Mimikry und Feigenblatt

Zu dem nicht totzukriegenden "Mimikry"-Vorwurf gegen alte, neue und ex-neue Rechte (und Ex-Rechte) fällt mir nichts ein, ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… was man nicht ohne­hin schon bis zum Über­druß, und ohne Erfolg, vor­ge­bracht hät­te. Gegen die “Herr­schaft des Ver­dachts” ist eben kein argu­men­ta­ti­ves Kraut gewach­sen. Auch Die­ter Stein zeig­te sich neu­lich ziem­lich genervt, als er von einem Jour­na­lis­ten wie­der ein­mal mit den guten alten Ever­greens kon­fron­tiert wurde.

Die all­seits belieb­ten Berufs­grou­pies und Diges­ting Rea­ders von “End­sta­ti­on Rechts” haben dem abge­lutsch­ten The­ma nun tat­säch­lich eine neue Poin­te abge­won­nen. Robert Scholz knöpft sich einen Leit­ar­ti­kel von Stein vor, und meint, der JF-Chef­re­dak­teur wür­de dar­in, indem er nun plötz­lich Klar­text sprä­che, das “Fei­gen­blatt” fal­len las­sen und “einen Blick hin­ter die ‘Mimi­kry’ ” der Redak­ti­ons­li­nie gewäh­ren. Frei­lich nur, wenn man die Sache “bös­wil­lig” betrach­te (man ist ja “seri­ös” auf ER). Im fol­gen­den spricht er jedoch von zwei­er­lei “Mimi­kry”, denn Stein hät­te nun sei­ner­seits eine sol­che ent­deckt, näm­lich die “Kri­tik am Isla­mis­mus” via Pro Köln und Co; es samm­le sich

„ein selt­sa­mes Bünd­nis von liber­tä­ren Athe­is­ten, Homo-Akti­vis­ten, Isra­el-Fans, West-Extre­mis­ten und her­kömm­li­chen Natio­nal­po­pu­lis­ten im Angriff auf eine Reli­gi­on, statt ehr­lich zu sagen, wor­um es geht: den Stopp von Mas­sen­zu­zug aus der Tür­kei und ara­bi­schen Staa­ten und die Rück­füh­rung nicht­in­te­grier­ba­rer Ausländer.

Denn, so Stein:

In Wahr­heit ist die Über­frem­dung das Pro­blem, die dyna­mi­sche Aus­brei­tung der dahin­ter­ste­hen­den, dem euro­päi­schen Kul­tur­kreis frem­den Eth­ni­en bei gleich­zei­ti­gem dra­ma­ti­schem Rück­gang der auto­ch­to­nen Bevölkerung.“

Also bit­te: Stein sagt ja nicht unbe­dingt, daß die­se Grup­pen sich bewußt ver­stel­len. Er wirft ihnen in ers­ter Linie vor, daß sie nicht erken­nen, daß die Kri­tik am Isla­mis­mus nur an der Ober­flä­che des Pro­blems kratzt, daß sie viel­leicht unehr­lich zu sich selbst und auch etwas fei­ge sind. Die­se kla­ren Wor­te stellt Scholz nun als eine Art Selbst­ent­hül­lung Steins, als Hosenr­un­ter­las­sen und stra­te­gi­schen Aus­rut­scher hin.

Da reibt man sich die Augen resp. klopft sich die Schen­kel, um es im ER-Jar­gon zu sagen: mir als lang­jäh­ri­gem JF-Leser ist jeden­falls noch nicht auf­ge­fal­len, daß die­se Argu­men­ta­ti­ons­li­nie jemals in dem Blatt absent gewe­sen oder irgend­wie kaschiert wor­den wäre. Eben­so­we­nig ist mir bekannt, daß in der JF jemals so rigo­ros zwi­schen rein “kul­tu­ra­lis­ti­scher” und rein “eth­ni­scher” Über­frem­dung unter­schie­den wor­den sei, wie sich Scholz offen­bar vor­stellt, daß es mög­lich sei. (Wird die Groß­mo­schee in Köln etwa des­we­gen gebaut und so mas­siv ver­tei­digt, weil zehn­tau­sen­de Köl­ner plötz­lich zum Islam über­ge­tre­ten wären?)

Scholz ver­sucht, Steins Posi­ti­on mit einer über­spitz­ten Poin­te zu karikieren:

Dass bedeu­tet auf die Spit­ze getrie­ben, dass Stein weni­ger ein Pro­blem damit hät­te, wenn alle deut­schen Chris­ten zum Islam kon­ver­tier­ten. Schlim­mer wäre, wenn zwar christ­li­che, aber „dem euro­päi­schen Kul­tur­kreis frem­de Eth­ni­en“ nach Deutsch­land kämen.

Hät­te, wäre, käme. Schön, bemü­hen wir ein­mal unse­re Phan­ta­sie:  dann erschie­ne uns ein eth­nisch deut­sches, aber mus­li­mi­sches Deutsch­land wohl eben­so absurd wie ein von römisch-katho­li­schen Nige­ria­nern bevöl­ker­tes Ita­li­en oder ein Japan voll mit shin­tôis­ti­schen Russen.

Hat Scholz nun bis­her gepennt bei der JF-Lek­tü­re? Ich sehe in sei­ner Rhe­to­rik eher eine (wohl nicht ein­mal bewuß­te) sprach­li­che Stra­te­gie, bestimm­te Begrif­fe mit einem “Ruch” zu umge­ben. Fei­gen­blät­ter nimmt man bekannt­lich nicht vor den Mund, son­dern vor die Schamteile.

“Kul­tu­ra­lis­tisch” zu dif­fe­ren­zie­ren gilt in die­ser Sicht­wei­se als halb­wegs legi­tim, aber von “Eth­ni­en” zu spre­chen, oder von eth­ni­scher Iden­ti­tät, gar von deren legi­ti­mer Selbst­be­haup­tung, so wird unter­schwel­lig sug­ge­riert, sei irgend­wie etwas Obs­zö­nes, Schmud­de­li­ges, Unan­stän­di­ges, des­sen man sich schä­men soll­te, und zu dem man sich lie­ber nur hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand in Flüs­ter­witz­at­mo­sphä­re bekennt. Oft genug wie­der­holt, gilt hier, wie bei dem Mimi­kry-Vor­wurf, das “sem­per ali­quid adhaeret”.

Woher Scholz und ande­re die­se Lizenz zum Nase­rümp­fen ablei­ten, bleibt ihr Geheim­nis. Viel­leicht liegt es an mir: aber mir scheint das alles nicht gar so abwe­gig, ver­werf­lich oder per­vers. Auch zeit­ge­nös­si­sche Sozi­al­de­mo­kra­ten müs­sen doch irgend­wann mit­be­kom­men haben, daß die Eth­nie (und ihre kon­kre­te Ver­or­tung) im Drei­klang Volk, Kul­tur, Nati­on irgend­wie eine Rol­le spielt, müs­sen doch irgend­wann ein­mal von einem Kurio­sum namens Ius San­gui­nis gehört haben.

Die wirk­lich unglaub­lich har­te Nuß, “wie sich das mit der Ent­rüs­tung ver­trägt, die die ‘Jun­ge Frei­heit’ anläss­lich der welt­wei­ten Ver­fol­gung christ­li­cher Min­der­hei­ten an den Tag legt”,  über­las­se ich dem Autor zum Selberknacken.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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