Sezession
22. Mai 2015

Peter Trawnys „Irrnisfuge“ – Ein Text als Symptom und Diagnose

Martin Sellner

Trawny_IrrnisfugeEs ist nicht leicht, aus Peter Trawny schlau zu werden. Trawny, der Heidegger-Experte und Jünger-Interpret, dem einmal aufgrund „antideutscher“ Intrigen ein Lehrstuhl in Wien verwehrt wurde. Trawny, der Herausgeber der Schwarzen Hefte, der dazu kalkuliert-pünktlich mit einer Publikation zu Heideggers „seinsgeschichtlichem Antisemitismus“ aufwartete.

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

Auf Facebook präsentiert er sich sowohl im professionellen Businesslook als auch in der zerzausten Agonie des postmodernen Bohemiens. Trawny ist für mich sowohl Diagnose als auch Symptom der deutschen Philosophie im 21. Jahrhundert. Und nirgends wird das so deutlich wie in seiner jüngsten Veröffentlichung, die mich auch mit dem amtierenden Herausgeber der Heidegger-GA wieder „versöhnt“ hat.

Die Irrnisfuge ist eingroßartiger Essay. Ich habe ihn mit Genuß und Gewinn und in einem Satz gelesen. All meine Vorbehalte und Vorurteile, die ich als frischgebackener Heidegger-Jünger gegen den „Vatermörder“ hegte, der (Heideggers „Testament“ verletzend) die Schwarzen Hefte vorab geleaked hatte, schwanden von Seite zu Seite. Sie machten tiefem Verständnis und fassungslosem Unbegreifen Raum. Während ein Großteil der akademischen Heideggerei sich seit Erscheinen der schwarzen Hefte in einer Art „Schockstarre“ befindet, die nur hin und wieder von reflexartigen, vorauseilend-gehorsamen Distanzierungen unterbrochen ist, wagt sich Trawny hier wieder in vermintes Terrain und „besetztes Gelände“ vor.

Mit dem Themenkomplex Schuld, Auschwitz, Wahrheit und Lüge begibt er sich wissentlich in einen Bereich, der tief im Nervenzentrum der bundesrepublikanischen Ideologie sitzt. Und das macht eines von Anfang an klar: Trawny geht es hier meiner Ansicht nach nicht um verlegerisches Kalkül, er fällt Heidegger nicht posthum in den Rücken, um ihn der „Aufarbeitungindustrie“ zum Fraß vorzuwerfen.

Trawny leidet. Er leidet an den Schwarzen Heften, unter der Zeit und ihrer ungerechten Behandlung Heideggers, zu dessen Denken er sich der Irrnisfuge in berührender Aufrichtigkeit bekennt. Er sieht in ihm den größten Philosophen, ja ein Kat-Echon einen „Aufhalter“ gegen die Entzauberung und Moderne. Ebenso groß ist er auch in seinem Irren.

Trawny geht in diesem Text einen Schritt weiter und stellt die meiner Ansicht nach wesentliche Frage: „Warum wollte Heidegger die Veröffentlichung der schwarzen Hefte?“ Daß er mit ihnen und den wenigen insofern „verwertbaren“ Stellen, eine posthume, antisemitischen Legaldefintion zur Auslegung seines Denkens geben wollte ist natürlich böswilliger Unsinn, der so absurd ist, dass er nur in antideutschen (also a-philosophischen) Kreisen verbreitet und behauptet wird.

Trawny sieht hier eher ein tiefes Bekenntnis zu dem, was er mit Heidegger das „Königtum des Irrtums“ nennt. „Treue zum Denken ist Treue zum Irrtum“. Und hiermit befinden wir uns mit einem Schlag in die rätselhaften Denkwelt Heideggers versetzt. Diese, selbst noch relativ junger „Einsteiger“, in einem Blogbeitrag zu entfalten, oder gar nur zu skizzieren ist natürlich völlig unmöglich, daher will ich mich auf Andeutungen beschränken.

Trawny beschreibt mit erfrischend klarer und verständlicher Diktion den Zusammenhang von Wahrheit und Irrtum, Bezug und Entzug des Seins in Heideggers Werk. Wahrheit des Seins als „Wechselspiel von Offenheit und Verborgenheit“. A-letheia, Unverborgenheit, Heideggers berühmte Neuübersetzung, als „Privation“, als Vollzug und Prozess des Entbergens, indem sich notwendig und unhintergehbar auch immer etwas verbirgt. Dieses Verbergen schlägt sich als Irre in der Seinsgeschichte notwendig in der Katastrophe nieder. Die „Handlung des Seins ist eine von der Unverborgenheit diktierte Choreografie des Irrens“.

