berufsverbote in der Bundesrepublik" ins Licht.

+ Benjamin Jahn Zschocke stellt das Œuvre sowohl des Malers Norbert Bisky als auch der Musikerin Anja Plaschg (alias Soap & Skin) vor.

+ Besondere Erwähnung verdient der Abdruck eines Auszugs aus dem umfassenden Briefwechsel Götz Kubitscheks mit dem Münchner Soziologieprofessor Armin Nassehi. Wo liegt das Desintegrierende in der bundesrepublikanischen Gesellschaft? Gäbe es Differenzen, wenn der Migrantenanteil vermindert oder ganz verschwinden würde? Kubitscheks Urteil steht: Die Differenzen fallen dort, wo das deutsche Volk als Ziel und Maßstab anerkannt wird. Der gesamte Briefwechsel ist in Nassehis Die letzte Stunde der Wahrheit erschienen.

+ Weitere Aufsätze widmen sich dem Bismarckjahr (Mario Kandil), der Auseinandersetzung mit und über die Homines-Trilogie (Frank Lisson vs. Martin Lichtmesz); Stefan Scheil äußert sich im Gespräch zu seiner Arbeit über das »Unternehmen Weserübung« – die Besetzung Dänemarks und Norwegens 1940 – als Präemptivschlag anstatt Überfall. Vermischtes und zahlreiche Rezensionen runden die Ausgabe ab.

Abonnenten sollten das Heft bereits erhalten haben, Einzelbestellungen und die Einsicht in das Inhaltsverzeichnis sind hier möglich. Ein Jahresabonnement innerhalb Deutschlands und Österreichs kostet 50 Euro, ermäßigt für Nichtverdiener 35 Euro (jeweils inkl. Porto), drei ältere Hefte gibt es zudem als Prämie. Bei Abonnements bis zum 30. Mai ist die 65. Sezession im Lieferumfang inbegriffen.


Nils Wegner

Nils Wegner ist studierter Historiker und arbeitet als Übersetzer und Lektor.


Kommentare (3)

Harald de Azania
16. April 2015 19:03

Verehrte Freunde,

Zur ( excellenten) GK Rede: Mut und Zivilcourage sind halt keine Mehrheitseigenschaften aber auch eine (positiv) geladene, dynamische Minderheit kann vieles bewirken. Wird schon werden ....

Ein alter Spruch: Ein Heer von Schafen gefuehrt von einem Loewen besiegt ein Heer von Loewen gefuehrt von einem Schaf. (Einziges Problem: "Teuflische Angela " ist kein Schaf sondern einer der durchtriebensten Fuechse aber dafuer sind die Anderen nur ziemliche Bloeker . Wird schon werden ...

Jasper von Altenbockum ( wurde in Deutschland eigentlich alles geadelt, was auf zwei Beinen daherwackeln konnte ?) hat in der FAZ die PEGIDA Bewegung zum Kadaver erklaert.

Huebsch: der schoenste Beweis, dasdz diese Bewegung blueht und gedeiht. Wird schon werden .....

Weiter so! Aber wieso springt der Funke nicht auf andere Staedte ueber ? Wird schon werden ....

ad Heinrich Schoell: Das gesamte Coleurstudententum, auch und gerade das Katholische, dem ich die Ehre habe anzugehoeren ( K.A.V. Bajuvaria zu Wien und K.OE.L. Starhemberg zu Wien) sind von angenehmer Skurilitaet und Eigenart, die es unbedingt zu bewahren und fortzufuehren gilt. Wird schon werden und bleiben .....

Ein vivat! allen braven Burschen! :-)

So, das waers aus Suedafrika, HdeA

Hartwig
17. April 2015 18:03

Gutes Heft, wie eigentlch immer.

Heute übrigens einen Artikel in der hiesigen Lokalzeitung gelesen. Es ging um eine angebliche Neuausrichtung der Politik im Entwicklungsministerium. Minister Müller will die Politik stärker an christlichen Maßstäben messen und christliche Werte in den Focus seines Ministeriums rücken sowie Entwicklungspolitik verstärkt an deutschen Interessen ausrichten.... u.s.w. Kritiker hielten diese Kurskorrektur für eine Reaktion auf PEGIDA etc.

Mal abgesehen davon, dass das in der Praxis NULL bedeuten wird, so scheint sich zu bewahrheiten, dass PEGIDA speziell innerhalb der Union einiges ins Rotieren bringt, sind es doch letztlich potentielle Unionswähler, die da spazieren und sich mit Grausen abwenden.

Alexander
17. April 2015 21:58

Hartwig:
Das wäre allerdings der denkbar schlechteste Effekt, den PEGIDA erzielen könnte, nämlich noch stärkeres Rechts-Blinken der Unionsparteien bei weiterer Fahrt nach links. Der gerade erwachende Michel würde durch die Radiomeldung, welch konservative Pläne es doch nun gebe, zufrieden in den Tiefschlaf zurückversetzt. Oder würde die zu große Diskrepanz zwischen Gesagtem und Getanem zu auffällig und merk-würdig werden und ihn endlich stirnzunzelnd aus dem Dämmerschlaf holen?

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