Der Völkermord an den Armeniern – Varujan Vosganians “Buch des Flüsterns”

Vor einhundert Jahren, im April 1915, begann mit der Vertreibung der armenischen Volksgruppe aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, der erste große Genozid des 20. Jahrhunderts. Rund eine Million Menschen wurden umgebracht. Der Leidensweg der Armenier ist in einem grandiosen Werk, dem Buch des Flüsterns, nachgezeichnet worden. Längst nicht jedes Volk kann einen solch großartigen Roman, der ein Erinnerungsschatz, ein Weiterflüstern ist, sein Eigen nennen. Wir geben im folgenden eine Rezension der Zeitschrift Neue Ordnung (Ausgabe 2/14) wieder. Autor ist Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker, der Herausgeber der österreichischen Quartalszeitschrift.

 Gastbeitrag

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Die Völ­ker Ost­eu­ro­pas bekla­gen seit lan­gem, daß für die west­eu­ro­pä­isch-ame­ri­ka­ni­sche Gedenk­kul­tur nur die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus etwas zäh­len und ihr Lei­den unter dem Kom­mu­nis­mus der Rede nicht wert ist. Auch die Arme­ni­er waren davon betrof­fen. Dem Zsol­nay Ver­lag ist es zu dan­ken, die­ses poli­tisch zutiefst unkor­rek­te Buch in deut­scher Spra­che her­aus­ge­bracht zu haben.

Der Autor grup­piert den Schick­sals­weg der Arme­ni­er, ins­be­son­de­re in Rumä­ni­en und der Sowjet­uni­on nach dem tür­ki­schen Geno­zid rund um die Geschich­te sei­ner eige­nen Fami­lie. Dar­aus ergibt sich kein durch­gän­gig gestal­te­ter Roman, son­dern mehr eine Art „Erin­ne­rungs­buch“, wie wir es aus der deut­schen Hei­mat­ver­trie­be­nen­li­te­ra­tur gut ken­nen, wo für den Außen­ste­hen­den oft all­zu sehr im Detail die Schick­sa­le jeder ein­zel­nen Fami­lie, jedes Hau­ses und jedes Hand­wer­kers im Her­kunfts­dorf beschrie­ben werden.

Vos­ga­ni­ans Buch hat gewiß einen höhe­ren lite­ra­ri­schen Anspruch, ist stark mit Sprach­bil­dern, Para­beln und Gleich­nis­sen durch­setzt, aber es ist eben auch ein sol­ches Erin­ne­rungs­buch, in dem teils auf einer Sei­te nur die Namen arme­ni­scher Geschäf­te und deren Inha­ber in einer bestimm­ten Stadt auf­ge­zählt wer­den. Und den­noch: Die hier aus­ge­brei­te­te Geschich­te des arme­ni­schen Vol­kes, bei uns fast völ­lig unbe­kannt, macht das Werk unbe­dingt lesens­wert, zumal alle bedeu­ten­den his­to­ri­schen Prot­ago­nis­ten ihren Auf­tritt haben – bis hin zu Ceauşes­cu, der, damals noch ein nied­ri­ger Funk­tio­när, den Wider­stand der Arme­ni­er eines Dor­fes gegen die Kol­lek­ti­vie­rung in Rumä­ni­en unmit­tel­bar nach dem Zwei­ten Welt­krieg mit bru­tals­ten Mit­teln – und vie­len Toten – bre­chen ließ.

Die Mas­sa­ker in der Tür­kei von 1895 mit 200.000 Toten und von 1915, wo 1,4 Mio. Arme­ni­er (von 1,85 Mio.) depor­tiert und 90 % von ihnen ermor­det wur­den, sowie jenes in Aser­bai­dschan von 1918 mit erneut 20.000 Toten bil­den nur die Vor­ge­schich­te die­ses Buches. Die Ver­ant­wort­li­chen für den Völ­ker­mord im osma­ni­schen Reich wur­den 1919 in der Tür­kei zwar ver­ur­teilt, ihnen aber die Flucht ins Aus­land ermög­licht – wo sie zum gro­ßen Teil von einer arme­ni­schen Unter­grund­be­we­gung getö­tet wur­den, was bereits ein Kapi­tel im „Buch des Flüs­terns“ ausmacht.

Haupt­säch­lich aber geht es um das Leben der Arme­ni­er in Rumä­ni­en und Ruß­land nach dem Ers­ten Welt­krieg. Es geht dar­um, war­um die „Blü­te der arme­ni­schen Intel­lek­tu­el­len“ — „wie hät­te es auch anders sein kön­nen“ — Kol­la­bo­ra­teu­re mit dem Drit­ten Reich waren. Es geht um Gene­ral Drasta­mat Kana­y­an, genannt „Dro“, der die arme­ni­sche Legi­on an der Sei­te Deutsch­lands im Zwei­ten Welt­krieg befeh­lig­te, die teils mit Fall­schir­men hin­ter den sowje­ti­schen Lini­en abge­setzt wur­de, der 1956 in den USA starb und in den 1990er Jah­ren fei­er­lich „von Zehn­tau­sen­den“ in Arme­ni­en bei­gesetzt wurde.