Dagegen die Versuche des „Arguments“ und der Ratio, die Wahrheit festzustellen, das Sein in eine Formel, eine berechenbare „Allgemeinheit“ zu bannen – all das will „das Ereignis einfrieren“ wie Trawny schreibt. Das „Ereignis“ mystischer Schlüsselbegriff von Heideggers Spätphilosophie und Titel seines 2. geheimen „Hauptwerks“ legt Trawny in, auch für Heidegger-Einsteiger nachvollziehbarer Klarheit aus. Es bedeutet, dass die Geschichte der Menschen und der Welt, als Geschichte verschiedener Seinsdeutungen (und damit Welt und Menschenbilder) niemals in einem System, sondern nur als „Narrativ“ verstanden werden kann. Sie kann als jeweils, in jeder Epoche Einzigartiges niemals systematisiert sondern, wie das Leben eines konkrete Menschen, nur jeweils „erzählt“ werden. Ein Zitat zur Unterstreichung sei meiner Heidegger-Begeisterung gewährt:

Unendlich unmöglicher bleibt es, »das Sein« als das Allgemeine zum jeweilig Seienden vorzustellen. Es 'gibt Sein'' nur je und je in dieser und jener geschicklichen Prägung: Φύσις, Λόγος, Έν, Ιδέα, Ένέργεια, Substanzialität, Objektivität, Subjektivität, Wille Wille zur Macht, Wille zum Willen. Aber dies Geschickliche gibt es nicht aufgereiht wie Apfel, Birnen, Pfirsiche, aufgereiht auf dem Ladentisch des historischen Vorstellens.

Heidegger GA11, S. 73

Diese Geschichte als „Mytho-logie des Ereignisses“, als „Tragödie des Seins. Peter Trawny kann nicht verhehlen, dass hier seine geistige Heimat liegt, das er an ihrem Entzug leidet. Bitter klingen seine Anklagen gegen postmoderne Beliebigkeit und das analytisch-logische Berechnende an. Sie töten das Narrativ, die Geschichte, den Mythos und das Ereignis. Das Gestell der modernen Welt will „die Tragödie des Seins unmöglich machen“. Sie verstellt uns indem sie jede Offenheit für das Geheimnis zerstört und „jede leidenschaftliche Sehnsucht in intellektuelle und physische Masturbation“ kanalisert. Trawny kennt seinen Jünger. Er weiß was Temperaturerhöhung bedeutet. Aber weiß er auch was sie „ist“?

Zumindest weiß er noch was Ekel ist. Der Ernst, die Abwesenheit von Ironie, seiner bitter-lakonischen Schlüssen, welche seine aphoristischen Absätze regelmäßig beenden, zeigt das klar: „untragisches Ende. (..) das Denken hört auf“. „wir vernetzen uns angenehm, vielleicht ein wenig dekadent aber in Mehrheit aufgeklärt und tolerant“ Wir leben in einer „Welt voller Erzählungen. Doch sie selbst ist keine mehr.“ „Die Diskurse funktionieren. Keine Katastrophe in Sicht.“

Trawnys Verzweifelung über das verwaltete Ende der Geschichte in der völligen Bedeutungslosigkeit, inder das Ausbleiben der Katastrophe selbst als die größte Katastrophe scheint, ist die Kehrseite seiner „konservativen“ Haltung die er an einer Stelle offenkundig wird. Wenn er mit Nancy das „Verständnis der Endlichkeit“ als zentrale Botschaft von Heideggers Werk erkennt, stellt er sich in die Tradition eines Denkens, das von „amor vati“ über „vive le mort“ bis „Sein zum Tode“, ins heute verfemte, „verruchte“ Lager der „Rechten“ und „Reaktionären“ gehört.

