Sezession
25. Mai 2009

Mimikry und Feigenblatt

Martin Lichtmesz

feigenblatt1Zu dem nicht totzukriegenden "Mimikry"-Vorwurf gegen alte, neue und ex-neue Rechte (und Ex-Rechte) fällt mir nichts ein, was man nicht ohnehin schon bis zum Überdruß, und ohne Erfolg, vorgebracht hätte. Gegen die "Herrschaft des Verdachts" ist eben kein argumentatives Kraut gewachsen. Auch Dieter Stein zeigte sich neulich ziemlich genervt, als er von einem Journalisten wieder einmal mit den guten alten Evergreens konfrontiert wurde.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die allseits beliebten Berufsgroupies und Digesting Readers von "Endstation Rechts" haben dem abgelutschten Thema nun tatsächlich eine neue Pointe abgewonnen. Robert Scholz knöpft sich einen Leitartikel von Stein vor, und meint, der JF-Chefredakteur würde darin, indem er nun plötzlich Klartext spräche, das "Feigenblatt" fallen lassen und "einen Blick hinter die 'Mimikry'" der Redaktionslinie gewähren. Freilich nur, wenn man die Sache "böswillig" betrachte (man ist ja "seriös" auf ER). Im folgenden spricht er jedoch von zweierlei "Mimikry", denn Stein hätte nun seinerseits eine solche entdeckt, nämlich die "Kritik am Islamismus" via Pro Köln und Co; es sammle sich

„ein seltsames Bündnis von libertären Atheisten, Homo-Aktivisten, Israel-Fans, West-Extremisten und herkömmlichen Nationalpopulisten im Angriff auf eine Religion, statt ehrlich zu sagen, worum es geht: den Stopp von Massenzuzug aus der Türkei und arabischen Staaten und die Rückführung nichtintegrierbarer Ausländer.

Denn, so Stein:

In Wahrheit ist die Überfremdung das Problem, die dynamische Ausbreitung der dahinterstehenden, dem europäischen Kulturkreis fremden Ethnien bei gleichzeitigem dramatischem Rückgang der autochtonen Bevölkerung.“

Also bitte: Stein sagt ja nicht unbedingt, daß diese Gruppen sich bewußt verstellen. Er wirft ihnen in erster Linie vor, daß sie nicht erkennen, daß die Kritik am Islamismus nur an der Oberfläche des Problems kratzt, daß sie vielleicht unehrlich zu sich selbst und auch etwas feige sind. Diese klaren Worte stellt Scholz nun als eine Art Selbstenthüllung Steins, als Hosenrunterlassen und strategischen Ausrutscher hin.

Da reibt man sich die Augen resp. klopft sich die Schenkel, um es im ER-Jargon zu sagen: mir als langjährigem JF-Leser ist jedenfalls noch nicht aufgefallen, daß diese Argumentationslinie jemals in dem Blatt absent gewesen oder irgendwie kaschiert worden wäre. Ebensowenig ist mir bekannt, daß in der JF jemals so rigoros zwischen rein "kulturalistischer" und rein "ethnischer" Überfremdung unterschieden worden sei, wie sich Scholz offenbar vorstellt, daß es möglich sei. (Wird die Großmoschee in Köln etwa deswegen gebaut und so massiv verteidigt, weil zehntausende Kölner plötzlich zum Islam übergetreten wären?)

Scholz versucht, Steins Position mit einer überspitzten Pointe zu karikieren:

Dass bedeutet auf die Spitze getrieben, dass Stein weniger ein Problem damit hätte, wenn alle deutschen Christen zum Islam konvertierten. Schlimmer wäre, wenn zwar christliche, aber „dem europäischen Kulturkreis fremde Ethnien“ nach Deutschland kämen.

Hätte, wäre, käme. Schön, bemühen wir einmal unsere Phantasie:  dann erschiene uns ein ethnisch deutsches, aber muslimisches Deutschland wohl ebenso absurd wie ein von römisch-katholischen Nigerianern bevölkertes Italien oder ein Japan voll mit shintôistischen Russen.

Hat Scholz nun bisher gepennt bei der JF-Lektüre? Ich sehe in seiner Rhetorik eher eine (wohl nicht einmal bewußte) sprachliche Strategie, bestimmte Begriffe mit einem "Ruch" zu umgeben. Feigenblätter nimmt man bekanntlich nicht vor den Mund, sondern vor die Schamteile.

"Kulturalistisch" zu differenzieren gilt in dieser Sichtweise als halbwegs legitim, aber von "Ethnien" zu sprechen, oder von ethnischer Identität, gar von deren legitimer Selbstbehauptung, so wird unterschwellig suggeriert, sei irgendwie etwas Obszönes, Schmuddeliges, Unanständiges, dessen man sich schämen sollte, und zu dem man sich lieber nur hinter vorgehaltener Hand in Flüsterwitzatmosphäre bekennt. Oft genug wiederholt, gilt hier, wie bei dem Mimikry-Vorwurf, das "semper aliquid adhaeret".

Woher Scholz und andere diese Lizenz zum Naserümpfen ableiten, bleibt ihr Geheimnis. Vielleicht liegt es an mir: aber mir scheint das alles nicht gar so abwegig, verwerflich oder pervers. Auch zeitgenössische Sozialdemokraten müssen doch irgendwann mitbekommen haben, daß die Ethnie (und ihre konkrete Verortung) im Dreiklang Volk, Kultur, Nation irgendwie eine Rolle spielt, müssen doch irgendwann einmal von einem Kuriosum namens Ius Sanguinis gehört haben.

Die wirklich unglaublich harte Nuß, "wie sich das mit der Entrüstung verträgt, die die 'Junge Freiheit' anlässlich der weltweiten Verfolgung christlicher Minderheiten an den Tag legt",  überlasse ich dem Autor zum Selberknacken.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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