Von einem arme­ni­schen Trä­ger des Eiser­nen Kreu­zes spricht der Autor ohne jede Ein­schrän­kung als „Held im Krieg gegen den Bol­sche­wis­mus“. Die Rache der Bol­sche­wi­ki an den Arme­ni­ern, die Depor­ta­ti­on ihrer Anfüh­rer nach Sibi­ri­en, die fal­schen Ver­spre­chun­gen, mit denen so vie­le zur Rück­kehr in die Sowjet­re­pu­blik Arme­ni­en bewegt wor­den waren, und das grau­sa­me Schick­sal die­ser Unglück­li­chen sind wei­te­re Schwer­punk­te die­ses Buches. Sogar eine orga­ni­sier­te Bücher­ver­bren­nung hat es im kom­mu­nis­ti­schen Rumä­ni­en gegeben.

Kei­ne sym­bo­li­sche, wie es jene im Drit­ten Reich gewe­sen war, son­dern eine, bei der alle Haus­hal­te mit­tels post­zu­ge­stell­ter Lis­te auf­ge­for­dert wur­den, die ver­bo­te­nen Bücher aus ihrem Besitz zum Stich­tag abzu­lie­fern. Zur deut­schen Besat­zung sei­ner Hei­mat­stadt heißt es, sie habe sich „wohl­ge­ord­net abge­spielt. Die Deut­schen lie­ßen die Stadt­be­woh­ner in Ruhe, betran­ken sich nicht und mach­ten kei­nen Krach. Ganz anders aber war es, als die Sowjets kamen.“

Das „Buch des Flüs­terns“ ist ein Buch der Schat­ten; der Schat­ten, die sich nach dem Ers­ten Welt­krieg erneut über das arme­ni­sche Volk leg­ten. Ein wei­te­rer Schat­ten zieht kurz durchs Buch, auf gera­de ein­mal zwei Sei­ten, wenn näm­lich von den „Zeit­händ­lern“ die Rede ist.

„Gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts kamen, durch gast­freund­li­che Geset­ze begüns­tigt, von Osten her auch die jüdi­schen Kauf­leu­te und lie­ßen sich an der Haupt­stra­ße nie­der. Sie began­nen eine völ­lig unge­wöhn­li­che Ware zu ver­kau­fen, die bis dahin noch nie­mand auf sei­nen Ver­kaufs­tisch gelegt hat­te: Die Zeit. Die Zeit­händ­ler hat­ten kei­ne Rega­le, ihre Schau­fens­ter, zur Hälf­te von Roll­lä­den bedeckt, wirk­ten nicht ein­la­dend, die Räu­me waren düs­ter und die Tische schmal. … Jene Kauf­leu­te hat­ten for­schen­de Augen, die einen durch­bohr­ten. Sie saßen gekrümmt, die Schul­tern über die sich fort­wäh­rend wie Wal­zen rei­ben­den Hän­de gebeugt. … Wer Zeit kau­fen gekom­men war, erfuhr den Preis erst spä­ter. Wenn er ver­brauch­te, was er gekauft hat­te, näm­lich den Auf­schub, ver­wan­del­te sich die schein­ba­re Ruhe in Unru­he, die Sorg­lo­sig­keit in Besorg­nis. … Die Zeit erwies sich stets als teu­re­re Ware, als sie beim ers­ten Blick zu sein schien. … Je mehr Zeit man benö­tig­te, umso höher waren die Zin­sen. Die Zeit fließt mit dem Blut. Eine Welt ohne Blut ist eine Welt ohne Zeit. Die Kun­den hat­ten blei­che Wan­gen, und ihr Blut war ver­dünnt wegen der zu gerin­gen Zeit, die ihnen zur Ver­fü­gung stand. Die Kauf­leu­te schätz­ten sie mit den Bli­cken ab. Dann zogen sie ver­stoh­len und mit im Dun­keln leuch­ten­den Augen die polier­ten Mün­zen hervor.“

Die­se hier aus­zugs­wei­se wie­der­ge­ge­be­nen Aus­füh­run­gen über jüdi­sche Geld­ver­lei­her und den, vom Autor so benann­ten, „Zins­wu­cher“ gel­ten heu­te als ein­deu­tig anti­se­mi­ti­sches Klischee.