„Endlichkeit und Einzigkeit“ als Charakter des Daseins und des Seins. Das heißt: Gegen den Imperialismus einer aufklärerischen Vernunft. Das heißt aber auch gegen Weltstaat, Weltethik, Menschheit, Ende von Politik und Geschichte. Kurz: gegen das „heilige Wertefundament“ der liberal-modernen BRD. Es ist der universalistische Wahn der Grenzenlosigkeit des ewigen Wachstums der „befreiten Gesellschaft“ der „Utopie der Allgemeinheit“ (Adorno). Es ist das westliche Syndrom die „mythologie blanche“ (Derrida) die Seit eh und je an den verleugneten Grenzmarken ihrer Ortlosigkeit Vernichtung,Tod und Verzweiflung sät. (Auch das Massensterben im Mittelmeer ist so betrachtet, dieselbe Vernichtungsmühle des Universalismus, die vom Lärm seines blinden, grenzenlosen Humanismus, seiner „Menschheits-mission“ übertönt weitermahlt.)

Ein „konservative“ Haltung, die dem Zusammengehören von Wahrheit und Irre, dem Narrativen der Seinsgeschichte und der „Unfestellbarkeit“ des Ereignisses entspricht, muss hier und heute ein „Ja zur Grenze“ und zur konkreten Form sein, wenn sie nicht Heuchelei sein will. Doch zu dieser Haltung bedarf es heute eines revolutionären Geistes, einer echten geistigen „Anarchie“, die Trawny in Heideggers Text findet, aber nicht selbst erreicht. Denn hier bricht sein Grenzgang ab. Doch auch aus diesem Abbruch können wir lernen, auch aus ihm glänzt ein Aufbruch. Doch ab hier, fürchte ich müssen wir Trawyn als Symptom lesen. Ein ehrliches und klares Symptom, das uns vielleicht mehr sagen kann als die scheinbare geistige „Gesundheit“ vieler Rechter.

Trawny begibt sich auf der verzweifelten Suche nach einem Mythos, nach einem Restbestand von Narrativ und Bedeutung fast schlafwandlerisch in den Bereich von Auschwitz. Wie jeder Deutsche nimmt er in diesem „Tempel der Schuld“ instinktiv und augenblicklich eine gebückte Pose an, die mir und vielen anderen die Lektüre solcher Texte fast unerträglich macht. Doch auch hier wagt sich Trawny weit in die Nähe des „verbotene Baumes“ der neuen deutschen Ideologie. Dieser ist, anders als die revisionistischen Flachköpfe (denen neben Geist auch jeder historische Takt und jede Betroffenheit abgeht) NICHT das Herumdoktorn an Zahlen. Es ist vielmehr die Art und Weise des Bezugs auf den geschichtlichen Fakt der Judenvernichtung. Dieser Bezug verrät als Festschreibeung, Leugnung, Totalisierung oder Instrumentalisierung immer fast alles über sein Subjekt.

Bei Trawny ist der Bezug ambivalent- Sympom und Diagnose gleichzeitig. Wo er und das muss man ihm als „mutig“ verbuchen, revolutionär wird, ist seine Beschreibung des Kontexts und des tragischen Zusammenhangs, welcher gelegentlich sogar Assoziationen an Noltes „Kausalnexus“ wachruft. Trawny spricht explizit von den „Schlachten und Vernichtungslagern des zweiten Weltkriegs“, nicht nur von denen „der Deutschen“. Hier tut sich eine Perspektive auf, in welcher der Nationalsozialismus und seine Morde im großen Zusammenhang der gesamten abendländischen-modernen Tragik erscheinen, in der alle Ideologien der Moderne als der Endk(r)ampf eines Welt- Menschen und Wahrheitsbildes mit sich selbst verständlich werden.
Heideggers eigener Irrweg durch dieses Geflecht aus „Tatkult“ (Daniel Morat), der Suche nach einem Sündenbock des Verfalls, Unterwerfung der Wahrheit unter den Willen, Überwindung der Moderne und Zähmung der Technik hindurch ist, das erkennt Trawny klar, eine notwendige Irre. Sie ist vom Wind einer Zeit angeweht über den wir nicht verfügen. Bei Heideggers Denken muss man „die Erwartung von Verantwortung und Schuld verlassen“.

Es ist das Todesröcheln des neuzeitlichen Subjektivismus dem sich die Metaphysik des Abendlandes als Nihilismus entlarvt. Diesen Gedanken muss man erlebt, und erlitten haben. Vielleicht führt er den, der ihn denkt notwendig in die Irre, doch die Frage bleibt ob man in ihr verharrt. Trawny selbst, das ist die andere Seite seines Auschwitz-Bezuges, bleibt an einer Schwelle stehen. Als einzige Antwort auf die Geschichtslosigkeit, Entzauberung der Welt und den Tod des Narrrativs erscheint ihm „Auschwitz“ als „Narrativ“ und „Mythos“, das die Erzählung Europas wie ein Kristall versammelt und gefangen hat. Die Shoa ist ihm damit „jenseits der Geschichtlosigkeit“, Heideggers Rettung des Gedichts und der Weltgeschichte, soll uns auch „Auschwitz“ retten. Ein Widerstand gegen den postmodernen Ikonoklasmus nur um des „Götzen“ Auschwitz willen?

