Entwicklungspsychologie als Schlüssel

pdf der Druckfassung aus Sezession 17/April 2007

sez_nr_176von Andreas Vonderach

Der Aachener Soziologe Georg W. Oesterdiekhoff hat in den letzten Jahren in mehreren Büchern eine umfassende Theorie zur Kulturbedingtheit der kognitiven Fähigkeiten des Menschen vorgelegt.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.


Ihr Kern besteht in der kon­se­quen­ten Anwen­dung der Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie Jean Pia­gets (1896 – 1980). Pia­get ist durch Beob­ach­tun­gen und Expe­ri­men­te zu einem Vier-Sta­di­en-Sche­ma der kind­li­chen Ent­wick­lung der kogni­ti­ven Fähig­kei­ten gelangt, wobei die höhe­ren Sta­di­en auf den nied­ri­ge­ren auf­bau­en. Der Säug­ling bis etwa andert­halb Jah­re ver­harrt noch in einer vor­stel­lungs­lo­sen, sen­so­mo­to­ri­schen Pha­se des Den­kens. In ihr ori­en­tiert sich das Kind sinn­lich in sei­ner räum­lich-gegen­ständ­li­chen Umge­bung. Im zwei­ten Lebens­jahr ent­wi­ckelt es die Fähig­keit zum sym­bo­li­schen Den­ken, das heißt äuße­re Sach­ver­hal­te inner­lich zu reprä­sen­tie­ren. Die­se prä­ope­ra­tio­na­le Pha­se dau­ert etwa bis zum sechs­ten oder sie­ben­ten Lebens­jahr. Sie über­win­det die Beschrän­kung auf das Hier und Jetzt der sinn­li­chen Wahr­neh­mung. Ab dem sechs­ten Lebens­jahr wird all­mäh­lich die Pha­se der kon­kre­ten Ope­ra­tio­nen auf­ge­baut. In ihr gelingt der logi­sche Umgang mit kon­kre­ten Objek­ten und Sach­ver­hal­ten. Zum Bei­spiel ist das Kind nun in der Lage zu erken­nen, daß in ein schma­le­res Glas umge­gos­se­nes Was­ser einen höhe­ren Was­ser­spie­gel erge­ben muß (soge­nann­te Men­gen­er­hal­tung). Erst ab dem zehn­ten Lebens­jahr beginnt dann die Pha­se der for­ma­len Ope­ra­tio­nen. In ihr kann das Kind das logi­sche Den­ken auch auf abs­trak­te, sinn­lich nicht wahr­nehm­ba­re Sach­ver­hal­te anwen­den. Erst in die­sem Sta­di­um ist es in der Lage, Hypo­the­sen und Theo­rien zu ent­wi­ckeln und auf die eige­ne Sub­jek­ti­vi­tät kri­tisch zu reflektieren.
Pia­gets Erkennt­nis­se sind vor allem für die Kin­der­psy­cho­lo­gie und die Päd­ago­gik frucht­bar gewor­den. Weni­ger bekannt ist, daß auch zahl­rei­che an Pia­get ori­en­tier­te Unter­su­chun­gen in außer­eu­ro­päi­schen Kul­tu­ren durch­ge­führt wur­den. Oes­ter­diek­hoff spricht von mehr als tau­send Unter­su­chun­gen in über hun­dert Eth­ni­en in den letz­ten sieb­zig Jah­ren. Obwohl die Ergeb­nis­se in eine ein­deu­ti­ge Rich­tung wei­sen, sind aus ihnen nie sys­te­ma­ti­sche Schluß­fol­ge­run­gen gezo­gen wor­den. Das wun­dert einen auch nicht, kennt man erst ein­mal ihre von Oes­ter­diek­hoff zusam­men­ge­faß­ten Ergeb­nis­se: Danach durch­lau­fen zwar alle Men­schen das sen­so­mo­to­ri­sche und das prä­ope­ra­tio­na­le Sta­di­um. Hin­sicht­lich der nächs­ten bei­den Sta­di­en der kon­kre­ten und for­ma­len Ope­ra­tio­nen zei­gen die Befun­de aber eben­so ein­deu­tig, daß sie in den Ent­wick­lungs­län­dern nur von einem Teil der Men­schen oder gar nicht ent­wi­ckelt werden.