Wie immer man dazu ste­hen mag, die kur­ze Text­stel­le schmä­lert nicht den Wert des gan­zen Buches. Doch es ver­wun­dert, daß gera­de der Zsol­nay Ver­lag so etwas unkom­men­tiert publi­ziert, ohne daß dies zu kri­ti­schen Bemer­kun­gen in den Medi­en führt, wäh­rend gegen einen Autor unse­res [Ares-]Ver­la­ges, den Gene­ral des öster­rei­chi­schen Bun­des­hee­res Jor­dis von Lohau­sen, eine Kam­pa­gne wegen angeb­li­chen Anti­se­mi­tis­mus ent­facht wur­de, weil er in einem Buch in ein­ein­halb Sät­zen geschrie­ben hat­te, daß es eine Macht im Hin­ter­grund gäbe, die die Herr­schaft auf der Welt erstre­be, und die­se Macht sei das Geld. Lohau­sen hat­te nir­gend­wo behaup­tet, die­se „Geld­macht“ sei eine jüdi­sche Macht, trotz­dem durf­te sein Buch als „anti­se­mi­tisch“ bezeich­net wer­den. Für den Zsol­nay Ver­lag schei­nen dies­be­züg­lich ande­re Maß­stä­be zu gelten.

Dem lite­ra­ri­schen und ins­be­son­de­re doku­men­ta­ri­schen Wert des Buches von Varu­jan Vos­ga­ni­an tut eine sol­che Stel­le natür­lich kei­nen Abbruch. Neben dem his­to­ri­schen Wert fin­den sich in ihm auch Bil­der über das Leben des arme­ni­schen Vol­kes als Händ­ler zwi­schen Ost und West, die in Erin­ne­rung blei­ben, Schil­de­run­gen der arme­ni­schen Dia­spo­ra, wo Brief­mar­ken aus aller Welt zu Sym­bo­len für die Schick­sa­le von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen wer­den und grund­sätz­li­che Gedan­ken über das Wesen eines Volks­tums wie jener: „Wenn es heißt, zwei Men­schen gehör­ten zum glei­chen Volk, so bedeu­tet dies, daß sie die glei­chen Geschich­ten gehört haben.“

Varu­jan Vos­ga­ni­an: Buch des Flüs­terns. Roman, Wien: Zsol­nay 2013. 510 S., 26 €.

Eine wei­te­re Bespre­chung (aus der Feder Götz Kubit­scheks) erschien in der 57. Sezes­si­on, die für 5 € bestellt wer­den kann.

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Kommentare (3)

Holger

22. April 2015 18:36

Ein wenig frage ich mich ja, was der Author mit dem ausführlichen Zitat und diversen weiteren Hinweisen bezweckt. Irgendwie muß ich an die nicht ganz uninteressanten Ausführungen von , na wie heißt der ,Storch-Heinar'-Typ noch gleich, denken. Da ging es um G. K. und Tontaubenschießen. Offenbar gibt es ein Detail, welches der Mainstream-Presse bisher entgangen ist. (Kein Wunder, es geht ihr nicht gut ...) Die Berichterstattung ist aktuell von taz bis faz eindeutig pro-Armenier. Wir können allerdings sicher sein, daß Röpke&Co hier mitlesen. Es ist tatsächlich interessant, ob das hier verbreitete Wissen durchsickert, und wie die Reaktion sein wird.
Es wäre immerhin denkbar, daß dem Zsolnay Verlag daraus Ungemach entsteht. Falls das der Fall ist, wird er bei weiteren Veröffentlichungen jedenfalls vorsichtiger sein. Dann hätte die Tontaube versagt...

Rumpelstilzchen

23. April 2015 07:58

Ein anderes Buch dazu:
https://www.kath.net/news/50178

Meier Pirmin

23. April 2015 13:33

Die bei weitem bedeutendste und langfristig am stärksten beachtete Publikation zum Massenmord an den Armeniern war das nachhaltigste Buch des Jahres 1933, erschienen im November des Jahres der Bücherverbrennungen ausgerechnet von einem katholisch-jüdischen österreichischen Autor: Franz Werfel, "Die 40 Tage des Musa Dagh". Ich las das Buch 1966 als Abiturient in einer katholischen Schule der Schweiz, übrigens damals verbreitet durch die Schweizer Volksbuchgemeinde, einen katholischen Buchclub. Abermals auf das Armenienmassaker aufmerksam machte mich 1977 der nachmalige Nobelpreisträger Elias Canetti in seiner meisterhaften Autobiographie "Die gerettete Zunge" in der Erzählung "Das Beil des Armeniers". Canetti wurde sich bei der Niederschrift seines Textes bewusst, dass der Mörder in jedem steckt, sogar in ihm selber, wie er als kleiner Bub über das Massaker an den Armeniern erfuhr und aufgrund dieser "Vorbildhandlung" im Ernst mit dem Beil auf seine Cousine Laurica losgegehen wollte, die ihm ihre Überlegenheit im Lesen demonstriert hatte. Ohne Franz Werfel hätte ich mutmasslich noch über Jahre und Jahrzehnte über die Geschichte der Armenier nichts gewusst. Die beiden neuen Publikationen "Das Buch des Flüsterns" und die andere, worauf "Rumpelstilzchen" aufmerksam macht, sind mutmasslich lesenswert, müssen ihre langfristige Wirkung vorerst noch beweisen. Immerhin scheint Papst Franziskus, der neuerding Solidarität für die toten Armenier ausdrückte, via seinen Vorgänger Joseph Ratzinger über die Sache ins Bild gebracht worden zu sein.

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