Trawny verfängt sich hier selbst in einen Wahn, der den Kern der heutigen deutschen Ideologie ausmacht. Auschwitz gestern, heute und immerdar. Auschwitz als finsteres simulacrum eines zeitlosen metaphysischen Wertes, als Gott des Nichts. Auschwitz als genau jenes Einfrieren, Feststellen und Anhalten der Geschichte, das die Tragödie des Seins zerstört. Und damit, so hat Trawny auf eine verdrehte Art und Weise recht verhindert die Totalisierung und Instrumentalisierung des Holocausts am Ende auch das konkrete, echte und ehrliche Betrauern eines konkreten, narrativen Ereignisses, jenseits von politischem Kalkül und medialem Kult.

Es ruft, wie jedes historisch-religiöse Dogma, die irren „Ketzer“ auf den Plan, die sich in Gegenreflexen revisionistisch verirren. Der Holocaust als historisches Fanal, als unhintergehbarer Flucht und Sammelpunkt unserer Geschichte, als neue „Stunde Null“ eines europäischen Mythos ist genau das was Trawny unbewusst mit Trauer, Ekel und Wut den Rest seines Textes kritisiert. Es ist die Hybris und Anmaßung die Wahrheit, das Sein und das Ereignis „einzufrieren“ festzustellen und als Sinnstiftung und „Gründungsmythos-BRD“ zu instrumentalisieren. Jedes wirkliche Verstehen, das der Shoa in ihrer Einzigartigkeit als Ereignis im Zusammenhang mit dem Gesamtereignis der westlichen Moderne andenkt wird damit verhindert.

Es ist mir nach wie vor unbegreiflich wie ganze Generationen deutscher Intelligenz nicht dazu in der Lage ist, diesen eisernen Reif, der sich um Denken und Fühlen gelegt hat, als solchen zu erkennen. Auch Trawny tut das nicht. Sein Text reiht sich aber in die ohmächtigen Verzweiflungsschreie ein, wie sie auch Martin Walser, oder vor einiger Zeit Willhelm Metz, der in Freibug Philosophie lehrte hören ließen. Dieser suchte in einer Vorlesung nach einem „Höhlenausgang aus der Moderne“ und erkannte im Schuldkult ihr verschlossenes Tor.

Trawny der Grenzgänger verharrt vor diesem Tor. Dass er es erkennt, dass er sich in der zentralen Frage nach Geschichte und Wahrheit, nach Schuld und Sinn vor ihm einfindet zeigt einen Instinkt und eine Sehnsucht. Es zeigt aber auch die Agonie des deutschen Denkens gerade in seiner „reinsten“ Form der Philosophie und wiederum gerade in deren „reinsten“ Form, also bei Heidegger. Das was Deutschland not tut ist in der „Irrnisfuge“ als Sehnsucht und in seinem Fehlen vorgezeichnet: eine echte „Aufarbeitung“ der Vergangenheit, eine Betrachtung von Auschwitz als Ereignis in der Gesamt-Tragödie der Seinsgeschichte - einzigartig, unhintergehbar und bedeutungsvoll. Nicht aber seine Fixierung und Feststellung als „neuer Mythos“ als negative Offenbarung als „Fleischwerdung“ eines Anti-logos, dessen einziges Gebot, die Selbstvernichtung ist, die antideutsche Linke lustvoll-kultisch und postmodernene Sozialtechniker gleichgültig beflissentlich vollziehen.

Der Ausbruch aus der Moderne ist gleichzeitig der Ausbruch aus dem „geistigen Gefängnis“, wie Avram Burg das heutige Erinnern an den Holocaust nannte und indem er Deutsche wie Juden eingeschlossen sieht. Die ganze westliche Welt ist darin geschichtslos eingeschlossen. Ihre postmoderne Betriebsamkeit an Kritik und Zersetzung ist eine reine Farce indem sie einen ewigen geistigen Bogen um dieses Tabu macht. Es ist ein krummes Denken, das heute die geraden Bahnen des Endes der Geschichte baut. Das wahre Ende der Metaerzähung, die Preisgabe auch noch der letzten, negativen Sinnstiftung der „Totalität“ von Auschwitz wurde vom deutschen und europäischen Denken noch gar nicht vollzogen. Vielleicht ist es deswegen ewig verschlossen für den Zuspruch eines neuen Geschicks, der das Ereignis, in dessen Nachhall wir stehen verwinden könnte...