In tra­di­tio­nel­len Regio­nen Afri­kas, Asi­ens, Ozea­ni­ens oder Latein­ame­ri­kas errei­chen nur etwa drei­ßig bis fünf­zig Pro­zent der Men­schen die Pha­se der kon­kre­ten Ope­ra­tio­nen. Iso­lier­te archai­sche Bevöl­ke­run­gen (zum Bei­spiel aus­tra­li­sche Abori­gi­nes) ent­wi­ckeln das ope­ra­tio­na­le Sta­di­um über­haupt nicht. Das Sta­di­um der for­ma­len Ope­ra­tio­nen mit sei­nem abs­trak­ten, begriff­li­chen Den­ken wird selbst in den moder­nen Indus­trie­na­tio­nen nur von einem Teil der Men­schen erreicht. Je nach Schwie­rig­keits­grad beherr­schen in die­sen Län­dern knapp die Hälf­te bis etwa neun­zig Pro­zent der Bevöl­ke­rung das for­mal-logi­sche Den­ken. In ein­fa­chen, vor­mo­der­nen Gesell­schaf­ten fehlt es völ­lig. In den Ent­wick­lungs­län­dern fin­det man es über­haupt nur bei Men­schen, die eine Schu­le nach west­li­chem Mus­ter besucht haben.
Es über­rascht nicht, daß die meis­ten Unter­su­cher dazu ten­dier­ten, ihre eige­nen Ergeb­nis­se abzu­schwä­chen, und daß sie über die trans­kul­tu­rel­le Kogni­ti­ons­for­schung hin­aus prak­tisch unbe­kannt blie­ben. Tat­säch­lich wer­den sie durch die metho­disch ganz anders gear­te­ten Ergeb­nis­se der psy­cho­me­tri­schen IQ-For­schung bestä­tigt, die in allen Län­dern der „Drit­ten Welt” deut­lich nied­ri­ge­re Wer­te als in den west­li­chen Län­dern fan­den. Im Gegen­satz zu den abs­trak­ten IQ-Wer­ten haben die Pia­get­schen Sta­di­en jedoch den Vor­teil, daß sie die kogni­ti­ven Defi­zi­te anschau­lich machen. Gegen­über einer ver­brei­te­ten kul­tur­re­la­ti­vis­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on als bloß „ande­res”, prin­zi­pi­ell gleich­wer­ti­ges Den­ken, gelingt es Oes­ter­diek­hoff nach­zu­wei­sen, daß es sich um tat­säch­li­che kogni­ti­ve Defi­zi­te han­delt. Natür­lich kann man sagen, daß zum Bei­spiel in einer tra­di­tio­nel­len Jäger-und-Samm­ler-Kul­tur kei­ne Not­wen­dig­keit zum logi­schen Den­ken mit abs­trak­ten Begrif­fen besteht, tat­säch­lich wird die Fähig­keit dazu aber auch nicht ent­wi­ckelt. Man muß kein Form­alden­ker sein, um leben, jagen, Fel­der bewirt­schaf­ten, Häu­ser bau­en oder Auto fah­ren zu können.
Oes­ter­diek­hoff sieht das ent­schei­den­de Sti­mu­lans im min­des­tens drei­jäh­ri­gen Besuch einer Schu­le nach west­li­chem Vor­bild. Das dort ein­ge­üb­te, von kon­kre­ten Gegen­stän­den los­ge­lös­te Den­ken (Gram­ma­tik, Mathe­ma­tik) scheint zu dem ent­schei­den­den Ent­wick­lungs­schritt zu befä­hi­gen. Ent­spre­chend geschul­te Ange­hö­ri­ge tra­di­tio­nel­ler Kul­tu­ren errei­chen eben­so wie West­ler die fort­ge­schrit­te­nen kogni­ti­ven Sta­di­en. Oes­ter­diek­hoff hält das für den Beweis, daß die intel­lek­tu­el­len Unter­schie­de zwi­schen den Euro­pä­ern und den Bewoh­nern der Ent­wick­lungs­län­der nicht auf gene­ti­schen Ras­sen­un­ter­schie­den beru­hen, son­dern auf den Ein­flüs­sen der kul­tu­rel­len Umwelt. Da die kogni­ti­ven Fort­schrit­te mit der Ent­wick­lung ent­spre­chen­der neu­ro­na­ler Struk­tu­ren ver­bun­den sind, steht für sie nur ein bestimm­tes onto­ge­ne­ti­sches Zeit­fens­ter zur Ver­fü­gung. Das heißt, wer als Jugend­li­cher das for­mal-ope­ra­tio­na­le Den­ken nicht erlernt, hat dazu als Erwach­se­ner kei­ne Mög­lich­keit mehr.

