Sezession
23. April 2015

Der Völkermord an den Armeniern – Varujan Vosganians „Buch des Flüsterns“

Gastbeitrag / 3 Kommentare

Vosganian_BuchdesFluesterns_140x215_P01Def.inddVor einhundert Jahren, im April 1915, begann mit der Vertreibung der armenischen Volksgruppe aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, der erste große Genozid des 20. Jahrhunderts. Rund eine Million Menschen wurden umgebracht. Der Leidensweg der Armenier ist in einem grandiosen Werk, dem Buch des Flüsterns, nachgezeichnet worden. Längst nicht jedes Volk kann einen solch großartigen Roman, der ein Erinnerungsschatz, ein Weiterflüstern ist, sein Eigen nennen. Wir geben im folgenden eine Rezension der Zeitschrift Neue Ordnung (Ausgabe 2/14) wieder. Autor ist Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker, der Herausgeber der österreichischen Quartalszeitschrift.

Die Völker Osteuropas beklagen seit langem, daß für die westeuropäisch-amerikanische Gedenkkultur nur die Opfer des Nationalsozialismus etwas zählen und ihr Leiden unter dem Kommunismus der Rede nicht wert ist. Auch die Armenier waren davon betroffen. Dem Zsolnay Verlag ist es zu danken, dieses politisch zutiefst unkorrekte Buch in deutscher Sprache herausgebracht zu haben.

Der Autor gruppiert den Schicksalsweg der Armenier, insbesondere in Rumänien und der Sowjetunion nach dem türkischen Genozid rund um die Geschichte seiner eigenen Familie. Daraus ergibt sich kein durchgängig gestalteter Roman, sondern mehr eine Art „Erinnerungsbuch“, wie wir es aus der deutschen Heimatvertriebenenliteratur gut kennen, wo für den Außenstehenden oft allzu sehr im Detail die Schicksale jeder einzelnen Familie, jedes Hauses und jedes Handwerkers im Herkunftsdorf beschrieben werden.

Vosganians Buch hat gewiß einen höheren literarischen Anspruch, ist stark mit Sprachbildern, Parabeln und Gleichnissen durchsetzt, aber es ist eben auch ein solches Erinnerungsbuch, in dem teils auf einer Seite nur die Namen armenischer Geschäfte und deren Inhaber in einer bestimmten Stadt aufgezählt werden. Und dennoch: Die hier ausgebreitete Geschichte des armenischen Volkes, bei uns fast völlig unbekannt, macht das Werk unbedingt lesenswert, zumal alle bedeutenden historischen Protagonisten ihren Auftritt haben – bis hin zu Ceauşescu, der, damals noch ein niedriger Funktionär, den Widerstand der Armenier eines Dorfes gegen die Kollektivierung in Rumänien unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mit brutalsten Mitteln – und vielen Toten – brechen ließ.

Die Massaker in der Türkei von 1895 mit 200.000 Toten und von 1915, wo 1,4 Mio. Armenier (von 1,85 Mio.) deportiert und 90 % von ihnen ermordet wurden, sowie jenes in Aserbaidschan von 1918 mit erneut 20.000 Toten bilden nur die Vorgeschichte dieses Buches. Die Verantwortlichen für den Völkermord im osmanischen Reich wurden 1919 in der Türkei zwar verurteilt, ihnen aber die Flucht ins Ausland ermöglicht – wo sie zum großen Teil von einer armenischen Untergrundbewegung getötet wurden, was bereits ein Kapitel im „Buch des Flüsterns“ ausmacht.


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Kommentare (3)

Holger
22. April 2015 18:36

Ein wenig frage ich mich ja, was der Author mit dem ausführlichen Zitat und diversen weiteren Hinweisen bezweckt. Irgendwie muß ich an die nicht ganz uninteressanten Ausführungen von , na wie heißt der ,Storch-Heinar'-Typ noch gleich, denken. Da ging es um G. K. und Tontaubenschießen. Offenbar gibt es ein Detail, welches der Mainstream-Presse bisher entgangen ist. (Kein Wunder, es geht ihr nicht gut ...) Die Berichterstattung ist aktuell von taz bis faz eindeutig pro-Armenier. Wir können allerdings sicher sein, daß Röpke&Co hier mitlesen. Es ist tatsächlich interessant, ob das hier verbreitete Wissen durchsickert, und wie die Reaktion sein wird.
Es wäre immerhin denkbar, daß dem Zsolnay Verlag daraus Ungemach entsteht. Falls das der Fall ist, wird er bei weiteren Veröffentlichungen jedenfalls vorsichtiger sein. Dann hätte die Tontaube versagt...

Rumpelstilzchen
23. April 2015 07:58

Ein anderes Buch dazu:
https://www.kath.net/news/50178

Meier Pirmin
23. April 2015 13:33

Die bei weitem bedeutendste und langfristig am stärksten beachtete Publikation zum Massenmord an den Armeniern war das nachhaltigste Buch des Jahres 1933, erschienen im November des Jahres der Bücherverbrennungen ausgerechnet von einem katholisch-jüdischen österreichischen Autor: Franz Werfel, "Die 40 Tage des Musa Dagh". Ich las das Buch 1966 als Abiturient in einer katholischen Schule der Schweiz, übrigens damals verbreitet durch die Schweizer Volksbuchgemeinde, einen katholischen Buchclub. Abermals auf das Armenienmassaker aufmerksam machte mich 1977 der nachmalige Nobelpreisträger Elias Canetti in seiner meisterhaften Autobiographie "Die gerettete Zunge" in der Erzählung "Das Beil des Armeniers". Canetti wurde sich bei der Niederschrift seines Textes bewusst, dass der Mörder in jedem steckt, sogar in ihm selber, wie er als kleiner Bub über das Massaker an den Armeniern erfuhr und aufgrund dieser "Vorbildhandlung" im Ernst mit dem Beil auf seine Cousine Laurica losgegehen wollte, die ihm ihre Überlegenheit im Lesen demonstriert hatte. Ohne Franz Werfel hätte ich mutmasslich noch über Jahre und Jahrzehnte über die Geschichte der Armenier nichts gewusst. Die beiden neuen Publikationen "Das Buch des Flüsterns" und die andere, worauf "Rumpelstilzchen" aufmerksam macht, sind mutmasslich lesenswert, müssen ihre langfristige Wirkung vorerst noch beweisen. Immerhin scheint Papst Franziskus, der neuerding Solidarität für die toten Armenier ausdrückte, via seinen Vorgänger Joseph Ratzinger über die Sache ins Bild gebracht worden zu sein.

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