Dennoch ist der Essay durchaus mutig, wie auch Greg Johnson anerkennt. Nur wenige Zeilen trennen Trawny von einem wahrhaft „revolutionären“ Akt, der die Mechanismen der „Reterritorialisierung“ (Deleuze) und Vermarktung, in denen er sich als Verleger selbst befindet durchbräche. Mit einem einzigen „erlösenden Wort“, das die Spannungen und den Selbstbetrug aufdeckt und das wahre kritische, konservativ-revolutionäre Potential von Heideggers Denken entfaltet, könnte sich hier ein Tor öffnen. Doch mit diesem Wort würde Trawny auch augenblicklich aus seinem bequemen, geordneten Leben, aus seinen errungenen Positionen in jenes verruchte und verfemte Lager stürzen, dem sein Denken vielleicht insgeheim bereits angehört. Dieses Wort bleibt aus.  Es kann sich in der politisch korrekten Zone, deren "heiliger Wahnsinn" und asketischer Dogmatismus,  seine religiöse Sehnsucht nach Absolution verleugnet, gar nicht einstellen.

„Brauchen wir Schuldige“, fragt Trawny an einer Stelle um einige Zeilen weiter zu antworten: „ Eine Geschichte ohne Schuldige – ist unerträglich“. Der „grimmige“ Geist der Rache, der den Geist Auschwitz nicht überwindet sondern konterkariert, der „das Böse“, die Irre, das „gefährliche Denken“ per zivilgesellschaftlicher Hexenjagd im „Nazi“ bannen, der das Morden des 20. Jahrhunderts im Deutschen Volk gesühnt wissen will – er entspringt vielleicht einer tiefen Mutlosigkeit. Einer Feigheit davor nicht nur in Heideggers Denken„die Erwartung von Verantwortung und Schuld“ zu verlassen.

Es ist Trawny der trotz seiner Sehnsucht, seinem Ekel und seiner Bitterkeit auch nach der Irrnisfuge weiterdebattieren, publizieren, konsumieren und kritisieren wird. Er wird weiter im Anzug auf Kongressen tagen und auf Facebook, ironische Agitprop-Bilder und unkonventionelle Profilfotos mit zerzausten Haaren hochladen. Weltschmerz und Larmoyanz, Ironie und Verzweiflung. „Die Diskurse funktionieren.“ Dieses Wort ist vielleicht auf ihn selbst gemünzt. Auch Trawny stört sie nicht. Er singt, wie der „zahme Vogel“ nur von Freiheit aber er fliegt nicht.

Es ist eine Freiheit, die wir „rechte Intellektuelle“ und/oder Gewi-Studenten uns teuer mit der Unmöglichkeit jeder akadischen „Karriere“ erkaufen. Sie gibt uns einen gewissen tragisch-trotzigen Stolz, wenn wir an der Supermarkt-Kasse stehen, für fremde Bachelorarbeiten ghostwriten, oder als Securities die Parties der Blooms bewachen. Bei der Lektüre der Irrnisfuge war es aber eher eine Anwandlung von Mitleid die in mir aufkam. Vielleicht sind Trawny und Seinesgleichen für uns noch nicht verloren.

Vielleicht müssen sie jeder für sich, am Grunde ihres privaten Elends einen eigenen „Untergang“ erleben, der wie Trawny an Heidegger angelehnt schreibt, kein reines Ende, sondern Zäsur und neuer Anfang, ein „Hin-Untergang“ sein kann. Nur am uneingestandenen Grund ihrer eigenen Sehnsüchte und Sorgen finden sie vielleicht den Mut zu jener „Anarchischen Freiheit“ des Denkens und Sagens als„Abgrund der Freiheit“ (H). „Freiheit des unvordenklichen Anfangs. Anfang ist immer ein Ereignis, ein Bruch, Aufbruch“.

Peter Trawny: Irrnisfuge. Heideggers An-archie, Berlin: Matthes & Seitz 2015. 89 S., 10 € – hier bestellen


Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.


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