Oes­ter­diek­hoff ver­folgt im ein­zel­nen, wel­chen Ein­fluß die kogni­ti­ven Struk­tu­ren auf die Emo­tio­nen, das Welt­bild und die Moral- und Rechts­vor­stel­lun­gen in den vor­mo­der­nen Kul­tu­ren haben. Aus ihnen lei­tet er magi­sches Den­ken und Ani­mis­mus ab. Cha­rak­te­ris­tisch ist die Unfä­hig­keit zur Tren­nung von sub­jek­ti­ver und objek­ti­ver Wirk­lich­keit. Fabu­lie­ren und Lügen wir­ken als Selbst­sug­ges­ti­on. Das prä­for­ma­le Den­ken ist unfä­hig, die Per­spek­ti­ve des Ande­ren zu über­neh­men. Es gibt kei­nen Zufall, hin­ter jedem Ereig­nis steckt ein tie­fe­rer Sinn. Unglü­cke sind Stra­fen Got­tes oder Fol­gen magi­scher Beein­flus­sung (Hexe­rei). Der Welt wohnt eine „imma­nen­te Gerech­tig­keit” inne, Hand­lun­gen zie­hen ihre Sank­tio­nie­rung auto­ma­tisch nach sich („das Kind wäre nicht ins Was­ser gefal­len, wenn es nicht gestoh­len hät­te”). Das sozia­le Han­deln ist per­sön­lich und kon­kret, nie prin­zi­pi­ell. Empi­ri­sche Unter­su­chun­gen über das mora­li­sche Urtei­len in außer­eu­ro­päi­schen Kul­tu­ren zei­gen, daß dort die Ori­en­tie­rung an Gehor­sam und Bestra­fung sowie am eige­nen Vor­teil vor­herr­schen, und die ent­wi­ckel­te­ren, auf der Ver­in­ner­li­chung abs­trak­ter Prin­zi­pi­en beru­hen­den Stu­fen fehlen.
Aus der man­geln­den sozia­len Per­spek­tiv­über­nah­me resul­tie­ren das grau­sa­me Straf­recht und die All­ge­gen­wart von Gewalt in vor­mo­der­nen Kul­tu­ren. Auch das euro­päi­sche Mit­tel­al­ter und die anti­ken Hoch­kul­tu­ren zei­gen nach Oes­ter­diek­hoff die­se Struk­tur­merk­ma­le. Im ger­ma­ni­schen Mit­tel­al­ter gal­ten Schwer­ter und Schif­fe als beseelt. Gegen­stän­den und Haus­tie­ren konn­te der Pro­zeß gemacht wer­den. Noch im sieb­zehn­ten Jahr­hun­dert schrie­ben Rechts­ge­lehr­te Abhand­lun­gen über Lei­chen, die in Gegen­wart ihres Mör­ders zu blu­ten anfan­gen. Das for­mal­lo­gi­sche Den­ken ist dem­nach kei­ne zeit­lo­se anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­te, son­dern erst his­to­risch im Zuge der euro­päi­schen Neu­zeit ent­stan­den. Die Unter­schie­de zwi­schen den vor­mo­der­nen Kul­tu­ren, von stein­zeit­li­chen Jägern bis zur Anti­ke, spie­len sich nach Oes­ter­diek­hoff alle im prä­for­ma­len Bereich ab.
Oes­ter­diek­hoffs Theo­rie beein­druckt durch die Fol­ge­rich­tig­keit ihrer Argu­men­ta­ti­on. Da die Pia­get­sche Theo­rie schon ein gewis­ses Alter hat, stellt sich aller­dings die Fra­ge, wie sie von der aktu­el­len Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie ein­ge­schätzt wird und ob mög­li­cher­wei­se neue Erkennt­nis­se Oes­ter­diek­hoffs Theo­rie ent­wer­ten. Neue­re For­schungs­er­geb­nis­se deu­ten dar­auf hin, daß die kogni­ti­ven Sta­di­en nicht uni­ver­sell, son­dern eher bereichs­spe­zi­fisch ent­wi­ckelt wer­den. So las­sen sich man­che Fähig­kei­ten, die nach Pia­get erst in höhe­ren Sta­di­en auf­tre­ten, auch schon bei jün­ge­ren Kin­dern nach­wei­sen. Das gilt für kau­sa­les Den­ken und auch für die Unter­schei­dung von Rea­li­tät und Fik­ti­on, wobei letz­te­re aber immer noch als viel wirk­li­cher erlebt wird als von Erwach­se­nen. Der Grund für das frü­he­re Auf­tre­ten ope­ra­tio­na­ler Fähig­kei­ten wird zum Teil in einer all­ge­mei­nen Akze­le­ra­ti­on (Ent­wick­lungs­be­schleu­ni­gung) in den letz­ten Jahr­zehn­ten in der west­li­chen Kul­tur gese­hen. Oes­ter­diek­hoffs Argu­men­ta­ti­on wird durch die­se Befun­de kaum ent­kräf­tet, ja, soweit man eine Ent­wick­lungs­be­schleu­ni­gung anneh­men kann, sogar bestätigt.

Eine Schwä­che von Oes­ter­diek­hoffs Theo­rie stellt mei­ner Ansicht nach die all­zu sum­ma­ri­sche Zusam­men­fas­sung aller vor­mo­der­nen Kul­tu­ren als prä­for­mal dar. Es gibt vie­le Hin­wei­se dar­auf, daß es auch schon in den alten Hoch­kul­tu­ren for­mal ope­ra­tio­na­les Den­ken gab. So sind schon im alten Meso­po­ta­mi­en kom­ple­xe For­men wis­sen­schaft­li­chen Den­kens wie die Annah­me von Gesetz­mä­ßig­kei­ten und Hypo­the­sen­bil­dung nach­weis­bar. In der Anti­ke hat­te die Wis­sen­schaft in der hel­le­nis­ti­schen Zeit eine Blü­te, die alle Zei­chen abs­trak­ten theo­re­ti­schen Den­kens auf­wies (Euklid, Archi­me­des). So waren die Grie­chen schon zu einer ziem­lich genau­en Berech­nung der Ent­fer­nung der Son­ne und des Mon­des in der Lage. Eben­so ist sicher auch für ande­re Hoch­kul­tu­ren die Exis­tenz for­mal-ope­ra­tio­na­len Den­kens nicht aus­zu­schlie­ßen. Es dürf­te sich dabei aber immer nur um die Fähig­keit einer klei­nen Eli­te gehan­delt haben, die oft­mals ihr Wis­sen als Herr­schafts­wis­sen eifer­süch­tig hüte­te. Zu einer wei­te­ren Ver­brei­tung fand das for­mal-logi­sche Den­ken tat­säch­lich erst im neu­zeit­li­chen Europa.
Oes­ter­diek­hoff sieht in der Tat­sa­che, daß auch Nicht­west­ler das for­ma­le Sta­di­um errei­chen kön­nen, den Nach­weis für den nicht­ge­ne­ti­schen Cha­rak­ter der vor­ge­fun­de­nen Intel­li­genz­un­ter­schie­de. Ohne Zwei­fel ist Oes­ter­diek­hoffs Theo­rie das zur Zeit schärfs­te Schwert im Lager der Milieu­theo­re­ti­ker – auch wenn die meis­ten von ihnen das noch nicht begrif­fen haben. Die Gegen­the­se, näm­lich daß den IQ-Unter­schie­den gene­tisch begrün­de­te Ras­sen­un­ter­schie­de zugrun­de lie­gen, wird von dem bri­ti­schen Psy­cho­lo­gen Richard Lynn ver­tre­ten. Der gibt in sei­nem Buch Race Dif­fe­ren­ces in Intel­li­gence einen welt­wei­ten Über­blick über die bis­he­ri­gen IQ-Ergeb­nis­se. Die auch in einer Kar­te dar­ge­stell­ten Unter­schie­de sind ein­drucks­voll: Der durch­schnitt­li­che IQ der auto­chtho­nen Bevöl­ke­rung (ohne ein­ge­wan­der­te Euro­pä­er) beträgt in Ost­asi­en (Chi­na, Japan, Korea) 105, in Euro­pa 100, in Süd­ost­asi­en 90, in Nord­afri­ka, dem Mitt­le­ren Osten, Süd­asi­en und Ame­ri­ka 85, in Schwarz­afri­ka 67 und ist am nied­rigs­ten bei den noch alt­stein­zeit­lich leben­den Aus­tra­li­ern (62) und süd­afri­ka­ni­schen Busch­leu­ten (56). Lynn ver­weist auf die Kor­re­la­ti­on zur Gehirn­grö­ße, deren geo­gra­phi­sche Ver­tei­lung mit der des IQ weit­ge­hend par­al­lel geht, und sieht in den vor­ge­fun­de­nen Unter­schie­den das Ergeb­nis einer Evo­lu­ti­on in Anpas­sung an das Kli­ma. Die har­ten Über­le­bens­be­din­gun­gen im kal­ten, eis­zeit­li­chen Kli­ma des Nor­dens evo­lu­ier­ten den hohen IQ der Ost­asia­ten und Euro­pä­er. Von den Umwelt­ein­flüs­sen, deren Ein­fluß auf die geo­gra­phi­schen IQ-Unter­schie­de er auf maxi­mal fünf­zig Pro­zent schätzt, erach­tet Lynn die Ernäh­rung, die wäh­rend des kind­li­chen Wachs­tums auch die Gehirn­ent­wick­lung beein­flus­sen kann, als am wich­tigs­ten, wäh­rend er im Gegen­satz zu Oes­ter­diek­hoff der Erzie­hung nur eine gerin­ge Bedeu­tung einräumt.

Oes­ter­diek­hoff zitiert als Beleg für die gro­ße Rol­le der Erzie­hung älte­re IQUn­ter­su­chun­gen, die für noch tra­di­tio­nell leben­de Chi­ne­sen und Japa­ner einen nied­ri­gen IQ aus­wie­sen, und Adop­ti­ons­stu­di­en, die bei in wei­ßen Mit­tel­schicht­fa­mi­li­en auf­ge­wach­se­nen schwar­zen Kin­dern einen über­durch­schnitt­li­chen IQ fan­den. Lynn beruft sich auf Stu­di­en, wonach süd­afri­ka­ni­sche Schü­ler und indi­sche Stu­den­ten auch nach lang­jäh­ri­gem Schul­be­such nur einen mäßi­gen IQ zei­gen, sowie auf Adop­ti­ons­stu­di­en, nach denen der IQ der Adop­tier­ten dem ihrer eth­ni­schen Her­kunfts­grup­pe ähn­li­cher ist als dem ihrer Adop­tiv­el­tern. Letz­te­re Adop­ti­ons­stu­di­en schei­nen gegen­über denen mit posi­ti­ve­rem Adop­ti­ons­ef­fekt zah­len­mä­ßig zu über­wie­gen. Man kann sich des Ein­drucks nicht erweh­ren, daß bei­de Autoren bevor­zugt sol­che Unter­su­chungs­er­geb­nis­se zitie­ren, die ihre Theo­rien bestä­ti­gen. Offen­sicht­lich gibt es bei­des, Nicht­west­ler, die bei ent­spre­chen­der Aus­bil­dung west­li­ches Niveau errei­chen, und sol­che, die es trotz För­de­rung eben nicht errei­chen. Wel­ches Phä­no­men von bei­den das signi­fi­kan­te­re ist und wel­che Fak­to­ren hier wirk­sam sind, ist noch völ­lig offen. Stel­len die erfolg­rei­chen Nicht­west­ler gene­ti­sche Siebungs­grup­pen ihrer Popu­la­tio­nen dar, hei­mi­sche Eli­ten, die schon einen Auf­stiegs­pro­zeß inner­halb ihrer Kul­tur hin­ter sich haben? Sind bei den Nicht­er­folg­rei­chen trotz För­de­rung immer noch retar­die­ren­de Ein­flüs­se ihrer Kul­tur und sozia­len Stel­lung wirk­sam? Aus­schlie­ßen kann man bei­des sicher nicht. Auf jeden Fall zei­gen die Befun­de Oes­ter­dierkhoffs, daß man die hohe Heri­ta­bi­li­tät der IQ-Unter­schie­de inner­halb von Popu­la­tio­nen nicht so ohne wei­te­res auf die Unter­schie­de zwi­schen den Ras­sen und Völ­kern über­tra­gen kann.
Die von Oes­ter­diek­hoff zusam­men­ge­stell­ten Befun­de stel­len eine ein­drück­li­che War­nung vor einer nai­ven Ver­all­ge­mei­ne­rung euro­päi­scher Denk­mus­ter dar. Stär­ker noch als die IQ-Unter­su­chun­gen machen die ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­schen Daten deut­lich, wie weit die Rea­li­tät der meis­ten außer­eu­ro­päi­schen Kul­tu­ren von jenen ver­harm­lo­sen­den Mul­ti­kul­tur-Vor­stel­lun­gen ent­fernt ist, die in kul­tu­rel­len Unter­schie­den ledig­lich folk­lo­ris­ti­sche Äußer­lich­kei­ten sehen wol­len. Das weit­ge­hen­de Feh­len for­mal-ope­ra­tio­na­len Den­kens dürf­te auch der Grund für das Fehl­schla­gen so vie­ler Demo­kra­ti­sie­rungs- und Ent­wick­lungs­hil­fe­pro­jek­te in der „Drit­ten Welt” sein. Poli­tisch legen die kogni­ti­ons­psy­cho­lo­gi­schen Erkennt­nis­se mei­nes Erach­tens vor allem zwei Schluß­fol­ge­run­gen nahe: Ers­tens müs­sen die Gefah­ren einer unge­steu­er­ten Ein­wan­de­rung deut­lich gemacht wer­den, und zwei­tens die Not­wen­dig­keit kon­se­quen­ter Schul­bil­dung, ins­be­son­de­re schon im Vor- und Grundschulalter.

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